Das Irland von einst

Zu einer Neuausgabe von Heinrich Bölls „Irischem Tagebuch“

Von Herbert FuchsRSS-Newsfeed neuer Artikel von Herbert Fuchs

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Neuausgabe des bekannten Bestsellers Irisches Tagebuch von Heinrich Böll erscheint in der Typographischen Bibliothek, die vom Wallstein-Verlag und der Büchergilde Gutenberg herausgegeben wird. Die Bücher dieser Reihe zeichnen sich durch eine sorgfältige Gestaltung des Schriftbilds aus und durch eine ungewöhnliche graphische Gestaltung mancher Seiten. So finden sich im Tagebuch zum Beispiel linierte Seiten, die die Form eines Tagebuchs aufgreifen sowie graphische Darstellungen und „Linien-Wörter“, die aus manchmal nicht leicht entzifferbaren Strichen und Liniengebilden geformt werden und, die wie Aushängeschilder Motive der einzelnen Kapitel akzentuieren. Klaus Detjen zeichnet für die gelungene typographische Gestaltung des Buches verantwortlich und hat dazu ein informatives Nachwort geschrieben.

Das Wort „einst“ in der Überschrift dieser Besprechung führt gut siebzig Jahre zurück in die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als Heinrich Böll die Insel als seinen Zufluchtsort entdeckte und seine Eindrücke in Form eines „Tagebuchs“ niederschrieb. Dieses veröffentlichte er zuerst als eine Fortsetzungsserie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dann, 1957, in Buchform.

Siebzig Jahre sind keine allzu lange Zeit. Und dennoch scheinen zwischen Bölls Erfahrungen auf der „grünen Insel“ und dem modernen Irland Welten zu liegen. Bölls Irland mag es in abgelegenen Gegenden noch geben; eigentlich aber ist es verschwunden, verdrängt worden von einer ganz anderen Gesellschaft, die weltoffen ist, liberal, längst nicht mehr so kirchenfromm wie in den 1950er Jahren, in der Menschen nicht mehr wegen der drückenden Armut auswandern müssen, die Kinderzahl wie in den anderen europäischen Staaten zurückgegangen und das Einkommen der Bevölkerung relativ hoch ist.

Bölls Irland existiert so, wie es im Tagebuch anklingt und zwischen den Zeilen durchschimmert, nicht mehr. Und dennoch liest es sich nicht wie ein Buch, das veraltet ist. Im Gegenteil: Seine Lektüre ist erfrischend kurzweilig und unterhaltsam.

Dass das Tagebuch auch heute seine Leserinnen und Leser findet, liegt vor allem an der sprachlichen Gestaltungskraft des Schriftstellers Böll. Er begegnet dem Land und seinen Bewohnern mit hellwachen Augen und Ohren, ist begeistert von den Menschen und der beeindruckenden irischen Landschaft und lässt, was er an Neuem oder Besonderem erfährt, mit Hilfe seiner Sprache zu Leseerlebnissen werden. Lesende spüren die Liebe zu Irland, seine guten wie bedrückenden Seiten, in vielen Sätzen. Das ganze Tagebuch ist eigentlich eine Liebeserklärung an die Insel, an das regnerische, raue Nordseeklima und die Iren, die mit der Kargheit ihres Lebens auf ihre besondere Weise umgehen, dabei Schmerzliches erleiden, aber auch kleine Siege davontragen.

Böll versteht es meisterhaft, seine Eindrücke in Geschichten zu „übersetzen“. Er präsentiert sie nicht als fortlaufende Erzählung. Es sind eher Impressionen, anekdotenhafte Begebenheiten, genaue Beobachtungen und Schilderungen und immer wieder szenisch und erzählerisch ausgearbeitete Darstellungen. Sie basieren auf Erlebtem, werden aber durch hinzugedichtete Szenen ergänzt und „aufgefüllt“. Die Kapitel Ankunft und Abschied und die vielen Hinweise auf die tatsächlichen Irlandaufenthalte der Familie Böll im Westteil der Insel, auf Achill Island, geben ihnen einen festen Rahmen. Das Buch ist aus einem erzählerischen Guss geschrieben, das Lesende auch heute noch in seinen Bann zieht.

Böll breitet vor den Lesenden seine Erfahrungen mit Irland, das für einige Jahre eine Art zweiter Heimat für ihn und seine Familie wurde, aus. Er beschreibt die Landschaften, lässt Menschen lebendig werden und erzählt kleine rührende, manchmal dramatische Geschichten, die die Lektüre zu einem Leseabenteuer machen. Lesende ahnen, dass sich wahre Begebenheiten und Dichtung vermischen, spüren aber, dass gerade dadurch eine Wirklichkeit greifbar wird, die kaum auf andere Weise erfahren werden könnte, und die, auch wenn sie sich in der Zwischenzeit gewandelt hat, durch Bölls Erzählweise aufregend neu wird und nahegeht. Sie lernen das mühevolle Leben vieler Iren von „einst“ kennen und gleichzeitig die enge Verbundenheit der Menschen mit ihrer Heimat, ihre Ergebenheit in ihr Schicksal, in ihren harten, oft freudlosen Alltag und spüren dennoch die Freundlichkeit und Lebensbejahung der Menschen in vielen Zeilen.

Entscheidend dafür, dass dieser Leseeindruck entsteht, ist die Erzählhaltung des Autors. Alles sehen Lesende durch seinen Blick, und dieser Blick ist dem Land und seinen Menschen freundlich gesonnen. Es ist ein interessierter, neugieriger und staunender Blick, den Böll auf die Iren wirft, ein Blick, der hinter fast allem, und mag es noch so fremd oder komisch oder gar absurd erscheinen, das Positive sieht. Der Erzähler ist, das wird von den ersten Zeilen des Buches an klar, ein großer Irland-Liebhaber, einer, der die Menschen auf der Insel mag und der die großen irischen Dichter Swift, Yeats und Joyce zu seinen Vorbildern zählt. Mit seiner Begeisterung macht er auch seine Leserinnen und Leser zu Irland-Enthusiasten. Vielleicht liegt darin das eigentliche Geheimnis des Erfolgs dieses Buch. Nach seiner Veröffentlichung wurden über ein Million Exemplare verkauft. Es löste einen regelrechten Achill Island-Touristenboom aus und prägte das Irlandbild vieler Menschen in Deutschland.

Böll verbindet gekonnt die Beschreibung der kargen Küsten- und Torflandschaft und ihrer Bewohner mit gesellschaftlichen Fragen. So nennt er Irland eine „Insel der Heiligen“ und betont damit die mehr als tausendjährige Tradition des Christentums des irischen Volkes. In vielen Szenen geht es um die Religiosität der Irinnen und Iren, ihren selbstverständlichen Glauben und ihre Treue zur Katholischen Kirche. Vom ersten Kapitel an geht es aber in zahlreichen Szenen auch um die Aushöhlung dieser Frömmigkeit durch eine hilflose Kirche, die auf die bedrückende Alltagswirklichkeit vieler nur noch mit Phrasen und leeren Worten reagiert. Die rührenden und gleichzeitig verstörend-hilflosen Worte eines Priesters zu einer jungen Frau, die ihm in einem Wortschwall ihr Leiden an Kirche und Irland klagt, lauten: „Mein Kind!“. Sie werden wie eine Beschwörungsformel wiederholt, klingen wie ein Satz aus einer Litanei oder einem Gebet und versagen dennoch als Trost: Sie drücken nichts als die Hilflosigkeit gegenüber den Nöten der Gläubigen aus und bleiben im Formelhaft-Inhaltsleeren stecken.

Neben der kritischen Darstellung der Kirche zieht sich eine weitere unausgesprochene Anklage durch das Buch. Sie betrifft die übergroße Armut vieler Menschen in Irland. Sie zwingt die jungen Männer und Frauen aus kinderreichen Familien dazu, ihre Heimat, als sei das ein ungeschriebenes Gesetz irischen Lebens, zu verlassen, nach England oder Übersee auszuwandern, oft ohne Hoffnung auf Rückkehr oder ein Wiedersehen mit ihren Angehörigen. Die Tränen, die bei Abschieden vergossen werden, sind ein wiederkehrendes Motiv im Tagebuch. Die Armut schafft ein auswegloses Dilemma, führt zu einer düsteren Hoffnungslosigkeit und melancholischen Lebenssicht der Menschen.

Es gibt aber auch andere Begebenheiten: komische (die Abendveranstaltung des Kinos beginnt erst, wenn die Ortsgeistlichen anwesend sind), dramatische (die Arztgattin wartet sorgenvoll auf die Rückkehr ihres Mannes, der in der Nacht zu einer Schwangeren gerufen wird), genau beobachtete und manchmal humorvolle Situationen, die den Lesenden Landschaft und Menschen nahebringen. Warum eine Frau die „schönsten Füße der Welt“ hat, ist so noch nie erzählt worden. Und wer Sprach-, Ess- und Trinkgewohnheiten der Menschen in Irland kennenlernen will, kann aus Bölls Tagebuch einiges lernen.

Beklemmend ist die Schilderung des Besuchs von Yeats´ Grab:

Krähen flogen von alten Grabsteinen auf, krächzten um den alten Kirchturm herum. Naß war Yeats´ Grab, kalt der Stein, und der Spruch, den Yeats sich hatte auf seinen Grabstein schreiben lassen, war kalt wie die Eisnadeln […]: Reiter, wirf einen kalten Blick auf das Leben, auf den Tod – und reite weiter.

Heinrich Böll, der große, einflussreiche Erzähler der Nachkriegszeit und der 1970er und 1980er Jahre, der Nobelpreisträger von 1972, ist in den letzten dreißig Jahren im Bewusstsein der Leserinnen und Lesernicht mehr so präsent wie einst. Dem Irischen Tagebuch sind viele Lesende zu wünschen. Vielleicht greifen einige von ihnen nach der Lektüre zu einem Roman von Böll. Böll als Schriftsteller wieder zu entdecken, könnte sich lohnen.

Titelbild

Heinrich Böll: Irisches Tagebuch.
Hg. von Klaus Detjen.
Wallstein Verlag, Göttingen 2022.
104 Seiten, 34,00 EUR.
ISBN-13: 9783835353015

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch