Gespräche über die Zeit

Durs Grünbeins neuer Gedichtband: "Erklärte Nacht"

Von Alexander MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Alexander Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Durs Grünbein kann sicherlich zu den produktivsten zeitgenössischen Dichtern gerechnet werden. Gerade drei Jahre ist es her, dass der Band "Nach den Satiren" erschien, dem im vergangenen Jahr ein umfangreiches Arbeitsjournal folgte. Auf einige Übersetzungen fürs Theater wie Senecas "Thyestes" oder Aischylos' "Die Perser" sowie auf diverse Ausstellungen wie das mit dem befreundeten Künstler Via Lewandowsky realisierte "Kosmos im Kopf"-Projekt und Katalogbeiträge sei nur beiläufig hingewiesen. Heiner Müller spürte in seiner Laudatio zur Verleihung des Büchner-Preises dem "Geheimnis seiner Produktivität" nach. Es sei die "Unersättlichkeit seiner Neugier auf die Katastrophen, die das Jahrhundert im Angebot hat, unter den Sternen wie unter dem Mikroskop."

In "Erklärte Nacht" - der Titel lässt Arnold Schönbergs Orchesterstück "Verklärte Nacht" anklingen - werden andere Akzente gesetzt, als Müller dies 1995 vermuten konnte. Vom Blick ins Mikroskop hat Grünbein schon in "Nach den Satiren" Abstand genommen, womit die Vorliebe für Naturwissenschaft und Medizin gemeint sein soll; der Augenschein des Details jedoch bleibt in Grünbeins Lyrik erhalten. Nun reizt ihn eher das Panorama, eine in großformatigen Zyklen angelegte Poesie, die Geschichte, Philosophie, vor allem die Stoa, und das eigene Leben angesichts der verstreichenden Zeit umfasst. Die in den "Historien" begonnene Auseinandersetzung mit der Antike wird in "Neuen Historien" fortgesetzt. Das damals mit "Aporie Augustinus" aufgenommene Gespräch über die Zeit entwickelt sich zum lesenswerten "Traktat vom Zeitverbleib". Wie stets sehr formbewusst und belesen reflektiert Grünbein darin sein persönliches Verhältnis zur Zeit als ein allgemein Menschliches: "Ein Mann sitzt da und wird vierzig. / Was heißt das schon - Weit gebracht?" Dabei geht es dem Autor sowohl um die Ausweglosigkeit als auch um den Trost, die sich gemeinsam in Senecas "Von der Kürze des Lebens" mitteilten: "Nur ein kleiner Teil des Lebens ist es, in dem wir leben. Die ganze übrige Spanne ist nicht Leben, sondern Zeit", heißt es da. Bei Grünbein wird der Mensch zum "Kadaver in spe", sein 'Cogito ergo sum' wird immer aufs Neue widerlegt, und folglich ist Zeit "der Anlaß zum Weinen." Neben der unüberwindbaren Vergänglichkeit werden Zeiterleben, die Erinnerung an Vergangenes und fiktive Reisen durch die Zeit mittels Sprachmagie und Phantasie nachvollzogen: "Daß ich, du, er, sie - verrecken, / Stand nie an der Tafel geschrieben./ Grammatik, versprach das nicht Halt / Beim Tigersprung durch die Zeiten? / Von der Hand nur sagt man, sie krallt. / Der Blick folgt mongolischen Weiten."

Abseits der sprachlichen Reisen in das antike nach Alexandria, Athen und Rom unter der Maske gelehrter Fürsprecher, verschlägt es Grünbein auch in die eigene Kindheit. In diesem Arkadien, wie er es einmal nannte, spürt er der eigenen Entwicklung zum Künstler nach. Mit Augen, die hätten jede Mutter erschreckt", sah es auf die Welt. Die Selbststilisierung als Kind, das sich früh umschaut, führt zu dem, was Heiner Müller den "lidlosen Blick" des Dichters nennt: "Und was ich sah, war mehr als ich vertrug..." In diesem Zyklus, "In einer anderen Tonart", wird aber nicht allein die Bestimmung des Dichters übertragen, es teilen sich drei wichtige Elemente der Grünbeinschen Poesie mit: Musikalität, das Erzählerische und das Spiel. Selten war Grünbein derart variantenreich in seiner Rhythmik, findig bei Reimen und Assonanzen. Dabei wirken die Maskeraden verspielt in einem positiven Sinn, Anspielungen und Zitate sind weniger verschlossen und ein nicht gering zu schätzender erzählerischer Anteil in den Gedichten macht die Lektüre über weite Strecken unterhaltsam und spannend. Was allerdings bleibt, ist ein der tumben Masse überlegener Standpunkt des lyrischen Ichs, das die manchmal ermüdende Spießerkritik einfach nicht sein lassen kann. Dennoch ist "Erklärte Nacht" als fein durchkomponiertes Werk zu lesen, das qua Metapher und Synästhesie die eigene Vorstellungskraft anregt.

Titelbild

Durs Grünbein: Erklärte Nacht. Gedichte.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
152 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-10: 3518413058

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