Vom Ausbrennen und Ausflippen
In „Solange ein Streichholz brennt“ erzählt Christian Huber mit Brillanz (nicht nur) eine Liebesgeschichte der besonderen Art
Von Anne Amend-Söchting
Nach den witzigen Weihnachtsromanen 7 Kilo in 3 Tagen (2017) und Alle anderen können einpacken (2018) ist der Autor, Komponist, Musikproduzent und Podcaster Christian Huber mit Man vergisst nicht, wie man schwimmt (2023) erneut als Verfasser fiktionaler Texte in Erscheinung getreten. Dass dieser Roman zum „Sommer-Bestseller“ avancierte, ist der Abkehr von Weihnachten und Winter genauso wenig zuzuschreiben wie dem Weglassen des Zusatzes „Pokerbeats“ im Namen des Autors, der bei den ersten Romanen zwischen „Christian“ und „Huber“ eingefügt war. Ursächlich hierfür ist eher der gelassene und gefällige Ton, den Huber anschlägt – entspannt, mit ironischem Bodensatz, aber nie so, dass die in ihm verhandelten Themen weniger ernsthaft oder gar banal erscheinen würden.
Daniel Bohm, ein obdachloser Mann Mitte 30, und Alina Alev, eine junge Reporterin beim Fernsehsender RTI, leben in Köln. Seit ein paar Tagen hat Bohm einen zuvor menschenlosen, zudem einäugigen jungen Rüden in seinem Gefolge. Er nennt ihn Fox. Alina ist zur selben Zeit unterwegs, auf der Suche nach einem Interviewpartner für eine Reportage über Obdachlosigkeit mit dem Arbeitstitel „Wie ein Leben entgleitet“. Eigentlich hat sie fest mit ihrer Entlassung gerechnet, erhält nun aber mit dieser Reportage eine letzte Chance, ihre Stelle zu behalten. Sie spricht Bohm an und bietet ihm 1000 Euro dafür, ihn ein paar Tage mit der Kamera begleiten zu dürfen. Kurz nach seiner dezidierten Ablehnung findet sich Bohm in einer Kneipenschlägerei wieder. Fox, zwischen den Fronten, wird von einem lebensgefährlichen Messerstich getroffen. Um die rettende Operation für seinen Hund bezahlen zu können, entscheidet sich Bohm in Windeseile für das Interview.
So trifft er sich in verschiedenen Settings mit Alina, unter anderem auf der Deutzer Kirmes, wo sie beide herzhaft miteinander lachen können. Sie hilft ihm, auf einer Großbaustelle ein Nachtlager aufzuschlagen. Später nimmt sie Fox zu sich in die Wohnung. Während man Alina in der Fernsehredaktion auffordert, mehr Drama in ihre Filmsequenzen zu bringen, gerät Bohm in eine Polizeikontrolle, bei der aufgedeckt wird, dass gegen ihn ein Haftbefehl vorliegt. Nachdem er den beiden Ordnungshütern entkommen ist, möchte er Fox bei Alina abholen. Der Zufall will es, dass ein Brief aus seiner Jackentasche fällt, den Alina findet und liest. Der Inhalt überrascht sie so, dass sie mit Bohm und Fox in ihrem alten Opel Corsa nach Süddeutschland fährt. Bohm soll sich seiner Vergangenheit, insbesondere der Konfrontation mit seiner Ehefrau und seinen beiden Kindern, stellen.
Solange ein Streichholz brennt gliedert sich in vier Teile mit den Headern „Der innere Blick“, „Der Blick des Anderen“, „Augenblicke“ und „Der Blick zurück“, deren Abschnitte in ununterbrochen fortlaufender Nummerierung von 1-42 meist alternierend mit den Namen der Protagonist:innen, Bohm und Alina, überschrieben sind. Von diesem Schema weicht „Daniels Geschichte“, der Blick in Bohms Vergangenheit in Teil 4, ab.
