Gefühlserbschaften des Holocausts

Chemiker im NS-Regime: Susanne Beyers „Kornblumenblau“ behandelt den rätselhaften Tod ihres Großvaters bei Kriegsende 1945

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kann man um die Nazi-Verstrickungen eines Vorfahren wissen und ihn dennoch auf beunruhigende Weise sympathisch finden? Und wenn ja, darf man solche Emotionen zulassen? Auf diese Fragen, die die Gefühlsdilemmata der Nachfahren von NS-Tätern umreißen, läuft in Susanne Beyers Buch Kornblumenblau alles hinaus. An seinem Beginn stehen die jahrelangen Recherchen der Autorin zum geheimnisvollen Tod ihres Großvaters bei Kriegsende im April 1945.

Doch zunächst ein Schritt zurück. Denn in dem Buch der 56-jährigen Journalistin manifestiert sich, wie auch in anderen jüngeren Veröffentlichungen, darunter die Spurensuche Mein Großvater, der Täter ihres Kollegen Lorenz Hemicker oder Judith Hermanns Buch über ihren SS-Großvater Ich möchte zurückgehen in der Zeit, ein bemerkenswertes Phänomen: Achtzig Jahre nach Kriegsende scheint vielen Deutschen die NS-Zeit näher denn je. Es ist vor allem die eigene, lange von Tabus und Schweigen umstellte Familiengeschichte, die heute für viele Nachgeborene in den Fokus rückt.

Begünstigt wird dieses neue Interesse oft durch das Ableben von familiären Zeitzeugen, auf deren Emotionen lange Rücksicht genommen werden musste, sowie natürlich durch neue digitale Recherchemöglichkeiten. Das zeigt sich nicht zuletzt in der steigenden Zahl an Anfragen nach Akten aus der NS-Zeit beim Bundesarchiv, allein im Jahr 2023 waren es über 75.000. Von daher passt es gut, dass Susanne Beyer ihr reflektiertes und spannend zu lesendes Buch gleich als exemplarische Recherche angelegt hat und ihrer Leserschaft immer wieder Tipps und Hilfestellungen für eigene Nachforschungen gibt.

Nun war Susanne Beyers Großvater im Unterschied zu den Großvätern Hemickers oder Hermanns kein SS-Angehöriger. Er war nicht einmal Parteimitglied. Die Haltung von Beyers Vorfahren zum NS-Regime ist unbekannt, da sich weder Briefe noch Tagebücher von ihm erhalten haben. Ein Kollege lobte ihn zwar nach dem Krieg als „eifrigen Verfechter der demokratischen Staatsidee“, doch könnte dieses nachgerufene Urteil, befürchtet die Enkelin, womöglich den damals geänderten Zeitumständen geschuldet sein. Familienmitglieder beschrieben ihn als gewissenhaft und unfähig zu lügen und vermuteten gerade darin einen Grund dafür, warum der promovierte Chemiker unmittelbar vor Kriegsende noch sterben musste: Er habe wohl zu viel gewusst. 

Susanne Beyer nähert sich dieser wie auch anderen Familienlegenden mit wohltuender Skepsis und sichert, in bester Journalistenmanier, die Fakten. Und die werden, je näher sie ihrem Großvater kommt, umso abgründiger. Denn ihr Vorfahr war ein in der NS-Zeit gefragter Fachmann, der beim Reichsamt für Wirtschaftsausbau, in Kooperation mit der I.G. Farben, mit der synthetischen Herstellung von Kautschuk, also Gummi, zu tun hatte. Ein Rohstoff, der in Kriegszeiten schwer zu importieren war, aber von der Wehrmacht dringend gebraucht wurde.

Als ein, wie es in einer Beurteilung hieß, „unentbehrlicher und unersetzbarer Spezialist auf dem Buna-Gebiet“ (die Abkürzung stand für „Butadien mit Natrium“, ein Synonym für synthetischen Kautschuk) war Beyers Großvater bis zuletzt „u.k. gestellt“, also vom Wehrdienst befreit. Der Preis dafür war, wie die Autorin feststellen muss, eine Tätigkeit in einem Bereich, der ihn zwangsläufig in die Nähe des Holocausts brachte.

