Moderne Freiheit und Umweltzerstörung

Sunil Amrith erzählt in „Brennende Erde“ die Globalgeschichte der letzten 500 Jahre als Geschichte der Nutzbarmachung und Vernichtung von Natur

Von Gerrit AlthüserRSS-Newsfeed neuer Artikel von Gerrit Althüser

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Irgendwann einmal war alle Geschichte Umweltgeschichte,“ heißt es am Anfang von Sunil Amriths Brennende Erde. Im letzten Absatz des Buches wird dieser Satz noch einmal wiederholt, nun um den Nachsatz ergänzt: „Sie ist es immer noch.“ Anfangs war das Leben von Wetter und Jahreszeiten bestimmt, die Menschen versuchten, sich vor den Launen der Natur zu schützen und die Risiken des Lebens zu minimieren. Dies änderte sich, als der privilegierteste und mächtigste Teil der Menschheit sich von diesen Bedingungen unabhängig fühlte, meinte, den Kampf gegen die Natur gewinnen zu können, an natürliche Grenzen nicht mehr gebunden und durch neue Energiequellen, allen voran der fossilen Energie, unbesiegbar zu sein – und dazu berechtigt, die gesamte Natur und auch den übrigen Teil der Menschheit unterwerfen zu dürfen. Die Geschichte dieser Unterwerfung erzählt Amrith, und fordert am Ende, sich „die kreatürliche Abhängigkeit vom Rest des lebendigen Planeten wieder bewusst zu machen und sie in neue Visionen des Gedeihens auf der Erde zu integrieren.“

Amrith folgt dabei Dipesh Chakrabartys berühmtem Vier-Thesen-Aufsatz, demzufolge das Streben nach menschlicher Freiheit den Kern des modernen Denkens von Kant und Hegel über Marx bis hin zu Fukuyama und Sen darstellt. Die moderne Freiheit dagegen reflektiert ihre materielle Basis nicht: sie ist auf dem Fundament der Verbrennung fossiler Brennstoffe gebaut. Und neben diesen ökologischen Voraussetzungen von Freiheit und Sicherheit wird ausgeblendet, dass der Fortschritt der einen auf der Ausbeutung anderer basiert. Amrith erklärt im Prolog, vor allem das Anliegen menschlicher Freiheit und Gerechtigkeit habe ihn bewogen, Historiker zu werden. Er verstünde nun aber, dass sich dies nicht von der Krise des Lebens auf dem Planeten trennen ließe. Beide Anliegen zusammenzudenken und auszutarieren wird im Buch mehrfach versucht, wobei unter anderem Indira Gandhi mehrfach Erwähnung findet. Sie pochte schließlich anfangs darauf, Klima und Armut zusammenzudenken und richtete ihre Maßnahmen nach dem Ausnahmezustand, vor allem den Zwangssterilisationen, gegen Arme. Stärker als in anderen Publikationen finden hier die Sichtweisen der Menschen im Globalen Süden Einzug, auf die die globale Krise schon viel früher Auswirkungen hat.

Trotz des Untertitels, der eine Geschichte der letzten 500 Jahre, also ab dem Epochenumbruch zur Neuzeit, verspricht, beginnt Amrith seine Erzählung bereits im 13. Jahrhundert mit der Entstehung des Mongolischen Reichs. Dieser zunächst einmal überraschende Ausgangspunkt erklärt sich – obwohl Amrith dies nicht explizit benennt – zum einen daraus, dass die Mongolen im Zuge ihrer Eroberungen und der Herausbildung des größten zusammenhängenden Herrschaftsgebietes der Weltgeschichte vom nomadischen Leben zur Landwirtschaft übergingen, wobei China einen starken Einfluss hatte. Zum anderen liegt ein Grund im starken Bevölkerungsanstieg zu der Zeit, der mit den landwirtschaftlichen Entwicklungen – nicht nur im Mongolischen Reich – eng zusammenhing. „Der Pulsschlag menschlichen Lebens auf der Erde beschleunigt sich“, schreibt Amrith. Aber auch weitere Veränderungen deuteten sich bereits an, Sehnsüchte, die über das basal Notwendige hinausgehen – vor allem die Begierde nach Gewürzen entsteht. Hier schlägt Amrith eine Brücke von den Reiseberichten Marco Polos zu den Fahrten von Columbus.