In den ersten drei Teilen ist fast nur die Rede von „Bohm“. Warum sein Vorname erst spät erwähnt wird, warum im Gegensatz dazu bei Alina der Nachname eine untergeordnete Rolle spielt, dazu lassen sich lediglich Spekulationen anstellen. Nur „Bohm“ zu verwenden, spiegelt das Bedürfnis nach Abstand des Protagonisten, denn niemand soll in seine persönliche Schutzzone eindringen. Alina hingegen bewegt sich in einem Umfeld, in dem zwangsgeduzt wird, und in dem das Austarieren von Nähe und Distanz einer unerträglichen Leichtigkeit der Anrede gewichen ist.
Die Vornamen beider Protagonist:innen sind in der Generation Y, der beide angehören, populär und gleichermaßen bedeutungsvoll: Alina, „die Edle“, und Daniel, „Gott ist mein Richter“. Alinas Nachname – „Alev“ – unterstreicht den mit dem Alevitentum einhergehenden Humanismus; gleichzeitig stehen mit Aleph, dem ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets, alle Zeichen auf Neuanfang. Während der Begegnungen mit Bohm – könnte der Name mit „Boom“ oder „Bumm“ assoziiert werden? – knallt es oftmals ziemlich laut. Immer wieder explodiert etwas: sei es auf der Deutzer Kirmes, wo plötzlich ein Stromgenerator platzt, oder in Alinas Wohnung, wo ein Kleiderständer mit nassen Jacken beim Umkippen eine Weinflasche in tausend Scherben zerbersten lässt.
Das Motiv des schlagartigen Lärms beziehungsweise eines Schusses tritt sehr früh im Roman auf: Zwischen Alina und ihrem Kollegen Jakob, zu dem sie ihr Verhältnis als streckenweise „flirty“ empfindet, ist nach einer durchtanzten Partynacht – inspiriert durch Schüsse in die Luft von Kraftclub – der Insider „Peng, peng, peng“ entstanden. Wenn Jakob seine Hand in die Luft hebt und mit dem ausgestreckten Zeigefinger drei Schüsse fingiert, wirkt es, als ob das Schicksal anklopfe, es Momente des Innehaltens skandiere und Transitionen einläute.
Obwohl Huber seinem Roman eine Playlist anfügt, mit Titeln von solch unterschiedlichen Künstlern wie Peter Fox, Nirvana oder Bob Dylan, sind Blicke, die optische Wahrnehmung im Allgemeinen sowie die Frage nach ihrem Wahrheitsgehalt und ihrem Tiefgang, im Gesamtgefüge des Romans noch bedeutender als die akustischen Signale.
Die Redaktion des Fernsehsenders RTI liegt im zehnten Stock eines Hochhauses. Von dort aus, konstatiert Alina, wirke das Leben der anderen „unecht“, „wie eine konfuse Plansequenz einzelner Handlungsstränge“. Der Blick von oben nimmt das Resultat vorweg, nämlich Sendungen aus dem Genre Reality-TV, in denen das unvermittelt Wahrnehmbare so verändert wird, dass die Bedürfnisse eines sensationslüsternen Publikums befriedigt werden.
Künstlerische Verfahren der Aneignung und der Veränderung des empirisch Vorgefundenen offenbaren sich dabei nicht. Wäre dem so, entstünde eine realistische Fiktion, zum Beispiel ein realistisch geprägter Roman oder Film. Ein solch gewollter und verfremdender Umgang mit den Fakten, eine Kreativität, die in überzeitlich gültigem Engagement resultiert, wäre meilenweit entfernt von der allein manipulierten Realität, der fiktionalen Faktizität im Reality-TV-Format.
Mit der ihm eigenen Art realistisch-ironischen Schreibens gelingt es Huber vorzüglich, zu zeigen, wie intensiv Wirklichkeit de- und rekonstruiert werden soll, um so wiedergegeben zu werden, dass sie den Geschmack der Massen bedient. Die Vermarktung von Schicksalen, eine Fokussierung ohne Tiefgang in synoptischer Reduktion, erzeugt eine Sichtbarkeit, die am Wesentlichen vorbeiläuft.
Da mediatisierte Blicke nicht in die Tiefe vordringen, kann das jeweilige Gegenüber kaum in seinem Facettenreichtum wahrgenommen werden. Bohm möchte sich diesen Blicken entziehen. Nur aus einem Zwang beziehungsweise aus der ethischen Notwendigkeit heraus, Fox behandeln zu lassen, stimmt er dem Interview zu.
Mit all ihren Farben und Facetten wertgeschätzt zu werden, liegt auch Alina sehr am Herzen. Es kommt nicht von ungefähr, dass sie sich von den Personen in ihrem Umfeld nicht gesehen fühlt. Sie meint, im Sender fehl am Platz zu sein, nicht zuletzt von Jakob inadäquat wahrgenommen zu werden, obwohl er immer wieder mit ihr anbändelt. Nur Bohms Blicke dringen tiefer. Mit ihm erlebt Alina authentische und kindliche Freude, wenn er ihr beispielsweise auf der Kirmes eine Crêpe mit Zucker und Zimt organisiert. Wenn sich die Augen der beiden treffen, erklingen in beiden Saiten tiefster Sehnsucht, beide fühlen sich in ihrer psychosomatischen Ganzheit erkannt und gewürdigt. Inhaltlich bietet das Thema der aufkeimenden Liebe nichts Neues, ganz im Gegenteil: Da ist sehr viel Kitschpotenzial. Hubers Art der Präsentation ist allerdings grandios.
Eine Vielzahl von lebendig geschilderten Szenen mit ausgeklügelter Situationskomik tragen zur Attraktivität des Romans bei: Als Alina und Bohm mit der Straßenbahn fahren, lässt er ihr kurz vor einer Kontrolle – sie hat keinen Fahrschein – sein Monatsticket vor die Füße fallen und rennt beim nächsten Stopp weg. Als Alina Besuch von ihren Eltern hat, öffnet die Mutter auf Bohms Klingeln hin, weil sie ihn für einen Kollegen ihrer Tochter hält. Bohm klärt den Irrtum nicht auf, sondern gibt sich als Redakteur aus, der über Obdachlose mitschwadroniert. Diese Szene unterstreicht die Macht des Scheins und seine Fragilität umso mehr, als später, die Eltern sind weg, Jakob bei Alina und Bohm erscheint. Im Abseits jeglicher Mediatisierung tritt sein wahrer Kern zutage: Er bricht eine Schlägerei mit Bohm vom Zaun, bei der er selbst nicht unerheblich verletzt wird. In einem Beitrag für Instagram lädt er fälschlicherweise das Video hoch, das zeigt, wie er während der Handgreiflichkeiten mitten in den verletzten Bauch von Fox tritt. Das empört seine Fangemeinde so, dass im Millisekundentakt Shitstorm-Kommentare eingehen und Jakob seinen Instagram-Account umgehend löscht.
Mit ihm – Prototyp des skrupellosen Fernsehjournalisten, Antipathieträger und mit Anglizismen um sich werfender Witzfigur sowie Social-Media-Star mit Aggressionsproblem – demonstriert Huber, wie schnell der mediale Ruhm einer Person via Clickbaiting steigt, welche „Höhe“ sie einerseits erklimmt, und wie sie andererseits „Ragebait“ generiert und als Opfer ihrer selbstinszenierten medialen Vermarktung von ihrem Podest hinabfällt.
„Daniels Geschichte“, die als eigenständige Kurzfiktion gelesen werden könnte, bietet eine Vielzahl dramatischer Momente, die im anrührenden Zusammentreffen des Protagonisten mit seinen Kindern eine Klimax erreichen. Packender noch als dieses Wiedersehen ist im ersten Teil des Romans die herzzerreißende und an den Nerven zerrende Szene mit Fox, in der die Frage im Mittelpunkt steht, ob Bohm – den Hund mit seinen Armen umklammernd und ihn zur Tierklinik tragend – es dorthin schafft oder nicht. Die Ausarbeitung des Moments, in dem alles auf der Kippe steht, wirkt gänzlich überzeugend.
Später möchte man Alina auf die Sprünge helfen und ihr nahelegen, doch nun endlich Fox zu sich ins Warme und Trockene zu nehmen. Die Entscheidung für Fox geht mit der wachsenden Zuneigung zu Bohm einher. Unabhängig davon verdeutlicht der Roman, dass der Umgang mit dem Tier indiziert, wer sein Handeln an humanistischen und pathozentrischen Prinzipien orientiert und wer demgegenüber Missachtung und Respektlosigkeit walten lässt. Vielleicht könne man den Hund sterben lassen, äußert Jakob in einer Redaktionskonferenz. Rein rechtlich gesehen sei das ja nicht mehr als Sachbeschädigung.
