Hundert Jahre Grausamkeit

Dimitré Dinevs Roman „Zeit der Mutigen“ ist ein Plädoyer für schlagkräftige Solidarität

Von Johann HolznerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Johann Holzner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In die Galerie der großen literarischen Geschichten über das Bedürfnis, die Würde des Menschen auch in Zeiten zu bewahren, die scheinbar nichts mehr dafür übrighaben – wo Romane wie Fegefeuer von Sofi Oksanen oder Die Aussiedlung von András Visky einen festen Platz behaupten – gehört definitiv auch der neue monumentale Roman von Dimitré Dinev. Zeit der Mutigen ist ein Werk mit gut 1000 Seiten, das im November 2025 den Österreichischen Buchpreis erhalten hat. 

Was den Geschichten der beiden Familien, die dieser Generationenroman ins Zentrum rückt, beinah permanent ihren Stempel aufdrückt, ist nackte Gewalt; vor allem, aber keineswegs nur unter politischen Vorzeichen. Gewalt, die seit der Spätphase der Habsburgermonarchie das Leben an jenem Strom geprägt hat, der so viele Länder berührt wie kein anderer Fluss auf dieser Erde. Der Schauplatz erstreckt sich also von der Wachau bis zum Mündungsgebiet der Donau, die Zeit der Handlung aber reicht vom Großen Krieg bis hin zur Ära des Ersten Sekretärs der Bulgarischen Kommunistischen Partei Todor C. Schiwkow. Engelbert Dollfuß, Adolf Hitler, Karl Renner, Kurt Waldheim, Michael S. Gorbatschow, schließlich auch ein KGB-Offizier als Präsident der Russischen Föderation – viele weitere bekannte Namen markieren die verschiedenen Etappen der diversen Handlungsstränge, aber in deren Mittelpunkt stellt Dinev, der 1968 in Plowdiw zur Welt gekommen ist und seit 1990 in Wien lebt, die Opfer der Geschichte. Menschen, die sehr früh schon jedes Gespür für die Zeit und mitunter ihre Unschuld verlieren, die ausgestoßen, erpresst, verleumdet, denunziert, gefoltert und ermordet werden, weil sie in der NS-Zeit oder unter kommunistischer Herrschaft in Bulgarien oder Sibirien schlicht als „Dreck der Gesellschaft“ gelten. Menschen, die viel zu erzählen haben. Die, wie der Erzähler dieses Romans, trotz allem daran festhalten, es gäbe nichts „Geschichtsträchtigeres und Schicksalhafteres als das Heranwachsen eines Kindes.“ 

Das sind Frauen und Männer, die nicht selten scheitern in ihrem Bemühen, die Würde des Menschen zu bewahren. Die hin und wieder sogar Täter werden, und doch selbst in den Fängen der brutalsten Gewaltherrschaft auf Momente von Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Respekt, Achtung und Zuneigung setzen. Angesichts der realen Welt bauen sie sich gerne eine magische Welt auf. Oft ist dieser Rückzugsort ein Fluss, als wäre der so etwas wie ein Bruder, eine Schwester. Als könnte der Strom alles Grausame mitreißen; oder wenigstens die Habenichtse, die jede Hoffnung und Zukunftsperspektive verloren haben und sich deshalb ihm anvertrauen. 

Da treten Dienstmädchen auf, Handwerksburschen, Fischer, Bäcker, Hirten, Soldaten, Schmuggler und Missbrauchsopfer; die Roma verlieren immer als erste. Dinev hat gründlich recherchiert, ausdrücklich nennt er seine wichtigsten Quellen. Es ist jedoch ganz bezeichnend, dass er am Ende seiner Ausführungen über die Entstehung dieses Buches einer großen Roma-Familie aus dem Dorf Krumovo explizit dafür dankt, „dass trotz aller Launen des Schicksals und politischen Entwicklungen des Landes ihr Haus und ihre Herzen für mich immer offen blieben.“ In der Polyphonie der unterschiedlichsten Stimmen und Sichtweisen erhalten die Angehörigen der (fiktiven) Roma-Familie (wenigstens einmal in einem großen Roman) ein weites Terrain. 