So setzt die Erzählung mit den Entdeckerfahrten und der europäischen Expansion neu an, nachdem zunächst die Pest sowie Wetterwandel und Katastrophen das Bevölkerungswachstum und seine Entwicklung ausgebremst hatten. Ab hier erzählt Amrith eine durchgehende, manchmal aber auf exemplarische Fälle fokussierte Geschichte der Nutzbarmachung der Natur, der Unterwerfung von Nomaden und Indigenen, der Sklaverei und der Ausbeutung. Die spanischen Silberminen in Potosí (im Klappentext fälschlich als portugiesisch ausgewiesen) im 16., die britische Goldförderung in Südafrika im 19. Jahrhundert und die Öl-Stadt Baku in der Zeit vor der Ersten Russischen Revolution werden ausführlich behandelt, auch die Gewalt auf den Plantagen für Baumwolle und Zucker in den Amerikas, später dann die Herstellung von Tee, Kaffee, Schokolade sowie von immer mehr Fleisch. Es wird betont, dass zu allen Zeiten der stärkste Eingriff in die Umwelt in der Nutzbarmachung von Land für die Herstellung einfacher Nahrung wie Reis- und Weizenanbau für die sich vergrößernde Bevölkerung bestand. Und dennoch bleiben Hunger und Hungersnöte Begleiter der Menschheit. In einen Neo-Malthusianismus, wie er sich etwa in Kyle Harpers Fatum findet, fällt Amrith aber nicht. Die Krise des Planeten wird eher als Problem der Verteilung gedeutet, denn als eines der reinen Zahlen. So wird die Darstellung des „überbevölkerten“ Indien in Paul Ehrlichs Buch The Population Bomb (1968) kritisiert. Die großen Menschenmengen im Globalen Süden verantwortlich zu machen statt den extremen Rohstoffverbrauch von wenigen privilegierten Menschen im Globalen Norden, ist zynisch. Auch Hungersnöte, so liest es sich bei Amrith, sind allzu oft allein der ungleichen Verteilung von Nahrung zu zeihen. Daneben geht es um Industrialisierung und um die Ausbreitung von Transportwegen und -mitteln, von Schifffahrt, Eisenbahn- und Straßenbau – wobei der Flugverkehr seltsamerweise fehlt –, von Kanalbauten und Landgewinnungsprojekten, der Verstädterung oder der Energiegewinnung – kurz: der gesamten Ausbreitung der Technosphäre, wie Amrith es nennt, der menschlichen Infrastruktur über den Planeten.

Die beiden Weltkriege werden ebenfalls unter dem Vorzeichen der verwertenden Nutzung der Erde sowie der reinen Zerstörung thematisiert. Hier liegt der Fokus auf dem Bedarf an Öl und der Sicherstellung von Nahrungsmitteln sowie den technischen Fortschritten bei der Kriegsführung, etwa dem Einsatz von Gas und der Atombombe. Die Nazi-Ideologie des Lebensraums im Osten wird als Fortschreibung des Frontierdenkens im 19. Jahrhundert gelesen. Amrith schreibt, allein der Zweite Weltkrieg habe eine halbe Milliarde Kilogramm Ruß in die Atmosphäre geschleudert. Dass dies eine Auswirkung auf das Klima gehabt hätte, sei zwar nicht zu belegen, aber durchaus plausibel.

