Der dritte Lesetag endet mit Humor

Alle Texte der 46. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt am Wörthersee sind vorgetragen – nun wird über den Gewinnertext entschieden

Von Bozena Anna BaduraRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bozena Anna Badura

Wer schon einmal in der Vergangenheit die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt vor Ort erleben durfte, erinnert sich womöglich an das überfüllte Fernsehstudio, an die in der Luft hängende Körper- und Strahlerwärme oder an das Glücksgefühl, einen Sitzplatz ergattert zu haben. Das Fernsehstudio war an diesen Tagen wahrscheinlich der begehrteste Ort in Klagenfurt. Zwar war es draußen schön und gemütlich, und es wurde in den Garten live übertragen, wer aber nah am Ort des Geschehens sein wollte, musste unbedingt ins Studio. Denn nur dort bekam man das einzigartige Zusammenspiel mit. Ein Spiel aus der für alle gut hörbaren und sichtbaren Sprache – ein Wechselspiel der unmittelbaren Reaktionen, das Literatur, Literaturkritik und die Lesenden zu einem Kollektiv gemacht hat. Diese (zugegeben) nostalgisch eingefärbten Erinnerungen gehören jedoch einer vergangenen Zeit an, einer Zeit, die in dieser Form womöglich – wie mittlerweile auch die vierzehn Lesungen des Jahres 2022 – der Geschichte angehört.

Der postpandemische Bachmannpreis setzte nämlich auf eine künstlich erzeugte Hybridität, die durch eine Verschiebung der Lesebühne um wenige Meter (Luftlinie) dazu führte, dass sich die Literatur und die Kritik nur in der digitalen Vermittlung begegnen konnten. Eine Neuerung, die das Bachmannpreiserlebnis – was wiederum der heutigen Gesellschaft entgegenkommen mag – in hohem Maße individualisierte. Folgte man dem Wettbewerb im Garten, womöglich noch in einem der berühmten Liegestühle, erlebte man ein Sommerfest der Literatur, dessen fröhlich wohlwollende Stimmung hin und wieder durch die Übertragung aus dem Studio unterbrochen wurde. Stimmten die Meinungen der Juror*innen mit der Einschätzung des Publikums überein, sah man nickende, lächelnde Gesichter, wich das Urteil jedoch von dem der Jury ab, hörte man das unmittelbar an der veränderten Geräuschkulisse und einem undefinierbaren Murmeln. Davon nahm im Studio jedoch kaum jemand etwas wahr, denn das übertragene stumme Bild einer am Tisch (oder auch auf dem Teppich) sitzenden Person war von den Zuschauerplätzen aus kaum zu sehen. So musste die Entscheidung zwischen dem Garten und dem Studio getroffen werden – eine Entscheidung zwischen der Literatur und der Kritik. Die Autorin dieses Beitrags hätte sich gewünscht, nicht vor diese Entscheidung gestellt worden zu sein.

Nun aber zu den Texten, die am dritten Tag des Bachmannwettbewerbs vorgestellt wurden. Wir trafen heute auf eine Mutter, die am Ende des Anthropozäns ihrem Kind die Apokalypse zu erklären versucht, einen alternden Lokalpolitiker mit beginnender Inkontinenz, Teilnehmer einer Forschungsexpedition auf den Spuren eines unbekannten Volkes, das mitten im Taunus detailgetreu den Frankfurter Flughafen nachgebaut hat, sowie auf ein Start-Up-Unternehmen, das Essen ausliefert.

Leona Stahlmann, die nach Klagenfurt von Michael Wiederstein eingeladen wurde, trug mit ihrem Text Dieses ganze unvermeidbare Wunder einen Auszug aus ihrem Roman vor, der demnächst bei dtv erscheinen wird. Dieser Text, der dem Genre der ‚Klimafiktion‘ (eng. nature writing) zuzuordnen ist, konnte die Jury jedoch gar nicht begeistern. Während zu Beginn der Diskussion noch Argumente zu hören waren – der Text sei nicht souverän erzählt, dekorativ, ungenau in seinen Formulierungen, moralisierend, mit Pathos überladen – steigerte sich das negative Urteil im Laufe der Jurydiskussion zum Kitsch-Vorwurf. Es halfen dabei weder die inhaltliche Aufarbeitung von Michael Wiederstein noch die Empörung von Vea Kaiser, der zufolge der Text nur schlecht abschneiden würde, weil das Bild der Mutterschaft sowohl in der Literatur als auch in der laufenden Diskussion nicht ausreichend ernst betrachtet würde. Als Insa Wilke den zu besprechenden Text mit den bereits gehörten Texten des Wettbewerbes verglich, entzündete sich eine kurze Diskussion darüber, ob man jeden Text für sich oder im Vergleich und Abgrenzung zu anderen zu beurteilen habe. Es sei ein Wettbewerb und es würde ohnehin zu wenig verglichen, konstatierte Insa Wilke entschlossen.

Was weder die Klimakatastrophe noch die Mutterschaft vermochten, gelang Schulze von Clemens Bruno Gatzmaga, der nach Klagenfurt von Brigitte Schwens-Harrant eingeladen wurde. Es waren nämlich drei Tröpfchen Urin in der Unterhose des alternden Herrn Schulze, dem die Kontrolle über seinen Körper und womöglich auch über seine Welt droht verloren zu gehen. Die Jury begann, über diese Figur weiter zu phantasieren: Wäre „Tesla statt Mercedes“ doch nicht auch eine interessante Wendung in der Darstellung der Figur? Generell waren die meisten Jurymitglieder wegen der sprachlichen Präzision und der Konzentration des Textes auf das Wesentliche recht begeistert. Der Text sei souverän, weil er trotz seiner angeblichen Simplizität darauf vertraue, dass die Leser*innen die tiefere Bedeutung des Textes schon ergründen würden. Und im Laufe der Diskussion über die soziologische und kulturelle Bedeutung dieser drei Tröpfchen fragte Vea Kaiser sichtbar verärgert, warum denn die Flüssigkeiten der Frauen als Kitsch abgetan würden (etwa bei dem Text von Leona Stahlmann), wogegen die Unterhose eines alten weißen Mannes jetzt so interessant sei.

Nach der Pause folgte Im Falle des Druckabfalls von Juan Guse, den Mara Delius nach Klagenfurt bestellte. Sein spielerischer Text hat die Jury (restlos?) begeistert. So wurde zunächst das Ende gelobt, Guses letzter Satz – „Noch nie hatte sie eine solche Angst vor einer Stange Toblerone“ – stellte für Vea Kaiser sogar den besten letzten Satz in der Geschichte des Bachmannpreises dar. Auch Klaus Kastberger gestand, dass ihm Toblerone schon immer suspekt gewesen sei; der Jury zufolge entwickle der Text eine Tiefe und eine große Sogwirkung. Die Jury sah sich sogar selbst in den Text miteinbezogen, wobei es den Juror*innen hier (im Gegensatz zum gestrigen Text von Mara Genschel) nicht unangenehm schien, ein Teil des Spiels zu sein. Der Text sei originell, berge viel Deutungspotential. Eine der möglichen Deutungen bezogen die Juror*innen auf den Bachmannwettbewerb selbst.

Dank seiner humoristischen Elemente sorgte danach Elias Hirschl beim Publikum für eine sehr positive Resonanz – bei der Jury bestand sein Text Staublunge jedoch die Feuerprobe nicht ganz. Es kamen nicht nur Argumente, die die Länge des Textes thematisierten (was selten positiv zu deuten ist), bemängelt wurden auch die Tonschwankungen des Textes oder die Vorhersehbarkeit. Dabei schienen sich die vorgebrachten Argumente ab einem gewissen Moment zu wiederholen. Es ist kein gutes Zeichen für einen Text, wenn sich seine Themen nach einer halbstündigen Diskussion erschöpfen.

Der dritte Lesetag ist trotz des ursprünglich vorausgesagten Gewitters heiter ausgegangen. Und auch der von den Lesenden befürchtete Hagel der Kritik schien durch die räumliche Trennung und die digitale Vermittlung abgefangen und gemildert worden zu sein. Von der großen Frage, wer den Bachmannpreis 2022 gewinnt, trennt uns nur noch eine Nacht, währenddessen vergeben die Juror*innen ihre Punkte. Die Spannung bleibt. Oder doch nicht?

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen