Erzählen und Nachdenken über das Erinnern
Julian Barnes’ „Abschiede“ ist ein zugleich äußerst ehrlicher wie (selbst-)ironischer Text über Realität und Fiktion am Ende eines langen Schriftstellerlebens
Von Mechthild Hesse
Dies ist kein wirklicher Roman. Die Geschehnisse sind schnell erzählt: Ein an unheilbarem, aber „beherrschbarem“ Blutkrebs leidender Schriftsteller (hier kann man mit Fug und Recht die Interpretation verteidigen, dass der Erzähler Barnes selber ist), erzählt von seinem Leben als Student in Oxford, seiner Rolle als Kuppler zweier Oxforder Freunden in verschiedenen Lebensphasen und seiner Erkrankung. Zusammengehalten werden die Geschichten durch wiederkehrende Gedanken zum Thema Tod, Abschied und Erinnerung. Immer wieder wird die Frage der Verlässlichkeit von Erinnerungen aufgebracht, des Verhältnisses von Realität und Fiktion.
Es scheint einfach, den Text in die fünf Kapitel, die Barnes ihm selbst gibt, einzuteilen: Das erste („Das große IAM“) beschäftigt sich vollständig mit der Frage der Verlässlichkeit von Erinnerungen, zu denen er besonders im letzten Kapitel („Nirgendwohin“) wieder zurückkehrt. Der zweite („Der Anfang der Geschichte“) und der vierte („Das Ende der Geschichte“) Teil behandeln die Liebesbeziehung seiner Freunde Stephen und Jean, bei denen Barnes selbst eine Mittlerrolle spielt. Das dritte Kapitel erzählt vor allem von Barnes‘ Krankheit, in der sein Blutkrebs als „beherrschbar“ beschrieben wird. Aber: Diese Einteilung erscheint zu sauber, zu klinisch. Denn eigentlich kann kein Kapitel von den anderen getrennt betrachtet werden. Jedes ist durchzogen von wiederholten Zweifeln an der „richtigen“ Erinnerung, die selbst das erneute Lesen von unmittelbaren Tagebucheinträgen nicht verdrängen kann:
Ich schlage mein Tagebuch auf, um mir die vierte und vollständige Version meiner Diagnose und Behandlung anzuschauen, nicht weil ich so narzisstisch bin, sondern um zu demonstrieren, wie Erinnerung (und Dokumentation) funktioniert und was bei der Verarbeitung des riesigen Inputs an ´Fakten´ vergessen wird, die das Gehirn speichern soll.
Auch in Bezug auf die „Liebesgeschichte“ von Jean und Stephen spielt Erinnerung eine wichtige Rolle. Mit einem Abstand von 40 Jahren stellt Barnes zweimal den Kontakt zwischen den beiden her. Die beiden, die sich als 20-Jährige getrennt hatten, kommen nun nach 40 Jahren auf sein Drängen wieder zusammen und heiraten sogar. Aber auch diese Beziehung scheitert, da beide Partner unterschiedliche Erinnerungen haben, die nicht zusammenpassen. „Proust sagt irgendwo, dass die Erinnerungen, die sich zwei Menschen voneinander bewahren, sogar in der Liebe, nicht dieselben sind.“ Barnes fügt verstärkend hinzu, dass er das „sogar“ in ein „vor allem“ ändern würde: „Vor allem in der Liebe sind die Erinnerungen zweier Menschen nicht dieselben.“ Aber nicht nur deshalb scheitert die Liebe, sondern auch wegen der verschiedenen Lebenseinstellungen und Gefühle der beiden. Während Jean nicht an Glücklichsein glaubt, wenn sie sagt „Glücklichsein macht mich nicht glücklich“, versucht Stephen, sie mit seinen Liebesbekundungen zu überschütten. Er ist der Meinung, man könne „seine Gefühle nicht runterdimmen“. Sie dagegen glaubt nicht an die Liebe und auch mit dem Verweis auf verschiedene Schriftsteller, die gut über die Liebe geschrieben haben, findet sie, dass „ihr persönliches Dilemma, ihre Geschichte von einer Liebe, die sie nicht zufriedenstellt, in der Literatur nicht angemessen behandelt wird“, und sie fügt hinzu: „Im wirklichen Leben, Mister Romanschreiber, ist die Liebe nicht so, wie du und die Leute deines Schlages sie darstellen“. Realität und Fiktion passen ihrer Meinung nach nicht.
Das letzte Kapitel ist vielleicht das persönlichste: Auf die Frage nach der berühmten „bucket list“, verweist Barnes auf die vielen Dichter, deren Sehnsucht sie (zumindest in der Phantasie) in die Ferne trieb. Er selbst aber bleibe „auf dem Teppich“. Nicht die Ferne, sondern die europäischen Städte mit ihren Kunstschätzen würden ihm zum Abschied gefallen:
Darum würde ich lieber noch einmal in großen und kleinen Städten Europas herumbummeln, mir das Meer von einer sicheren Promenade und schneebedeckte Berge aus warmer Entfernung anschauen. Und so, wie ich vielleicht zum letzten Mal große Romane wiederlese, würde ich gern großer Kunst einen Abschiedsbesuch abstatten.
Dabei nennt er berühmte Bilder in den berühmten Museen Europas. Auf die Frage einer Interviewerin, ob er gemäß Dylan Thomas‘ Gedicht nun am Ende seines Lebens gegen das sterbende Licht wüten werde, verweist er auf den alten, blinden, tauben, zahnlosen Hund Jimmy, den er nach Jeans Tod von ihr geerbt hat:
Ich bin nicht viel anders als er – ich versuche, zumindest stoisch zu sein, und ich schlafe mehr, seit der Krebs und seine Behandlung Einzug in mein Leben gehalten haben. Und obgleich ich den Tod noch immer hasse und fürchte (und dabei die Sinnlosigkeit solcher Proteste einsehe) – wüte ich gegen sie? Ich weiß nicht, ob ich das je getan habe; ich glaube, ich habe versucht, bei klarem Verstand gegen ihn anzuheulen.
Mehrfach stellt Barnes nüchtern fest: „Das Universum macht seine Arbeit.“ Dies ist seine Antwort auf das Wie und Warum des Sterbens.
Dies ist ein Buch, das man nicht leicht aus der Hand legt, oder, wenn man dies tut, dann immer wieder zur Hand nehmen muss. Es behandelt ernste und schwierige Themen, die nicht immer einfach zu verstehen sind, aber eben deshalb kann man es immer wieder lesen. Durch seinen aufrichtigen und ehrlichen Ton beeindruckt es; zugleich führen aber Witz, (Selbst-)Ironie und feine Hiebe zum Beispiel auf „Paraträumer“ (die glauben, sie könnten ihr Leben verlängern durch das „Verfrachten auf einen Planeten“) hin und wieder zum Schmunzeln, wenn nicht zu lautem Lachen.
Für den Leser, der des Englischen mächtig ist, empfiehlt sich das von Barnes selbst gelesene Hörbuch, das die Ironie noch besser hervortreten lässt. Nichtsdestotrotz ist die deutsche Übersetzung von Gertraude Krueger hervorragend gelungen.
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