Denn das Buna-Werk wurde in unmittelbarer Nähe zum Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau errichtet, erbaut von Tausenden von Zwangsarbeitern, unter ihnen der italienische Chemiker und spätere Schriftsteller Primo Levi (Ist das ein Mensch?). „Mir fehlen die Belege, ich kann wirklich nur vermuten, wie es gewesen ist“, schreibt Susanne Beyer in ihrem Buch.

Da in diesen Akten aus Auschwitz kein Geheimnis gemacht wurde, bedeutet das sehr wahrscheinlich, dass mein Großvater von den schweren Verbrechen dort gewusst haben wird. Und wer Zeuge eines Unrechts ist, wird auch Teil dieses Unrechts, selbst wenn er das Unrecht nicht selbst bewirkt hat.

Gegen Kriegsende brachte Susanne Beyers Großvater seine Frau und kleine Tochter, die Mutter der Autorin, in den Westen; er selbst hielt als einer der letzten Reichsamtsmitarbeiter Stellung im eigentlich längst geräumten Ausweichquartier seiner Abteilung im brandenburgischen Kloster Lehnin, damals wie heute betrieben von evangelischen Schwestern. Dort marschierte am 23. April die Rote Armee ein. Noch am selben Abend, als die Rotarmisten feierten und vergewaltigten, wurde Beyers Großvater erschossen, als einziger Deutscher in dieser Nacht im Kloster.

Warum? Die Quellen, darunter Aufzeichnungen der Diakonissen und der Bericht eines Kollegen, deuten in unterschiedliche Richtungen. Von einem Missverständnis ist zum Beispiel die Rede, vielleicht aufgrund eines Übersetzungsfehlers. Oder musste Beyers Großvater, als ranghöchster Reichsamtsmitarbeiter vor Ort, buchstäblich den Kopf für die Verbrechen der Nazis hinhalten? Immerhin handelte es sich um dieselbe Einheit, die Tage zuvor Auschwitz befreit hatte.

Eine Antwort auf die Frage, warum ihr Großvater in jener Nacht sterben musste, findet die Autorin nicht. Ebenso wenig wie auf andere: Hat ihre Großmutter je mit ihrem Mann über seine Arbeit gesprochen? Warum brachte er seine Familie im Westen in Sicherheit, kehrte selbst aber ins Kloster und damit in Frontnähe zurück? Wieviel Verantwortung trug er wirklich, war er womöglich einfach in das Ganze hineingerutscht, um dem Kriegsdienst zu entgehen, oder spiegelt sich in dieser Vermutung bereits das Bedürfnis der Enkelin, ihren Großvater zu entschuldigen?

Was für die Autorin bleibt, ist der wachsende Widerspruch zwischen ihrem Wissen um die Tätigkeit ihres Vorfahren und ihren persönlichen Gefühlen zu ihm. „Ich merke, dass ich trotz der ganzen Recherche nicht davon weggekommen bin, was ich schon zugegeben habe, als ich das Fotoalbum meiner Großmutter analysiert habe: dass ich meinen Großvater mögen will. Nützen denn all diese Recherchen nichts?“ Sie betrachte ihren Vorfahren auf eine Weise, die ihr zwar emotional richtig vorkomme, aber moralisch falsch, gesteht die Autorin.

Warum solche Konflikte von Nachgeborenen gar nicht so selten sind, erklären ihr Lektüren, etwa von Marina Chernivskys Studie Gefühlserbschaften des Nationalsozialismus, oder Gespräche, zum Beispiel mit dem jüdischen Psychotherapeuten Peter Pogány-Wnendt, der einem Arbeitskreis für intergenerationelle Folgen des Holocausts vorsitzt. Dass alles macht Beyers Buch, trotz des mitunter recht subjektiv-emotionalen Zugangs, zu einer höchst lesenswerten Lektüre.

Titelbild

Susanne Beyer: Kornblumenblau. Der geheimnisvolle Tod meines Großvaters 1945 und die Frage, was er mit den Nazis zu tun hatte.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2025.
239 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783421070425

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