Die Leerstelle

In ihrem Roman „Das Leben der M“ traut sich Rachel Cusk nah an eine lebende Schauspielerin heran und entfacht eine Debatte

Von Tilman UrbachRSS-Newsfeed neuer Artikel von Tilman Urbach

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wie beschreibt man Schönheit? Oder besser: Wie beschreibt man eine fast aseptisch schöne Person, die wegen ihrer Glätte zugleich als Projektionsfläche taugt – und deshalb fast charakterlos bleibt? Fast möchte man einer alten Weisheit folgend hinzufügen: Schönheit genügt sich selbst. Und so ist dieses Buch der zurecht vielgepriesenen Schriftstellerin Rachel Cusk, das sich um eine weltberühmt schöne Schauspielerin dreht, ein ästhetisches Wagnis.

Eine Autorin schlägt einer berühmten Schauspielerin vor, ihre Autobiographie zu schreiben. Die stimmt zu. Und so wird die Ich-Erzählerin zur Ghostwriterin, die sich immer wieder episodenhaft mit der Actress trifft – in einem angesagten Restaurant, im Café eines Nobelhotels oder in ihrem Zuhause. Bei den Treffen aber – M ist stets höflich, freundlich und zuvorkommend – kommt die Autorin ihr nicht wirklich nahe. Mehr noch: Auf einmal scheint die Realität der Treffen merkwürdig zu wanken, driftet ins Doppelbödige: „Es fühlte sich an, als spielte ich eine Rolle, wogegen M authentisch und echt wirkte. Anscheinend war nur sie als Schauspielerin gut genug, um den Effekt des Wirklichen zu erzielen.“

Dieses Authentizitätsproblem hat M ebenfalls: Sie kann zum Beispiel kaum mit ihrer depressiven Freundin mitfühlen und sich allenfalls an eine Rolle erinnern, bei der sie selbst eine Depressive zu spielen hatte. So entsteht am Beginn des Buches eine Art Spiegelfechterei, in der zunächst nicht recht klar wird, ob es eigentlich um die Schriftstellerin oder tatsächlich um M geht. Denn nun werden alternierend  zu den Treffen mit M Erlebnisse der Autorin eingeblendet: Ihr Partner erkrankt an einer potenziell tödlichen Krankheit und muss sich einer schweren Operation unterziehen. Eine Erfahrung, die Cusk mit der leisen Wucht ihrer erzählerischen Potenz zu schildern weiß – und sei es durch Feinheiten wie die Beobachtung, dass die Autorin sich urplötzlich durch die gedeckten Farben des Essenstabletts seltsam getröstet fühlt.

Allmählich wandelt sich die Perspektive von der einer Ich-Erzählerin zu einem auktorialen Erzählen, das das Denken und Fühlen von M beschreibt – ihre Begegnungen mit einem berühmten Theaterregisseur genauso wie einen Galeriebesuch oder den Aufenthalt in einer griechischen Künstlervilla. Tatsächlich ist das Buch nah am Leben der Schauspielerin Natalie Portman entlang geschrieben: Auch M verkörpert in einem Film eine Ballerina (Portman spielte eine solche in „Black Swan“), frühe Berühmtheit nahm beiden Frauen die Chance auf eine normale Kindheit. Cusk bestreitet diese Nähe. Doch allein durch ihre Hauptfigur hat sie ihrem Roman erwartbare und kalkulierbare Aufmerksamkeit verschafft und inzwischen eine Debatte entfacht, inwieweit die literarische Freiheit reiche, wenn sie sich derart nah an eine reale Person – Schauspielerin oder nicht – heranwagt. 

Rachel Cusk ist eine akkurate Beobachterin, die die Präzision ihrer Sätze absolut stellt. Cusk erzählt nicht nur, sie analysiert im Schreiben und reproduziert in ihren Büchern anhand der Figuren Denk- und Verhaltensmuster, die – wie sie einmal in einem Interview mit dem Louisiana Channel bekannt hat – für sie etwas Universales, etwas Kollektives beinhalten müssen. Nun mag man sich fragen, was an der Ausnahmeexistenz einer Leinwand-Berühmtheit denn als kollektive Erfahrung taugt – es sei denn die auf die Essentials heruntergebrochene Fremdheit am eigenen Leben. Es ist der kühlen Schreibästhetik von Cusk geschuldet, dass ihre Figuren mitunter papiern wirken, wie Figuren eines Denkspiels, die hin oder her geschoben gehören. Gerade M bleibt über weite Strecken charakterlich ebenso konturlos wie ihr tausendfach reproduziertes Konterfei in der Werbung.

Es gibt wenig im Leben der M, was man ihr – wie man sich denken kann – ausschlägt: Ihrer Berühmtheit wegen öffnet man ihr den zu dieser Jahreszeit geschlossenen Garten eines pikfeinen Hotels und ihre Yacht ankert trotz unruhigem Seegang in der gewünschten Bucht. Doch M ist keine Diva. In den wenigen Passagen, die sie ausdeuten, ja, beinahe menschlich zeigen, scheint sie bei aller Unnahbarkeit hilflos, fürchtet sich vor der „Gewalt der Bedeutungslosigkeit“, die am Ende der Zeit wartet, wenn die Filmindustrie sie ausgetauscht haben wird. Mehr noch wirkt sie hin und her geworfen in einer Welt, die sich nur um sie selbst zu drehen scheint. Und so wirkt Das Leben der M wie die Fallstudie einer Person, die in einem Zwischenreich von Fiktion und Wirklichkeit gefangen ist. Und deren Ich wie eine Leerstelle wirkt.

Am Ende trifft sich die Autorin noch einmal mit der Schauspielerin, nachdem die ihr Manuskript gelesen hat; sie fühlt sich falsch dargestellt, ist ehrlich verletzt. Die Autorin verteidigt ihr Buch als Fiktion. Durch ihr Schreiben sei sie aus der schrecklichen Wirklichkeit der Krankheit ihres Mannes geflohen. Möglicherweise ist diese Konstellation zwischen Cusk und Portman denkbar: Die beiden scheiterten an der geplanten Autobiographie, woraufhin sich Cusk in die Fiktion rettete. Vielleicht war es so – vielleicht auch nicht.

Titelbild

Rachel Cusk: Das Leben der M. Ein literarisches Vexierspiel über Selbstentwürfe.
Roman.
Aus dem Englischen von Eva Bonné.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026.
176 Seiten , 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783518433300

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