Die gründliche Umwälzung aller Verhältnisse

Literatur und Revolution 1918/19

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

1. Welche Revolution?

Die Revolution von 1918/19 war ein kurzer Moment der Freiheit, der teuer bezahlt wurde. Und es gehört zu den bitteren Konsequenzen des Umgangs der Deutschen mit jener Revolution, die ihnen die lang ersehnten politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Freiheiten brachte, dass sie eher die Mörder und blutrünstigen Freikorpssoldaten deckten, als dass sie sich zu den Protagonisten der Revolution bekannt hätten.

Die Zahl der Opfer bei der Niederschlagung der Revolution geht in einige Tausend. Bekannte Revolutionäre wie Kurt Eisner, Gustav Landauer, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht fielen Mordanschlägen nationalistischer Militärs zum Opfer. Eugen Leviné wurde in einem Gerichtsverfahren, das wohl eher eine Farce war, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Erich Mühsam oder Ernst Toller, die an prominenter Stelle an der Münchener Räterepublik beteiligt waren, verbüßten langjährige Haftstrafen, Protagonisten wie Ret Marut mussten untertauchen.

Es scheint fast so, dass den Deutschen bis heute ihre große Revolution ein wenig peinlich ist, auch wenn sie ihr die Demokratie verdanken – und manch anderes wie das freie und allgemeine Wahlrecht, das Frauenwahlrecht, der Acht-Stunden-Tag und die Sozialpartnerschaft.

Mehr hätte es vielleicht schon sein können, wenn man sich an die nie verebbende Diskussion um die fehlende Risikoaffinität der deutschen Revolutionäre erinnert. Wenigstens ein paar sozialisierte Betriebe und ein bisschen mehr Plebiszit, aber wenn man nicht das Privileg des Nachgeborenen über Gebühr beanspruchen will, muss man sich wohl etwas tiefer auf die zeitgenössischen Verhältnisse einlassen. Das vermeintliche oder tatsächliche Versagen der Sozialdemokratie in der deutschen Revolution von 1918/19 hat jedenfalls Erich Mühsam in einem seiner wohl bekanntesten Gedichte gegeißelt, das allerdings bereits vor dem November 1918 entstanden ist und in dem die zunehmende Entfremdung in der Arbeiterbewegung bereits zu erkennen ist:

Der Revoluzzer
(Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet)

War einmal ein Revoluzzer,
Im Zivilstand Lampenputzer;
Ging im Revoluzzerschritt
Mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: „Ich revolüzze!“
Und die Revoluzzermütze
Schob er auf das linke Ohr,
Kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
Mitten in der Straßen Mitten,
Wo er sonst unverdrutzt
Alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
Rupft man die Gaslaternen
Aus dem Straßenpflaster aus,
Zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
Schrie: „Ich bin der Lampenputzer
Diesen guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn‘ das Licht ausdrehen,
Kann kein Bürger nichts mehr sehen,
Laßt die Lampen stehen, ich bitt!
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!“

Doch die Revoluzzer lachten,
Und die Gaslaternen krachten,
Und der Lampenputzer schlich
Fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
Und hat dort ein Buch geschrieben:
Nämlich wie man revoluzzt
Und dabei noch Lampen putzt.

Entstanden ist dieses Gedicht bereits im Jahr 1907 – da waren es noch elf Jahre, bis zur Revolution in Deutschland, in der Erich Mühsam eine gewohnt radikale Rolle spielte. Den in Berlin geborenen, in Lübeck aufgewachsenen Bohemien hatte es nach München verschlagen, wo er sich – aus der Berliner Moderne kommend – radikalen anarchistischen Gruppen anschloss und zur Leitfigur der Gruppe „Tat“ wurde. Die Widersprüche der Sozialdemokratie nahm Mühsam jedenfalls herzhaft aufs Korn: Die pseudoradikalen Sprüche ihrer Genossen konterkarierte er kunstvoll und amüsant mit dem Wunsch nach Anerkennung und der saturierten Haltung, die den vormaligen „Vaterlandsverrätern“ zueigen geworden war – was sich freilich auch ganz anders sehen lässt.

Denn eine revolutionäre Haltung ist kein Selbstzweck. Auch eine revolutionäre Bewegung muss die Entscheidung treffen, ob sie den Umsturz per se will oder die Anerkennung ihrer Forderungen, ob sie Kampagne bleiben will oder Gesellschaft werden. Auch revolutionäre Gesellschaften müssen sich – so gesehen – um das „Putzen von Lampen“ bemühen. Selbst wenn man die faktische Integrations- und Kompromissbereitschaft der Sozialdemokratie auf den Prüfstand stellt, gibt es letztlich zu (wenigstens einer Variante) dieser Haltung nur die Alternative unterzugehen. Der sozialdemokratische Lampenputzer ist eine lächerliche, aber unumgehbare Gestalt. Es gehört in gewissem Maße auch Mut dazu, sich als Lampenputzer zu bekennen. Insofern ist dem Scheitern der Revolution – eine sozialistische Republik ist aus dem Deutschen Reich seinerzeit nicht geworden – eine Erfolgsbilanz entgegenzusetzen, die sich die Sozialdemokratie durchaus zuschreiben kann: die erfolgreiche Demobilisierung des Heeres, die Beendigung des Krieges, die Sicherung der Versorgung der Bevölkerung, die Moderierung des Übergangs, die Stabilisierung des neuen Systems, die Einführung neuer politischer Rechte.

Die Geschichte der Revolution[1] lässt sich im Übrigen recht knapp zusammenfassen: Sie reicht vom November 1918 bis zum Mai 1919, in dem Freikorpstruppen die Münchener Räterepublik niederwarfen und ein Blutbad unter den Mitgliedern der behelfsmäßig zusammengestellten Roten Armee anrichteten. Zur Vorgeschichte gehört, dass die Oberste Heeresleitung – mithin insbesondere Ludendorff und Hindenburg – Ende September 1918 endlich eingestand, dass der Krieg verloren und die Front nicht mehr zu halten war. Den Frieden sollte aber nicht der Kaiser schließen, der für die Kriegsgegner gründlich diskreditiert war, sondern eine neue bürgerliche Regierung. Hintergrund dessen war freilich auch, dass die Truppen selbst dem Monarchen nicht mehr zu folgen bereit waren. Das zeigte sich Ende Oktober, als die Marineleitung die Order gab, die Flotte zu einem letzten Gefecht auslaufen zu lassen (was man bereits als Versuch zur Konterrevolution verstehen kann). Die Mannschaften verweigerten daraufhin den Befehl. Nachdem Wilhelm II. seinen Rücktritt nicht zu erklären bereit war, übernahm dies der neu eingesetzte Kanzler Max von Baden. Am 9. November rief einer der beiden SPD-Vorsitzenden, Philipp Scheidemann, vom Balkon des Reichstags aus die Deutsche Republik aus und kam damit Karl Liebknecht zuvor, der kurze Zeit später vom Balkon des Berliner Schlosses aus die Sozialistische Republik Deutschland ausrief. Max von Baden übergab umgehend die Regierungsgeschäfte an SPD und USPD. Friedrich Ebert insbesondere, der sich vehement gegen Scheidemann gewandt hatte, setzte in den folgenden Monaten alles daran, eine konstituierende verfassungsgebende Versammlung einzusetzen (die in Weimar tagen sollte), freie Wahlen durchzuführen und die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse so schnell wie möglich zu stabilisieren. Außerdem sollte der Krieg rasch beendet werden.

Dass der SPD dabei eine Schlüsselrolle zufiel, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass sie in der Arbeiterschaft eine dominante Rolle spielte. Die KP, die zu ihrer verhängnisvollen Gegenspielerin am Ende der Republik aufsteigen sollte, gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht (sie wurde erst im Dezember 1918 gegründet). Deren Protagonisten waren anfangs noch allesamt in der USPD organisiert und bildeten deren radikalen Flügel. Im übrigen agierte die USPD-Regierung im revolutionären München unter der Führung von Kurt Eisner auch nicht wesentlich anders als die Mehrheitssozialdemokraten. Auch Eisner setzte auf die Räte nur als vorübergehende Institution, ansonsten aber auf die parlamentarische Demokratie und auf das allgemeine Wahlrecht. Auch er setzte die Kernforderung der Sozialdemokratie – die Sozialisierung der Schlüsselindustrien – nicht auf die Agenda, mit gutem Grund aus seiner Sicht. Auch er versuchte, die radikaleren Kräfte, die in der Spartakus-Gruppe und in einigen linksradikalen Zirkeln organisiert waren, zurückzudrängen – und musste dennoch bei den Januarwahlen 1919 eine katastrophale Niederlage einstecken und sich der Mehrheits-SPD in Bayern geschlagen geben. Auf dem Weg zum Landtag, wo er sein Amt als Ministerpräsident niederlegen wollte, wurde er im Februar 1919 von einem aufgehetzten jungen Offizier erschossen. Woraufhin auch jene, die ihn zuvor als Verräter an der Revolution betrachtet hatten, als „unser[en] Eisner“ betrauerten.

Dass sich die Regierungsgewalt in den Monaten nach dem 9. November auf die Räte stützte, hatte damit zu tun, dass Ende 1918 die Parlamente nicht angemessen handlungsfähig schienen. Zudem ging die Revolution tatsächlich von den Soldaten und Arbeitern aus, die sich im parlamentarischen System nicht angemessen vertreten sahen. In dieser Situation waren die Arbeiter- und Soldatenräte die naheliegende Form demokratisch halbwegs legitimierter politischer Repräsentanz von unten. Wenn die Macht im demokratischen Staat vom Volke ausgehen sollte, musste das Volk auch Einflussmöglichkeiten haben. Und das war Ende 1918 und Anfang 1919 nur durch die Räte gegeben.

Die Ursachen der Revolution liegen freilich nicht nur darin, dass die Monarchie als Staatsform diskreditiert war, es hatte sich zudem im konkreten Handeln als menschenverachtend und zynisch herausgestellt. Der Krieg war dafür nur noch einmal die besonders offensichtliche Plattform: Die Formel vom Siegfrieden, die die Militärs bis weit ins Jahr 1918 verwendeten, lässt darauf schließen, dass ihnen das Schicksal ihrer Untergebenen, die sie millionenfach in den Tod geschickt hatten, gleichgültig war. Und mehr noch, egal, ob man die Verhältnisse in den Betrieben anschaut, die gewöhnlichen Praktiken im militärischen System und im Verhalten der Verwaltung gegenüber den Bürgern oder das politische System: Nicht nur der Novemberaufstand der Matrosen ist eine Reaktion auf die menschenverachtende Behandlung der Mannschaften durch die Offizierskorps. Auch die unruhige bis revolutionäre Stimmungslage in der Arbeiterschaft ist das Resultat von innerbetrieblichen Missständen, die inakzeptabel waren und sind. Die Privilegien von nichtproduktiven Schichten, die sich ihrer Überlegenheit rühmen, sind unter solchen Umständen mehr als fragwürdig. Es ist nicht nur der desaströse Krieg, der Deutschland in die Revolution führte, sondern es sind die gesellschaftlichen Eliten, die ihre angemaßte Stellung scham- und gewissenlos ausnutzten und sie als gottgegeben zu stabilisieren suchten.

Die Räterepublik allerdings war in Berlin bereits Anfang 1919 am Ende. Im Januar 1919 wurden die Wahlen zur verfassunggebenden Nationalversammlung durchgeführt, die im Juli des Jahres eine Verfassung verabschiedete, mit der die erste deutsche Republik auch formal konstituiert wurde. Dies blieb allerdings nicht unwidersprochen, da zum einen für die politische Linke ein parlamentarisches System nicht den grundlegenden Systemwandel, mithin eine sozialistische Republik herbeiführen konnte. Zum anderen blieb der rebellische Impuls, mit dem die Gesellschaft die lange Herrschaft der monarchischen Eliten abgeworfen hatte, immer noch sehr lebendig. Das Bemühen der Sozialdemokratie um stabile Verhältnisse trotz des revolutionären Umsturzes, das Bemühen um einen möglichst schmerzlosen Systemwechsel führte in die Auseinandersetzungen der kommenden Monate – insbesondere in die Niederwerfung der Münchener Räterepublik. Die Begründung der ersten deutschen Republik forderte zahlreiche Opfer, vor allem auf der politischen Linken, und trug die Last, dass eine liberale, freiheitliche Verfassung von nationalistischen Kräften durchgesetzt wurde, die sich beinahe umgehend daran machten, die Errungenschaften dieser Revolution wieder zu kassieren. Bis 1923 blieb die Republik unruhig und von Putschversuchen bestimmt. Und nichts stellte sich wenige Jahre später ernsthaft dem Aufstieg der NSDAP entgegen.

2. Die Revolution der Dichter

Die Novemberrevolution 1918[2] war nicht nur der wohl wichtigste Umsturz in Deutschland bis 1989, sondern eben auch eine Revolution der Schriftsteller, wenn auch keine des Dichters Thomas Mann. Im Oktober des Jahres 1918 ließ dieser die Betrachtungen eines Unpolitischen erscheinen, in denen er nicht nur mit dem „Zivilisationsliteraten“ abrechnete – also mit einer Allerweltsgestalt und seinem Bruder –, sondern auch mit der modernen, der demokratischen Welt. Es waren keine üppigen Zeiten für die Deutschen, aber immerhin lag der Jahresverdienst Manns 1918 bei rund 90.000 Mark – ein Betrag, den, wie die Thomas Mann Chronik berichtet, Katia Mann ausrechnete (Geld ist Frauensache im Hause Mann). Der Versuch Manns am 6. Oktober, die Auslieferung der Betrachtungen zu unterbinden, scheiterte. Das Buch war bereits bei den Buchhändlern. Ein nicht autorisierter Abdruck eines Kapitels im Berliner Tageblatt am 3. Oktober, kurz bevor der Reichskanzler Max von Baden das Scheitern der deutschen Offensive einsehen und die Alliierten um einen Waffenstillstand ersuchen musste, passte mit einem Male doppelt nicht. Thomas Mann wähnte sich zwischen allen Stühlen. Gut zwei Wochen später begann der Aufstand der Matrosen gegen den Versuch der Seekriegsleitung, in Opposition zur Reichsregierung die Entscheidungsschlacht zu provozieren, und damit die deutsche Novemberrevolution.

Thomas Mann aber beendete die Novelle Herr und Hund, besuchte ein Pfitzner-Konzert, ging in die Kammerspiele und in die Pinakothek, nahm den Nietzsche-Preis für die Betrachtungen entgegen, den er sich freilich mit Ernst Bertram und Gerhard von Mutius teilen musste, ereiferte sich über den Kulturjournalisten Wilhelm Herzog, die rechte Hand Kurt Eisners, und sagte ihm im Tagebuch die „großstädtische Scheißeleganz des Judenbengels“ nach, der nur in der „Odeonbar zu Mittag aß“, aber seine Zahnarztrechnungen beim ehemaligen Ehemann Ricarda Huchs nicht bezahlte. Ausgewogene Urteile waren – soweit privat gesprochen – nie Thomas Manns Sache.

München ist halt klein. Anfang 1919 erklärte Mann, eine „reine Arbeiter-Republik, die Diktatur des Proletariats“ wäre „Barbarei“, machte sich Gedanken, wie er 30.000 Mark vor der Beschlagnahmung verstecken konnte, und ließ sich von Georg Kaisers Drama Gas, das er auf einer Lesung zur Kenntnis nahm, nicht beeindrucken. Zu allem Unglück ging ihm das Widmungsexemplar eines Buches von Hugo Ball (ja, dem Dadaisten) zu, das aber Heinrich Mann zugeeignet war. Er ließ es sofort zurückgehen. Nach vier Jahren nahm er die Arbeit am Zauberberg wieder auf, der dann 1924 erschien, ein bisschen umfangreicher als geplant. Insgesamt endete das Jahr aber versöhnlich, seine Einkünfte für 1919 beliefen sich immerhin auf über 100.000 Mark. „Vergnügen darüber“, notierte er im Tagebuch, verständlicherweise. Außerdem erhielt er das Ehrendoktorat der Universität München, für einen Schulversager seines Ranges eine gewichtige Anerkennung.[3]

Aber es gibt auch Irritierendes: Mann war so großherzig, dass er sich im Juni 1919 einem Aufruf anschloss, der zur Versöhnung mit der Räterepublik mahnte und von der Eröffnung weitere Standgerichts-Prozesse abriet. Im Februar bekundete er Sympathien für den neuen Reichspräsidenten Friedrich Ebert und verurteilte die Ermordung Kurt Eisners. Anerkennend nahm er die Totenrede seines Bruders Heinrich auf Kurt Eisner zur Kenntnis, in dem dieser Eisner den „ehrenvollen Namen des Zivilisationsliteraten“ verlieh. Thomas Mann musste sogar dementieren, sich der USPD angeschlossen zu heben – was anscheinend für möglich gehalten wurde, trotz der Betrachtungen (zu denen er auch noch bei der Neuauflage 1922 steht). Kündigt sich hier seine Wandlung zum Vernunftrepublikaner an, die trotzdem bis 1922 als halbwegs abgeschlossen gilt, die Versöhnung mit dem Bruder Heinrich eingeschlossen?

Wenigstens die Münchner Räterepublik war dennoch eine Revolution der Schriftsteller. Illustre Namen der deutschsprachigen Literatur und der Presse des 20. Jahrhunderts hatten eine Rolle in der Münchner Räterepublik: Kurt Eisner, vormals Redakteur der Parteizeitschrift Vorwärts, wurde Ministerpräsident, Ernst Toller, ein junger Schriftsteller, wurde sein Nachfolger (allerdings unter einem anderen Titel), Gustav Landauer und Erich Mühsam übernahmen aktive Rollen in der Räterepublik, ein Schauspieler und Schriftsteller namens Ret Marut engagierte sich entschieden in der Zensurstelle der Räteregierung. Wir kennen ihn heute unter dem Pseudonym, das ihn berühmt gemacht hat: B. Traven, und wissen gleichfalls, dass er nicht als Ret Marut, sondern als Otto Feige 1882 in einem Ort namens Schwiebus, dem heutigen Świebodzin, geboren wurde.[4]

Sogar Rainer Maria Rilke war in diesen Monaten in München und sympathisierte offensichtlich mit der „größten aller Revolutionen“, wie Theodor Wolff, der Chefredakteur des Berliner Tageblatts die Revolution von1918/19 anfangs genannt hat. Dass sich Rilke in den Jahren nach der Revolution mit den Duineser Elegien und den Sonetten an Orpheus erneut in die moderne Literatur einschrieb, mag Zufall sein, jedenfalls schrieb Rilke wieder. Während seiner Münchener Zeit (mit einer kurzen Unterbrechung, in der er die 4. Elegie schrieb) litt er unter einer Kreativitätskrise, die bis in die Nachkriegsjahre anhielt. Briefe schrieb Rilke und er nahm interessiert Kenntnis von dem, was da in München geschah, auch wenn er selbst nicht wirklich dazuzugehören schien, wie Ralf Höller in seiner kleinen Geschichte der Räterepublik schreibt. Aber Rilke schwärmte für alles Russische und hatte er mit großer Sympathie zur Kenntnis genommen, was im großen Russischen Reich passiert war: „Neue Zeit, endlich“, schrieb er an Katharina Kippenberg, als sich auch in Deutschland die Massen erhoben und die Sozialdemokratie ihnen, wenn auch zögerlich, folgte. Aber die Duineser Elegien unterbrach er für fast 10 Jahre und nahm sie mit der fünften Elegie erst wieder im Winter 1922 auf. Damit und mit den „Sonetten an Orpheus“ kam Rilke erneut in seiner Gegenwart an, einer der wenigen Autoren der frühen Modernen, die es schafften, sich ein zweites Mal neu zu erfinden und nicht auf rechthaberische Distanz zu gehen.

