Auf den Spuren von Martin Luther

Der Status Quo der Forschung ein Jahr vor dem 500-jährigen Reformationsjubiläum

Von Lina SchröderRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lina Schröder

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die vorliegende Studienausgabe zu Martin Luther, herausgegeben von Christian Danz, Lehrstuhlinhaber für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, präsentiert auf 229 Seiten mit neun Aufsätzen eine „Auswahl von repräsentativen Beiträgen zu ausgewählten Themen der Theologie des Reformators in ihrem geistesgeschichtlichen Kontext“. Diese Sammlung von Beiträgen orientiert sich, so der Herausgeber, an der Zielsetzung, „unterschiedliche repräsentative Ansätze der Forschung“ aufzuzeigen. Im Rahmen der vier Themenbereiche (Reformatorische Erkenntnis, Theologie als Kunst des Unterscheidens, Gottesanschauung und Christusbild, Christliche Freiheit und Handeln in der Welt) kommen, wie nicht anders zu erwarten, wissenschaftliche Kapazitäten zu Wort. Ein Teil der bereits an anderer Stelle publizierten Aufsätze stammt aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts; diesen werden Arbeiten aus der jüngeren Forschung gegenübergestellt. Sie verstehen sich als Orientierung bietender Wegweiser durch die bisherige Lutherforschung.

Die Beiträge, so der Herausgeber in seiner Einleitung, setzen zunächst die Kenntnis der einschlägigen Forschungsgeschichte zu Martin Luther im 20. Jahrhundert voraus. Verständlich werden die neuere Auseinandersetzung und die dabei gesetzten Akzente somit erst in Verbindung mit der bisherigen Interpretationsgeschichte des Lutherischen Werks. Eine knapp gehaltene Skizze von Luthers Leben und Werk und dessen Rezeption stellt der Herausgeber voran. Dabei benennt er das Jahr 1945 als Zäsur und Wende zu einer Neuausrichtung in der Lutherforschung. Eine wiederum neue Fokussierung unternimmt die Forschung im 21. Jahrhundert. Im Gegensatz zum früheren, theologisch dominierten Blickwinkel zeichne sie „sich vor allem durch eine Historisierung des Denkens des Wittenberger Reformators aus“.

Die Beiträge von Volker Leppin (2006), Professor für Kirchengeschichte (Universität Tübingen) und von Berndt Hamm (2010), Emeritus der Neueren Kirchengeschichte (Universität Erlangen-Nürnberg), spiegeln unter der thematischen Überschrift „Reformatorische Erkenntnis“ die Auseinandersetzung um Luthers Werk seit den 1960er Jahren wider. Diese stehe, so Leppin, „bis heute im Banne der Selbstdarstellungen des Reformators“, der selbst in seinen Texten betont, dass seine reformatorische Lehre das Ergebnis einer langen und intensiven Auseinandersetzung mit der Glaubenslehre, immer wieder gepaart mit spontanen Erkenntnissen, darstelle. Ungeachtet dieser expliziten Darlegungen Luthers hätte die Forschung jedoch dessen Texte stets rein teleologisch betrachtet und dabei die autobiografische Komponente seiner Selbstdarstellung komplett außer Acht gelassen. Außerdem sei, so Hamm, anders als in der Forschung der 1960er bis dato erfolgt, der Erfurter Ära Luthers im Hinblick auf seine reformatorischen Wurzeln eine weitaus größere Beachtung beizumessen. Gerade auf diesen Lebensabschnitt geht vor allem Volker Leppin besonders ein und betont dessen herausragende Bedeutung für Luthers weiteres Schaffen.

Die beiden Aufsätze unter dem Motto „Theologie als Kunst des Unterscheidens“ befassen sich mit Luthers zahlreichen Gelegenheitsschriften zu unterschiedlichen Themen. Gerhard Ebeling († 1995), seinerzeit Vorsitzender des Kuratoriums der Luther-Akademie, nimmt sich dieser Problematik eingehend an – seine Ausführungen hierzu erinnern stellenweise an Luhmanns Überlegungen zum Unterscheidungsparadigma im Rahmen seiner Systemtheorie. In mehreren Kapiteln setzt sich der Autor mit Luthers Stellungnahmen zum „Unterscheiden“ in der theologischen Tradition, seiner Erfassung der Fundamentalunterscheidung – für Luther „ist die Wirklichkeit ein Kampffeld, auf dem Gott und Satan miteinander streiten“ – und der Bedeutung dieser als „Kompaß theologischer Urteilskraft“ auseinander. Eine wichtige Rolle nimmt dabei Luthers Buß-, Schrift- und Gnadenverständnis ein. Ebelings Fachkollege, der Emeritus der Theologischen Fakultät der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg, Ulrich Barth (2004), leistet hierzu einen relevanten Beitrag. Insbesondere die Buße in Begriff und Praxis – in diesem Zusammenhang besonders die seinerzeitige – werden üblicherweise als kritischer, letztlich in die Reformation mündender Ansatz zu Luthers theologischem Konzept proklamiert. Dass sich dahinter jedoch vor allem auch eine Auseinandersetzung mit der Subjektivität und Objektivität des Glaubens verbirgt, wird oftmals als zweitrangig eingestuft. Nach Barth hat Luther „mit seiner Entdeckung der Subjektivität des Glaubens“ insbesondere den Grundstein für einen aufgeklärten Protestantismus gelegt.

Wie der Hausgeber darlegt, wurden in der bisherigen Forschung – vor dem Hintergrund von Luthers Auseinandersetzung mit Erasmus von Rotterdam – die lutherische Gotteslehre und Christologie kontrovers diskutiert. Die Beiträge des Emeritus der Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Martin Seils (1985), und dessen Kollegen (Universität Rostock), Jens Wolff (2003) gehen auf diese Diskussionspunkte ein. Zentral für Luthers Theologie ist die auf einer tiefen Gewissheit basierenden Kategorie des Gebens – diese führt unweigerlich zum „Frohwerden“ – welcher der Reformator die des „Ungewissseins“ gegenüberstellt. Seils bemüht sich im Folgenden darum, jene Auslegung des Gebe-Gedankens in Luthers Schriften nachzuweisen, indem er anhand verschiedener Textstellen und Zitate Luthers zwischen dem hingebenden, gewiss-machenden, freisetzenden, differenzierenden und dem liebenden Geben unterscheidet. Dabei sind es insbesondere die zahlreichen vom Reformator bemühten und von ihm selbst als Grammatik bezeichneten Metaphern, welche seine Anschauungen und Glaubensdarstellungen unterstreichen und die daher im zweiten thematischen Beitrag von Jens Wolff exemplarisch analysiert werden. Da Luthers Werk, so Wolff, „von Metaphern und ihren Verwandten geradezu durchtränkt“ ist, sei trotz aller bereits geleisteten Forschungsarbeit auf interdisziplinärer Basis hier noch genügend Forschungsbedarf.

Der letzte Abschnitt ist dem Themenkreis der „christlichen Freiheit und dem Handeln in der Welt“ gewidmet. Jeweils ein Aufsatz von Dietrich Korsch (1998; Philipps-Universität Marburg) sowie von Reinhardt Schwarz (1978; Ludwig-Maximilian-München) – beide em. Prof. für Evangelische Theologie – fokussiert wegweisend die Rezeption des Lutherischen Wirkens und ordnet zugleich sein Werk in den historischen Kontext ein. Für Korsch ist dabei vor allem der mit der Reformation verbundene Freiheitsgedanke – „christliche Freiheit ist Handlungsfreiheit…“ – zentral: „Freiheit, am Anfang noch unvollkommen, erreicht am Ende ihr Ziel.“ Auch der zweite Beitrag dieses Themenkomplexes und zugleich letzte des Bandes legt den Betrachtungen den historischen Kontext zugrunde, er fokussiert Luthers Lehre von den drei Ständen und seine drei Dimensionen der Ethik. Luther durchbricht mit seinem Ständeverständnis dasjenige seiner Zeit, was sich allerdings nur in Zusammenhang mit seinem Ethikverständnis erschließen lässt, so Schwarz.

Dank der Einführung von Christian Danz, welche, auf den unterschiedlichen Themenbereichen basierend, den Leser exemplarisch eindrücklich auf die verschiedenen Forschungsströme, Bezüge und Kontroversen rahmend hinweist, ist der Band auch wegen der nach jedem Aufsatz anschließenden Anmerkungsapparate nicht nur dem theologischen Fachpublikum zu empfehlen. Eine Bibliographie weiterer wichtiger Grundlagentexte sowie eine Übersicht über sonstige weiterführende Literatur wäre allerdings im Hinblick auf das Ziel der Publikation wünschenswert gewesen.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Christian Danz: Martin Luther.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2015.
240 Seiten, 29,95 EUR.
ISBN-13: 9783534266340

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