Die „Wechselkröte“ gewinnt den Bachmannpreis 2022

Ana Marwan überzeugt die Jury mit ihrem feinen Porträt einer Eremitin

Von Bozena Anna BaduraRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bozena Anna Badura

Wie jedes Jahr wurden zur Teilnahme am Wettbewerb vierzehn Autorinnen und Autoren eingeladen, darunter waren 2022 neun Männer und fünf Frauen. Für sich entschieden hat den Wettbewerb um den Bachmannpreis Ana Marwan, die bereits 2019 mit ihrem Debütroman Der Kreis des Weberknechts (Otto Müller Verlag) auf der Shortlist zum Bloggerpreis für Literatur „Das Debüt 2019“ stand.

Die räumliche Trennung zwischen den Vorlesenden und den Urteilenden wurde nicht nur vor Ort viel diskutiert. Denn während die Texte in einer sommerlich-ausgelassenen Atmosphäre im Garten des ORF-Theaters vorgetragen wurden, saß die Jury in einem sterilen, gut temperierten Fernsehstudio. Ob dies einen direkten Einfluss auf die Jurydiskussion hatte, lässt sich nicht feststellen. Während der drei Lesetage, die nach zwei Jahren wieder in Präsenz in Klagenfurt erfolgten, konnten aber die sowohl thematisch als auch qualitativ voneinander divergierenden Geschichten die Jury nicht restlos begeistern. Kaum ein Text erhielt ausschließlich positive Kritik, gnadenlose Verrisse blieben aus.

Betrachtet man zusammenfassend die Jurydiskussionen, lässt sich feststellen, dass ein gewisser Grad an inhaltlicher Originalität, intertextuelle Bezüge, die Dramaturgie des Textes und seine sprachliche Präzision im Zentrum des Interesses der Jury lagen. Auch die Polyvalenz und die Offenheit der Texte bzw. deren Ausbleiben wurden in einigen Fällen thematisiert. Interessanterweise wurde an manchen Texten die Einfachheit der textuellen Oberfläche gelobt, wie dies bei Leon Engler (3-Sat-Preisträger) und zum Teil auch bei Clemens Bruno Gatzmaga der Fall gewesen ist. Nicht unbemerkt blieben auch die subjektive Rezeption und die möglichen Wirkungspotentiale der Texte auf die Leserschaft – dies zeigte sich in der Diskussion darüber, ob sich die Jury in einem Text wiederfinden konnte, ob sie (auf eine angenehme oder unangenehme) Art und Weise zum Mitspielenden wurde, ob sie dem jeweiligen Text gerne gefolgt ist oder ob die Rezeption des Textes eher mit einer seelischen Qual verbunden war. Nicht unkommentiert blieben bei manchen Texten auch die ästhetische Gestaltung der Sprache bzw. eine gewisse Tonalität, Musikalität und/oder Rhythmisierung. Als negativ wurden dagegen jegliche Versuche bewertet, gewisse Moralisierung in den Text hineinzubringen, sowie der Drang, (womöglich aufgrund mangelnder Souveränität) alles bis ins Detail erklären zu wollen.

