Bewusstseinsnebel
In ihrem neuen Roman „In die Schweiz“ überrascht Emma Cline, die bisher vor allem mit ihren Frauenfiguren reüssierte, mit der Geschichte eines alten Mannes David, der seine letzte Reise antritt
Von Tilman Urbach
Was, wenn der Verstand sich verabschiedet? Sich vieles vor dem inneren Auge nur noch schemenhaft abbildet, in Teile zerfällt, sich nicht mehr zu einem vollen Bewusstsein und sinnhaften Ganzen formt? David hat die Diagnose einer tödlichen Krankheit bekommen. Innerhalb des nächsten Jahres wird sein Verstand versiegen. Und so fliegt er ein letztes Mal über den Atlantik zu seiner Tochter nach London. Sein eigentliches Ziel aber ist die Schweiz, Zürich – und Leser und die Leserin erkennen schnell, dass er dort einen assistierten Suizid begehen will.
Es ist bestürzend zu lesen, wie die Realität für David zerfällt. Erinnerungssplitter, so unzusammenhängend sie sein mögen, flattern durch sein Gesichtsfeld, schieben ihn immer wieder in eine in sich abgeschlossene Welt staunender Empfindung. Manchmal ist es auch nur ein Kinderreim: „The quick brown fox jumps over the lazy dog.“ David gehörte zu den Führungskräften einer großen Firma und ist finanziell abgesichert. Für seine letzte Reise stellt ihm sein Chef seinen Privatjet zur Verfügung. Und Cody, früher Davids Assistent und rechte Hand, übernimmt nun die Betreuung, kümmert sich mit Pflegerin Sylvia ums Alltägliche. Vor allem aber – als die Demenz-Diagnose klar ist, hat die Firma David umgehend und folgerichtig von seinen geschäftlichen Aufgaben entbunden. Weist ihm eine unbedeutende Position zu. David ist isoliert.
„Es stimmte, dass er immer mehr Zeit verlor. Die verlorenen Abschnitte wurden länger. Handlungen, die er nicht erklären konnte. Warum stand er zur heißesten Zeit des Tages in einer ihm unbekannten Stadt an einer Tankstelle? Warum war er auf dem Rücksitz seines Wagens aufgewacht?
Sylvia war gekränkt, drohte mit Kündigung, ein Streit, an den er sich nicht erinnern konnte, scharfe Worte, die er angeblich gesagt hatte.
Der herbe Geruch von Urin. Dessen Ursprung anscheinend seine eigenen nassen Hosen waren.“
Ja, dieses Buch ist schmerzhaft, nachgerade eine Zumutung, aber in seiner genauen Wahrnehmung und bedrückenden Schilderung ist es umso wahrhaftiger. Und die Wahrheit – so hat es schon die Bachmann formuliert – ist dem Menschen zumutbar. Bis zuletzt! – möchte man angesichts dieses Buches hinzufügen. Emma Cline, die mit ihrem Roman „Girls“, einer Coming of Age Geschichte, die zugleich den Manson Fall literarisiert, international bekannt wurde, nimmt hier als auktoriale Erzählerin mit der Person des alternden David die denkbar entfernteste Position zu ihren früheren weiblich jungen Figuren ein. Das ist zunächst einmal mutig, angesichts eines Buchmarktes, der sich bei Autoren auf bekannte Perspektiven und gelabelte Themen verlassen möchte – der Wiedererkennung und Verkäuflichkeit wegen. Und so ist dieses Buch möglicherweise auch ein Befreiungsschlag einer Schriftstellerin, die sich vom Girlie-Image – das im Fall von Emma Cline ohnehin nie so recht passen wollte – lösen möchte. Und das so brutal wie möglich.
Es sind die kleinen Beobachtungen, die Clines literarische Könnerschaft belegen. In wenigen Strichen skizziert sie das typische und wesentliche einer Situation, einer Person, macht sie plastisch, fassbar. Und so besteht das Buch aus der Aneinanderreihung von Davids Beobachtungen – ganz so, als wäre hier eine subjektive Kamera am Werk. Es sind – auch hier bleibt Cline bei der Wahrheit – Beobachtungen, die in ihrer Alltäglichkeit oft ziemlich banal bleiben. Aber schließlich setzt sich aus ihrer Vielzahl, wie bei einem Puzzle, ein Bild von David selbst zusammen; wird ein Mensch in seiner Verzweiflung und seelischen Einsamkeit kenntlich.
Der letzte Besuch bei der erwachsenen Tochter gerät verhuscht, David verirrt sich in den Gesprächsfäden, die Tochter scheint ihm fremd, ja, nachgerade aggressiv. Ihr Ehemann ist David unbekannt. Einzig mit dem heranwachsenden Enkel, den David zum ersten Mal sieht, kommt es zu einer zaghaften Annäherung. Das hat in der verklemmten Situation des Jugendzimmers zuweilen durchaus etwas Komisches. Insgesamt aber scheint David der Besuch unsinnig, beinahe lächerlich.
Die Aufsicht auf den sich verschlechternden Zustand des Protagonisten bleibt indes unerbittlich; immer wieder stellt die Autorin die jeweilige Szene scharf. Bis zuletzt versagt sich Cline dem naheliegenden Stream of Consciousness, wahrscheinlich weil der am Ende nichts anderes poetisch und also versöhnlich gewirkt hätte. Erst in den letzten Absätzen des Buches keimt Hoffnung auf. Eine Hoffnung, die schon nicht mehr von dieser Welt ist.
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