Damit verdiente er sich die (angebliche) Anordnung Erich Mühsams , dass an Rilkes Tür ein Zettel zu befestigen sei, auf dem zu lesen gewesen sein soll: „Bei dem Dichter Rilke darf nicht geplündert werden“, gezeichnet „Die Revolution“. Aber zurück zu den Duineser Elegien:

Die erste Elegie stammt zwar bereits aus dem Jahr 1912 (wo sie in einer Art kreativem Blutsturz entstanden sein soll), aber sie zeigt dennoch die enorme Spannung, die die Zeitgenossen in diesen 1910er Jahren bestimmte und die in der Revolution eben auch ihren Ausbruch fand:

WER, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.

Das Verhältnis der Autoren zu ihrer Gesellschaft war um und nach 1900 tief gestört. Das ist angesichts dessen, dass sich die Industriegesellschaften in jenen Jahrzehnten in dynamischen Schüben und mit immer größerer Geschwindigkeit grundlegend wandelten, kaum anders zu erwarten. Diese neuen gesellschaftlichen Entwicklungen führten zu einer tiefen Entfremdung zwischen den Schriftstellern und der Gesellschaft, die sich auf allen Ebenen erkennen lässt. Gustav Landauer hat dem in seiner emphatischen Weise Ausdruck gegeben: „Alle miteinander sind wir nackte Menschenleiber und ins Blut hinein vergiftet von den Nessusgewändern dieser verruchten Fratzengesellschaft, die keiner sein will und die doch jeder ist.“[5] Womit er unter der Hand darauf verweist, dass die intensive Kritik der Gegenwartsgesellschaft sich immer auch gegen sich selbst richtet.

In der Literatur des Expressionismus führte diese Distanz zur Gesellschaft zu einer eher unförmigen Favorisierung einer irgendwie gearteten Revolution oder auch eines Krieges. Georg Heym spielte noch 1910 mit dem ungezielten Wunsch nach einer grundlegenden Veränderung von Gesellschaft, ein wenig ungestüm und sicher auch verantwortungslos. Er notierte im Tagebuch:

Mein Unglück ruht vielmehr in der ganzen Ereignislosigkeit des Lebens. Warum tut man nicht einmal etwas ungewöhnliches, auch nur, daß jemand dem Ballonhändler die Schnur durchschnitte. Ich würde ihn gern schimpfen sehen. Warum ermordet man nicht den Kaiser oder den Zaren? Man läßt sie ruhig weiter schädlich sein. / Warum macht man keine Revolution? Der Hunger nach einer Tat ist der Inhalt der Phase, die ich jetzt durchwandere.

Und wenig später:

Ach es ist furchtbar, schlimmer kann es auch 1820 nicht gewesen sein. Es ist immer das gleiche, so langweilig, langweilig, langweilig. Es geschieht nichts, nichts, nichts. Wenn doch einmal etwas geschehen wollte, was nicht diesen faden Geschmack des Alltäglichen hinterläßt. […] Geschähe doch einmal etwas. Würden wieder einmal Barrikaden gebaut. Ich wäre der erste, der sich darauf stellt, ich wollte noch mit der Kugel im Herzen den Rausch der Begeisterung spüren. Oder sei es auch nur, daß man einen Krieg begänne, er kann ungerecht sein. Dieser Frieden ist so faul ölig und schmierig wie eine Leimpolitur auf Möbeln.[6]

Langeweile, lähmende Langeweile, Stagnation kennzeichnen die Gegenwartsgesellschaft aus der Sicht ihrer jungen Autoren und dagegen helfen nur grundlegende Änderungen, mit anderen Worten: Tat, Revolution, Krieg. Das Attest der Vorkriegsjahre und die Lösung, die den Literaten vorschwebte, scheinen eindeutig, wenn denn irgendetwas daran zutreffen würde: Denn es gibt in der deutschen Geschichte der jüngeren Zeit kaum eine aufregendere und dynamischere Phase als die Jahrzehnte zwischen 1880 und 1930. Und dennoch erlebten die Autoren die späten Jahre des Wilhelminismus als lähmend, ein Zustand, der mit drastischen Mitteln zu vertreiben war. Nietzsche lässt grüßen.

Wie weit diese Revolution gehen sollte und was denn da eigentlich revolutioniert werden sollte, blieb dabei unklar und umstritten. Obwohl die jungen Autoren, soweit sie nicht von Haus aus versorgt waren, unter ähnlich prekären wirtschaftlichen Verhältnissen litten wie die Arbeiter, war ihr rebellischer Geist wenig von Klassengegensätzen und -kämpfen berührt, sondern mehr von der unklaren Vorstellung, dass sich einfach irgendetwas grundsätzlich ändern müsse. Dabei kamen sie auf völlig andere Themen als die Arbeiter, mit denen sie sich dennoch gern solidarisierten (allerdings nur unter der Bedingung, dass ihre Sicht auf die Probleme der Gesellschaft vorrangig zu behandeln war). Dichter verstanden sich wie Arbeiter und Soldaten als revolutionär, konnten aber von Arbeitern und Soldaten schnell enttäuscht sein, wenn diese sich mit materiellen Verbesserungen zufrieden gaben. Für sie ging es um mehr: Die Revolution befreite die junge Generation anfangs vom Joch des Vaters, später aber von allen Bindungen und Verpflichtungen. Und es ging ihr um die Befreiung der gesamten Menschheit.

Das lässt sich auch an jenem Stück erkennen, das Thomas Mann in einer Lesung zu Kenntnis nahm, ohne allerdings allzu beeindruckt gewesen zu sein: Georg Kaisers Gas.[7] Geschrieben wurde das Drama im Jahr 1917/1918, reagiert also nicht auf die Revolution 1918/1919 in Deutschland, sondern nimmt das Vorbild der russischen Oktoberrevolution auf.