Dinevs auktorialer Erzähler sieht mit scharfen Augen und zeichnet akribisch auf, was sich auf den diversen Schauplätzen wie auch in den Köpfen und Herzen der Figuren alles zuträgt. Dass diese Figuren, wenn sie einmal selbst zu Wort kommen, nicht verschiedene Sprachen sprechen, sondern vielmehr oft ganz ähnlich reden wie der Erzähler, selbst wenn sie ihren Alphabetisierungskurs noch gar nicht absolviert haben, mag man als Manko festhalten. Wie auch die gelegentlich seltsame Consecutio temporum, die in diesem Roman mit der korrekten Verwendung der Zeitformen im Deutschen nicht immer harmoniert. Ein aufmerksames Lektorat hätte da wohl stärker eingegriffen – und außerdem die ebenso zahl- wie reizlosen Sex-Szenen gekürzt oder ganz gestrichen. Die Kunst der Andeutung ist nämlich Dinevs Sache nicht: Er bevorzugt die grelle Ausleuchtung von Szenen, die dieses nahezu unerträgliche Licht hin und wieder auch tatsächlich verdienen, weil sie sonst doch oft genug verbrämt, heruntergespielt oder sogar ausgeblendet werden. 

Poesie hingegen liegt in der Luft, wann immer der Erzähler seinen Scheinwerfer auf starke Frauen richtet. Zum Beispiel auf Neda, die Tochter eines sonderlichen Hirten, der nach Möglichkeit am liebsten immer allein geblieben ist. Ein Gast, der „Deutsche“, der Neda zusieht, wie sie ein Festmahl vorbereitet und zusammen mit anderen Frauen dann auch ausrichtet, sollte die Szene nie vergessen: 

Er würde sich erinnern, dass Neda die Herde mit einem grünen Zweig in der Hand zur Weide führte, dass sie nach nur zwei Stunden wieder zurückkehrte und die Tiere im Hof einsperrte, dass irgendwann ein Karren, gelenkt von Geno, erschien, in dem drei Frauen mit ihren zehn Kindern saßen, dass die vier Buben und sechs Mädchen gleich über das Feuer sprangen, dass sie an seinem blonden Bart zupften und mit ihm Fangen und Ringen spielen wollten, dass die Frauen eine Decke auf der Wiese ausgebreitet und darauf Brot, Joghurt, Käse und Jungknoblauch gelegt hatten, dass sie irgendwann das Feuer löschten und das Lamm holten, dass sein Fleisch weich und saftig war und sich von selbst vom Knochen löste, dass die Kinder sich wie Wölfe darauf stürzten und so gierig aßen, dass sie alle für eine Weile verstummten, dass Neda alles, was an Essen übrig blieb, unter den Frauen aufteilte, dass er mit den Kindern einen Ameisenhaufen suchen ging, um dort einen Lammknochen zu begraben, dass später Geno auf seiner Hirtenflöte spielte und die Frauen sangen, dass irgendwann Neda und die anderen Frauen zu tanzen begannen und auch die Kinder, dass die Kinder ihn an den Händen zogen und zum Tanzen aufforderten. Er würde sich erinnern, dass er getanzt hatte […]. 

Wo immer es um die Verbrechen des Kommunismus geht, konkret um die Aufdeckung der Abläufe in den Lagern des bulgarischen Staatssicherheitsdienstes, verbietet sich jede Stilisierung, die einer Vernebelung gleichkäme. Dort ist minutiöse Veranschaulichung am Platz, oder auch eine besondere Technik der Aussparung: „Die Zeit vergeht hier nicht, was vergeht, ist das Leben.“ Es sind Zustände, die man gemeinhin als unbeschreiblich bezeichnet, die hier aber, denn die „Unmenschlichkeit kennt keine Grenzen“, schonungslos penibel dokumentiert werden. 

Eine schier unendliche Geschichte. Hundert Jahre Grausamkeit. Aber der gesamte Text ist ungemein raffiniert gegliedert, sodass die Spannung nie verloren geht. Sie wird vielmehr permanent neu aufgebaut – auch weil die einzelnen Kapitel und Unterkapitel des Romans jeweils so einsetzen, dass sehr lange im Dunkeln bleibt, von welchen Figuren und (historischen) Konstellationen gerade die Rede ist, ob demnach Nähe angesagt ist oder im Gegenteil Distanz.  

Es war gewiss ein Wagnis, diesen Roman mit dem Österreichischen Buchpreis auszuzeichnen. Aber es ist an der Zeit, ein solches Wagnis nicht länger zu scheuen. Es ist längst Zeit für eine Zeit der Mutigen.

Titelbild

Dimitré Dinev: Zeit der Mutigen.
Kein & Aber Verlag, Zürich 2025.
1152 Seiten, 36,00 EUR.
ISBN-13: 9783036950792

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