Realismus und Einsamkeit

Erich Auerbach in Briefen

Von Matthias BormuthRSS-Newsfeed neuer Artikel von Matthias Bormuth

 

I. Einleitung

„Briefe gehören unter die wichtigsten Denkmäler, die der einzelne Mensch hinterlassen kann.“ Dieser Satz Goethes gilt zweifelsohne auch für die Briefe, die der Romanist Erich Auerbach (1892 – 1957) schrieb. Vielen ist er als Autor der „meisterlichen“ Studie Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur bekannt, die bis heute als Klassiker der Literatur- und Kulturwissenschaften gilt.

Dabei war Erich Auerbach selbst ein passionierter Leser von Briefen, wie sich in den Worten zeigt, mit denen er im Istanbuler Exil im Januar 1937 auf die Übersendung von Walter Benjamins Anthologie Deutsche Menschen reagierte. Es heißt eingangs des kurzen Briefes an den im Pariser Exil dürftig lebenden Freund: „Ich schreibe Ihnen in großer Eile, um Ihnen herzlich für Ihr Buch zu danken, und dieses Buch wiederum ist schuld, daß ich so in Eile bin. Denn es ist wie der Blitz oder wie ein hoher Besuch zwischen meine sonstigen Beschäftigungen gefahren, hat sie beiseite gedrängt und in Unordnung gebracht, so daß ich mich nun beeilen muß, um nachzuholen.“

Auerbach bildet gleichsam das ideale Publikum für diese Sammlung von Briefen, die ursprünglich 1931/32 in einer losen Folge in der Frankfurter Zeitung erschienen war. Benjamin wußte, dass er für die aus Deutschland vertriebenen jüdischen Gelehrten und Intellektuellen einen geistigen Zufluchtsort geschaffen hatte, wenn er dem ebenfalls in Paris lebenden Siegfried Kracauer den Band mit den Worten dedizierte: „Für S Kracauer / diese Arche / die ich gebaut habe / als die faschistische Sintflut / zu steigen begann“. Um 1933 formulierte Benjamin sein Anliegen, mit den Briefen das Bild eines anderen, geistigen Deutschland zu schaffen: „Die Folge deutscher Briefe, die hier eröffnet wird, ist nicht als Anthologie aufzufassen. […] Die Absicht dieser Reihe ist vielmehr, das Antlitz eines ‚geheimen Deutschland’, das man heute so gerne hinter trüben Nebeln sucht, zu zeigen.“

Zum 125. Geburtstag von Erich Auerbach am 9. November 2017 sollen drei seiner Briefe anschaulich machen, welch besonderer Stil ihn als Schreibenden auszeichnete. Ihre kurzen Einleitungen wollen knapp die geschichtlichen Umstände verdeutlichen, in denen sie entstanden und gelesen wurden. Das erste Schreiben stammt aus dem Jahr 1928, als Auerbach nach einem Verleger suchte, um seinem ersten Buch Dante als Dichter der irdischen Welt einen angemessenen Auftritt zu ermöglichen. Er konnte damals nicht wissen, dass er mit dem Exilanten, dem die Florentiner lebenslang die Verbannung aus der Heimat zugemutet hatten, zugleich ein Schicksal beschwor, das ihn selbst acht Jahre später ereilen sollte, nachdem er die Marburger Professur hatte hinter sich lassen müssen und am Rande Europas in Istanbul ein Refugium für das folgende Jahrzehnt fand. Kaum ahnbar war in den frühen Jahren auch, dass Dantes religiös gewissenhafter Realismus die Perspektive bilden würde, die Auerbach in Mimesis prägend für seine Geschichte der abendländischen Literatur werden ließ. Sie setzte bei Homer und der jüdischen Bibel ein und fand ihren Abschluss in der Moderne mit James Joyce, Virginia Woolf und Marcel Proust.

