Science Light
Wissenschaftsjournalismus im öffentlich-rechtlichen Rundfunk
Von Anton Argus
Personifizierung, Serviceorientierung, Social-Media-Infotainment, Verflachung? Nachdem ich Herbert Hovens bissige Attacke auf die Literaturkritik gelesen hatte, begann ich zu grübeln. Geht es in meinem Feld des Kulturjournalismus, dem Wissenschaftsjournalismus, genauso zu?
Nicht ganz so krass, würde ich sagen. Hier gibt es keine Trendsetter-Figuren wie Denis Scheck oder Elke Heidenreich, die nach dem Motto auftreten: Vertrauen sie mir einfach, ich weiß, was ich sage. Doch man findet zum Beispiel zwei Quarks Science Cops, die mit forensischer Faktenarbeit regelmäßig wissenschaftlichem Blödsinn nachgehen. Es gibt also auch hier einen Trend zum Entertainment, zur Personalisierung und auch zur inhaltlichen Verflachung.
Meine Beispiele stammen hauptsächlich aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wobei der Trend, den ich kritisiere, bei allen Rundfunkanstalten existiert. Dass ich mich dabei häufig auf den Deutschlandfunk beziehen werde, hat einen besonderen Grund. Der Sender bietet auch in der Wissenschaftsberichterstattung immer noch guten Journalismus, der den Programmauftrag der Öffentlich-Rechtlichen erfüllt. Gerade deshalb fallen bei ihm aber problematische Entwicklungen besonders auf. Und zum 30. November dieses Jahres baut der Sender sein Programm radikal um. Dabei drohen sich die hier kritisierten Tendenzen noch zu verstärken. Es muss also gewarnt werden.
Stellt Wissenschaftsberichterstattung besondere Anforderungen? In gewissem Sinne schon. Wissenschaft ist methodisch gewonnenes Wissen, das auf kritischer Beurteilung beruht. WissenschaftlerInnen sollen ihre Forschung transparent machen. Sie müssen offenlegen, aufgrund welcher Methodik und welchem theoretischen Ansatz sie zu ihren Ergebnissen gekommen sind. Und sie müssen offen sein für neue Perspektiven und die Kritik anderer WissenschaftlerInnen. Erst dieses Zusammenspiel zwischen transparenter Methodik und kritischer Überprüfung führt zu (zumindest zeitweilig) gültigen wissenschaftlichen Erkenntnissen, über die WissenschaftsjournalistInnen berichten können. Daher muss sich Wissenschaftsjournalismus auch an diesen Prinzipien orientieren. Er sollte nicht nur Ergebnisse zur Schau stellen, sondern sie kritisch einordnen und die Methoden beleuchten. Eine Aufgabe, die Zeit braucht, gute Vorbereitung und eine gewisse sachliche Grundeinstellung, auch wenn es natürlich darum geht, verständlich und anschaulich zu schreiben.
Ein Trend, vermehrt auf Talk statt auf gut aufbereitete Berichte zu setzen, steht dem aber entgegen. Auf allen Sendeschienen führen immer häufiger ModeratorInnen Interviews mit WissenschaftlerInnen oder sprechen gut gelaunt mit KollegInnen über Wissenschaft. Das hat zwei Ursachen. Zum einen stehen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zunehmend unter Spardruck. Also streichen sie vorgefertigte, so genannte gebaute Beiträge. Diese werden nämlich zum größten Teil von freien JournalistInnen erstellt und müssen extra bezahlt werden. Wenn ModeratorInnen Interviews führen oder mit KollegInnen Gespräche führen, kostet das hingegen kein zusätzliches Geld oder bedeutend weniger. Das reduziert allerdings nicht nur die Verdienstmöglichkeiten freier JournalistInnen, sondern gefährdet auch die Qualität der Berichterstattung.
