Erzählen ohne Ende
Alea Aquarius – die Meerjungfrau der Gegenwart kämpft gegen Umweltverschmutzung und Klimakrise
Von Sophia Wege
„Auserzählt. Narrative vom Ende und das Ende der Narrative“ lautet der Titel einer Tagung, die in diesem Herbst am Hamburger Institut für Sozialforschung stattfindet. Das verwundert insofern, als Erzählen als kulturelle und anthropologische Universalie gilt, und dennoch hat die Erzählung vom Ende der Erzählungen wieder einmal Konjunktur. Wenn die Welt global wie lokal wirklich so finster aussieht, wie man sich das in universitären Elfenbeintürmen derzeit vorstellt, dann steuert die Menschheit aktuell auf das tragische Ende ihrer langen Talfahrt zu, dann sind Geschichten zu Ende erzählt und auch die Wissenschaftler:innen sind mit ihren Erzähltheorien am Ende. Alles geht nur noch den Bach runter, der Untergang des Abendlandes steht kurz bevor, die Schriftsteller:innen stellen das Schreiben ein und die Geisteswissenschaft geht mitsamt ihrem naiven narrative turn in den vorzeitigen Ruhestand. Wir bräuchten uns in Anbetracht der anhaltenden Krisen keine Hoffnungen mehr auf eine bessere Zukunft zu machen, schon gar nicht darauf, mit Zukunftserzählungen wenigstens einen kleinen Beitrag zur Aufklärung über den Zustand der Welt zu leisten. Im letzten Akt dieser traumatischen postnarrativen Phase winken nur noch apokalyptische Prophezeiungen.
Restoptimismus könnte man daraus schöpfen, dass solche Verfallsdiagnostik auch dem Tunnelblick des akademischen Lektüremilieus geschuldet ist, der verpasst hat, was Durchschnittsleser:innen an Narrativen alltäglich konsumieren. Für eine literatursoziologische Gegenwartsdiagnose relevant ist die Frage, welche – vermeintlich inexistenten – Narrative die junge Generation derzeit prägen, die Leser:innen also, die die von uns verursachte Klimakrise zukünftig auszubaden haben. Zu den Großprojekten im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur, die auf diesem Gebiet konstant populär sind, zählt die Fantasy-Reihe Alea Aquarius von Tanya Stewner (Oetinger Verlag). Seit Jahren schaffen es ihre Bücher regelmäßig auf die Bestsellerliste. 2015 debütierte Stewner mit Alea Aquarius – Der Ruf des Wassers; es folgten zehn weitere Bände mit genregerecht verheißungsvollen Titeln: Die Farben des Meeres, Das Geheimnis der Ozeane, Die Macht der Gezeiten, Die Botschaft des Regens, Der Fluss des Vergessens, Im Bannkreis des Schwurs, Die Wellen der Zeit. Zuletzt erschien Der Gesang der Wale in zwei Teilen (2023/2024); Das Vermächtnis der Meerkinder ist bereits angekündigt. Nicht nur anlässlich der menschengemachten Dürre- und Hochwasserkatastrophen, die Europa in den letzten Jahren regelmäßig heimgesucht haben und uns auch in Zukunft noch bevorstehen, lohnt es sich, einen Blick auf die aktuellen Bände dieser dezidiert ökokritischen „Meermädchen-Saga“ (Verlagswerbung) zu werfen. Bei der Alea-Aquarius-Reihe handelt es sich um das unter älteren Kindern und Jugendlichen vermutlich populärste Narrativ zum Thema Klimawandel. Das Thema, die Motive und erzählerischen Verfahren zeugen von einem ungebrochenen Bedürfnis nach (Krisen-)Geschichtenerzählungen auch unter jugendlichen Leser:innen. Tanya Stewner, eine studierte Literaturwissenschaftlerin, adaptiert mit Alea Aquarius sehr erfolgreich die alte Geschichte der Meerjungfrau für unsere Gegenwart, doch geht es bei ihr nicht nur um Liebesleid, sondern um den Kampf für eine bessere Zukunft der Menschen- und der Meereswelt, unter Einsatz all jener erzählerischen Mittel, die dem Unterhaltungsgenre zur Verfügung stehen.