Im Gegensatz zu dem frühen Brief an den Verleger Oskar Siebeck, in dem der noch unbekannte Gelehrte für die gewinnbringende Güte seines literaturhistorischen Unternehmens um Anerkennung wirbt, sind die beiden anderen hier abgedruckten Schreiben aus den Jahren 1948 und 1950 mit dem großen Selbstbewußtsein verfasst, das Auerbach als Autor von Mimesis schon wenige Jahre nach der Veröffentlichung haben konnte. Dieser Erfolg erlaubte ihm auch, 1947 von Istanbul aus den Aufbruch in die USA zu wagen, wohin er bald an das Institute for Advanced Study in Princeton eingeladen wurde, bevor er anschließend auf eine Professur nach Yale berufen wurde. Im Zuge dieser späten Karriere in der „Neuen Welt“ beantwortete Auerbach im Duktus bescheidener Souveränität sowohl dem Marburger Kollegen Karl Löwith, der als Philosoph nach 1933 ebenfalls hatte ins Exil ausweichen müssen, als auch seinem Schüler Martin Hellweg drängende Fragen, die sich mit der Lektüre von Mimesis verbanden. Besonders provozierend wirkten die vielfältigen und vieldeutigen Verbindungen, die Auerbach zwischen der jüdisch-christlichen Literatur und dem modernen Realismus im figuralen Verständnis der Person Jesu in dem Buch gezogen hatte, das deshalb später auch als eine „christologische Literaturgeschichte“ bezeichnet wurde.

Dabei steht außer Frage, dass der Kulturphilosoph in seinem Versuch, Pietät gegenüber der Tradition zu wahren, anders als Dante nicht mehr im Raum des religiös Konfessionellen sich bewegte. Vielmehr war er im Geiste Montaignes bestrebt, sich mit Mimesis ein Publikum zu bilden, das bei allem christlich geprägten Realismus die innere Unabhängigkeit des modernen Individuums als Ursprung und Ziel seines Lesens verstand. Zu den Konfessionen, die Auerbach mit Montaigne als erstem neuzeitlichen „Laien“ mied, gehören auch jene der Wissenschaft und Philosophie, die heute oftmals die tradierten Formen des äußerlich erkennbaren Glaubens bei den Intellektuellen abgelöst haben. Dafür spricht die Weise, wie er den ersten Essayisten der Neuzeit beschreibt. Das folgende Porträt läßt sich zugleich als Utopie seiner eigenen Existenz verstehen, die im Vollzug des Schreibens zu sich selbst als Einzelnem kommt, der sein Leben ohne letzte Gewissheiten zu bedenken und zu führen hat:

Er verteidigt seine innere Einsamkeit; aber was besaß er an ihr, was machte sie ihm so wertvoll? Sie ist sein Leben selbst, sein Insich- und Beisichsein, sein Haus, sein Garten und seine Schatzkammer. Dorthin trägt er, was er etwa auf seinen Streifzügen in die Welt Kostbares erobert; dort verarbeitet und durchdringt er es mit der Würze seines Wesens. Was ist und was tut er dort? Es ist nicht christliche Weltflucht, nicht Wissenschaft und nicht Philosophie. Es ist etwas, wofür es noch keinen Namen gibt. Er überläßt sich sich selbst. Er läßt seine inneren Kräfte spielen; keineswegs nur den Geist allein; der Körper hat mitzureden, er darf sich einmischen in seine Gedanken, und auch in die Worte, die er zu schreiben beginnt.

 

 II. „Wahrhafte Wirklichkeit“ – Ein Brief an Oskar Siebeck (1928)

Das Buch über Dante sollte für Erich Auerbach zum Wendepunkt seines Lebens werden. Es öffnete ihm äußerlich die Pforten der akademischen Welt und innerlich die Augen für die Dynamik literarischen Deutens. Die Weise, wie Dante in der von seinem Schüler Boccaccio „göttlich“ genannten Komödie die Menschen in Schlüsselmomenten ihres ewigen Schicksals porträtierte, faszinierte Auerbach. Der religiöse Impetus, die „wahrhafte Wirklichkeit“ des Menschen im Namen Gottes sprachlich abzubilden, führte bei Dante zu einer Verdichtung der irdischen Realität, deren Suggestionskraft sich seitdem kein geneigter Leser entziehen kann. Diese Einsicht ließ den Literaturhistoriker zuletzt von „Dichter als Dichter der irdischen Welt“ sprechen, der seine Zeitgenossen, die Guten und die Bösen, die Glücklichen und die Unglücklichen, die Frommen und die Frevler, literarisch verewigt hat.