Fox einerseits und die Kinder andererseits würzen Hubers gelungene Melange von Humor und Ernsthaftigkeit mit einem gerüttelten Maß an Sentimentalität. Mit den sicherlich strategisch eingesetzten Episoden erreicht es der Autor, Emotionen bei seinen Leser:innen hervorzurufen, ohne jedoch in Kitsch und Klischees abzudriften.
Im wörtlichen und im übertragenen Sinne walten in Hubers Roman die Elemente Wasser und Feuer. Die Kleidung durchweicht und tropft, die Protagonist:innen sind bis auf die Haut durchnässt. Trotz dieser vermeintlichen Destruktivität bietet das Wasser mit seinem freien Flottieren einen Gegenpol zum brennenden Streichholz, das zuvörderst als Synekdoche, Pars pro Toto, für das umfassende Feuer der Leidenschaft gelesen werden kann. In seinem früheren Leben „brannte“ Daniel für seinen Beruf und seine Familie, so lange, bis seine Energie erschöpft war, bis selbst der Alkohol ihn nicht mehr über den Alltag hinwegtragen konnte. Solange ein Streichholz brennt ist auch ein Spiel, das Alina aus ihrer Kindheit kennt: Sie erklärt Huber, dass es darum gehe, so lange von sich selbst zu erzählen, wie das Streichholz brenne. Bohm wiederum zeigt ihr, wie man ein Streichholz durch simples Schnipsen mit dem Daumennagel entzünden kann. Bei den ersten Versuchen, es ihm gleichzutun, verletzt sie sich. Später erreicht sie ihr Ziel, möglicherweise ein Signum für Harmonie und Liebe.
Nicht nur aus den traditionellen Symbolen des Feuers und des Wassers ergeben sich ein ganzer Fächer an deutungsoffenen Allusionen: Beispielsweise hat Bohm für seine Kinder Mäuse aus Holz geschnitzt. Als er obdachlos ist, verkauft er sie, um ein bisschen Geld zu verdienen. Daneben sind lebende, nicht sichtbare Mäuse essenziell für den Roman, weil sie so lange Stromkabel annagen, bis es zu fatalen Kurzschlüssen kommt.
Differierende Lebenswelten parallel zu montieren, ist genauso wenig neu wie die literarische Darstellung von Obdachlosigkeit. In Zeiten von Caroline Wahls Assistentin oder der Fortsetzung des Filmklassikers Der Teufel trägt Prada sind junge Frauen, die in einer Medien-Redaktion arbeiten und dort zu leiden haben, ebenfalls keine Seltenheit. Das, was Huber aus diesen Hintergründen macht, hebt sich positiv vom Vorgängigen ab: Der syntaktisch-lexikalische Wohlklang begleitet nicht die Konfrontation oder simple Mischung der Lebensbereiche, sondern ihre Durchdringung. Im jeweils anderen sehen Alina und Bohm einen Spiegel ihres eigenen Ichs, sie triggern sich gegenseitig und werden dadurch in ihrem tiefsten Innern angerührt.
Auch wenn man Huber unterstellen könnte, dass er auf sentimentale Wirkung erpicht ist, auch wenn die Referenz noch so abgegriffen ist: Solange ein Streichholz brennt illustriert vorzüglich das Saint-Exupérysche Diktum, dass man nur mit dem Herzen gut sehe und das Wesentliche für die Augen unsichtbar sei.
Zum Glück, so lässt sich bilanzieren und abermals hervorheben, ist bei diesem Text, der unter die Haut geht und Emotionalität einfordert, ein gutes Quantum an ironischer Distanz spürbar – eine Metaebene oder „Vogelperspektive“, so etwas wie der klare Blick aus dem zehnten Stock. Egal, wie man es benennen möchte – es ist eine Schicht oberhalb des Plots, eine Art „Abgehobensein“ im Sinne eines wohltuenden Schwebens über den Dingen.
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