Dass es hier ums Ganze geht, lässt sich an den Personennamen erkennen: Milliardärsohn, Ingenieur, Offizier, Arbeiter, Tochter, Regierungsvertreter – hier sind Instanzen, ja Abstrakta angesprochen, die für gesellschaftliche Funktionen und Gruppen stehen. Auch in Gas geht es um die Revolution, und auch sie wird nicht aus den sozialen Verhältnissen heraus angestoßen, sondern von einem vergleichsweise marginalen (wenngleich nicht geringfügigen) Anlass: Das Werk, das nun auch noch gleich die gesamte Menschheit mit einem zentralen Energiestoff versorgt und als einziges versorgen kann, mit dem titelgebenden „Gas“, explodiert aus unerklärlichen Gründen. Der Betreiber, der Milliardärsohn, nimmt dies zum Anlass, endlich den Umbau der Gesellschaft voranzutreiben und sie zu ihren Ursprüngen zurückzuführen. An die Stelle des Gaswerks sollen Siedlungen auf der grünen Wiese entstehen. An die Stelle des technischen Stoffes, der die Entfremdung des Menschen von sich selbst vorantreibt, soll die Selbstbesinnung des Menschen treten. Für den Siedlungsbau will der Milliardärsohn denselben Ingenieur verpflichten, der für die Gas-Formel zuständig war, die offensichtlich zur Katastrophe geführt hat.

Allerdings wird der Vorstoß des Milliardärsohns von den Arbeitern des Werks unterlaufen, die die Entlassung des Ingenieurs verlangen, anderenfalls sei ein Aufstand nicht zu vermeiden. Der Ingenieur nun weist die Verantwortung für die Katastrophe von sich – die Gasformel habe gestimmt. Was er nicht wahrnimmt – und damit wird die Borniertheit der technischen Intelligenz, aber auch der Arbeiter vorgeführt – ist, dass die Katastrophe nicht technisch, sondern systemisch induziert war. Es ist nicht zur Katastrophe gekommen, weil ein technischer Fehler vorlag, sondern weil die Technik, das heißt ihre industrielle Anwendung selbst der Fehler ist. Die Rückkehr zu sich selbst und damit zu vorindustriellen Verhältnissen ist die Konsequenz, die Kaiser vorführt.

Sein Revolutionsstück visiert also nicht den politischen Umsturz oder die wirtschaftliche Neuordnung an, sondern sieht sich einem vermeintlich radikalen Ansatz verpflichtet, der sich gegen die Industriegesellschaft insgesamt wendet. Aus diesem Grund steht auch nicht der Milliardär selbst, also der Unternehmensgründer, sondern sein philantropischer Sohn an zentraler Stelle. Aus diesem Grund richtet sich die Rebellion der Arbeiter nicht gegen den Kapitalisten, sondern gegen die Technik und deren Repräsentanten.

Für die marxistisch geschulten Akteure der Revolution 1918/19 war dies naheliegender Weise kein tragfähiges Konzept, sondern der Ausdruck eines im Wesentlichen bürgerlich geprägten Bewusstseins, das den rebellischen Impuls in irgendeiner Form zu kanalisieren versuchte, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass es selbst ein Teil des Problems sein könnte. Statt nach vorn, mit der Ausentwicklung der Produktionsmittel die Basis für eine neue Gesellschaft zu entwickeln, wies Kaiser mit Gas in eine vorindustrielle Vergangenheit zurück. Statt die machthabenden Sozialschichten zu attackieren, setzte er seine Hoffnung auf ihre Utopien und ihre Gestaltungskraft, während die Arbeiter als borniert technikversessen zurückblieben.

Eine ähnliche Distanz zum Proletariat hatte seinerzeit auch jener Oskar Maria Graf, der später durch seinen wütenden Brief aus dem Exil an die Nazis bekannt geworden und es bis heute geblieben ist: „Verbrennt mich!“ Sein antikapitalistischer Impuls bestand vor allem in seiner Verachtung für „Die Reichen“, was ihn allerdings nicht daran hinderte, sich von ihnen durchfüttern zu lassen.

Graf stand 1918 an einem Wendepunkt seiner Karriere als Autor. Aus einer Bäckerfamilie stammend hatte er eine Lehre absolviert und sich anschließend nach München abgesetzt, wo er sich mit Gelegenheitsarbeiten und Schwarzhandel durchschlug. Ein kleines Stipendium hatte er ergattert, das er stellvertretend für einen Autor verzehrte, der an der Front festgehalten wurde. Später ließ er sich von einer Mäzenin aushalten, die ihm Geld für ein Zeitschriftenprojekt und eine pazifistische Bewegung, die er zu gründen beabsichtigte, lieh. Graf schnorrte und soff sich durch die Schwabinger Boheme und versuchte sich als Autor, im Laufe der Revolution sogar als pazifistischer Agitator (was gründlich in die Hosen ging). Welcher Autor er sein konnte, stand für Graf noch nicht fest, aber für die Schwabinger Szene konnte der Wunsch für die Tat gelten. Graf war zu diesem Zeitpunkt noch weit entfernt von jenem außergewöhnlichen Romanautor späterer Jahre, der als einer der wenigen in die Phalanx der konservativen bis reaktionären Bauern- und Provinzromane einzubrechen vermochte. Im Unterschied zu ihnen lieferte er präzise Analysen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation der Provinzakteure, die er in einer kraftstrotzenden, mit dem Habitus des Ur-Bayern verbrämten Sprache vorzutragen vermochte.

Wie weit entfernt er davon 1918 war, zeigen gerade jene Gedichte, die er im Revolutionsjahr in einem kleinen, 12 Seiten umfassenden Band im Dresdner Verlag veröffentlichte, der Titel: Die Revolutionäre. Gerade einmal sechs Gedichte finden sich in dem Band, der selbstverständlich seinen Autor nicht ernähren konnte. Die expressionistischen Einflüsse sind ebenso wenig zu leugnen wie der Eindruck, dass dieser Oskar Maria Graf, aus Sicht der revolutionären Arbeiterklasse, ein äußerst unsicherer Kandidat ist. Nichts weniger als die Vereinigung der Menschheit steht auf seinem Plan. Was ist dagegen die Befreiung der Arbeiterklasse?

