Erinnerungskultur im modernen Kriminalroman

Nationalismus und Nationalsozialismus bei Henning Mankell und Arne Dahl

Von Vera JohanterwageRSS-Newsfeed neuer Artikel von Vera Johanterwage

Das Jahr, in dem allerorten in Europa des Ersten Weltkriegs gedacht wurde, ist erst wenige Wochen vorüber, und schon steht die Auseinandersetzung mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs wieder im Mittelpunkt des öffentlichen Diskurses. In deutschen Feuilletons wird seit Wochen heftig wie lange nicht diskutiert und die Frage erörtert, was Literatur darf, wenn sie sich historischer Themen bedient und dabei das Leben realer Personen zum Gegenstand macht. Der Roman Stella von Takis Würger wird zum einen als ästhetisch unzureichend, gar als Kitsch kritisiert. Zum anderen erfährt er aus Gründen wütende Ablehnung, die weit über literarische Salondebatten hinausgehen und das Selbstverständnis Nachkriegsdeutschlands im Innersten berühren: Würger wird vorgeworfen, die Lebensgeschichte Stella Goldschlags, die in Berlin untergetauchte Juden im Auftrag der Gestapo aufspürte, in unzulässiger Weise und ohne Rücksicht auf die Opfer zu verzerren, indem er sie „in kulturindustrielle Unterhaltung“ (Brumlik 2019) verwandele. Mittlerweile ist der Hanser Verlag sogar vom Anwalt der Erben dazu aufgefordert worden, den Roman nicht weiter zu vertreiben, da eine Verletzung des Persönlichkeitsrechtes gegeben sei (vgl. ebd.).

Auch in Schweden ist die Zeit des Nationalsozialismus in diesen Wochen präsent, wenn auch indirekter und geprägt von aktuellen Debatten: Erst am 21.1.2019 gelang es nach schwierigen Verhandlungen, eine neue Regierung zu bilden, nachdem die rechtspopulistische Partei Sverigedemokraterna am 9.9.2018 mit 17,53% drittstärkste Kraft im Parlament geworden war. Wenige Tage nachdem die schwedische Regierungsmannschaft präsentiert worden war, gedachte man auch in Schweden der Befreiung von Ausschwitz. Bei den Stockholmer Feierlichkeiten hielt die frisch ernannte Kulturministerin Amanda Lind eine kurze Rede, deren Inhalt zwar wenig Überraschendes zu bieten hatte, aufgrund dreier Aspekte aber dennoch erwähnenswert ist.

Erstens betonte die Ministerin ausdrücklich die Bedeutung der Geschichte für die Gegenwart, indem sie vom Forum för levande historia (Forum für lebende/lebendige Geschichte), den Initiatoren des Gedenktags, sagte, sie stünden „mit einem Bein in der Geschichte, mit einem in der Gegenwart“. Zweitens kündigte Lind an, Schweden werde 2020 eine internationale Konferenz zur Erinnerung an den Holocaust organisieren und außerdem zu diesem Zwecke ein neues Museum einrichten. Es soll in Sachen Erinnerungskultur also nicht bei Sonntagsreden bleiben. Drittens bemühte Lind die Literatur, um ihre Landsleute zu widerständigem und wachsamem Verhalten aufzurufen. Sie zitierte nämlich die populäre Journalistin und Schriftstellerin Majgull Axelsson, die gefordert hat, kritische Meinungen auch im Wissen darum zu formulieren, dass man die Stimmung bei einem Essen oder Zusammentreffen damit zerstören wird – eine Forderung, die gerade in der stets um Konsens und Harmonie bemühten schwedischen Gesellschaft sicherlich ihre Berechtigung hat.

