Unter Weißen ein Europäer – der rebellische Plebejer

Zur Aktualität des ungarischen Dichters Attila József (1905-1937) in seinem 80. Todesjahr und über das Gedicht „Thomas Manns Begrüßung“

Von Franz Sz. HorváthRSS-Newsfeed neuer Artikel von Franz Sz. Horváth

1.

Denkmal Attila Jozsef

Denkmal des ungarischen Dichters Attila József unweit des Parlaments in Budapest; Quelle:
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Jozsef-Attila-szobra-P8230156.jpg, 2.10.2016.

Budapest, Januar 1937. Müde sitzt der Mann auf der Treppe. In seiner Linken der Hut, die Finger der rechten Hand, dünn und knorrig, zeigen müde auf den Boden. Die Ärmel des Hemdes hochgekrempelt. Hose zu kurz, Schuhe ärmlich. Den Kopf prägen eine zerfurchte Stirn, buschige Augenbrauen, dichter Oberlippenbart, eingefallene Wangen. Körper, Arme und Beine: ein dürrer, ausgemergelter Mann. Er sitzt auf der Treppe: alleine und einsam. Die Einsamkeit scheint selbstgewählt, denn neben ihm, auf die Treppe hingeworfen, liegt sein Mantel. Aus Verzweiflung, Unachtsamkeit oder als Abstandshalter? Vielleicht kommt der müde Mann gerade aus dem Festsaal, in dem er die folgenden Verse dem Adressaten zwar übergeben, aber nicht vorlesen durfte:

Die Menschheit wird […] vom Krebs zerrüttet
Und bald von Monsterstaaten zugeschüttet
Sein, und wir fragen erschrocken: was noch?
Was zerstört uns, welches neue Ideenjoch?
Wer kocht uns Gifte neu, wer will uns fangen?
Wie lang kannst äußern noch deine Gedanken? …

Ängste bestimmen die Verse, Furcht vor mörderischen Diktaturen, menschenverachtenden Ideologien, dem Ende von Recht und Freiheit. Der Mann, der hier um die Menschlichkeit bangt und um Rat fragt, heißt Attila József. 1905 in Budapest geboren, ist er nun, im Januar des Jahres 1937, beinahe 32 Jahre alt. Sein soeben zitiertes Gedicht schließt mit den Versen:

Wir lauschen, einige werden dich dann und wann
Nur anblicken, doch froh: Sie sehn von näher
Unter Weißen heute hier einen Europäer.
                                      (Übers. Daniel Muth)

„Unter Weißen … ein Europäer“: Der Dichter sieht im Angesprochenen jemanden, in dem er einen Seelenverwandten erkennt. Jemanden, mit dem er etwas genuin Europäisches gemeinsam hat, um gegen die „Monsterstaaten“, gegen mörderische Ideologien und Hass zu kämpfen. Der so angesprochene Geistesfreund ist kein geringerer als Thomas Mann, der Budapest am 13. Januar 1937 gerade einen Besuch abstattete und öffentlich aus „Lotte in Weimar“ vorlesen wollte. Die ungarische Polizei, der die gedankliche Verbindung „weiß – reaktionär – Horthyregime“ nicht entging, konnte das öffentliche Deklamieren des Gedichtes „Thomas Manns Begrüßung“ untersagen, nicht jedoch dessen Überreichung:

 Mann und Jozsef

Thomas Mann und Attila József 1937 in Budapest, Quelle: Siehe Nachweise unten!

2.

Attila József entstammte ärmlichen Verhältnissen: Seine Mutter, an die er Zeit seines Lebens gerne und mit viel Liebe dachte, war Waschfrau. Sein Vater, Seifensieder, verließ die Familie, als er zwei Jahre alt war. Er hinterließ den Jungen mit zwei Schwestern, einer verzweifelten und fortan traurigen Mutter sowie deren Hoffnung, er werde die Familie nachholen, sobald er in Amerika reich geworden sei. Dass er es nur bis Rumänien geschafft hatte, erfuhr die Familie zwar, die Verbindungen rissen aber schnell ab. Józsefs Mutter starb 1919, sein Schwager wurde sein Vormund.

Mit elf-zwölf Jahren begann er zu dichten, mit siebzehn veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband. Früh machte er Bekanntschaft mit den bekanntesten ungarischen Dichtern seiner Zeit (Dezső Kosztolányi, Mihály Babits, Gyula Juhász). Nach 1924 studierte er an der Szegediner Universität. Nach der Veröffentlichung eines von der Staatsanwaltschaft als gotteslästerlich angesehenen Gedichtes, teilte ihm aber einer seiner Professoren mit, er werde, solange er dabei ein Wörtchen mitreden kann, sein Studium nicht beenden können.

József wechselte an die Wiener Universität. In Österreich lernte er den Filmtheoretiker Béla Balázs, den marxistischen Philosophen Georg Lukács sowie andere Emigranten kennen, die wegen ihrer Beteiligung an der ungarischen Räterepublik 1919 emigriert waren. Er machte sich mit Schriften des Marxismus, aber auch mit anarchistischen Publikationen vertraut. Seit 1925 war er Mitglied der ungarischen „Sozialistischen Arbeiterpartei“. 1926/27 verbrachte er mehrere Monate in Frankreich, wo er in Paris das Leben der Bohemiens lebte. Nach seiner Rückkehr immatrikulierte er sich noch für zwei Semester an der Budapester Universität, doch galt sein Interesse augenscheinlich mehr seinem dichterischen Werk als dem Studium. Zahlreiche Gedichtpublikationen, eigene Bände, Mitarbeit in unterschiedlichen Redaktionen und ein gewisser Erfolg sowie Anerkennung in links eingestellten Intellektuellenkreisen prägten seine folgenden Jahre. Gleichzeitig fand jedoch auch eine politische Marginalisierung statt: József engagierte sich für die illegale kommunistische Bewegung, doch ließ er sich die Meinungen nicht vorschreiben und wollte sich nicht jedem Parteidiktum unterwerfen. Er wurde vor allem in Moskauer Emigrantenkreisen kritisch beäugt, weil er, der sich seit 1931 einer psychoanalytischen Therapie unterzog, aus seinem Interesse für Freuds Lehren kein Geheimnis machte. Auch aus seiner Ansicht, dass er die Distanz der deutschen Kommunisten zu den Sozialdemokraten angesichts der nationalsozialistischen Gefahr für fatal hielt, machte er keinen Hehl. Es war vor allem dieser Punkt, der ihm aus Moskau den Stempel „Sozialfaschist“ eintrug, worunter er persönlich stark litt und was zu seinem Abrücken von den Kommunisten und einer Annäherung an die Sozialdemokraten führte.

Auch privat musste er mehrere unglückliche Liebesverhältnisse verkraften. Armut, Unsicherheit im privaten wie im beruflichen Umfeld, der zunehmende Rechtsruck seines Landes in den dreißiger Jahren, keine allgemeine und offizielle Anerkennung seiner dichterischen Leistungen: dies waren die Erfahrungen, die sein Leben in den 1930er Jahren prägten. Hinzu kam 1935 eine Schizophreniediagnose, die nicht nur wegen der in Aussicht gestellten Unheilbarkeit des Leidens fatal war, sondern auch, weil er sich in seine Analytikerin verliebte. (Neuere Untersuchungen kritisieren seine Therapeutin für die damalige Diagnose und gehen von einer Borderlinestörung aus.) Hinzu kam 1937 eine weitere unglückliche Liebe, deren Tragik auch darin lag, dass sich die Angebetete für (s)einen Dichterfreund und -konkurrenten Gyula Illyés entschied. Nach mehreren Institutsaufenthalten schied József am 3. Dezember 1937 aus dem Leben: Ob er durch einen Unfall unter einen Güterzug geriet oder Selbstmord beging, wurde in den letzten Jahren neu diskutiert.

3.