[…] Es wölben sich Brücken
ragend in menschliche Bedürfnisse und der Geist wird
Verschwender
und steigt in den Marsch, verödet das Ziel und steigert den
Sturm,
den wir, Geschürfte, pilgernd in höchste Beglückung,
einsam in grübelnden Nächten, ragend, wie einen uralten Turm,
schauten in himmlischbeschwingter Verzückung.“[8]

Der Aufstand wird zum Selbstzweck, die Rebellion genügt sich selbst – was eine zweifelhafte Haltung ist, allerdings nicht nur zur prekären Lage Grafs passt, sondern auch generell zur Stimmungslage Ende 1918, in der sich die langen, frustrierenden Kriegsjahre, die schlechte Versorgungslage, die gnadenlose Militärherrschaft und der Kasernenton, der mehr und mehr von der Gesellschaft Macht ergriff, miteinander verbanden.

Rainer Maria Rilke hat diese Gedichte wohl im Januar 1919 bei seinem Besuch eines Leseabends im schlecht geheizten Atelier Grafs gehört, bei dem der Autor aus seinem Band Revolutionäre gelesen hatte. Aber es war kalt an jenem Abend, Grafs Ofen konnte die Atelierwohnung, in der er hauste, nicht aufwärmen. Rilke fror und er verabschiedete sich früh. Wie Graf berichtet, hat ihm Rilke später ein wenig kryptisch beschieden: „Ihre Prosa gibt sich nur ungern.“ Das klingt nicht wie das begeisterte Lob des wohl wichtigsten Lyrikers jener Zeit an einen kommenden Kollegen.

Es kann aber kein Zweifel daran bestehen, dass Graf die Revolution begeistert begrüßte und zu einem ihrer Chronisten wurde. In den Erinnerungen, die er zehn Jahre später unter dem Titel Wir sind Gefangene in der Büchergilde Gutenberg veröffentlichte, finden sich Berichte des unzuverlässigen jungen Manns von jenen unruhigen Tagen und Wochen. Gerade das, bekannte Graf später, sei seine Motivation für seinen Bericht 1928 gewesen, nicht seine Stilisierung als Held der Revolution. In diesem Ansatz wird man auch den Grund dafür suchen müssen, dass Grafs Erinnerungen selbst wieder höchst unzuverlässig sind.

Das Ende der Räterepublik war unrühmlich und grausam. Unrühmlich allerdings vor allem für die deutsche Politik, vor allem die Sozialdemokratie, und für das deutsche Militär, das sich nicht scheute, die politischen Repräsentanten der Linken auf möglichst grausame Art und Weise aus dem Weg zu räumen. Über vier Jahre hatten deutschen Militärs einen katastrophalen Krieg geführt, der 10 Millionen Soldaten das Leben gekostet hatte, darunter 2 Millionen deutschen Soldaten. Sie hatten mit großem Verve die angeblich so geliebte Monarchie zerstört, die Integrität des Staatsgebietes zerrüttet und zugleich das Vertrauen in ihre eigene Glaubwürdigkeit. Schlächter waren sie vor allem an Unterlegenen und Schwachen, was sie nicht daran gehindert hat, das angebliche „Schanddiktat“ von Versailles zu beklagen und den zivilen Verhandlungsführer der Deutschen in der Waffenstillstandskommission, Matthias Erzberger, gleichfalls abzuschlachten.

3. Nach dem Niedergang

Blickt man auf die Literatur, die der Revolution von 1918/19 folgte und auf sie reagierte, dann lässt sich dieser Faden weiterspinnen, bis hin zu jenen literarischen Texten, die die radikalen Konsequenzen aus der Revolution und ihrer Niederwerfung zu ziehen versuchen. Dabei ist zu bedenken, dass diese Revolution nicht nur den Umsturz des politischen Systems anvisierte, sondern Ausdruck und Antreiber von weitergehenden, umfassenden radikalen Veränderungen war. Sie ist dabei nicht als isolierter Faktor anzusehen, sondern gehört zu einer Reihe von Ereignissen und Entwicklungen, die aus eine agrarischen, feudalen Gesellschaft, die durch unerhört verfestigte Machtverhältnisse und die Machtlosigkeit der breiten Masse des Volkes charakterisiert war, eine moderne und demokratische Massengesellschaft machte, die allerdings gegen politische Verführungen nicht immun war. Diese zusammenwirkenden Ereignisse und Entwicklungen beeinflussten alle gesellschaftlichen Bereiche und ließen nichts und niemanden unberührt, sie zerstörten alle überkommenen gesellschaftlichen Institutionen, um sie durch neue, wenngleich sehr vorläufige zu ersetzen. Sie verflüssigten die sozialen Beziehungen, bis am Ende nur noch das Individuum selbst übrigblieb, ein solipsistisches Etwa, das sich lebenslang damit beschäftigen muss zu überleben.

Die Revolution von 1918 war

1. eine politische Revolution, indem sie die Verfassung des Reiches neu formulierte und die Begründung politischer Macht neu begründete;

2. eine gesellschaftliche Revolution, indem sie ein hierarchisches System desavouierte und gründlich zerstörte. An ihre Stelle setzte sie das, was wir heute Massengesellschaft nennen, in der der Einzelne zwar einerseits sich selbst definieren soll, für die organisatorischen Institutionen aber vor allem als statistische Größe vorkommt. Sie war

3. eine kulturelle Revolution, als sie die alten kulturellen Äußerungsformen durch popkulturelle ersetzte, indem sie die Unterhaltungskultur und die sie nutzenden neuen Medien als Leitkultur etablierte. Und

4. war sie auch eine ökonomische Revolution, als sie im Verbund mit dem Krieg und der Industrialisierung rationale Produktionsformen, deren Basis die massenhafte, gleichförmige Produktion war, institutionalisierte und sie mit dem privaten Konsum unterlegte, um dies wirtschaftlich umsetzen zu können.

Um in diesen Bereichen radikale Veränderungen anstoßen, umsetzen und beschleunigen zu können, durfte die Revolution – ironischerweise – im sozialistischen Sinn nicht erfolgreich sein. Ein bolschewistisch inspiriertes, kollektiv organisiertes politisches System hätte diese Entwicklungen möglicherweise nachhaltig gestört – womit nichts über den Sinn oder die politische Seriosität eines sozialistischen Systems gesagt sei. Mit anderen Worten: Der Kapitalismus war deutlich radikaler und weitreichender in seinen Änderungen als es ein sozialistisches System hätte sein können. Vor allem darin, dass es zum guten Schluss das Individuum radikal freisetzte – was wir als Prekarisierung heute kritisch genug hinterfragen.

