Das Schweigen der Väter
Dieter Bongartz gelingt in seinem Roman „Vaterland“ ein furioses, psychologisch dichtes Porträt seiner Herkunftsfamilie und der deutschen Nachkriegsgesellschaft
Besprochene Bücher / Literaturhinweise
Zehn Jahre nach dem Tod des Autors Dieter Bongartz, der sich vor allem als Drehbuchautor und Filmemacher einen Namen machte und die Kölner Schreibschule leitete, brachte der März-Verlag 2025 den Roman Vaterland heraus. Darin nimmt der Erzähler eine Krebsdiagnose zum Anlass, sich auf eine Zeitreise zu begeben, bei der er der Geschichte seiner Familie nachspürt.
Die Lesenden folgen ihm bis zurück in die Kindheit der Eltern: die Mutter, die schon früh zur Halbwaise wird und den Kampf ums täglich Brot kennenlernt, umso mehr darauf hoffend, dass ihr charmanter Verehrer ihr eine glückliche Zukunft ebnet. Der Vater aus erzkatholischer Familie vom Niederrhein, der ganz vom Nationalsozialismus beseelt ist und an die Heilsversprechen Hitlers mehr glaubt als an diejenigen seiner Kirche.
Doch die Wünsche und Träume der beiden zerplatzen in Krieg und Vertreibung. Was danach bleibt, ist eine mühsam aufgebaute Existenz in einer katholisch-evangelischen „Mischehe“ in der alten Heimat am Niederrhein und der Versuch, trotz der halbseitigen Lähmung des Ex-Soldaten und der Erlebnisse im Krieg ein normales Leben aufzubauen.
Dabei prägt vor allem das Schweigen der Väter die Gesellschaft der Nachkriegszeit: Aufschwung, Konsum und eine „Wir sind wieder wer“-Stimmung übertünchen die innere Versehrtheit der Rückkehrer aus dem Krieg. Wenn überhaupt wird dieser nur als Hintergrund für eigene Heldentaten erwähnt. Ansonsten pflegt man biedere Normalität und ein eher tristes Familienleben.
Geschickt verwebt Bongartz dabei die persönlichen Schicksale mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts und zeigt auf eindringliche Weise die über mehrere Generationen hinweg prägenden Auswirkungen von Gewalt und Totalitarismus.
Weder inhaltlich noch stilistisch handelt es sich bei dem Roman um leichte Kost. Trotz des nicht allzu gewichtigen Umfangs von „nur“ 270 Seiten, ist das wuchtige Werk alles andere als leicht zugänglich. Und Bongartz tut nichts, um den Lesenden die Lektüre seines Titels zu erleichtern – im Gegenteil. Tonnenschwer kommt nicht nur der vielfach bedrückende Inhalt daher, so etwa der in aller Ausführlichkeit dargestellte Kopfschuss des Vaters und sein zermürbender langer Aufenthalt im Lazarett. Ebenso sperrig und schwer lässt sich auch seine Erzählweise an, bei der in den Erzählfluss scheinbar willkürlich unvermittelte, unverbundene Literaturzitate, Liedzeilen, Schüttelreime, Gebete und Gedankenbruchstücke einstreut, die jedoch bei näherer Sicht einen deutlichen Bezug zur jeweiligen Situation haben.
Zunächst wirkt dieser Stil eher befremdlich und hemmend. Doch schon bald erzeugen die überbordende Vielzahl an grotesken Metaphern und Überzeichnungen sowie Bongartz‘ allgegenwärtige Ironie einen starken Sog, tiefer in die Geschichte einzutauchen, wie man ihn ansonsten etwa von Günter Grass in dessen besten Zeiten kennt.
Wer sich durch die ersten Seiten gekämpft hat und sich dann auf diesen sehr speziellen Stil einlässt, wird mit einer Geschichte belohnt, die sich auf intelligente Weise und mit großer Kunstfertigkeit universellen Menschheitsthemen wie Verlust, Schuld und Scham, aber auch Liebe und Hoffnung widmet. Einziger Wermutstropfen ist, dass Bongartz selbst die Veröffentlichung nicht mehr miterleben konnte. Aber zumindest ist die deutschsprachige Literaturwelt mit seinem posthum erschienenen Roman um einen klugen und wertvollen Titel reicher.