Aus der Heimat Florenz verbannt, schaffte Dante im Namen universalen Heils mit seinem Buch eine eigene Welt, deren Wirkung bis heute andauert, während die Werke seiner Widersacher längst vergessen sind. Erich Auerbach kann 1928 noch nicht ahnen, dass auch er bald ins Exil getrieben werden wird und dass die Frucht dieser Jahre, Mimesis, ihn für Bitterkeit reichlich entlohnen wird. Noch muss er sich selbst als verlegerisches Versprechen anpreisen, getragen von der Begeisterung über das gerade abgeschlossene Werk. Er hofft, der Umstand, zwei große neapolitanische Geschichtsphilosophen, Giambattista Vico und Benedetto Croce, die im 18. und 20. Jahrhundert den Lauf der Welt gedankenreich untersuchten, für das Haus zuverlässig ins Deutsche übersetzt und im Falle Vicos auch gedanklich eingeführt zu haben, werde seinen Worten zusätzliches Gewicht verleihen. Aber dies schien Oskar Siebeck ebenso wenig beeindruckt zu haben, wie der abschließende Hinweis auf den verstorbenen Ernst Troeltsch, dem neben Max Weber vielleicht wichtigsten Mohr-Autor jener Zeit, der voll des Lobes für Auerbach gewesen war.

Das Dante-Buch wird 1929 bei de Gruyter in Berlin erscheinen und seinen Autor in Fachkreisen sofort als neue, originelle Stimme bekannt machen. Auerbach wies in einer Welt, deren religiöses Selbstverständnis verblasst war, mit seiner Auslegung Dantes einen Weg, wie der Mensch in der Moderne die religiöse Tradition neu ausschöpfen konnte, ohne sein intellektuelles Gewissen beugen zu müssen. Die Heilsgeschichte war verwandelt in irdische Figuren der Passion, deren literarische Ernstnahme helfen konnte, sich auch ohne ewige Hoffnung in der Mitte des Lebens nicht im Gestrüpp der Zeit zu verlieren. In Dante hatte Auerbach seinen Vergil gefunden.

 

Berlin-Charlottenburg 2, 2.3. 1928

Sehr verehrter Herr Doktor,

Ich möchte Ihnen heut einen Verlagsvorschlag machen. Seit mehreren Jahren arbeite ich an einem Dantebuch, das nun fertig ist: Es soll heißen „Die irdische Welt in Dantes Komödie“ oder auch „Die Wirklichkeit der göttlichen Komödie“, und bildet auf etwa 200 Druckseiten eine gedrängt geschriebene, aber wie ich glaube sehr lebendige Einführung in den Charakter des Gedichts – zugleich eine Auseinandersetzung mit dem antiken Begriff der mimesis, den wir heut Naturalismus oder Realismus nennen. Es geht von dem Gedanken aus, dass im Jenseits Dantes die historische und natürliche irdische Welt nicht abgeschwächt und ausgelöscht, sondern gesteigert und als wahrhafte Wirklichkeit ihrer selbst, also im Endgeschick aktualisierte wahre Gestalt erscheint. An diesem Gedanken ordnet und belebt sich das philosophische und historische Material. Das Buch ist, wie ich glaube, so geschrieben, dass man es lesen kann, und dass man behält, was man gelesen hat.

Ich weiß, dass das Thema nicht in eines Ihrer Spezialgebiete fällt, und dass Sie jetzt ziemlich stark besetzt sind. Aber mein Buch ist kurz, ich glaube Ihnen etwas Gutes und auch etwas Verkäufliches anzubieten. Und die Art, wie die Croceübersetzung gedruckt worden ist, lässt mir das Zusammenarbeiten mit Ihrem Verlage wünschenswert erscheinen, so dass ich Sie wenigstens anfragen wollte.

Es ist mein erstes selbständiges Buch. Ausser den Ihnen bekannten Übersetzungen habe ich eine Anzahl von Aufsätzen publiziert, die letzten in der Deutschen Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 1926 und 1927. Wenn sie die Meinung von Dritten über mich zu hören wünschen, so kann ich Ihnen eine Auswahl von Namen nennen, doch wäre es mir lieber, wenn ich die prominenten Herren, die vielleicht einiges Wohlwollen für mich haben, mit solchen Anfragen nicht zu belästigen brauchte. Vielleicht wird es Sie intressieren, dass auch Troeltsch zu ihnen gehörte, der in seinen letzten Vorträgen meine Vico-Arbeit oft erwähnte und sie auch in den Problemen des Historismus zitiert hat.