Eben jene Majgull Axelsson hat 2014 mit Jag heter inte Miriam (Ich heiße nicht Miriam) einen Roman veröffentlicht, in dem sie die Vernichtung der Roma durch die Nationalsozialisten zum Thema macht. Sie erzählt darin von einem fiktiven deutschen Roma-Mädchen, das sich als KZ-Insassin eher zufällig als Jüdin auszugeben beginnt (und so von anderen Verfolgten besser behandelt wird!). 1945 wird die vermeintliche Jüdin Miriam mit den sogenannten weißen Bussen (Vita bussarna) aus Ravensbrück befreit und landet so in Schweden, wo sie den Rest ihres Lebens als Jüdin, ansonsten unauffällig und angepasst verbringt, bis sie ihre Familie im Alter von 85 Jahren über ihre wahre Identität aufklärt. Der Roman spielt auf verschiedenen Zeitebenen und behandelt den Umgang mit Minderheiten in Nazideutschland ebenso wie in Nachkriegsschweden bis in die Gegenwart. In ähnlicher Weise reflektieren auffällig viele seit der Jahrtausendwende veröffentlichte Kriminalromane das schwedische Agieren während des Zweiten Weltkriegs und den Umgang mit verfolgten Minoritäten vor, während und nach der Zeit des Nationalsozialismus.

Die Wallander-Krimis von Henning Mankell haben in Deutschland den Boom der skandinavischen Krimis ausgelöst [LINK zu Böker-Essay in gleicher Ausgabe!] und sind sicherlich immer noch die weltweit bekanntesten Schweden-Krimis. Schon bei Mankell spielte die Auseinandersetzung mit schwedischer Fremdenfeindlichkeit von Anfang an eine zentrale Rolle, denn Auslöser für die Abfassung des ersten Wallander-Romans Mörder ohne Gesicht war ein Verbrechen: Ein älteres Ehepaar wurde auf seinem Bauernhof im beschaulichen Schonen überfallen und schwer verletzt zurückgelassen. Täter waren zwei Roma aus Malmö. Die rassistischen Reaktionen auf diesen Überfall bewegten Mankell dazu, ihn literarisch zu einem Krimi zu verarbeiten, da nach seiner Überzeugung „Rassismus nichts anderes als ein Verbrechen“ (Wüllenweber, 78) ist. Interessanterweise hat Mankell dann aber mit Mörder ohne Gesicht keinen Roman verfasst, in dem Fremdenfeindlichkeit durchweg problematisiert und plakativ abgelehnt würde. Vielmehr wird deutlich, dass auch die Hauptfigur Kurt Wallander xenophobe Gedanken nicht leugnen kann. Generell verkörpert Wallander in den Romanen die Instanz der Gerechtigkeit und lädt zur Identifikation ein, was nicht zuletzt durch die personale Erzählsituation begünstigt wird. Wenn der Kommissar sich wiederholt kritisch zum Zuzug Fremder nach Schweden äußert und in diesem Zusammenhang Sorgen über die zunehmende Unsicherheit im Land äußert, ist es für den geneigten Leser nicht unbedingt abwegig, ihm hierin zu folgen.

Verstärkt wird dieser Effekt in den Wallander-Krimis auf der Handlungsebene, wenn immer wieder geschildert wird, wie das Verbrechen tatsächlich in Gestalt des Fremden in die Idylle der südschwedischen Provinz einbricht. Auch in Mörder ohne Gesicht stellt sich schlussendlich heraus, dass die Täter tatsächlich Ausländer waren. Zu Recht ist das Exponieren dieser Gefährdung von außen als charakteristisch für die Krimireihe eingeordnet worden: „Normality in the Wallander novels is an all-white population of Swedish origin. Certainly, the protagonist discovers crime among his fellow Swedes in the course of the investigation – old Nazi collaborators, neo-Nazis, people who cheat on welfare, illicit distillers and loan sharks – but they never match the evil of the killers from abroad.“ (Tapper, 170). Gleichzeitig gelingt Mankell mit Blick auf die Öffnung der Grenzen aber eine multiperspektivische Darstellung, beispielsweise indem er einander entgegengesetzte Meinungen nachweislich integren Figuren in den Mund legt, etwa wenn Wallander und die Staatsanwältin Anette Brolin über das Asylrecht diskutieren. Auf diese Weise wird dem Leser die Entscheidung, wie er selbst sich in solch komplexen Fragen positionieren möchte, nicht abgenommen (vgl. Müller, 228f.). Am Ende werden Wallander und die Leser zurückgelassen mit dem Gefühl einer diffusen Bedrohung und Sorge um eine dysfunktionale Gesellschaft, in der viele Probleme kaum lösbar zu sein scheinen.

Im Vergleich zu Mörder ohne Gesicht zeichnet sich der Roman Die Rückkehr des Tanzlehrers (Danslärarens återkomst) durch eindeutige Werturteile aus. Außerdem nimmt Mankell darin eine ganz bewusste historische Einordnung des Phänomens Rassismus vor, indem er in der Gegenwart stattfindende Verbrechen in Beziehung zum nationalsozialistischen Schreckensregime setzt. Die Rückkehr des Tanzlehrers ist im schwedischen Original im Jahr 2000 erschienen, also ungefähr zehn Jahre nach dem ersten Band der Wallander-Reihe. Die 1990er Jahre waren auch der Zeitraum, in dem erstmals auf breiter Basis eine Debatte über Schwedens Rolle im Zweiten Weltkrieg und Nazisympathisanten geführt wurde. Zuvor hatte man jahrzehntelang das Bild der schwedischen Neutralität gepflegt oder einfach vornehm geschwiegen. 1991 erschien die Untersuchung Heder och samvete. Sverige och andra världskriget (Ehre und Gewissen. Schweden und der Zweite Weltkrieg) von Maria-Pia Boëthius, die als Nicht-Historikerin zehn Jahre lang Quellen auswertete, um sich ein Bild von Schweden in der Zeit des Dritten Reichs zu machen. Boëthius bestreitet vehement, dass Schwedens Politik neutral gewesen sei (und zwar bereits auf der ersten Seite ihrer Darstellung!; vgl. Boëthius, 14) und belegt, wie unterwürfig man den Deutschen insbesondere in den ersten Kriegsjahren begegnete. Das Buch löste heftige Diskussionen aus und hat – neben anderen Faktoren, darunter vor allem dem Zusammenbruch des Ostblocks – einen wesentlichen Anstoß zur lange notwendigen Auseinandersetzung mit den Kriegsjahren gegeben. Schwedens kritisch zu sehende Rolle im Zweiten Weltkrieg war nun Thema in den Zeitungen (vgl. Zägel/Steinweg, 108) und erfuhr endlich die angemessene historische Aufmerksamkeit (vgl. Boëthius, 202-209). Von offizieller Seite wurde sichergestellt, dass man die Aufarbeitung gründlich erledigte: Schweden gab sogar als erstes Land eine Studie über den Holocaust in Auftrag, die nach ihrer Fertigstellung 1998 allen Schweden kostenlos zugänglich gemacht wurde (vgl. Bruchfeld/Levine). Mit der Aufarbeitung ging eine Neubewertung der historischen Epoche in der öffentlichen Wahrnehmung einher. Auf dieser Grundlage eröffneten sich auch dem literarisch Schreibenden ganz neue Möglichkeiten, womit wir beim eigentlichen Gegenstand dieses Essays angekommen sind: dem populären Krimi.

Es ist unübersehbar, dass zahlreiche der in Schweden wie international erfolgreichen Krimiautoren Versatzstücke aus der Nazizeit verarbeiten und die schwedische Rolle im Zweiten Weltkrieg beleuchten. Tatsächlich sind die gleichen Elemente auch in aktuelleren Krimis der übrigen skandinavischen Länder beliebt, doch scheint die literarische Abarbeitung an der Epoche im schwedischen Krimi ungleich präsenter zu sein, was angesichts der unterschiedlichen historischen Gegebenheiten allerdings auch plausibel erscheint. Auch in Dänemark, Norwegen und Finnland gab und gibt es die Notwendigkeit, sich mit dunklen Kapiteln der Vergangenheit auseinanderzusetzen, aber die Vorzeichen in den von Kriegshandlungen und Besetzung betroffenen Ländern sind gänzlich andere.[1] Von den zahlreichen in diesem Zusammenhang interessanten schwedischen Krimis sollen im Folgenden zwei näher in den Blick genommen werden, die von besonders erfolgreichen Autoren verfasst worden sind: Neben der Rückkehr des Tanzlehrers handelt es sich um Tiefer Schmerz von Arne Dahl. Der vierte Band der Reihe um die A-Gruppe erschien in Schweden 2001 als Europa Blues, also nur ein Jahr nach Mankells Roman, in Deutschland dann 2005.