Mehrfach fokussiert das Buch auch das Leid von Tieren, so die Ausrottung der hasenähnlichen Hutia auf Hispaniola, die Jagd auf Zobel im Sibirien des 17. Jahrhunderts, das Leiden von Pferden im Ersten Weltkrieg und das fortschreitende Artensterben. Selbst beim Abwurf der Hiroshimabombe ist die Rede von Vögeln und Regenwürmern. Amrith bleibt hier jedoch wieder bei Beispielen, lässt etwa die Ausrottung der Dodos auf Mauritius aus.

Trotz allem verficht das Buch keine rein negative Teleologie. Gegenbewegungen und Widerstand finden Platz. Die moderne Umweltbewegung wird detailliert behandelt, der erfolgreiche Kampf gegen FCKW zur Beseitigung des Ozonlochs, es wird Aktivist:innen gedankt, die für den Umweltschutz ihr Leben lassen mussten, und auch die Dekolonisation fehlt natürlich nicht – die allerdings einen Anspruch auf Freiheit von Mangel bei noch mehr Menschen begründet und so die Große Beschleunigung ab circa 1950 noch weiter antreibt. Denn noch gibt es keinen Gegentrend zum Hockeyschläger-Diagramm. Relativiert Wolfgang Behringer das in seiner ärgerlichen Kulturgeschichte des Klimas noch, wird es von Amrith durch eine Reihe weiterer Hockeyschläger ergänzt. Auch dass seine Darstellung ausführlicher wird, je näher er der Gegenwart kommt, zeigt, wie sich der geschilderte Prozess immer weiter beschleunigt und immer weitere Bereiche in sich einbezieht.

Stilistisch ist das Buch hervorragend, gut formuliert (auch in der Übersetzung) und leicht lesbar, gerichtet eher an ein breites Publikum als an andere Historiker:innen. Oft werden – mehr zur Illustration, denn als Quellen – Gedichte, Romane, Filme oder Gemälde erwähnt, etwa von Toni Morrisson, Elena Ferrante, Charlie Chaplin und Akira Kurosawa. In einem besonders lesenswerten Kapitel "Die menschliche Bedingtheit", das als eigenständiger Essay funktionieren könnte, werden Hannah Arendt, Rachel Carson und Indira Gandhi als drei historische Figuren, die auf je eigene Weise der Großen Beschleunigung entgegengetreten sind, vergleichend diskutiert und zueinander in Beziehung gesetzt.

Dafür, dass Amrith nah an einzelnen Ereignissen und Menschen mit ihren Schicksalen erzählt, lässt er einige Entwicklungen aus. Vor allem spielen Schicht- beziehungsweise Klassenfragen keine Rolle, wodurch die Ausbeutung der eigenen Bevölkerung neben der kolonisierter Völker unterbelichtet bleibt. Forscherkontroversen geht Amrith aus dem Weg, beispielsweise bei der Mittelalterlichen Warmzeit oder einem insinuierten Zusammenhang von Völkermord in den Amerikas und der Kleinen Eiszeit. Auch wenn er nur mutmaßt, dass das Morden Klimaauswirkungen gehabt haben könnte, wären unterschiedliche Positionen zu diskutieren gewesen.

Dennoch ist Brennende Erde ein beeindruckendes und wichtiges Buch, dem viele Leser:innen zu wünschen sind. Vor allem der starke Einbezug von Perspektiven aus dem Globalen Süden macht das Buch wegweisend. Lösungen bietet Amrith kaum, die Notwendigkeit eines größeren Umweltbewusstseins und der Verringerung des Fleischverzehrs im Globalen Norden wird aber kurz erwähnt. Aber Geschichtsbücher müssen ja auch keine Probleme lösen. Es ist viel gewonnen, wenn sie uns erst einmal Klarheit geben über die eigene Konfusion und zeigen, wie wir da hineingeraten sind. Dieses Buch lässt klarer sehen.

Titelbild

Sunil Amrith: Brennende Erde. Eine Geschichte der letzten 500 Jahre.
Aus dem Englischen von Annabel Zettel.
Verlag C.H.Beck, München 2025.
505 Seiten , 32,00 EUR.
ISBN-13: 9783406829277

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