In vorzüglicher Hochachtung / Ihr sehr ergebener / Erich Auerbach

 

III. „Christlicher gentleman“ oder „imitatio Christi“ – Ein Brief an Karl Löwith (1948)

Den Philosophen Karl Löwith, der ebenfalls jüdischer Herkunft war, kannte Auerbach seit den gemeinsamen Marburger Jahren. Der erste Schüler Martin Heideggers war noch als Privatdozent nach Rom ausgewichen, wo große Studien zu Nietzsche und Jacob Burckhardt entstanden. Unter anderem war sein Versuch fehlgeschlagen, von dort nach Istanbul zu gehen. Nach drei Jahren erhielt Löwith 1936 den Ruf auf eine Professur im japanischen Sendai und hatte im Herbst 1941 großes Glück, kurz vor dem Angriff auf Pearl Harbour an ein amerikanisches College, nicht weit entfernt von New York, wechseln zu können.

Der Kontakt zu Auerbach intensivierte sich an der amerikanischen Ostküste. Man sandte sich regelmäßig Sonderdrucke zu. In dem für den Brief relevanten über den „christlichen Gentleman“, ursprünglich eine weltliche „Chapel Speech“, gehalten am Theological Seminary in Hartford, wandte sich Löwith indirekt gegen eine Kernaussage von Mimesis. Er zweifelte an, dass die christliche Literatur und Lebensform die antiken Gegensätze zwischen stilistisch vornehmen und niedrigen Stilformen, zwischen alltäglicher und erhabener Sprache, eingeschmolzen hätten. In seinem Schreiben begegnete Auerbach den polemischen Spitzen in souveräner Freundlichkeit mit historisch-soziologischen Korrekturen, die ihm nahe Figuren der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Frömmigkeit, Bernhard von Clairvaux und Franz von Assisi, betrafen. Dabei schien ihm die „imitatio Christi“ ein historisches Phänomen zu sein, dessen ursprüngliche Radikalität dem modernen Kulturbürger nicht ungebrochen zu vermitteln war. Seine eigene Annäherung an die jüdisch-christliche Welt blieb schillernd, konnte als pures Schauspiel zur Betrachtung aufgefasst werden oder als dramatische Vorlage, die im modernen Leben neu aufzuführen war.

 

                                                                          The Pennsylvania State College, 4. Juli 48

Lieber Löwith,

Vielen Dank für den christlichen gentleman, den ich vorzüglich finde. Dass Sie recht haben, ist ja selbstverständlich; zu bewundern ist die Klarheit und Vielschichtigkeit der Darstellung – und die Undurchdringlichkeit der Haltung dessen, der den Artikel geschrieben hat. Ist er ein Christ? Ist er ein gentleman?

Zwei kleine Anmerkungen. Franz von Assisi stammt doch wohl eher von kleineren bzw. mittleren Leuten – Pietro Bernadone war ein Tuchhändler mit etwas Geld in einer Kleinstadt – „gentlemanlike“ war seine Erziehung kaum. Eher könnte man den Hocharistokraten Bernh[ard] v. Clairvaux nennen – aber die ganze Sache stimmt für das Mittelalter nicht. Im Mittelalter gibt es feudale Standesherren – aber der „gentleman“ ist nicht richtig ausgebildet.

Zweitens. Es ist Ihnen sicher eben so klar wie mir, dass, von einem etwas anderen approach als dem Ihrigen, es heutzutage mindestens ebenso schwer wäre ein Christ zu sein wie ein gentleman. Ein, freilich selten gewordener, glücklicher Zufall kann es einem noch heut gestatten als gentleman zu leben, und „niemand würde etwas dabei finden.“ Ich kenne Leute, die noch heute perfekte gentlemen sind. Dagegen würde eine ernsthafte imitatio Christi doch wohl allerhand Aufsehen und Komplikationen mit sich bringen. Man kann, wenn man selbst kein Christ, sondern nur Historiker ist, vielleicht doch sagen, dass the world has essentially changed since the times of early Christianity – nämlich in ihrer Aufnahmebereitschaft für religiöse Erfahrungen und Phänomene.

Haben Sie eigentlich meinen Brief bekommen, in dem ich Sie bat die Mimesisrezension, wenn Sie sie nicht mehr brauchen, an Krauss nach Leipzig zu senden? – Wir waren Mitte Juni zwei Wochen in Cambridge, und haben unterwegs, in Philadelphia, Frank gesprochen – er scheint in sehr gutem Zustand, der Abend mit ihm hat uns viel Freude gemacht.