Versucht man, einen übergreifenden Blick auf die thematische Ausrichtung der Texte zu werfen, könnte einem womöglich auffallen, dass es in vielen Texten um Themen wie eine Entscheidung für oder gegen die Mutterschaft, um den beginnenden Zerfall des Körpers, Krankheit oder gar den Tod, oder um den Drang eine (nach außen sichtbare) Karriere zu machen (bzw. die Angst davor, diese nicht mehr schaffen zu können) geht. Bei den Texten, die sich mit dem Thema der Herkunft beschäftigen, stehen Versuche im Mittelpunkt, zwischen beiden Sprachen und Kulturen einen Konsens auszuhandeln. Diese Themen spiegeln sich auch in den preisgekrönten Texten wider. Das scheint kein Zufall zu sein, sondern es lässt sich mit der Altersstruktur der eingeladenen Autor*innen erklären. Deren Alter lag nämlich vorwiegend bei Mitte/Ende dreißig, was die thematische Ausrichtung der Texte beeinflusste – denn zwischen dreißig und vierzig entscheidet sich meistens das weitere Leben. Es ist eine Zeit, in der sich die meisten Frauen für oder gegen eine Mutterschaft entscheiden, es ist aber auch eine Zeit, in der die bislang unerschöpfliche jugendliche Vitalität nachlässt. Zudem ist es ein Abschnitt, in dem noch die letzten Wendungen und Anpassungen auf dem beruflichen Weg vorgenommen werden können. Es ist ein Lebensabschnitt, in dem der Mensch geneigt ist, über das eigene Leben zu reflektieren, einer, in dem die Vergänglichkeit der Zeit und der Menschheit bewusst werden. So scheinen jede Generation und jeder Lebensabschnitt zwar ihre eigene, doch im Blick auf das große Ganze auch kollektive Geschichte zu schreiben.

Die Gewinnertexte wurden dieses Jahr nach einem neuen Verfahren ermittelt, und zwar mussten die Juror*innen am Samstag jeweils einzeln ihre Punktevergabe übermitteln, wobei die eigens eingeladenen Texte nicht bepunktet werden durften. Die erreichte Punktzahl ergab die Reihenfolge der Gewinner*innen.

Der erste Platz und somit der Bachmannpreis 2022 ging an Ana Marwan – eingeladen von Klaus Kastberger – für ihre Geschichte über eine auf dem Land wohnende Frau, die unerwartet schwanger wird und sich über eine mögliche Abtreibung Gedanken macht. Es war einer der wenigen literarischen Texte dieses Wettbewerbs, in den sich die Spuren der Pandemie eingeschrieben haben. Der Deutschlandfunk-Preis ging an Alexandru Bulucz, der nach Klagenfurt von der Juryvorsitzenden Insa Wilke eingeladen wurde. Somit gehen sowohl der erste als auch der zweite Preis an Autor*innen, die die deutsche Sprache erst erlernen mussten und bei denen sowohl die sprachliche Präzision als auch die komplexe Satzebene gelobt wurden. Der kelag-Preis wurde an den Promovenden Juan Sebastian Guse (ausgewählt von Mara Delius) verliehen, der u.a. mit der Vorstellung des durch ein geheimes Volk nachgebauten Frankfurter Flughafens für viel Freude unter den Juroren sorgte. Mit dieser Wahl zeigten die Kritiker, dass sie auch für Spaß zu haben sind, solange er ein entsprechendes literarisches Niveau aufweist. Der 3-Sat-Preis ging an Leon Engler, der von Philipp Tingler eingeladen wurde. Er schaffte es, in einem oberflächlich gesehen eher unkomplizierten Text, der von einem scheinbar erfolglosen Schauspieler handelt, eine tiefere Ebene zu entwickeln. Den Publikumspreis erhielt Elias Hirschl, ebenfalls von Klaus Kastberger eingeladen, der mit seinem zum Teil witzig gestalteten Text Staublunge u.a. über den Drang nach Optimierung zwar nicht die Jury, aber dennoch das Publikum überzeugte. So konnte Klaus Kastberger, der dieses Jahr mit seiner Textauswahl sowohl den ersten Platz bei der Jury als auch den ersten bei dem Publikum erzielte, als der heimliche Gewinner dieses Wettbewerbs hervorgehen.

Die Texte sind ausgelesen und alle Preise verliehen. Die Emotionen und Temperaturen der letzten Tage sind abgekühlt. Und da die Verantwortlichen seit Beginn der Pandemie jedes Jahr bedeutende Neuerungen einführen, gilt es abzuwarten, was das kommende Jahr bringen wird. Vielleicht landen wir dann alle bei schönem Wetter am Wörthersee. Wer weiß das schon.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen