Die Frau mit dem sprechenden Namen
Helene Böhlaus „Halbtier!“ kritisiert sprachgewaltig die misogyne Männergesellschaft zur vorletzten Jahrhundertwende
Von Rolf Löchel
Dass es sich bei Frauen um Wesen handelt, die irgendwo zwischen dem Menschen (also dem Mann!) und den Tieren angesiedelt sind, ist eine uralte misogyne Vorstellung. So ließ schon Platon in seinem Dialog Timaios die titelstiftende Figur seine beiden Zuhörer Sokrates und Kritias in einem fast den gesamten Dialog andauernden Monolog darüber belehren, dass Menschen, die ihrem Dasein als Mann nicht genügen, als Frauen wiedergeboren werden und falls sie auch als solche versagen, eine weitere Wiedergeburt als Tier erfolge.
Ob Böhlau den Dialog je gelesen hat, ist dem Rezensenten unbekannt. Jedenfalls aber verhält es sich in ihrem Roman um die Protagonistin und Identifikationsfigur mit dem sprechenden Namen Isolde Frey (Ich sollte frei sein) nicht viel anders. Auch in ihm steht zumindest für die männlichen Figuren fest, dass Frauen ihr Leben irgendwo auf einer Stufe zwischen den Menschen und den Tieren fristen. Darauf weist schon der Titel des Buches Halbtier! hin. Es war der letzte und vor allem radikalste von Böhlaus vier feministischen Romanen. Mehr noch, die dem Roman zugrunde liegende Haltung ist sogar derart radikal, dass seine Verfasserin später glaubte, sich von dem, wie sie in einem von Helene Falk im Nachwort zitierten Brief schrieb, „ärgerlichen Buch“ distanzieren zu müssen.
Die Handlungszeit des Romans umfasst insgesamt zehn Jahre mit zwei Zeitsprüngen von jeweils fünf Jahren. Die zu Beginn siebzehnjährige Isolde ist ein „schöne[s] rassige[s] Geschöpf“, das einer sogenannten gutbürgerlichen Familie entstammt und nicht weniger als „das ganze Leben haben [will], das volle, das bis an den Rand volle“ und sich auch dafür einsetzt, sich den Wunsch zu erfüllen. Damit unterscheidet sie sich nicht unwesentlich von ihrer weit zurückhaltenderen Schwester Marie, die als junge Frau von „weicher Liebenswürdigkeit und einer ebenso „weiche[n] Seele“ vorgestellt wird, die im elterlichen Haus eine „behagliche Stube“ mit einem „schneeweißen Bett“ ihr Eigen nennen darf. Ein vollkommen unschuldiges Wesen also, das von Isolde nicht umsonst „Sammtaff’“ genannt wird.
Beider liebloser, dafür aber ständig schimpfender Vater macht als „Schriftsteller und Allerweltsmann, Vereinsmann, Redner, voraussichtlicher Reichstagsabgeordneter und so weiter“ von sich reden und trägt wie (mit einer Ausnahme) alle Männer des Romans eine ausgemachte Frauenverachtung zur Schau. So gilt ihm das weibliche Geschlecht schlicht als „Gansvolk“ mit „Hennengehirn[en]“, deren Ansichten nichts weiter als belangloses „Weibergegacker“ seien. Kein Wunder also, dass er Isolde verbietet, Lehrerin zu werden. Sie solle einfach „heiraten, Weib sein“. Denn „das Weib ist eben Weib. Wenn’s net Weib genug ist, um nur Weib zu sein, soll man’s totschlagen!“ poltert er. So beschließt der „Familienrat“, „dass Isolde kein Blaustrumpf werden dürfe“. Dieser angebliche Familienrat besteht selbstverständlich nur aus den männlichen Familienangehörigen, also dem Vater und Isoldes beiden Brüdern Karl und Emil. Und ebenso selbstverständlich bekommen auch nur die Herren der Familie von der längst zur unterwerfenden Selbstlosigkeit gebrochenen Ehegattin und Mutter zum Mittagstisch Fleisch serviert. Die wiederum legt ihren ganzen Stolz darein, „ihre beiden Mädels […] zu behüten“. Darunter versteht sie, dass Isolde und Marie „gerade so weltfremd [bleiben] wie andere höhere Töchter auch“. „Bst – Bst! […] Friede – Friede – Bedenke, dass du ein Mädchen bist“, pflegt sie Isolde zu mahnen, wenn sie ihr wieder einmal allzu vorlaut erscheint.
Von ihren beiden Söhnen ist einer, Emil, ein ebenso bedeutungsloser wie blasser „Großhirnmensch, der vor lauter Intelligenz demnächst durch’s Examen purzeln wird“, der andere, Karl, ist nicht nur in seinen Ansichten, sondern auch in seinen Taten dem Vater zumindest ebenbürtig. So zeugen beide ein außereheliches Kind, wobei sich der Sohn als noch frauenfeindlicher als sein Erzeuger erweist.
Irgendwann nimmt der Vater Isolde zu einer Gesellschaft im mondän anmutenden Haus der abgeklärten und emanzipierten Mrs. Wendland mit. Dort lernt sie Henry Mergensen kennen und verliebt sich in die Werke des berühmten Malers. Diese Liebe überträgt sie auf den Mann selbst, der sich aber als mindestens ebenso misogyn erweist wie ihre Brüder und ihr Vater. Nachdem Isoldes Mutter eine große Erbschaft gemacht hat, heiratet Mergensen in die Familie ein – aber nicht etwa Isolde, sondern Marie, weil die fügsam ist und er Isolde außerdem demütigen will.
Isolde zieht sich in den folgenden Jahren ganz zurück und bildet sich zur Bildhauerin aus. Vorübergehend steht sie dem Buddhismus nahe, erkennt aber schnell, dass der ebenso misogyn ist wie alle Welt und „dass Buddha, der Wundervolle, der Tiefste der Tiefen, der Welterlöser, Leidensüberwinder, das Weib ausgeschlossen hatte – ausgeschlossen aus ihrem ureigensten Reich der Leidensüberwindung und Erkenntnis des Leidens“. Ihre vorübergehende Nähe zu der fernöstlichen Religion hat ihre Ursache in ihrer Freundschaft mit dem dieser zugeneigten Ehepaar Lu Geber und deren Gatten Herwig. Bei Letzterem handelt es sich um die eine Ausnahme von der allgemeinen männlichen Misogynie. Herwig ist „Philosoph so durch und durch“, „dass es ihm schwer[fällt], von etwas anderem zu reden“. Lu wiederum ist eine enge Freundin der Engländerin Mrs. Wendland, die eine glückliche Ehe, wie Lu und ihr Mann sie führen, für ein „großes Unglück“ hält. Eines aber haben sie und Lu gemein. Beide Frauen durchschauen die Männer und ihr Gehabe mit leiser Verachtung.
Isolde wiederum steht nicht nur vorübergehend dem Buddhismus nahe, sondern besucht auch Veranstaltungen der Frauenbewegung, die sie aber in ihrer „gutbürgerliche[n] Vereinsbefriedigung“ wenig anspricht. Darin gleicht sie ihrer Erfinderin: Auch Böhlau fand die Frauenbewegung „spießig“, wie sie in dem bereits genannten Brief erklärte.
Nicht eben spießig, aber doch zumindest bedenklich ist der Opferkult, den die Frauen des Romans pflegen. Für die meisten von ihnen ist „das Größte auf Erden: Weib sein! Sich opfern!“. So auch für Isolde. Allerdings will sie sich nicht wie andere für einen Mann (auf-)opfern, denkt sie doch nach ihrer durch Mergensen erlittenen Enttäuschung: „Das Herrlichste auf Erden ist Weib sein! – sich opfern! […] nur anders. Noch größer muss das Opfer sein. Menschlicher, schöner, bewusster“. Daher ist sie „bereit, sich zu opfern – bereit, mit ihrem Leben einzustehen gegen die ganze Welt.“ Und auch die Erzählinstanz huldigt dem Opferkult:
Ja, da ist etwas groß geworden im Weibe, – unüberwindlich, groß durch Schmach. Mitten in dem Dummen, Albernen, Unentwickelten ist eine Kraft gewachsen, die Kraft, die durch Leiden, Verachtung, Verstoßung wächst. Hellsehend überschaute Isolde das rechtlose, zum Halbtier herabgedrückte, geistberaubte, schmerzbeladene Weibtum dieser Welt.
Dieser im 21. Jahrhundert oft allzu exaltiert wirkende Stil durchzieht fast jede Seite des Romans. Zugleich aber werden die Männer und ihre Ansichten immer einmal wieder auf höchst ironische, ja fast schon satirische Weise ins Lächerliche gezogen. Dann wieder werden Familien-, Ehe- und andere Kritik in knappe und darum geradezu bestechende Formulierungen gekleidet: „Mutter, Sohn und Tochter. Fremd, wie sich nur Familienmitglieder sein können“. Geiz wird wiederum mit einem Bild bloßgestellt, das besagt, dass der „Geldbeutel […] tiefer und unzugänglicher beim menschlichen Geschöpf sitzt als Herz und Nieren“. Wunderschön formuliert ist die Rede vom „Riesenreich der Toten, in das das kleine Häuflein Lebender unausgesetzt hineinschmilzt“.
Mögen der Opferkult des Romans und die wiederholte Exaltiertheit seiner Sprache auch befremden, so ist dem Reclam Verlag doch großer Dank dafür auszusprechen, dieses nicht nur wegen seiner Patriarchatskritik und seiner emanzipatorischen Botschaft noch immer wichtige Buch Böhlaus neu herausgegeben zu haben.
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