Herzliche Grüsse Ihnen beiden von meiner Frau und Ihrem E. Auerbach

 

IV. „Chiffren“ der „Metaphysik“ – Ein Brief an Martin Hellweg (1950)

Über die Jahre des Exils hinweg wechselte Auerbach Briefe mit einigen Schülern der Marburger Zeit, auch wenn es nicht leicht war, in der Fülle der in den USA gewachsenen Verbindungen und Aufgaben, deren Erwartungen immer zu erfüllen. Martin Hellweg bewegte wie viele andere Leser von Mimesis die Frage, welcher Geist hinter der Literaturgeschichte stehe. Aber die Vieldeutigkeit und Hintergründigkeit der biblischen Urgeschichte, die Auerbach im Eingangskapitel des Buches im streitbaren Vergleich mit dem Epos von Odysseus herausstrich, bildete auch einen maßgeblichen Charakterzug seines eigenen Schreibens. Seine Deutungen nahmen auf säkulare Weise das Geheimnis auf, das der deus absconditus für den religiösen Menschen seit Abraham bedeutete. Alle Versuche, den göttlichen Befehl, seinen Sohn Isaak zu opfern, sinnvoll zu deuten, waren zum Scheitern verurteilt. Deshalb findet sich auch bei Auerbach jenseits des Passionsmotives keine eindeutige Metaphysik. 

Die letzten Kapitel von Mimesis radikalisieren für die Krise der Moderne die Passionsthematik. Das freie Individuum ist gefordert, in seiner labyrinthischen Privatheit den öffentlichen Katastrophen zu begegnen. Auerbach selbst stand nach anfänglicher Sympathie kritisch zu Versuchen der Existenzphilosophie, diesem Verlangen im Aufweis eines „Philosophischen Glauben“ zu entsprechen. Deshalb auch die leicht ironische Sprache von „Gott“ und „Chiffre“, die seine Distanz zu Karl Jaspers andeutet, dessen existenzielle Denkformen ihm während der Marburger Zeit der philosophische Kollege Gerhard Krüger nahegebracht hatte. Die prekäre Suche nach dem verlorenen Sinn der Geschichte, die ohne klare Kontur jenseits der sprachlich inkarnierten Sehnsucht bleibt, wurde mit Mimesis sein Signum.

 

20. Juni 1950

Lieber Herr Hellweg,

jetzt will ich mich doch einmal entschliessen Ihren Brief vom 12. Februar zu beantworten, obwohl der angekündigte weitere Brief über Mimesis noch nicht eingetroffen ist. Warum übrigens, in aller Welt, haben Sie Hemmungen mir zu schreiben? Ich bin doch eigentlich nicht der Typ vor dem man Hemmungen hat! Der Hauptnachteil einer Korrespondenz mit mir ist, so scheint mir, dass ich so spät antworte – aber das liegt an dem vielen täglichen Betrieb des Korrespondierens sachlicher Art, der immer erst erledigt werden muss, bevor ich zur Arbeit komme – und da ich es immer eilig habe zur Arbeit zu kommen, habe ich selten Lust und Ruhe zu einem Briefe der nicht unbedingt erforderlich ist. Aber im Augenblick bin ich in einem Zwischenzustand, die Arbeit hört langsam auf und wir beginnen wieder zu packen. Das sehr schöne, menschlich und sachlich sehr reichhaltige Gastjahr am Institut ist vorüber. Im Herbst bin ich, für dauernd und unter sehr günstigen Bedingungen, nach Yale berufen (Adresse ab Mitte August Yale University, Graduate School, New Haven, Connecticut), und vorher haben wir noch etwas herumzureisen, teils zu Sommer-Gastspiel-Verpflichtungen, teils zur Erholung, teils auch zu beidem zugleich. In New Haven werden wir wohl erst Mitte September landen (doch Adresse schon ab 15. 8. wie oben, vorher am besten über das Institut hier). Ende August soll auch Clemens mit seinem PhD fertig werden – er geht dann vermutlich, zum 1. Okt., ziemlich weit fort, zu einem Research-Job nach Minnesota – wir wollen im Sept. noch etwas zu dreien zusammen seien. – Noch nachträglich meine herzlichen Glückwünsche zu der Genesung Ihres Sohnes – hoffentlich hat er sich weiter gut erholt.