Das zeigt etwa auf merkwürdig sperrige Weise ein Roman, der 1930 beim renommierten Rowohlt Verlag in Berlin erschien. Sein Titel: Die Geächteten, sein Autor: Ernst von Salomon. Er war drei Jahre zuvor, Ende 1927, im Rahmen eines Gnadenerlasses von Hindenburg aus der Haft entlassen worden. 1922 hatte er sich an der Ermordung des deutschen Außenministers Walther Rathenau und auch an einem versuchten Fememord an einem angeblich verräterischen Mitglied der Organisation Consul (OC) beteiligt.

Die Geächteten behandeln als autobiografisch motivierter Roman die radikal reaktionäre und antisemitische Phase im Leben von Salomons, der sein Abitur in einer Kadettenanstalt abgelegt hatte und sich 1918 den nationalistischen Freikorps anschloss. Aber der Roman ist zugleich mehr als das. In seinen Anfangspassagen, die die Revolutionsphase im November 1918 behandeln, entwickelt von Salomon ein Programm der Selbstermächtigung, das gerade für einen befehlsgewohnten jungen Mann erstaunlich ist, auch wenn er sich anschließend eher den Schattenseiten der traditionslosen Gewalt verschreibt.

Der Roman beginnt mit der Selbstaufgabe der staatlichen Ordnungsmacht. Eine Gruppe von etwa 20 Schupoleuten steht in der Hauptwache und wartet auf den Einsatzbefehl. Der aber kommt nicht. Statt auf die Revolutionäre, die irgendwo in der Stadt aktiv sind, losgelassen zu werden, wird der junge Mann nachhause geschickt. Er soll die Uniform ausziehen. Er soll sich also ergeben. Wie es alle tun: Seine Mutter entfernt, ohne seine Zustimmung, die Achselklappen von seinem militärischen Mantel – eine symbolträchtige Handlung, die Beschneidung des öffentlich erkennbaren Ranges durch die Frau. Schlimmeres kann einem Mann dieser Herkunft nicht geschehen.

Der junge Mann aber beschließt standzuhalten, gegen was auch immer, Haltung zu zeigen, um die es ab nun zu ringen gilt. Haltung, also eine selbstbestimmte Form, die nicht aufzugeben ist und die als Ersatz für die überkommenen Formen, die verloren sind, dienen muss, hat in konservativen Kreisen bis heute eine hohe Attraktivität, vielleicht gerade auch, weil Konservative eingestehen müssen, dass es nichts mehr gibt, was es zu bewahren gilt. Der Kadett näht die Achselklappen wieder an und geht auf die Straße.

Dort trifft er auf eine Horde von Revolutionären, geführt von „Weibern“ mit einer riesigen roten (aber schlaffen) Fahne vornweg, was schon alles über diese Revolution aussagt. Kaum treten ein paar blaugekleidete Matrosen auf, wird aus dem Haufen eine machtvolle, attraktive Truppe (die „Weiber“ „kreischen“ ihnen zu, von der Fahne erfahren wie nichts weiter). Der Kadett gerät an diesen Haufen, der ihm die Achselklappen – also seine militärischen Rangabzeichen – abreißen will, aber verteidigt die Klappen gegen jeden Angriff, bis ein schlanker, großer Offizier – welch eine Erscheinung – ihn aus den Fängen des Haufens befreit.

Immer diese hochgewachsenen, schlanken Offiziere mit Reitpeitsche und Monokel – wenn man nicht wüsste, dass zahlreiche von ihnen Schlächter und Schinder nicht nur ihrer eigenen Mannschaften, sondern auch ihrer politischen Gegner waren, man könnte sie für aufrechte und edle Gestalten halten. Aber wie wir aus Hans Falladas spätem Roman Wolf unter Wölfen wissen, ist ihr Ziel in der Weimarer Republik der Beruf des Hotelportiers. Niemand weiß sich so gut zu benehmen wie sie, und für welchen Posten wären sie besser geeignet, wenn sie nicht um 1919 für Strafaktionen gegen Revolutionäre und später für die Eroberung der Welt gebraucht wurden. Aber das nur nebenbei.

Hier kommt es wesentlich und unabhängig von dem ein wenig dem Kitschroman entlehnten Auftritt des Offiziers auf den jungen Kadetten darauf an: Der will sich nicht verschlingen lassen, der will sich nicht ergeben. Wenn schon die bislang unangefochtene Befehlskette und Hierarchie nicht mehr besteht, wenn schon weibergeführte Horden das Kommando geben, dann muss er selbst, bei sich angefangen, für Ordnung und das heißt eben für Haltung sorgen. Zwei Jahre nach dem Erscheinen dieses Romans wird Ernst Jünger in einer großen Schrift Der Arbeiter die militärisch inspirierte Ordnung, die dem jungen Kadetten gerade unter den Fingern zerronnen ist und ihn allein zurückgelassen hat, restituieren und zur Grundlage jeder gerade modernen Gesellschaft machen, was eine interessante, für viele attraktive, aber bislang glücklicherweise erfolglose Idee war. Für den Helden Ernst von Salomons ist das aber noch weit weg, so dass er gezwungen ist, sich darauf zurückzuziehen, was ihm übrigbleibt, auf sich selbst. Das Subjekt jedoch ist das große Ziel der Destruktionskräfte der Moderne: Alles soll und wird zerschlagen werden, bis – wie Walter Benjamin dann 1936 schreiben wird – „nichts unverändert geblieben“ ist „als die Wolken und unter ihnen, in einem Kraftfeld zerstörender Ströme und Explosionen, der winzige, gebrechliche Menschenkörper“.[9] Auf diesen winzigen, gebrechlichen Menschenkörper und das Bewusstsein, das eine seiner Funktionen ist, kommt es dann an.