Adaptionen von Hans-Christian Andersens Märchen Die kleine Seejungfrau hat es in der Literaturgeschichte zuhauf gegeben. Bei Alea Aquarius handelt es sich um eine ökokritische Jugendliche, die halb Mensch und halb Meerwesen ist und mit einer Bande, die sich Alpha Cru nennt, auf dem Segelboot Crucis – dem „Mutterschoß [des] Abenteurerherzens“ – durch europäische Gewässer segelt. Die Freunde verdienen ihr Geld mit Musik-Gigs und kämpfen für globale Umweltschutzmaßnahmen, mit dem Ziel, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten. Sie gehen konkret gegen die illegale Verklappung von Giftmüll in den Ozeanen vor („Das Meer ist keine Abfalldeponie!“). Orchestriert wird dieses Umweltverbrechen von einem veritablen Bösewicht namens Dr. Aquilius Orion, einem „verrückten Wissenschaftler“ und „Umweltverbrecher“, sowie dessen Handlangern vom Stamm der Darkoner.
Einen Fischschwanz hat Alea nicht, kommt aber gleichwohl androgyn daher. Das Mädchen, später eine junge Frau mit „Schneewittchengesicht“, trägt eine wilde Kombination aus rosafarbener Seidenjacke (Verbeugung vor Irmgard Keuns „kunstseidenem Mädchen“?), Männerhemd, zerrissenen Hosen und praktischen Boots, einer meerblaue Mütze und Handschuhen, die Ansätze zu Schwimmhäuten an ihren Händen verbergen. Die Schwimmhäute bilden sich nur unter Wasser heraus und prädestinieren sie zur idealen Schwimmerin. Wie im Märchen ist Wasser Aleas ureigenes Element. Vom „elektrischen Rausch“ der Wellen fühlt sie sich unwiderstehlich angezogen, im Sog der Fluten ist sie glücklich, vermag ihre Körperkraft nach eigener Aussage freier und präziser zu spüren als an Land. Alea gehört dem Stamm der Elvarion, einer elitären Meermenschentruppe, an, die über magische Eigenschaften verfügt. Sie hat die Fähigkeit, als Walwanderin durch die Weltmeere zu gleiten und „Gefühle aus dem Wasser herauslesen zu können“. Die ökologisch-politische Mission, in deren Dienst sie ihre Kräfte stellt, könnte kaum bedeutsamer sein – gemeinsam mit ihren Freunden will sie die „Meerwelt“ vor Zerstörung bewahren und dafür sorgen, dass deren Bewohner, die zum Teil bereits von Dr. Orion vertrieben wurden, in ihre Gewässer zurückkehren können. Alea kämpft für „Respekt für unsere Umwelt“ sowie „natürliche Achtung“ vor dem Leben auf dem Planeten und vor der „Würde der Natur“.
Der Name der Heldin, Aquarius = Wassermann, wird, wie in der gegenwärtigen Kinderliteratur üblich, von der Figur ganz bewusst als biblisch und mythologisch reflektiert. Alea und ihre Freunde kennen also die literarischen Traditionen, in denen sie stehen, was es der Autorin leichter macht, Identität zu aktualisieren: eine Meerjungfrau möchte sie nicht sein, sagt Alea von sich, „Meermädchen [ist] schöner“. Stewner nutzt den sprechenden Namen, um die ‚männlichen‘ Facetten ihrer (heterosexuell orientierten) Figur zu thematisieren und zu bejahen:
„,Der Wassermann überlebte die Sintflut und wurde zum Stammvater der Menschen‘, rezitierte Ben. ,Hammer, oder?‘ Sammy drehte sich zu Alea um. ,Du wirst zum Stammvater der Menschen. Oder eher zur Mutti, nehme ich an.‘ Er kicherte.“
Wie viele Figuren der Kinderliteratur der Moderne wächst auch Alea ohne Eltern bei einer Pflegemutter auf, sodass die abenteuerliche Reise der Heldin zugleich als Identitätsfindungsprozess erzählt wird. In Band 1 vermutet Alea, dass ihre leibliche Mutter, deren Verbleib noch im Dunkeln liegt, eine Meerjungfrau gewesen ist. In Band 10 wird ihre Herkunft enthüllt und in die ökokritische storyline integriert: Aleas Mutter ist eine Münchner Virologin, die an einem Mittel gegen ein bösartiges Virus forscht, das Oberfiesling Orion in den Weltmeeren ausgesetzt hat.
Die Figuren im Roman sind Menschen oder „Magische“; Letztere gehören verschiedenen Stämmen an, und manche Figuren zeichnen sich durch eine Kombination aus menschlichen und magischen Fähigkeiten aus. Die unverkennbar didaktische Funktion dieser Mixtur aus realistisch-natürlichen und phantastischen Identitätskonstruktionen besteht in der Affirmation von Diversität und Pluralität aller Daseinsformen auf dem Planeten. Die Crew-Mitglieder beispielsweise sind nach Sternzeichen benannt, sodass ihre Namen schicksalhaft erscheinen. Aleas engste Freundin ist ein Mädchen namens Tess Taurus. Tess ist eine lesbische Französin mit „schwarzer Haut“, deren Mutter als Anwältin für den Europäischen Gerichtshof arbeitet und sich auf institutioneller Ebene für Umweltrecht engagiert. Lennox Scorpio avanciert im Laufe der Jahre vom Kinderfreund zum „boyfriend“ (Typ Frauenversteher). Es handelt sich um eine Beziehung auf Augenhöhe, obgleich der Junge in Der Gesang der Wale vorübergehend unterlegen scheint: Seit er Alea versehentlich den magischen „Herrinnenschwur“ geleistet hat, verfügt er über „Superkräfte“, muss sich aber zugleich den Imperativen seiner Partnerin fügen – eine Macht, die die verantwortungsvolle Alea nicht missbraucht.
Literatur- und kulturwissenschaftlich interessant ist die Art und Weise, wie Stewner ihre Herzensthemen, Diversität und Klimawandel, poetisiert und narrativiert: Umweltverschmutzung als Verbrechen an der Natur bildet den Kern des erzählten Konflikts innerhalb der fiktiven Welt; die Unterschiede zwischen Fiktion und Wirklichkeit diesbezüglich sind gering. Stewner fokussiert ihre story allerdings nicht auf den Akt der Zerstörung, und sie malt auch die traumatischen Folgen nicht in düsteren Farben aus. Der Schwerpunkt der Handlung liegt, durchaus auch mit ‚hollywoodeskem‘ Potenzial, auf den dramatischen Versuchen der crew, die Welt zu verbessern. Der Plot ist ganz klassisch nach dem dramatischen Dreischritt – Problembildung, Problembewältigung, Problemlösung – strukturiert, wobei jedoch immer nur Teilprobleme in Angriff genommen werden können. Den Ausgangspunkt bildet zumeist ein Umweltverbrechen: In Band I stirbt ein Wal am Verzehr von Plastikmüll. In den Folgebänden werden zahlreiche weitere Umweltsünden aufgedeckt. Stets geht es um die Verseuchung der Meere durch böswillige Akteure, die das Leben der magischen Meeresbewohner gefährden. Eine grobe Skizze der Handlungslinien genügt, um einen Eindruck vom Geschehen im aktuellen Band 10 zu gewinnen: Viele Meerkinder sind bereits aus den Meeren vertrieben worden, weil das Wasser mit dem tödlichen Virus vergiftet wurde. Zudem hält Orion Aleas Zwillingsschwester Anthea in einem unterirdischen Bunker gefangen. In genretypisch aktionsreicher Manier jagt eine Wendung der Befreiungsaktion die nächste; zudem soll ein Treffen der magischen Völker organisiert werden, dessen Zweck darin bestehen wird, ein Bündnis gegen Dr. Orion zu schmieden. Orion, die Personifikation des „menschlichen Egoismus“ schlechthin, entlädt seinen Giftmüll derweil direkt in die Ozeane. Aleas Ziel ist es, die Meere vor dem Kippen zu bewahren, damit die überlebenden Meermenschen in ihr heimatliches Element zurückkehren können. Ein geheimnisvolles Wesen namens Talassiopa, das auf dem Meeresgrund lebt, offenbart den Menschen zudem „eine Schreckensvision von der Zukunft“, das heißt den Klimakollaps. Das Orakel führt den Menschen die Möglichkeit des „Untergangs der Menschheit“ vor Augen und ermutigt Alea zu ihrem Kampf. Zu deuten ist das wohl auch als Aufforderung an die Leser:innen zum Handeln auf allen Ebenen, in Gang gebracht vom Untergangsnarrativ eines magischen Wesens – und damit letztlich durch die Literatur und das Magische an sich.
Bei der Verpackung ihrer aufklärerisch-politischen Mission zieht Stewner sämtliche Register des Fantasy-Genres. Einige Beispiele: Die Helden kommunizieren einerseits auf dem neuesten Stand der Technik, das heißt per Handy, wenn nötig aber auch per Telepathie (Reichweite 40 Kilometer!) oder mittels eines Steins, der sämtliche Sprachen simultan übersetzen kann. Nixen werden „kontaminiert“, Personen werden leibhaftig verdoppelt, Buchmuscheln speichern Texte, die Helden unternehmen Blitzreisen zum Mittelpunkt des Ozeans und suchen bei Bedarf „Valerianer“ auf (die Psychiater der Meerwelt). Neue märchenhafte Wesen wie „Tasfare“ treten auf („mysteriös schönes geflügeltes Meerpferd“), ebenso wie vertraute, ‚rein‘ magische Wesen wie Wassernixen. Diese Wassernixen trinken ihren Kaffee aber selbstverständlich nicht aus Pappbechern und sie stimmen gemeinschaftlich darüber ab, wer ihre Anführerin sein soll („Cassaras hat den Nixen Demokratie erklärt!“). Demokratie, lobt das Mischwesen Alea, sei eine empfehlenswerte Errungenschaft der Menschheit, die Moderne und Magie, Land und Meer, einander wieder näherbrächte.
Diversität als gesellschaftlicher Wert wird im Kapitel „Die Liebe der Magischen“ zum Thema. Den in Sachen Erotik unterentwickelten Landgängern wird das Liebesleben magischer Wasserwesen als vorbildhaft liberales Modell der Lebensführung angepriesen: „Öffne deinen Geist für die Größe der Liebe!“, ermuntern zwei Fische Alea schmunzelnd und werben damit für die Vielfalt von Gefühlen und den Facettenreichtum des Liebeslebens. Viele Tierarten seien sowohl männlich als auch weiblich, oder auch etwas Eigenes, wobei die Fische die Bezeichnung „non-binär“ insofern kritisch sehen, als man schließlich nicht alles immer gleich auf eine Bezeichnung „festzurren“ müsse. Die Figuren fragen sich, ob es auch weibliche Kobolde oder männliche „Isibellen“ gibt, und die Leser:innen lernen, dass „Pudelpfuhler“ und „Grahnquallen“ einen spontanen Geschlechterwechsel vollziehen können. Unkonventionell geht es auch in Liebesbeziehungen zu. Menschliche Zweierbeziehungen seien schön und gut, aber aus Sicht der Magischen etwas langweilig: „Seh-Saffiere haben zum Beispiel meist Dreierbeziehungen“, was wiederum erklären würde, dass Funkeldrachen häufig zu dritt, im „Liebestrio“, gesichtet würden. Orakelwasserpferde dagegen bevorzugten das klassische Modell der monogamen Zweierbeziehung, und wie es bei den Isibellen zugeht, kann jeder selber nachlesen.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Gesetzlichkeiten der Realwelt, insbesondere im Bereich Klima und Umwelt, bei Stewner größtenteils intakt bleiben. Der Mix aus Fantasy und Realpolitik wirkt teils absurd, was jedoch den Konventionen des Genres entspricht und von Stewner weitestgehend sinnstiftend und mit pädagogischer Absicht eingesetzt wird. Die Fantasywelt, in die Stewner die Botschaften ihrer aktivistischen Nixen und „Klimakids“ einbettet, hilft, den jugendlichen Leser:innen die zu vermittelten Normen und Werte auf der Gefühlsebene nahezubringen. Zu Stewners didaktischer Strategie gehört auch der emotionalisierende Einsatz crossmedialer Komponenten: Aleas Band, Alpha Cru, begeistert die Leute auf Konzerten mit Protestsongs. Im 10. Band tritt die Band beispielsweise medienwirksam bei einem Klimakonzert in Rom auf. Die Hits, die den „Traum-von-der-besseren-Zukunft“ verbreiten, haben Titel wie Ocean’s Heart, Hinterm Wasserfall oder auch Kämpf weiter. Die Liedtexte sind im Buch abgedruckt und können von den Fans per QR-code abgerufen beziehungsweise aufs Handy geladen werden. Die pathetischen Texte dürften selbst Helene Fischer vor Neid erblassen lassen, mahnen sie doch an die „Schönheit des Ozeans, die Quelle allen Lebens, die im Sterben lag“. Das Lied mit dem Titel Wings schreibt Alea für ihren Geliebten Lennox, der auf gefährlicher Mission sein Leben im Dienste der höheren Sache riskiert: „I’m right at your side / Let my heart be your guide / Here’s my spirit, it’s rising with the wind / Want to build you wings to fly / Through dimension, I’m with you tonight.“
Nach sprachlich-stilistischer Originalität sucht man bei Stewner freilich vergeblich. Aleas Wut brennt stets heiß, ihre Sehnsucht brennt auch heiß, und ihre Tränen fließen in Strömen. Auf jeder Seite finden sich konventionelle Sätze wie folgende (die Masse machts!): „Aleas Herz setzte einen Schlag lang aus“, „Aleas Herz schrie auf“, „Aleas Gedanken überschlugen sich“, „Alea vergaß beinahe zu atmen“, „Angst fraß sich in Aleas Herz“, „Ihr Herz stand kurz vorm Durchdrehen“, „Alea stockte der Atem.“ „Alea wurde heiß und kalt zugleich“, „Aleas Herz stand kurz vor dem Kollaps,“ „Eine warme Gefühlswoge überspülte Aleas Herz.“ Bei allem Verständnis für diversity auf Inhaltsebene – diese Monotonie des Ausdrucks schmerzt schon mächtig. Man wünschte sich, Walter Moers hätte sich des Themas angenommen, doch gibt der Erfolg Stewner eben auch recht. Besser von trivialer Sprache gefoltert werden, als vom Klimawandel, wenn’s der Erweckung eines Krisenbewusstseins beim jungen Lesepublikum dient. Zudem führt die akademische Hochnäsigkeit gegenüber Kitsch direkt ins Zentrum der aktuellen kulturwissenschaftlichen und soziologischen Debatten, wo man in jüngster Zeit nach der Bedeutung von Gefühlen für Diskurse fragt, insbesondere von Empathie oder Gemeinsinn (Aleida Assmann): Welche Rolle können oder sollen soziale Emotionen im gesellschaftlichen Diskurs spielen, insbesondere im Rahmen von Projekten der ‚neuen Aufklärung‘? Mit welchen (narrativen) Mitteln kann man im postfaktischen Zeitalter von Rechtspopulismus und Wissenschaftsfeindlichkeit den Fakten in der breiten Öffentlichkeit Gehör verschaffen? (Solchen und anderen Fragen widmet sich etwa das von der DFG finanzierte Graduiertenkolleg „Politik der Aufklärung“ am Zentrum für Europäische Aufklärung / IZEA in Halle-Saale). Alea Aquarius formuliert diese einfache und wichtige Frage ganz direkt: „Vielleicht musste man die Menschen gefühlsmäßiger ansprechen?“ Tatsächlich fällt im Roman das Stichwort „Öko-Angst“, unter der die junge Generation leide (wenn sie nicht gerade von anderen Krisenängsten überwältigt wird). Definiert wird Öko-Angst im Roman als „emotionale Verzweiflung wegen der Bedrohung durch die Klimaveränderung. Zukunftsangst aufgrund von Umweltschäden.“ Wollen Neo-Aufklärungsprojekte erfolgreich sein, werden sie kaum umhinkommen, auch die Gefühlsseite zu bedienen, und das funktioniert am besten mittels Kultur, mit Musik, Film und Literatur. Der im November ausgestrahlte Tatort „Borowski und das ewige Meer“, in dem es um das Leiden des „geschändeten Meeres“ und eine Klimasünde an der Kieler Bucht geht, hat vorgemacht, wie es gehen kann. Auch eine Jugendbuch-Reihe wie Alea Aquarius kann unmittelbar im Dienst der ‚guten Sache‘ sprechen und, nun ja, direkt zu den Herzen der Leser:innen vordringen. Stewners literarischer und medialer Auftritt macht deutlich, dass sie sich als Autorin verantwortlich fühlt, über den Klimawandel aufzuklären. In ihren Romanen schmuggelt sie relevante Fakten als Bildungshäppchen in eine spannende story. Ästhetisch ist das kaum ambitioniert, aber für das, was es ist – Genreliteratur – sehr gut gemacht, und damit erreicht Stewner sicherlich mindestens so viel wie faktenvermittelnder Biologieunterricht. Stewners Fans identifizieren sich mit den willensstarken, emanzipierten Heldinnen und Helden, und damit auch mit deren politischen Ansichten, Werten und deren Glauben an die Verantwortung und Handlungsfähigkeit der/des Einzelnen. Konkret sieht das in Gesang der Wale wie folgt aus: Alea und ihre Freunde sorgen sich unter anderem wegen der Ausbeutung afrikanischer Fischgründe durch europäische Riesentrawler, sie beklagen die Zerstörung der Meeresvegetation durch Schleppnetzfischerei. Auf dem bereits erwähnten Klimakonzert in Rom werben sie für mehr Klimaschutz und nennen Fakten über die Bedeutung der Artenvielfalt. Sie sprechen beispielsweise über die Gefahren, die aus dem Anstieg des Meeresspiegels und die Erhöhung der Erdtemperatur für Menschen resultieren. Sie fordern zudem eine Neuregelung der EU-Gesetzgebung, konkret ein Gesetz, das dem Ökosystem „den Status einer juristischen Person“ verleiht. Der administrative ‚Behördensprech‘ beschränkt sich jedoch auf wenige Sätze, und das ist auch gut so, denn langatmige Belehrungen wären im Rahmen der Gattung Fantasy unglaubwürdig gewesen und hätten die Wirkung des faktischen Gehalts und der Botschaft geschmälert. Die Chance von Verpackung realweltlicher Krisen in gut gemachte Fantasy liegt darin, dass Aufklärung über die Zustände nicht so nüchtern klingt wie in den Schriften der Bundeszentrale für Politische Bildung, und damit eventuell auch nachhaltiger auf die Leser:innen wirken kann.
Was die Frage nach einem möglichen Ende des Erzählens angeht, so lässt sich im Hinblick auf die Alea-Aquarius-Reihe festhalten: Während Soziologen das Narrativ vom Ende der Erzählungen bewirtschaften, lässt sich die Jugend im Roman nicht von ihrer Öko-Angst unterkriegen. Resignation ist für sie keine Option: „Anstatt gedanklich in einer finsteren Zukunft festzuhängen, die noch gar nicht sicher ist, muss man seine Power zu sich selbst zurückholen.“ Es helfe nicht weiter, im Kopf schon Schiffbruch anzurichten, bevor der Sturm überhaupt aufgekommen sei. Die eigenen Ängste werden bei Stewner zum Motor eines mutigen Kampfes kanalisiert, nicht jedoch die berechtigte Wut der Opfer, vor deren Zerstörungskraft Alea und ihre Freunde warnen. Der Bösewicht im Roman leide im Grunde selbst unter einer fatalen „magic anxiety“. Diese Angst verdamme ihn zu Herrschaftsgelüsten, genauer gesagt dazu, gegen magische Wesen, die seine Macht zu gefährden scheinen, einen Vernichtungsfeldzug „ohne störende Moralvorstellungen“ zu führen. Der Zerstörungskraft von Wut und Angst möchte das kämpferische Meermädchen konstruktive Gefühle entgegenstellen: „Empathie und Mitgefühl“, und auch „Zusammenstehen und Handeln“ – das seien die Wege, auf welchem die Welt vielleicht „zu einem besseren Ort“ werden könne. Man fühlt sich durchaus an Lessings optimistisches Programm einer Verbesserung der Welt mittels Gefühl erinnert. Aber Stewner ist nicht naiv, sie weiß, dass Emotionen allein die Welt nicht werden retten können. Der originellste Einfall des Romans ist daher der „Elvarion-Modus“, in den sich ihre Heldin bei Bedarf versetzen kann. Der Modus befähigt dazu, sich von lähmenden Gefühlen wie Angst und Unsicherheit zu distanzieren, um eine Situation rationaler, logischer und lösungsorientierter zu betrachten. Das, denkt man sich, wäre doch auch eine interessante Aufgabe für die Neurowissenschaft der Zukunft.
Globale Klimaprobleme verlangen scheinbar eine neue, aktivistische ‚Meerjungfrau‘ im positivsten Sinne. Wie Stewner das tradierte Motiv für die Gegenwart neu interpretiert, diversifiziert und mit aktuellen Diskursen verknüpft, liegt nahe und dürfte für die meisten akademischen Leser:innen durchschaubar und vorhersehbar sein. Für junge Leser:innen aber, deren literaturgeschichtliche Kenntnisse rudimentär sind und deren Genre-, Sprach- und Stilempfinden sich noch entwickelt, ist Stewners pädagogisch wertvolle Abenteuererzählung attraktiv. Und der Schluss? „Es fehlt das Happy End“, bedauert Alea. Auch am Ende des 10. Bandes kann sie noch keinen endgültigen Sieg über Orion erringen, stellt aber in Aussicht, dass „alles gut“ wird. Ein Ende könnte sich schon deshalb verzögern, weil die Buchreihe der Autorin den Lebensunterhalt sichert. Dass Aleas Geschichte nicht endet, passt aber auch zur Wirklichkeit, in der das öffentliche Interesse an der Klimakrise in den letzten Jahren bedenklich nachgelassen hat. Partielle poetische Gerechtigkeit lässt Stewner dennoch walten – mit einem weiteren originellen Einfall: Ein Komplize von Orion wird mit einem „Emotions-Tribunal“ bestraft. Der Täter wird verdammt, die Gefühle seiner Opfer, der getöteten und vertriebenen Meeresbewohner, zu durchleben. Es folgen Jahre der Gefangenschaft in einer unterirdischen Höhle, die dem Täter die Möglichkeit zu Einsicht und Reue bieten sollen. Das Motiv ist raumsemantisch geschickt gewählt, denn eine Höhle ist ein Ort, der gleichermaßen an ein Gefängnis, ein Kloster oder eine geologische Forschungsstation erinnert. So entlässt die Autorin ihre jungen Leser:innen stets mit einem Hoffnungsschimmer im Herzen.
Auswahlbibliografie
Tanya Stewner: Der Ruf des Wassers. Oetinger Verlag 2015. Dies.: Die Farben des Meeres. Oetinger Verlag 2016Dies.: Das Geheimnis der Ozeane. Oetinger Verlag 2017. Dies.: Die Macht der Gezeiten. Oetinger Verlag 2018. Dies.: Die Botschaft des Regenbogens. Oetinger Verlag 2019. Dies.: Der Fluss des Vergessens. Oetinger Verlag 2020. Dies.: Im Bannkreis des Schwurs. Oetinger Verlag 2021. Dies.: Die Wellen der Zeit. Oetinger Verlag 2022. Dies.: Der Gesang der Wale. Teil 1. Oetinger Verlag 2023. Dies.: Der Gesang der Wale. Teil 2. Oetinger Verlag 2024.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen













