Zwei Frauen unter Druck
Mit seiner Meisterdiebin Grace hat der Australier Garry Disher in „Zuflucht“ dem Universum seiner Kriminalromane eine weitere unvergessliche Figur hinzugefügt
Von Dietmar Jacobsen
Als der Züricher Unionsverlag 2018 Garry Dishers Roman Leiser Tod in der Übersetzung von Peter Torberg herausbrachte, stahl die darin auftretende Meisterdiebin Grace dem eigentlich im Mittelpunkt stehenden Inspector Hal Challis – Leiser Tod ist der sechste von bisher sieben Bänden der Hal-Challis-Reihe Dishers – nachgerade die Show. Seitdem fragen sich eingefleischte Disher-Leserinnen und -Leser, wann es wohl ein weiteres Abenteuer mit dieser cleveren, ihr Äußeres raffiniert den jeweiligen Situationen anpassenden Mittzwanzigerin, die in ihrem Vorleben ein bisschen zu sehr auf Männer vertraute und zwei herbe Enttäuschungen erlebte, geben würde. Diese Frage hat sich nun erledigt. Denn in Dishers eben auf Deutsch erschienenem Roman Zuflucht spielt Grace Latimore, die neben diesem noch einige andere Namen benutzt, die Hauptrolle.
Eine Diebin, die nicht lange braucht, um das Interesse von Leserinnen und Lesern zu wecken? Für den Australier Garry Disher (Jahrgang 1949) nichts Ungewöhnliches. Bereits die inzwischen neunteilige Reihe um den Berufskriminellen Wyatt präsentierte in ihrem Mittelpunkt eine durchaus zwielichtige Figur. Wyatt wie Grace – von ihm erfährt man nur den Nach-, von ihr in der Hauptsache verschiedene Vornamen – sind Outlaws. Gesetze interessieren sie wenig – sie zu brechen ist ihr Metier. Immer unterwegs und die Antennen nach allen Seiten ausgefahren, um bei der geringsten Witterung einer Gefahr die Zelte schnell abzubrechen, sind Beziehungen in der Regel nicht das, worauf sich ihr primäres Interesse richtet. Es sei denn, der Raubzug, den man sich gerade zu planen anschickt, benötigt zu seiner Ausführung mehr als eine Person. Aber gerade jene Allianzen, die man mit anderen aus „geschäftlichen“ Gründen eingeht, sind auch meistens die, welche die größten Gefahren in sich bergen.
Um Briefmarken geht es jedenfalls zunächst bei Graceʼ aktuellem Abenteuer. Deren Sammlerwert kann exorbitante Höhen erreichen. Und weil sie das wissen, treffen sowohl Grace, die sich für diesen Job den Namen Sue Wilson zugelegt hat, als auch ihr alter Partner Adam Garrett, der sie als Anita kennt, im Konferenzraum eines Nobelhotels in Brisbane anlässlich eines alle halben Jahre stattfindenden Treffens von Briefmarkensammlern plötzlich aufeinander. Adams Interesse gilt einem wertvollen Exemplar, das er auf dem Philatelisten-Event für die vermögende Kundschaft einer Frau stehlen soll, bei der er hohe Schulden hat. Grace hingegen hofft eher auf einen zufälligen Coup.
Man kennt sich aus der Zeit, als beide als Waisen vom Jugendamt bei denselben Zieheltern untergebracht wurden, später gemeinsam das Diebeshandwerk lernten und zusammen auch auf zahlreiche Raubzüge gingen. Graceʼ Verhaftung und die Bekanntschaft mit einem korrupten Polizisten, für den sie von da an ihre kriminellen Fähigkeiten einzusetzen hatte, beendeten die gemeinsame Zeit jedoch abrupt. Aber Grace ist ihrem ehemaligen Freund noch eine wertvolle Uhr schuldig und deshalb ist ihr unerwartetes Zusammentreffen für beide ein Schock. Und zwingt die junge Frau, Brisbane schnellstens den Rücken zuzukehren und sich nach einem neuen Wirkungsfeld umzusehen.
Sie findet es in einem kleinen Ort in den Adelaide Hills, wo sie, angelockt vom Arbeitsangebot in einem Antiquitätengeschäft, auf die ältere Erin Mandel trifft. Die beiden Frauen sind sich auf Anhieb sympathisch und Erin, die Grace gesteht, unter einer Form von Agoraphobie zu leiden, vertraut ihr bald so weit, dass sie sämtliche geschäftlichen Angelegenheiten mit ihr bespricht, sie selbständig ihren Laden betreuen lässt und sie, ihrem Urteil, was Antiquitäten betrifft, vollständig vertrauend, auf Einkaufstouren schickt. Auch eine Wohngelegenheit auf ihrem Grundstück stellt sie Grace zur Verfügung. Nur eines verrät sie ihr nicht: Erin ist ebenfalls auf der Flucht vor einem Mann und lebt unter falschem Namen und in der ständigen Angst, von ihm entdeckt zu werden, in der Provinz.
Auch in Zuflucht versteht es Garry Disher wieder auf souveräne Weise, verschiedene Erzählstränge zunächst getrennt zu halten, um sie im Laufe des Romans immer mehr aufeinander zu und schließlich ineinanderlaufen zu lassen. Da ist zunächst die Diebin Grace, eine Frau auf der Flucht nicht nur vor der Polizei und dem Mann, dem sie einst nahe stand, ehe sich ihre Wege trennten, sondern auch vor sich selbst. Ein Mensch, der sich gelegentlich nach Normalität, einem Job, einem Dach über dem Kopf, einem Bankkonto mit ehrlich erarbeitetem Geld und vielleicht sogar einer eigenen Familie sehnt. Doch Grace, wandelbar wie ein Chamäleon, ausgerüstet mit verschiedenen Identitäten, über die australische Küstenregion verteilten Bankschließfächern, in denen sich Pässe, Geld, Autokennzeichen und andere Wertsachen befinden, gefälschten Uber-Accounts und dem Gespür, wann der Boden unter ihren Füßen wieder einmal zu heiß wird für sie, ist Realistin genug, um zu wissen, dass sie das Privileg einer bürgerlichen Existenz wohl nie wird genießen können.
Denn andererseits ist in ihr auch diese Unruhe, die sie von Kindheit an von einem zum nächsten Ort treibt: „Ihr altes Land war ein Ort voller trostloser Kinderheime und unbeständiger Kontakte zu Betreuerinnen, Ziehgeschwistern und Polizisten, ganz zu schweigen von den Gaunern, die sich alle so aufführten, als würden sie in einer Folge der Sopranos mitspielen.“
Seiner zentralen Figur am nächsten, weil ihr mehr ähnlich, als den beiden Frauen am Anfang selbst bewusst ist, hat Disher die Antiquitätenhändlerin Erin platziert. Auch sie eine von einem Mann Gejagte. Eine Frau auf der Flucht unter einem fremden Namen, die sich ein komplett neues Leben aufgebaut hat und doch in dieser Rolle nicht glücklich wird. Erst durch Grace kommt wieder ein wenig Licht in ihr Leben hinter geschlossenen Vorhängen und verriegelten Türen zu einer Welt, von der sie glaubt, sich fernhalten zu müssen, damit der Mann, der die Suche nach ihr nie aufgegeben hat, sie nicht findet.
Und schließlich ist da noch Desmond Liddington, der kurz vor seiner Pensionierung stehende Detective Senior Constable im südaustralischen Barossa Valley. Hier gedeiht nicht nur die weltberühmte Shiraz-Traube – Liddington hat sich vorgenommen, einen Gutteil seiner noch verbleibenden Lebenszeit der Aufgabe zu widmen, gemeinsam mit seiner Frau nach jenem „übersehenen, unterschätzten und abseitigen Roten“ zu suchen, den es auf irgendeinem der zahlreichen Weingüter seiner Heimat einfach geben muss –, sondern auch das Verbrechen. Allein der Mann ist nicht mehr der Jüngste, was umso deutlicher wird, wenn er mit seiner jungen Kollegin Gabi Richter auf Streife fährt, der die Allüren, die er sich im Laufe vieler Dienstjahre zugelegt hat, schnell ins Auge fallen. Seinen Instinkt freilich hat Liddington auch kurz vor dem Ende seiner Polizeikarriere nicht verloren. Und so braucht es nicht lange, ehe er einer verbrecherischen Clique auf die Spur kommt, die sich durch Versicherungsbetrügereien und andere Gaunerstücke ein gutes Zubrot zu ihren regulären Einkünften aus Verkauf und Wartung von Berieselungsanlagen für die vielen Weinbauern der Gegend verdient. Als der Patmore-Clan daraufhin eine brutale Racheaktion gegen ihn startet, ist es Grace, der Liddington letzten Endes sein Leben zu verdanken hat.
Eine Frau, die bei einer Frau untertaucht, die selbst untergetaucht ist. Zwei Männer mit je einer offenen Rechnung. Ein Polizist, der sich nach seiner Genesung gerne bei seiner Lebensretterin bedanken würde und sich auf die Suche nach ihr macht. Unstete Leben und die beständige Sehnsucht nach einem wirklichen Zuhause samt Menschen, denen man vertrauen kann. Garry Disher hat mit Zuflucht einen Kriminalroman geschrieben, in dem es um zutiefst menschliche Sehnsüchte geht und die vielen kleinen und großen Hindernisse, die sich einem auf dem Weg zu deren Erfüllung entgegenstellen. Einen wunderbar lesbaren, klugen Roman, der mit seinem Schluss die Hoffnungen seiner zentralen Figur, einer Diebin mit Gewissen, zwar nicht erfüllt, aber wachhält.
Im Übrigen kann ich mich an keinen ins Deutsche übertragenen fremdsprachigen Roman in letzter Zeit erinnern, bei dem der Name des Übersetzers – wenn auch nicht ganz so groß wie jener des Autors – auf der vorderen Umschlagseite einen Platz bekommen hätte. Bei Peter Torberg ist das in diesem Roman so. Und keine Frage: Der Mann hat es mehr als verdient.
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