In den täglichen Wissenschaftssendungen Forschung aktuell im Deutschlandfunk und in Quarks auf WDR 5 lässt sich dieser Trend schon seit einiger Zeit beobachten. Natürlich kann man da gute Gespräche hören, aber es klappt eben nicht immer. Denn wenn ein Journalist etwa ein vierminütiges Live-Interview führen muss, braucht er dazu einen Wissenschaftler, der kurz, klar und verständlich antwortet. Schafft dieser es aber zum Beispiel nicht, die komplexe Methodik seines Ansatzes zu erklären, steckt der Journalist in der Bredouille. Eigentlich müsste er dann zur Methodik nachfragen, bis er das Gefühl hat, dass sie auch nicht sachkundige Hörer verstanden haben. Das aber kostet Zeit, die anschließend bei der kritischen Nachfrage zum Forschungsprojekt fehlt. Oft lassen JournalistInnen das Interview daher einfach weiterlaufen. Das Gespräch klingt dann zwar einigermaßen routiniert, aber die Methode des Wissenschaftlers bleibt unklar. Und dann lässt sich auch die Kritik daran nicht wirklich verstehen.
Um das zu vermeiden, wählt man gerne WissenschaftlerInnen, die sich gut präsentieren und vor dem Mikrofon sicher auftreten können. ForscherInnen, die bei der Selbstdarstellung nicht recht mithalten können, fallen eher unter den Tisch. Manche WissenschaftlerInnen sprechen auch zu schnell oder haben eine schrille Stimme – und schon sind sie aus dem Spiel. Bei einem vorproduzierten Beitrag von vier Minuten dagegen kann ein Journalist solange mit dem Interviewpartner arbeiten, bis alle Fragen ausreichend beantwortet sind und daraus seinen Beitrag realisieren. Inzwischen scheint es in diesem Punkt zumindest bei der DLF-Sendung Forschung aktuell wieder ein leichtes Umdenken zu geben, ansonsten setzt sich der Trend aber fort.
Der zweite Grund, warum vermehrt ModeratorInnen und Talkjournalismus eingesetzt wird, ist der Erfolg von Podcastern und Influencern. Man will mithalten und den Entertainer-Effekt steigern. ModeratorInnen oder so genannte Hosts plaudern in Sendungen über Wissenschaft und zeigen dabei Emotion und persönliches Interesse. In diesem Zusammenhang wurde zum Beispiel die jahrzehntealte Sendung Aus Kultur und Sozialwissenschaften aus dem Programm des Deutschlandfunks gekegelt. Der Sender entledigte sich damit eines Alleinstellungsmerkmals, denn es handelte sich dabei um die einzige öffentlich-rechtliche Sendung, die wöchentlich auch über aktuelle sozial- und kulturwissenschaftliche Tagungen berichtete. Kompetente freie JournalistInnen besuchten Tagungen, fingen dort mehrere Stimmen und Perspektiven ein und lieferten so Einblicke in wissenschaftliche Diskussionsprozesse.
Allerdings war dieses Prinzip im Laufe der Jahre auch in dieser Sendung bereits aufgeweicht worden. Man präsentierte zunehmend keinen vielstimmigen Überblick mehr über eine Tagung, sondern berichtete nur noch über ein auf dieser vorgestelltes Einzelprojekt. Häufig besuchten JournalistInnen dann ausschließlich die offizielle Pressekonferenz der Tagung, auf der ausgesuchte Wissenschaftler ihre Ergebnisse verkünden. Weitere Tagungsveranstaltungen, auf denen diese Ergebnisse von verschiedenen Wissenschaftlern diskutiert wurden, blieben außen vor.
Ersetzt wurde Aus Kultur- und Sozialwissenschaften durch die beiden Sendungen Der Rest ist Geschichte und Systemfragen. Dort gibt es keine Tagungsberichte mehr, sondern zwei Hosts führen abwechselnd durch bestimmte Themen. Das sind durchaus kompetente Journalisten, doch niemand ist universell kompetent. Der systematische Vergleich verschiedener wissenschaftlicher Perspektiven gerät dabei in den Hintergrund. Manchmal treibt der Trend, mehr auf lockeren Dialog und Entertainment zu setzen, besonders seltsame Blüten. Zwei ModeratorInnen breiteten sich beispielsweise in einer DLF-Sendung über Zeitforschung höchst amüsiert und ausgiebig über ein skurriles Experiment aus, das so kompliziert konstruiert war, dass kaum seriöse Ergebnisse zu erwarten waren. Diese gab es dann auch tatsächlich nicht, aber das Experiment klang einfach hip.