Während Die Rückkehr des Tanzlehrers mit einem Prolog über die Hinrichtung deutscher Kriegsgefangener im Dezember 1945 beginnt und somit das Interesse des Lesers direkt auf nationalsozialistische Verbrechen gelenkt wird, dauert es in Tiefer Schmerz eine ganze Weile, bis zunächst Neonazis auftauchen und schließlich deutlich zu Tage tritt, dass Naziexperimente der Grund für eine Verbrechensserie von großer Grausamkeit sind. Beim zweiten in Stockholm gefundenen Mordopfer handelt es sich um den Juden Leonard Sheinkman. Dem Ermittler Paul Hjelm graut es davor, seinen Sohn befragen zu müssen, vor allem

„bei dem Gedanken, blond und ein säkularisierter Christ zu sein und in einer geschützten Werkstatt aufgewachsen zu sein. Und – am Ende kam das eigentliche Eingeständnis – den es davor graute, die Judenvernichtung und die Konzentrationslager und den europäischen Antisemitismus ansprechen zu müssen. Er war nämlich Schwede, und Schweden mögen solch tabuisierte Themen nicht. Wir kriegen Schweißausbrüche. Am allerliebsten gehen wir ihnen aus dem Weg, und wenn wir dennoch an sie rühren müssen, dann tun wir es mit einer Art distanzierter Ehrfurcht und einer Reihe von Klischees – wie daß es nie wieder geschehen darf. Die Vernichtung der Juden ist eine Abstraktion, über die man gern in großen Worten von einem Rednerpult spricht, mit der man sich jedoch nicht näher einläßt. Wir waren nicht dabei, wir können es nie verstehen, wir haben mit der Sache nichts zu tun, damit müßt ihr selbst klarkommen. Schwedische Geschichtslosigkeit und vorgetäuschte Neutralität in einer unheiligen Allianz. Wir waren in höchstem Maße dabei. Wir haben in allerhöchstem Grad mit der Sache zu tun. Wir können sie in allerhöchstem Grad verstehen. Wir müssen.“ (TS, 138f.).

Durch den Wechsel in die 1. Person Plural wird die emotionale Erregung Hjelms deutlich, gleichzeitig aber auch eine Verallgemeinerung seiner Gedanken vollzogen, sodass der Leser ebenfalls in die Pflicht genommen wird. Anteil am Schicksal Sheinkmans muss der Leser auch deshalb nehmen, weil er – gemeinsam mit Hjelm – dessen Tagebücher aus dem Konzentrationslager liest, Tagebücher, die nicht nur von grauenvollen medizinischen Experimenten berichten, sondern gleichzeitig auf so poetische Weise das Leben feiern, dass es schwerlich möglich sein dürfte, nicht in ihren Bann gezogen zu werden. Seine ganze Wucht entfaltet der Rückgriff auf den Tagebuchtext im Krimitext aber erst in dem Moment, in dem klar wird, dass das Mordopfer in Stockholm gar nicht der Tagebuchschreiber war. Vielmehr handelt es sich – und dieses entscheidende Detail muss an dieser Stelle verraten werden – um einen der Nazi-Verbrecher aus dem KZ, nämlich einen schwedischen Arzt namens Eriksson, der nach seinem Studium am Institut für Rassenbiologie in Uppsala am Kaiser-Wilhelm-Institut für Rassenhygiene in Berlin tätig und SS-Offizier wird. Als Deutschlands Niederlage und die Befreiung des KZs drohen, nimmt Eriksson die Identität eines seiner Opfer, eben die des Dichters Sheinkman, an, gelangt nach Schweden und wird dort ein erfolgreicher Hirnforscher (der er ja eigentlich längst ist).[2]

Die Aufklärung dieses infamen lebenslangen Betrugs (vom Erzähler raffiniert mit dem knappen Satz „Das war das Schmerzzentrum“ (TS, 350) angekündigt) verknüpft Dahl mit historischen Fakten über Antisemitismus und die Einrichtung des weltweit ersten Forschungszentrums für Rassenbiologie in Schweden (vgl. TS, 360-362). Das Motiv der Lebenslüge tritt gedoppelt auf, denn auch Arto Söderstedts Onkel Pertti Lindrot, finnischer Kriegsheld, hat einen ganz wesentlichen Teil seines Lebens verleugnet. Dass ihm dies gelungen ist und dass auch dem vermeintlichen KZ-Opfer Sheinkman abgenommen wird, trotz traumatischster Erlebnisse schnellstens Schwedisch zu lernen, ein ganz neues Leben zu beginnen und es sogar zum Nobelpreiskandidaten zu bringen, kann man wohl als einen Kommentar zu Schwedens und Finnlands Umgang mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs lesen: Die allgemeine Verdrängung und Schönfärberei ermöglicht die Lüge im individuellen Nachkriegslebensentwurf.

Der Literaturwissenschaftler Peter Kirkegaard hat wiederholt Dahls Humanismus betont, der insbesondere in Tiefer Schmerz zum Ausdruck komme:

„Der Gerechtigkeit soll schließlich Genüge geschehen, die Schuldigen nach dem Gesetz bestraft werden, eventuell mit dem Tod. Aber die poetische Gerechtigkeit, der humane Ausweg, können die abstrakt summarischen Forderungen des Gesetzes und die absoluten der Wahrheit leicht übertrumpfen. Man vergleiche nur den Schluss von Europa Blues […], wenn den absolut kriminellen, aber gerecht rächenden Schicksalsgöttinnen […] zu entkommen erlaubt wird und der Sohn des uralten, historisch schwer belasteten Nazibüttels davon verschont bleibt, dass das Fundament seines Lebens ihm von den düsteren Familiengeheimnissen unter den Füßen weggerissen wird.“ (Kirkegaard; eigene Übers.)

Tatsächlich ist Kirkegaard zuzustimmen, wenn er Dahls Stärke darin sieht, dem Grauen der Welt einen positiven Entwurf entgegenzusetzen. Wenn auch der Begriff „Utopie“ möglicherweise zu weitreichende Implikationen weckt, so ist ein wesentlicher Punkt getroffen: Der Literaturwissenschaftlicher Dahl, ausgewiesen als Kenner und Liebhaber des Schönen, Wahren und Guten, lässt schlaglichtartig positive Aspekte des menschlichen Daseins aufscheinen, seien es nun Kunstwerke oder Gesten und Handlungen, aus denen Menschlichkeit und Mitgefühl spricht. In der Sache ist Holms und Hjelms Entscheidung, den Sohn von Sheinkman nicht über die wahre Identität des Vaters aufzuklären, eher unglaubwürdig, denn Polizisten müssen heutzutage detaillierte Berichte vorlegen und werden von Medien und Öffentlichkeit genauestens beobachtet, erst recht bei spektakulären Fällen. Die Unglaubwürdigkeit auf der Handlungsebene verzeiht man Dahl aber gerne, da sie im Dienste einer Aussage implementiert wird. Natürlich ist Dahl der Unterschied zwischen Literatur und dem wahren Leben bewusst, dies wird in seinen Romanen auf einer Metaebene auch immer wieder thematisiert. Dennoch vermitteln seine Krimis einen Ausweg aus der Gefühllosigkeit und machen Hoffnung. Als Kerstin Holm abschließend über den Fall und über ihre eigene Lebenskrise nachdenkt, geht ihr Folgendes durch den Kopf: „Religiös? Jaein. Aber ohne Gefühl für das Heilige stirbt auch das Gefühl für das Unheilige. Und das müssen wir uns erhalten. Sonst sterben wir.“ (TS, 400).

Dahl ist, wie auch seine Vorbilder Maj Sjöwall und Per Wahlöö oder aber Mankell, an genauen Schilderungen der Realität interessiert, darüber hinaus enthalten seine Texte aber auch eine weitere Ebene, auf der die Tür zu etwas aufgestoßen wird, das größer als der Krimiplot ist. Diese Ebene macht die vorherige Schilderung von Grausamkeiten erträglich und rechtfertigt sie sogar: Gerade weil Dahl gar nicht hinterfragt, wie Menschen wie Antonsson oder Lindrot eigentlich zu Nazi-Schergen werden, erscheinen sie wie Verkörperungen des Bösen, das einfach in der Welt ist – dem aber Schönheit, Liebe und die menschliche Fähigkeit zur Spiritualität gegenübergestellt sind. Es gibt also noch Hoffnung für die Menschen, auch bezogen auf bedrohliche Entwicklungen in der eigentlichen Handlungszeit um die Jahrtausendwende.

Ganz anders geht Mankell bei der moralischen Einordnung der Naziverbrechen vor. Er verhandelt in Die Rückkehr des Tanzlehrers mit Blick auf eine Reihe von Nazis und Neonazis, wie sie der Ideologie überhaupt verfallen konnten. Dabei wird eine familiäre Vorbelastung als Hauptrisiko ausgemacht: Das Mordopfer Herbert Molin und auch seine Weggefährtin Elsa Berggren kommen aus deutschfreundlichen und „rassebewußten“ (RT, 196) Familien, die Sympathien für die Nazis gewissermaßen mit der Muttermilch eingesogen haben. Und offensichtlich setzt sich diese Form der frühen Prägung fort, denn auch Molins Tochter ist, wie erst spät enthüllt wird, überzeugte Anhängerin rechten Gedankenguts. Auf der Figurenebene wird so eine Kontinuität zum Ausdruck gebracht, die auch andernorts betont wird. So lässt Mankell den Mörder Molins, der ja selbst Opfer der Nazis war und somit jüdischer Zeitzeuge ist, folgende Einschätzung abgeben:

„Aber die Gedanken, die in Hitlers krankem Gehirn geboren wurden, sind immer noch lebendig. Sie haben andere Namen, aber es sind die gleichen Gedanken. […] Über diese ganze neue Technik, die Computer, die internationalen Netzwerke, sind alle diese Gruppen eng miteinander verbunden. […] Sie werden nicht aufhören, ihren Haß gegen Menschen zu nähren, die eine andere Hautfarbe, andere Sitten, andere Götter haben.“ (RT, 454f.)

Die Kriminalhandlung in Die Rückkehr des Tanzlehrers endet damit, dass Veronica Molin erschossen und ein rechtes Netzwerk enthüllt wird. Der Mörder Herbert Molins aber kann – obwohl er sich immer wieder direkt in die Nähe der Ermittlung begeben hat – entkommen. Wie bei Dahl bleibt die Rache des Naziopfers also ungestraft. Der Schlag gegen die Neonazis dürfte für Mankell, den Vorkämpfer gegen Rassismus, bei der Gestaltung des Romanausgangs ebenfalls eine wichtige Rolle gespielt haben. Neben der Bekämpfung rechten Gedankenguts ist es dem Moralisten Mankell aber sicherlich auch um Prävention gegangen und auch hier positioniert sich der Roman klar, und zwar auf eine Weise, die Wallander-Kenner nicht überraschen wird. Wie in der Krimireihe wird nämlich betont, kein Mensch sei von Natur aus böse: So berichtet eine Polizistin, die den Zweiten Weltkrieg in London erlebt hat: „Dann […] sah ich ein, daß es eigentlich keine bösen Menschen gibt, Menschen, deren Seele böse ist, wenn Sie wissen, was ich meine. Sondern daß die Umstände dieses Böse hervorrufen.“ (RT, 500)

Das erfolgreiche Weitergeben rassistischer Vorstellungen innerhalb der Familie aber bedeutet im Umkehrschluss auch, dass junge Menschen gleichermaßen zu anderen Überzeugungen erzogen werden können. Dieser didaktische Aspekt wird im Roman zwar nicht ausgeführt, aber gewissermaßen mit der Figur des privat ermittelnden Kommissars Stefan Lindman bestätigt. Denn Lindman deckt nicht nur die SS-Vergangenheit des ehemaligen Kollegen Molin und eine Neonazi-Organisation auf, er wird vielmehr im Laufe der Ermittlungen damit konfrontiert, dass sein eigener Vater dieses Netzwerk unterstützt hat. In die Romanhandlung eingearbeitete Erinnerungsfetzen aus der Kindheit bestätigen den Rassismus des Vaters, nicht geklärt wird hingegen, warum Lindmann (anders als andere Figuren) nicht selbst zum Rassisten wird. Möglicherweise ist Mankell hier an die Grenzen seines in der Theorie überzeugenden Glaubens an die Kraft positiver Wertevermittlung gestoßen und hat daher auf eine weitere Ausgestaltung verzichtet. In jedem Fall belegt die Hauptfigur, dass die Kontinuität in der Vermittlung rechter Gedanken unterbrochen werden kann. Wenn man Lindmans Krebserkrankung, die zeitlich von der Diagnose bis zur erfolgreich abgeschlossenen Behandlung genau parallel zum Kriminalfall verläuft, in die Betrachtung mit einbeziehen möchte, so ließe sich davon sprechen, dass eine Heilung von der Seuche Nationalsozialismus möglich ist.

Was Herbert Molins Entwicklung angeht, gelangt der Roman ebenfalls zu einer klaren Aussage. Ungeachtet der Tatsache, dass Molin offenbar Zeit seines Lebens Nazi blieb, legt der Rahmen um die eigentliche Kriminalhandlung mehr als nahe, dass die von ihm im Dritten Reich begangenen Verbrechen nicht nur sein gesamtes Leben überschattet haben, sondern von ihm auch bereut worden sind. Molin wird mit einem Bericht über seine Schlaflosigkeit und Angst eingeführt, die sein Leben „zerstört“ haben (RT, 21). Und obwohl das Tagebuch, das Lindman findet (wie Dahl nutzt Mankell den Text im Text, um über den Zweiten Weltkrieg zu berichten), Molin als gefühlskalt und funktional erscheinen lässt, erfährt der Leser abschließend, dass er sich einer schottischen Kollegin anvertraut, als Nazi geoutet und auf ihre Vergebung gehofft hat, was – auch wenn der Text in einer gewissen Uneindeutigkeit verharrt (vgl. RT, 500-502) – nur als Zeichen der Reue gewertet werden kann. Hier liegt auch ein interessanter Gegensatz zu Dahls Figur Antonsson/Sheinkman vor, der erst in dem Moment von seiner Vergangenheit eingeholt wird, als sein eigener Tod bevorsteht (vgl. TS, 77-79).

Sowohl Mankell als auch Dahl gelingen differenzierte Darstellungen eines schwierigen Kapitels der schwedischen Geschichte. Die Zeit des Nationalsozialismus wird nicht (wie es in anderen Krimis durchaus geschieht) als bloße Kulisse genutzt, um besonders widerliche Gräuel schildern zu können oder sich einer weitverbreiteten Ästhetik des Bösen zu bedienen (vgl. Nilsson, 192-194). Vor allem die Erörterung der Frage, was aus schwedischen Versäumnissen und Vergehen für die Gegenwart abzuleiten ist und wie mit zeitgenössischen rechtspopulistischen Strömungen umzugehen ist, kann Denkanstöße geben. Es herrscht Konsens darüber, dass der moderne Krimi an die Stelle des Gesellschaftsromans getreten ist. In den beiden hier vorgestellten Krimis wird überzeugend ausgelotet, wie Probleme unserer jetzigen Gesellschaft auf historischen Entwicklungen fußen. Tatsächlich wirken die Romane fast fünfzehn Jahre nach ihrer Abfassung erschreckend aktuell. Und wenn ein Krimi nicht nur unterhält, sondern darüber hinaus historische Kenntnisse erweitern und einen Beitrag zu gesellschaftlichen Diskursen zu leisten vermag, dann ist das in hohem Maße erfreulich.[3] Die Notwendigkeit, sich mit der schwierigen Vergangenheit und den Gefahren eines allerorten wiedererstarkenden Nationalismus auseinanderzusetzen, kann niemand ernsthaft bestreiten wollen. Als der ehemalige Nazi-Wissenschaftler Sheinkman auf seiner letzten Reise zum jüdischen Friedhof unter den vielen Bildern, die ihm durch den Kopf gehen, auch den Todesfluss und den ihn erwartenden Fährmann sieht, denkt er, dass alles besser ist „als das Umherirren, unbegraben am Ufer eines Flusses, der nicht existierte. Das Umherirren Ahasvers. Jetzt war der Fluß da. Jetzt begann das ewige Leiden.“ (TS, 108) Wo Verbrechen geschehen, da gibt es Schuld, und wo es Schuld gibt, muss es auch Sühne geben. Tatsächlich lässt sich dies positiv wenden, denn die Bereitschaft, die Vergangenheit anzunehmen und gleichzeitig die Veränderungen der modernen globalisierten Welt nicht nur als Gefahr zu begreifen, bietet vielfältige Chancen – wenn nur die Menschen nicht das Gefühl haben, wie Vertriebene durch eine ihnen fremd gewordene Welt zu irren.

Anmerkungen

[1] Die Aufarbeitung außerhalb Schwedens wie auch die literarische Verwendung der Nazizeit in den anderen nordischen Ländern soll uns hier nicht weiter beschäftigen, drei in meinen Augen besonders interessante Beispiele aus der Krimiliteratur seien aber zumindest kurz genannt. Jo Nesbø behandelt in Rødstrupe (Rotkehlchen, in Norwegen 2000, in Deutschland 2003 erschienen) ausgesprochen lesenswert die aktive Teilnahme norwegischer Nazisympathisanten am Zweiten Weltkrieg und zeichnet gleichzeitig ein kritisches Bild der Bedrohung, die Neonazis für die moderne norwegische Demokratie darstellen. Bei der Gestaltung der historischen Szenen hat Nesbø sich bei seiner eigenen Familiengeschichte bedient, vgl. Larsen/Nesbø. Mit Pahan perimä (in Finnland 2007, in Deutschland 2008 als Das Erbe des Bösen erschienen) präsentiert Ilkka Remes seinem Publikum einen spannenden Thriller, in dem Schwedens historischer Beitrag zur Eugenik Ausgangspunkt der Handlung ist. Im selben Jahr veröffentlicht das Autorenduo Christian Dorph/Simon Pasternak Afgrundens rand (in Deutschland als Der deutsche Freund erschienen), dessen Handlung eigentlich in den späten 1970ern spielt. Schnell wird aber ein pädophiler Männerbund aufgedeckt, dessen Ursprünge in die Nazizeit zurückreichen, sodass auch in diesem mit zahlreichen Themen und Motiven postmodernistisch-lustvoll überfrachteten Krimi die Frage nach historischen Kontinuitäten eine wesentliche Rolle spielt.

[2] Hier greift Dahl wohl auf den Identitätstausch in Edgar Hilsenraths satirischem Roman Der Nazi und der Friseur zurück, vgl. Gohlis, 276.

[3] Nilsson betont zu Recht, dass Unterhaltungsliteratur zwar ein Bild historischer Ereignisse vermittelt und so ein kollektives historisches Bewusstsein formt, dieses Bild aber nicht deckungsgleich mit den Darstellungen in der historischen Forschung sei, vgl. Nilsson 215f. Tatsache ist aber, dass in den Romanen historisch korrekte Fakten präsentiert werden.

Literaturverzeichnis

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Kirkegaard, Peter: AT FINDE EN FORM TIL SIN VREDE. VREDEN, GUDINDE BESYNG! DEN STORE FINALE – 10 år med A-gruppen. http://www.arnedahl.net/index.php?visa=317&meny=158 [nicht mehr verfügbar, zuletzt abgerufen: 05.05.08].

Larsen, Jesper Stein/Nesbø, Jo [Interview]: Norwegian Evil. The main protagonist in Jo Nesbø’s crime novels is fascinated by evil. So is the writer – by death and horror. Transl. by Don Bartlett. http://jonesbo.com/#!/about-the-author/interview [nicht mehr verfügbar, zuletzt abgerufen: 05.05.08]

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