Feministische Wut in den Tropen

Aufgehängte Türen als Portale zu anderen Leben: Tan Twan Engs Roman „Das Haus der Türen“ ist eine Geschichte über verbotene Liebe und Doppelmoral in der einstigen britischen Kolonie British-Malaya

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eigentlich sollte es klar sein: Wer etwas zu verheimlichen hat, lädt besser keinen Schriftsteller zu sich ein. Schon gar nicht einen, von dem man weiß, wie gern er über Affären und Skandale schreibt. Also einen wie William Somerset Maugham (1874–1965), zu Lebzeiten einer der meistgelesenen englischen Autoren. Auf der Suche nach Inspiration bereiste Maugham in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die ganze Welt, vor allem die britischen Kolonien – offenbar eine Brutstätte für unglückliche Ehepaare.

Im neuen Roman von Tan Twan Eng besucht Maugham 1921 Robert und Lesley Hamlyn auf der malaysischen Insel Penang. In Tans Fiktion will sich der Schriftsteller bei seinem alten Studienfreund von den Strapazen seiner Asien-Reise erholen und nebenbei noch etwas Zeit mit seinem Sekretär Gerald verbringen. Denn der ist zugleich sein heimlicher Geliebter und eine Ablenkung von seiner eigenen desolaten Ehe in London. Robert Hamlyn, ein Anwalt und lungenkranker Weltkriegsveteran, ist jedenfalls klug genug, seine Frau Lesley zur Vorsicht zu ermahnen und sie daran zu erinnern, dass sein Freund nichts lieber tue, „als in den Skandalen und Geheimnissen anderer Leute herumzuschnüffeln.“

Geschickt verwebt der 53-jährige malaysische Autor Tan Twan Eng, ein ehemaliger Anwalt, in Das Haus der Türen historische Wahrheit und Fiktion, nämlich Maughams große Asienreise Anfang der 1920er Jahre mit einem Besuch bei den von Tan erfundenen Gastgebern. Lesley Hamlyn ist neben Maugham die zweite Hauptfigur des Romans und in Maughams Augen nur „eine von den vielen unglücklich verheirateten Frauen in den Tropen“. Dass sie um einiges vielschichtiger und von einer leisen feministischen Wut angetrieben ist, wird Maugham erst allmählich klar. Dann nämlich, als Lesley dem Schriftsteller allen Warnungen zum Trotz doch ihr Vertrauen schenkt.

Abend für Abend serviert sie ihm alle Geheimnisse ihrer Ehe auf dem Silbertablett. Und die ihrer besten Freundin Ethel Proudlock noch dazu:

„‚Wo beginnt eine Geschichte, Willie?‘, fragte ich.
Eine Zeit lang erwiderte er nichts. Dann verlagerte er sein Gewicht im Sessel. ‚Wo beginnt eine Welle im Meer?‘, sagte er. ‚Wo bildet sie eine Strieme auf der Haut des Wassers, wo schwillt sie an, dehnt sich aus und drängt ans Ufer?‘“

Tatsächlich sind es zwei Geschichten, die Tans Protagonistin Maugham nebeneinander erzählt. Beide spielen 1910, beide thematisieren die patriarchale Doppelmoral der Epoche. Das ist anfangs etwas verwirrend, auch aufgrund vieler zeitgenössischer Begrifflichkeiten, für die ein Glossar hilfreich gewesen wäre. Was die Spannung angeht, kommt diese Doppelung dem Roman jedoch zugute. In Lesleys eigener Geschichte geht es um einen chinesischen Revolutionär, der von einer Gesellschaft träumt, in der Mann und Frau gleichberechtigt sind. Und es geht um zwei Affären: die ihres Mannes, und zwar, für Lesley besonders verstörend, mit einem Anwaltskollegen. Und um ihre eigene mit einem chinesischen Arzt.

Diese Kapitel – aus Lesleys Ich-Perspektive erzählt – bestechen zwar durch das tropische Lokalkolorit und durch die genaue Darstellung der repressiven Sexualmoral unter den Angehörigen der britischen Kolonialgesellschaft. Nur leider sorgt schon Lesleys häppchenweise Schilderung dafür, dass Tans Erzählmaschinerie unnötig ins Stottern kommt. Deshalb ist es gut, dass der Autor seine Protagonistin noch eine zweite Geschichte erzählen lässt, eine, die sogar wahr ist: die Mordanklage gegen Ethel Proudlock (1886–1974). Vor Gericht behauptete die verheiratete Frau einst, ihr Opfer, ebenfalls Brite, habe sie vergewaltigen wollen. In Tans Roman wird der Fall für Lesleys chinesischen Liebhaber zum Prüfstein für das Rechtssystem der Kolonialherren:

In Malaya hat noch nie eine europäische Frau wegen Mordes vor Gericht gestanden, wusstest du das? Ethel Proudlock ist die allererste. Und sie hat nicht irgendwen umgebracht, Lesley, sondern einen Angehörigen ihrer eigenen erhabenen Rasse. Ihr angmohs habt uns Einheimische immer stolz darauf hingewiesen, dass jeder, ob Weiß oder Braun, Schwarz oder Gelb, vor dem Recht gleich sei. Wie werdet ihr angmohs jetzt, da eine von euch vor Gericht steht – und es geht um ihr Leben –, Gerechtigkeit schaffen? Ich bin gespannt!

Maugham selbst hat den sogenannten Proudlock-Fall tatsächlich in Literatur verwandelt, in seiner Erzählung Der Brief. Dafür wurde er in British-Malaya später zur unerwünschten Person erklärt – eben weil er die Skandale der britischen Expat-Gemeinschaft zum Stoff seiner Texte machte. In Tans Roman ist er dagegen rücksichtsvoll genug, zumindest Lesleys Geheimnisse zu schützen. In einer hinreißenden Passage lässt Tan Twan Eng seine beiden Protagonisten nackt im Meer inmitten von blau fluoreszierendem Plankton schwimmen. Die Szene steht für die Utopie eines von den restriktiven Moralvorstellungen der Zeit befreiten Lebens. Dafür steht aber auch jener Ort, der Tans Roman den Titel gibt: das Haus von Lesleys Liebhaber, der darin die verzierten Türen verlassener Klanhäuser sammelt. Aufgehängt drehen sie sich im „Haus der Türen“ langsam in der Luft, in Lesleys Augen wie Durchgänge zu anderen Welten, anderen Leben. Nicht zuletzt dieses großartige Bild dürfte Tan Twan Engs Roman, den Michaela Grabinger einfühlsam übersetzt hat, eine Nominierung für den Booker Prize beschert haben.

Titelbild

Tan Twan Eng: Das Haus der Türen. Roman.
Aus dem Englischen von Michaela Grabinger.
DuMont Buchverlag, Köln 2025.
349 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783755800187

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