Das Hostprinzip gibt es auch bei der vom Deutschlandfunk vor einiger Zeit neu ins Programm aufgenommenen Sendung KI verstehen. Die Entscheidung, angesichts der rasanten KI-Entwicklung eine regelmäßige Sendung dazu ins Programm aufzunehmen, ist absolut nachvollziehbar. Dafür wurde aber die bewährte und preisgekrönte Feature-Sendung Wissenschaft im Brennpunkt vom Sonntag auf den Montag verlegt. Die Sendung wurde dabei im Live-Programm nicht nur gekürzt. Auch ihr Anspruchsniveau wurde reduziert. Denn sie läuft nun montags, also an einem Werktag um die Nachmittagszeit. Und es gehört zur Programm“philosophie“, davon auszugehen, dass HörerInnen dann nicht so aufnahmefähig sind. Als sei das nicht genug, wurde im Rahmen dieser Umgestaltung auch die Reihe Auslese kompakt aus dem Programm genommen. Eine der wenigen Sendungen, in denen ausschließlich wissenschaftliche Bücher von WissenschaftsjournalistInnen besprochen wurden.
Ein Trend, der schon lange existiert, besteht darin, „Betroffene“ in Sendungen zu Wort kommen lassen. Beim Versuch, emotional mit dem Social-Media-„Journalismus“ mitzuhalten, wird er noch gesteigert. Natürlich ist es sinnvoll, nicht nur Experten zu befragen, sondern auch Menschen abseits der Wissenschaft mit ihren ureigenen Erfahrungen. Aber dann sollten diese Erfahrungen auch ernst genommen werden. Doch oft hört man zum Beispiel in Sendungen zur Psychiatrie Betroffene, deren Aussagen optimal zu den Aussagen der Experten oder den Intentionen der Autoren passen. Und fast ausschließlich sind das Betroffene, die sich bestens ausdrücken können. Das entspricht aber nicht der Realität in den psychiatrischen Kliniken. Dort werden viele Menschen behandelt, die nicht gerade zu den elaboriert kommunizierenden Schichten gehören. Außerdem setzt man von den Betroffenen nur solche O-Töne in der Sendung ein, die eben „passen“. Die Interviewten werden also weniger als authentisch sich äußernde Subjekte ernst genommen, sondern als Stilelemente genutzt, die zur Auflockerung und Gefühligkeit der Sendung beitragen sollen. Sätze wie „Das können Sie aber wütender sagen“ habe ich mehrfach gehört, wenn Betroffene interviewt wurden. Die knackige Konfrontation verschiedener Wissenschaftlermeinungen wäre oft besser, als einem problematischen Kult der Betroffenheit zu huldigen. Doch der Satz „Und jetzt brauchen wir noch Betroffene“ ist fast schon Standard, wenn ein freier Journalist Redaktionen ein Feature anbietet. Hat er keine, kann das das vorzeitige Ende seines Projekts bedeuten.
Der Trend, klassische Aufklärung und Information durch unterhaltsames Talken und oberflächliche Betroffenheit zu ersetzen, ist also unübersehbar. Natürlich soll Wissenschaftsjournalismus unterhaltsam sein, aber eben nicht um jeden Preis. In einer Zeit der Fake News und der Verschwörungstheorien ist es kontraproduktiv, wenn Sender die sachliche Information über Wissenschaft freiwillig zurückfahren. Immer häufiger jedenfalls höre ich von engagierten KollegInnen, sie seien froh über die bevorstehende Rente oder hätten bereits Angst vor der nächsten Programmreform.
Anmerkung der Redaktion: Anton Argus ist ein Pseudonym. Der Name ist der Redaktion bekannt.