Oder eben nicht, wie der große Hedonist Bertolt Brecht, der sich später sogar dem Marxismus zuwenden sollte, erklärt. In einer Tagebuchnotiz, die wohl um 1920 niedergeschrieben wurde, lässt sich das zweifellos erkennen: „Wiewohl ich erst 22 Jahre zähle, aufgewachsen in der kleinen Stadt Augsburg am Lech, und nur wenig von der Erde gesehen habe, außer den Wiesen nur diese Stadt mit Bäumen und einige andere Städte, aber nicht lang, trage ich den Wunsch, die Welt vollkommen überliefert zu bekommen. Ich wünsche alle Dinge mir ausgehändigt, sowie Gewalt über die Tiere, und ich begründe meine Forderung damit, daß ich nur einmal vorhanden bin.“[10]

Diese Unwiederbringbarkeit des Subjekts hat Brechts frühe Theaterstücke weitgehend bestimmt, sicherlich den Baal, aber auch jenes Stück, das im September 1922 in München uraufgeführt wurde, das Brechts Ruhm als kommender Autor begründete und ihm den Kleistpreis einbrachte: Trommeln in der Nacht. Geschrieben wurde es weitgehend in den Jahren 1918 bis 1920, wobei diese frühen Fassungen nicht bekannt sind. Auch und gerade nicht jene, die noch den Titel „Spartakus“ trugen. Dass sie sich von der späteren, 1922 gespielten unterschieden haben, ist anzunehmen, hatte Brecht doch die Gewohnheit, Texte immer wieder aufs Neue durchzugehen und zu verändern, sein Leben lang nicht aufgegeben. Die Fassung von 1922 stammt denn wohl auch vorwiegend aus den Monaten vor der Uraufführung.

Der Bezug zur Novemberrevolution und zur Räterepublik ist dem Stück eingeschrieben, wenngleich nicht für die Handlung konstitutiv, sondern als ihr Hintergrund. Immer wieder machen sich die revolutionären Ereignisse bemerkbar, vor allem durch das nächtliche Trommeln. Das Stück handelt von einem totgeglaubten Kriegsheimkehrer, Andreas Kragler, der seine Braut, Anna Balicke, schwanger und neu verlobt vorfindet. Vier Jahre hat niemand mehr von ihm gehört. Jetzt ist er auf einmal wieder da. Der Konflikt scheint vorprogrammiert und wird von dem Schieber und Kriegsgewinnler Friedrich Murk, mit dem Anna nun liiert ist, auch angenommen. Murk attackiert Kragler bei jeder sich bietenden Gelegenheit und mit allem, was ihm zu Gebote steht. Aber Kragler nimmt den Kampf nicht an. Er bekennt sich aber auch nicht zu der Revolution, die überall um ihn herum stattfindet. Die Trommeln, die in der Nacht zu hören sind, bilden die Begleitmusik zu den Berliner Aufständen im Januar 1919. Kragler ignoriert Murk ebenso wie die Revolution. Was gehen ihn die Konkurrenzen nach alter Façon und die Kämpfer der Gegenwart an? Nichts. Stattdessen nimmt er seine alte Gefährtin und verschwindet mit ihr: Der „Dudelsack pfeift, die armen Leute sterben im Zeitungsviertel, die Häuser fallen auf sie, der Morgen graut, sie liegen wie ersäufte Katzen auf dem Asphalt, ich bin ein Schwein“, sagt er, „und das Schwein geht heim.“ Den Wucherern hingegen ruft er zu: „Glotzt nicht so romantisch“ – ein Spruch, den wir an Brecht schätzen. Und schließlich sagt er zu Anna: „Besoffenheit und Kinderei. Jetzt kommt das Bett, das große weiße, breite Bett, komm!“[11] Um sie herum geht eine Welt zugrunde, und die beiden gehen ins Bett miteinander?

Am Ende dieser Inszenierung steht eine andere Ermächtigung als die des jungen Kadetten, nämlich die hedonistische, die sich allen Kämpfen verweigert, so gut oder schlecht sie auch motiviert seien, und stattdessen nur noch das eigene Überleben, den eigenen Genuss kennt und kennen will. Die Revolution frisst ihre Kinder, aber Kragler ist keines ihrer Kinder. Er entzieht sich ihr. Das Stück endet mit der Regieanweisung: „Während das Geschrei andauert, gehen sie weg.“

Anmerkungen

Der Beitrag basiert auf einem Vortrag während der Theatergespräche Münster „100 Jahre Weimarer Republik“ am 18. Februar 2019.

[1] Im Wesentlichen greife ich für die hier zu findende Skizze der Revolution auf die folgenden Darstellungen zurück, ohne sie im Einzelnen nachzuweisen: Wolfgang Niess: Die Revolution von 1918/19. Der wahre Beginn unserer Demokratie. Berlin, München, Zürich, Wien 22018; Volker Ullrich: Die Revolution von 1918/19. 2. durchgesehen Auflage. München 2018.

[2] Ich folge im Wesentlichen hier: Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen. Köln 2.2018; Ralf Höller: Das Wintermärchen. Berlin 2017; Literaten an die Wand. Die Münchener Räterepublik und die Schriftsteller. Hrsg. von Hansjörg Viesel. Frankfurt/M. 1980; Die Münchner Räterepublik. Zeugnisse und Kommentar. Hrsg. von Tankred Dorst und Helmut Neubauer. Frankfurt am Main 1966; Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene. Ein Bekenntnis aus diesem Jahrzehnt. Berlin: Büchergilde Gutenberg 1928.

[3] Siehe dazu: Thomas-Mann-Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. Stuttgart 2.1995, S. 85-96.

[4] Vgl. dazu Jan-Christoph Hauschild: Das Phantom. Die fünf Leben des B. Traven. Berlin 2018.

[5] Gustav Landauer: Der werdende Mensch. Aufsätze über Leben und Schrifttum. 1.-5. Tsd. Potsdam: Gustav Kiepenheuer 1921, S. 77.

[6] Georg Heym: Das Werk. Frankfurt a. M. 2005, S. 1305 und 1307.

[7] Georg Kaiser: Gas. Schauspiel in fünf Akten. In: Dramen des Expressionismus 2. Berlin, Weimar 1967, S. 5-63.

[8] Oskar Maria Graf: Der Marsch. In: Oskar Maria Graf: Manchmal kommt es, dass wir Mörder sein müssen … Gesammelte Gedichte. Berlin: Matthes & Seitz 2007, S. 28-29.

[9] Walter Benjamin. Der Erzähler. Betrachtungen zum Werk Nikolai Lesskows. In: Walter Benjamin: Gesammelte Schriften. Unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt/M.1991, Bd. II, 2, 438-465, S. 439.

[10] Bertolt Brecht: Tagebücher 1920-1922. Autobiographische Aufzeichnungen 1920-1954. Hrsg von Herta Ramthun. Frankfurt/M. 1975, S. 197.

[11] Bertolt Brecht: Trommeln in der Nacht. In: Bertolt Brecht: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Stücke 1. Berlin, Weimar; Frankfurt/M. 1989, S. 175-232, hier S. 228f.