Falls der Spruch, das Sein bestimme das Bewusstsein, je auf einen Dichter zutraf, dann war dies bei Attila József der Fall. Diese Aussage ergibt nicht nur vor seinem biografischen Hintergrund und bezogen auf den Inhalt mancher Gedichte Sinn. Seine Gedichte spiegeln vielmehr auch seine jeweilige Gemütslage wieder, ablesbar an der Vielfalt der Richtungen, welchen sie zugeordnet werden können (Expressionismus, Surrealismus, Einfluss ungarischer Volkslieder, Freie Rhythmen usw.). Dies zeigt Józsefs Unwillen, sich in eine einzige lyrische Gruppe oder politische Gruppierung einzugliedern, denn ein solches Verhalten hätte Unterordnung, ein Sich-fügen in die Verhältnisse bedeutet. Sein ständiges Opponieren war nicht nur das Aufbegehren gegen die gesellschaftlichen, politischen und sozialen Verhältnisse eines Landes, welches Zeitgenossen das Land der drei Millionen Bettler nannten. Es war auch die Suche nach sich selbst und der Harmonie zwischen seinem rastlosen Innenleben und der unruhigen Außenwelt. Nachdem er im ersten Drittel der zwanziger Jahre seinen Ton gefunden hatte, war József der rebellische Plebejer, der seinen Protest gegen eine Welt erhob, die dem seiner Würde beraubten und rechtlosen Individuum keinen Ausweg lässt:

Reinen Herzens (1925)

Ich hab kein Land. Keinen Gott.
Keinen Vater. Mutter nicht.
Keine Wiege. Grabtuch keins.
Keine Liebe. Keinen Kuss.

Dritten Tages ess ich nicht:
Weder klein, noch gross Gericht.
Zwanzig Jahre: meine Macht.
Alle zwanzig biet ich an.

Wenn sie keiner nehmen will -
dann kauft sie der Teufel all.
Reinen Herzens brech ich ein.
Morde gar, so muß es sein.

Fängt gar mich, erhängt mich man -
Mutter Erde birgt mich dann.
Meinem schönen Herzen wächst
todbringendes Gras, Gewächs.
                   (Übers. Daniel Muth)

Diese für die meisten damaligen Ungarn alle damals gültigen Werte (Vaterland, Religion, Familie, Liebe) umfassende Negation war, vor allem wegen des (in der deutschen Übersetzung nur sporadisch anklingenden) frechen und aufmüpfigen Tons, der Hilferuf aller Ausgestoßenen und Hobos. Denn hier handelte es sich um die Drohung all jener Rebellen, die von der Gesellschaft zur Revolte gezwungen werden, daher nichts mehr zu verlieren haben und im Tod die Möglichkeit ewiger Ruhe begrüßen. Nichts verwundert daher weniger, als dass einer von Józsefs Professoren, als Vertreter des herausgeforderten Establishments, den als nihilistisch verstandenen Charakter des Gedichts zum Anlass nahm, ihm damit zu drohen, den angestrebten Lehrerberuf zu vereiteln. Nachdem die Staatsanwaltschaft bereits 1924, ein Jahr vor dem obigen Gedicht, gegen József ermittelte (Auslöser war das „gotteslästerliche“ Gedicht „Christus in Aufruhr“), hatte er nunmehr den Ruf des rebellischen Dichters weg. Nichts wäre jedoch verfehlter, als in József lediglich einen Nihilisten zu sehen.

4.

Engagement, Parteinahme und eigenes Leben – wie bei sonst nur wenigen Dichtern gingen sie bei József zusammen. Wenn er sich für die Arbeiterklasse einsetzte, tat er dies vor dem eigenen familiären Hintergrund und im Einklang mit seiner eigenen Vergangenheit, schrubbte er doch bereits mit siebzehn das Deck von Donauschiffen. Und er konnte sich mit einiger Berechtigung selbst dazu zählen, waren doch seine materiellen Verhältnisse über entscheidende Jahre hindurch so miserabel, dass er sich diesbezüglich selbst zum Lumpenproletariat hätte kaum zählen können:

Meine Frau und ich, wir hungern seit längerer Zeit im wahrsten Sinne des Wortes. Fast all unsere Gegenstände (die Bettwäsche eingeschlossen!) sind bei der Pfandleihe. Ich mache mir Sorgen wegen der Mietrückstände und muss mich wegen dieser Einzimmer-Küche-Wohnung fürchten, in der wir noch wohnen. Die Stromrechnung konnte ich seit dem 8. September nicht begleichen. Wir heizen nicht. Ich habe keine Schuhe. Wir besitzen eine einzige, gewöhnliche Liege, darauf schlafen wir beide. Neben einer fiebrigen Kranken liegen, unter einer Decke mit ihr, da ist es mir der Liebe nicht weit her. Tag für Tag benutzt jetzt der die Liege, dem es schlechter geht. Dessen Fieber höher ist, der lauter hustet, stärker schwitzt. Und so weiter. Ich bedauere es sehr, dass ich Sie, den ich beleidigt habe, um Geld bitten muss.

Diesem Brief, versandt am 28. Januar 1933 an den Kurator der Baumgartner-Stiftung, den „Dichterfürsten“ Mihály Babits, ist Józsefs materielles wie persönliches Elend zu entnehmen. 1930 griff der aufstrebende Dichter den arrivierten Poeten Babits anlässlich eines frischen Gedichtbandes in einem Pamphlet mit harten, ungerechtfertigten Urteilen an. Nun musste er Abbitte leisten. Babits war nicht nachtragend und ließ ihm im Februar 1933 sogleich eine Soforthilfe zukommen, verschiedene Umstände verhinderten es aber 1933 wie auch danach, József in den Genuss des Hauptpreises der Stiftung kommen zu lassen. Dieser hätte sowohl eine große materielle Entlastung als auch die nationale Anerkennung für den Dichter gebracht. Dazu kam es nicht. Dass József dennoch in den Folgejahren, trotz größter persönlicher Sorgen, materiellen Drucks und fehlender Anerkennung einige der besten ungarischen Gedichte des zwanzigsten Jahrhunderts schrieb, macht seine Größe mit aus.

5.

Kumanin die Mutter, mein Vater halb Székler,
Halb Rumäne, oder vielleicht auch ganz, wer weiß.
Süß war das Essen aus dem Mund meiner Mutter,
Schön war die Wahrheit aus dem Mund meines Vaters.
Wenn ich mich rühre, umarmen sie einander.
Das versetzt mich manchmal in Melancholie –
So ist der Lauf der Welt. All das bin ich. „Warte,
Bis wir erst tot sind!…” – so sagten sie.

Die Welt bin ich – alles Gewesene ist gegenwärtig:
Die vielen Generationen, die aufeinanderprallen.
Ich bin unter den Landeroberern, den längst toten,
Doch genauso quält mich das Leid der Besiegten.
Sieger und Verlierer, Tyrann und Rebell –
Türken, Tataren, Slowaken und Rumänen, sie
Sind eingemengt in dieses Herz, da seiner Geschichte
Eine friedliche Zukunft schuldet – ihr Ungarn heute!

…Ich will arbeiten. Es ist Kampf genug
Der eigenen Herkunft offen sich zu stellen.
Geschichte, Gegenwart und Zukunft wie in einem Zug,
Das alles faßt die Donau, ihre weichen Wellen.
Den Kampf, den unsre Ahnen blutig schlugen,
Erinnerung löst ihn, Friede kommt in Sicht,
So findet unser schweres Werk endlich die Fugen,
Das ist zu tun; und leicht, leicht wird es nicht.
                                     (Übers. Wilhelm Droste)

„An der Donau“ – im Juni 1936 entstanden, gilt als eines der berühmtesten Gedichte Józsefs. Wenn József ein linker Dichter war, so offenbart sich hier sein besonderes Linkssein, das sich nicht in die Grenzen ideologischer Vorstellungen und Phrasen einengen lässt. Bereits die Verse über die kumanische Abstammung der Mutter evozieren irreführende mythische, legendenhafte Bilder, waren doch die im mittelalterlichen Ungarn angesiedelten Kumanen längst assimiliert worden. Den Vater zum Rumänen zu erklären (was wohl den Tatsachen entsprach), bedeutete ebenfalls die Betonung eigener Fremdheit in einem Land, das Mitte der 1930er Jahre immer mehr in ethnischen und völkischen Kategorien dachte. Nicht so József, der stolz bekundete: „schön war die Wahrheit aus dem Mund meines Vaters“. In einer Zeit ethnischer Ab- und Ausgrenzungen und auch in Ostmitteleuropa um sich greifender faschistischer Ideologien bekannte er sich damit zu einem, dem damaligen Zeitgeist völlig zuwiderlaufenden Humanismus. Dieser gelangte, von der eigenen Abstammung ausgehend („Wenn ich mich rühre, umarmen sie einander“), zu einer Identifikation mit der Menschheit: „Die Welt bin ich – alles Gewesene ist gegenwärtig / […] Türken, Tataren, Slowaken und Rumänen, sie/Sind eingemengt in dieses Herz […]“. Die letzte Strophe offenbart jedoch wie mühselig die Arbeit eines ehrlichen und offenen Umgangs miteinander ist. Mehrfach ist vom Kampf die Rede, dem man sich stellen müsse, um mit der Vergangenheit ins Reine zu kommen, den gegenwärtigen Frieden zu gewinnen und sich für die Zukunft zu rüsten. Viel sei zu tun und hart werde die Arbeit sein. Dennoch und folgerichtig trägt das Gedicht den Titel „An der Donau“, was insofern programmatisch ist, als die Donau als zweitlängster Fluss Europas unzählige Menschen, Regionen und Länder miteinander verbindet und somit die Möglichkeit einer Verständigung symbolisiert.

5.

Die UNESCO erklärte das Jahr 2005, Józsefs hundertstes Geburtsjahr, zum Jahr der Gedichte. In Enzensbergers „Museum der modernen Poesie“ gelangte eine kleine Auswahl seiner Gedichte, bei weitem nicht die besten, bereits im Jahre 1960 zum Abdruck. „Er war einer unserer Götter“ – schwärmte der Regisseur George Tabori über József, seinen Lieblingslyriker. In seinem Nekrolog, erschienen in einer deutschen Emigrantenzeitung, bekannte Arthur Koestler: „Man hielt ihn bereits mit 17 Jahren für einen großen Dichter, und wir alle wussten, dass er ein Genie war…“. Trotz solcher Zeichen der Wertschätzung ist József (in Deutschland) weitgehend ein Unbekannter und Geheimtipp geblieben, einer, den selbst unter Kennern wenige gelesen haben. Dabei werden häufig Vergleiche gezogen: Von Villon bis Majakowski werden Kometen des literarischen Himmels bemüht, in der Hoffnung, József damit erklären und dem interessierten Publikum näherbringen zu können. Aber Vergleiche offenbaren nicht nur, sie verhüllen auch immer Vieles. Sie legen zudem nahe, dass das Verglichene sich nicht zum Maßstab eignet, bräuchte man doch ansonsten die verglichene Person nicht an anderen zu messen.

Das eingangs zitierte Gedicht zur Ehre Thomas Manns lautet in der Nachdichtung von Stephan Hermlin:

Thomas Mann zum Gruß

Dem Kinde gleich, das sich nach Ruhe sehnt
Und sich schon müde in den Kissen dehnt
Und bettelt: Ach, erzähl mir was, bleib da…
(dann ist das böse Dunkel nicht so nah)
und das – sein kleines Herz schlägt hart und heiß ,
was es sich eigentlich da wünscht, nicht weiß:
das Märchen oder daß du bei ihm bist –
so bitten wir: Bleib eine kurze Frist!
Erzähl uns was, selbst wenn wir es schon kennen!
Sag, daß wir uns mit Recht die Deinen nennen!
Daß wir, mit dir vereint, deine Gemeinde,
Des Menschen wert sind und des Menschen Freunde.
Du weißt selbst, daß die Dichter niemals lügen.
So laß die Wahrheit, nicht die Fakten siegen,
Die Helle, die dem Herzen du gebracht –
Denn unsre Einsamkeit, das ist die Nacht.
Laßt heut uns, Freunde, uns durchschaun! So sah
Hans Castorp einst den Leib der Frau Chauchat.
Kein Lärm, der durch des Wortes Vorhang dringt…
Erzähl, was schön ist und was Tränen bringt.
Laß, nach der Trauer, endlich Hoffnung haben
Uns, die wir Kosztolányi grad begraben…
Ihn fraß der Krebs nur. An der Menschheit Saat
Frißt tödlich schrecklicher der Dschungelstaat.
Was hält die Zukunft noch in ihrem Schoß?
Wann bricht das Wolfsgeschmeiß gegen uns los?
Kocht schon das neue Gift, das uns entzweit?
Wie lang noch steht ein Saal für Dich bereit?
Das ist’s: Wenn du sprichst, brennt noch unser Licht,
es leisten auf ihr Mannsein nicht Verzicht
die Männer, Frauen lächeln wunderbar,
noch gibt es Menschen (doch sie werden rar…)
Setz dich! Fang an! Laß uns dein Märchen hören!
Und manche – doch sie werden dich nicht stören –
schauen sich nur an. Sie wollten zu dir gehn,
den Europäer unter Weißen sehn…

Thomas Mann galt unter ungarischen Intellektuellen nicht erst seit 1933 als Stimme des humanistischen und liberalen deutschen Bürgers. Das wurde durch den „Bonner Brief“ Manns vom 1. Januar 1937 unterstrichen, in dem der Nobelpreisträger die unmenschliche, menschenverachtende und auf den Krieg hinarbeitende Politik des Hitlerregimes anprangerte. Das Gedicht greift dieses Bild gekonnt auf und variiert es durch eine Reihe von Gegensätzen, Anspielungen und Metaphern. Das ganze Gedicht wird bestimmt durch die Gegenüberstellung von Kind und Vater, ein häufig wiederkehrendes Motiv im Schaffen Józsefs, der den Vaterverlust nie richtig verwunden hat. Die Vaterfigur erhält Fähigkeiten zugesprochen und wird mit Eigenschaften aufgeladen: bleibt sie, bleibt das Dunkle fern, aber das Helle, das Licht, das Schöne, die Hoffnung, die Gemeinschaft und Freundschaft gewinnen Raum und breiten sich aus.

Das Gedicht appelliert mehrfach an den Adressaten: „erzähl’ mir was“, wird er dreimal gebeten und zweimal hinzugefügt, er möge sein Märchen erzählen, doch nicht irgendeines:„laß die Wahrheit, nicht die Fakten siegen“. Er solle nicht bei der Aufzählung von Tatsachen stehen bleiben, er müsse doch die Wahrheit hinter den Tatsachen kennen und aussprechen. Es sind beinahe magische Fähigkeiten, mit welchen József den Autor des „Zauberbergs“, worauf unter Verweis auf Madame Chauchat angespielt wird, ausstattet. Der Angesprochene wird somit zum Künder besonderer Wahrheiten stilisiert, welche helfen können, die Ängste vor der Zukunft angesichts drohenden Unheils wegzunehmen: „Was hält die Zukunft in ihrem Schoß?/ Wann bricht das Wolfsgeschmeiß gegen uns los?“ Auf solche Fragen erwarten die Zuhörer eine Antwort, denn er, der Angesprochene sei unter Weißen der Europäer. Thomas Mann wird damit zum Hüter des bedrohten Erbes europäischer Werte und Humanität ernannt, zu einem Hüter freilich, dessen Existenz (wie die des Publikums) bedroht ist: „Wie lang noch steht ein Saal für Dich bereit?“

6.

Attila József erlebte die Zeiten nicht mehr, als auch in Ungarn Thomas Mann kein Saal mehr zur Verfügung stand. Mann selbst ging 1938 ins amerikanische Exil. Das Treffen vom Januar 1937 blieb ihre einzige Zusammenkunft, von der das Gedicht ein beredtes Zeugnis mit einem bis heute (und heute erst recht!) gültigen Appell an Menschlichkeit, Recht und Freiheit ablegt.

Nachweise

Attila József: Ein wilder Apfelbaum will ich werden. Gedichte 1916-1937. Aus dem Ungarischen übersetzt, ausgewählt und herausgegeben von Daniel Muth. Zürich: Ammann Verlag 2005, 497 S.

Die deutsche Übersetzung des Gedichts „An der Donau“ von Wilhelm Droste: http://www.magyarulbabelben.net/works/hu/J%C3%B3zsef_Attila-1905/A_Dun%C3%A1n%C3%A1l/de/1901-An_der_Donau?tr_id=228 (3.3.2017)

Die deutsche Übersetzung des Gedichts „Thomas Mann zum Gruß“ von Stephan Hermlin wurde übernommen aus: Attila József: Gedichte. Auswahl. Budapest 1960, S. 151f.

Das Foto von der Budapester Statue Attila Józsefs steht unter der GNU Free Documentation License.

Das Foto von der Begegnung Thomas Manns mit Attila József wurde u.a. veröffentlicht in: Attila József: Ein wilder Apfelbaum will ich werden. Gedichte 1916-1937. Aus dem Ungarischen übersetzt, ausgewählt und herausgegeben von Daniel Muth. Zürich: Ammann Verlag 2005, S. 496.

 

Der Beitrag gehört zu der Reihe „Lyrik aus aller Welt. Interpretationen, Kommentare, Übersetzungen“. Herausgegeben von Thomas Anz und Dieter Lamping.