Was Sie über Mimesis schreiben, scheint mir alles ebenso gescheit wie freundlich. Aber ich glaube, Ihre Fragen kann ich nicht beantworten. Es mag wohl sein, dass eine „Metaphysik“ oder wenigstens eine einheitliche Gesinnung in dem Buch vorhanden ist, aber ich wüsste sie nicht anders auszudrücken als es implizit in dem Buch geschehen ist. Und Sie fragen, wie weit sich diese Metaphysik mit dem ästhetischen Moment decken kann. Aber ich, der schreibe, bin einer, Metaphysik, und Ästhetik sind in mir ungeschieden; es sind nur willkürlich, aus praktischen Gründen erfundene Einteilungen, man könnte auch ganz anderes einteilen – Ferner: platonische Mimesis und christliche imitatio sind sehr verschieden voneinander (ich weiss übrigens nicht ganz genau, was Sie hier unter christlicher imitatio verstehen), und es gibt noch Millionen anderer, von beiden Phänomenen und untereinander verschiedener „approach – Möglichkeiten“ zum Wirklichen – ob es in der europäischen Folge dieser approaches eine folgerechte Entwicklung „gibt“ kann ich nicht entscheiden und überlasse es getrost Gott (oder welche Chiffre Sie sonst vorziehen). Ich, hier und heute, finde Beziehungen, Spiel und Widerspiel, und versuche sie auszudrücken. Nun aber, und das scheint mir wichtig, ist hier und heute kein beliebiger Moment, sondern ein besonderer. Nie hat Europa so viel über seine Vergangenheit gewusst, und nie war es so fähig zur historisch-relativistischen Überschau – und noch besitzt es die lebendige Erfahrung der Mannigfaltigkeit menschlicher Lebensformen – was in verhältnismässig kurzer Zeit, wenn überhaupt Kultur weiter besteht, aufhören wird ‑ denn es wird in diesem Fall nur eine existieren. Und auch ich (mit wenigen anderen) bin kein beliebiger, da nie zuvor eine Gruppe von Historikern so gute Gelegenheit hatte sich von ererbten und erworbenen Bindungen frei zu machen – ich versuche die Gelegenheit auszunutzen. Erschütterungen in diesem Ausmass haben auch ihr Gutes – sie geben manchen, die es darauf anlegen, einen freien Ausblick.

Von Marburg habe ich in letzter Zeit ziemlich viel gehört, teils aus Briefen, teils vor allem durch Reidemeister der bis Ende April hier war. Es scheint, dass viele andere Universitäten die Wechselfälle etwas besser überstanden haben. Sehr gern würde ich einmal nach Deutschland kommen – vielleicht lässt es sich nächstes Jahr einrichten. Mit Krauss und Bloch stehe ich zwar in Beziehung, aber die Briefe sind selten und nicht leicht zu interpretieren. Von Stei habe ich inzwischen ein paar vorzügliche Stiefel bekommen, vielen Dank für Ihre Vermittlung. Sie sind nicht ganz so elegant und nicht von ganz so schönem Leder wie die aus New York, aber kosten den vierten Teil. Was Sie von Tagungen, von demokratischer Erziehung und ähnlichem schreiben ist so wie man es erwarten musste, und wie es immer war. Die Hauptsache scheint mir, dass Sie von der heranwachsenden Generation einen günstigen Eindruck haben. Die Deutschen sollten (und vielleicht tun sie es auch allmählich) wieder anfangen weltpolitisch zu denken, aber auf eine andere Weise als früher – nicht rein aus deutschen Vorstellungen und im engsten deutschen Interesse. Aber das ist kein Briefthema. 

Einen guten Sommer, und herzliche Grüsse von uns beiden. / Ihr Erich Auerbach

 

V. Danksagung

Ich danke meinem Freund und Verleger Ulrich Keicher für die Zustimmung, die drei Briefe Auerbachs mit meinen Einleitungen an dieser Stelle erneut abzudrucken. Sie erschienen zuerst mit sieben anderen Briefen Auerbachs in seinem Verlag  unter dem Titel: Wahrhafte Wirklichkeit. Erich Auerbach in einer Folge von Briefen, herausgegeben und eingeleitet von Matthias Bormuth, Warmbronn 2016.

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz