Lils Widerstand gegen eine dominante Männerwelt

Markus Gasser erzählt in «Lil» spannend und voller Witz deren Geschichte

Von Liliane StuderRSS-Newsfeed neuer Artikel von Liliane Studer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

New York, 1880: Lillian Cutting ist eine Berühmtheit. In der Finanzwelt wird sie geschätzt, da sie kühn und zukunftsorientiert denkt und handelt und so ein ansehnliches Vermögen aufgebaut hat. Eine Frau also, die weiß, was sie will, und sich von nichts und niemandem abschrecken lässt. Unterstützung erfährt sie von ihrem Ehemann Chev, der ganz auf ihrer Seite steht und den sie dringend braucht, weil eine Frau allein damals nichts zählte. Zum Kindergebären sei sie geboren, dem Mann zu dienen habe sie, in der Öffentlichkeit zu schweigen.

Als Chev stirbt, wittern einige, die dem Ehepaar bisher nahestanden, ihre Chance. Allen voran der Sohn Robert, ein erfolgloser Nichtsnutz, der seine Chance wittert, an ihr Geld zu kommen. Denn die Bank, der er vorsteht, rutscht immer mehr in die Schulden, seine Ehefrau Cora hätte ihn längst verlassen, gemeinsam mit Libby, ihrer Tochter, wenn sie denn den Mut gehabt hätte. Doch dieser fehlt ihr – im Gegensatz zu ihrer Schwiegermutter. Robert findet Unterstützung bei Matthew Farewell, einem zwielichtigen Psychiater, der Lil noch so gerne in seiner Klinik aufnimmt. Dort will er sie von angedichteten Depressionen und weiteren psychischen Krankheiten heilen, stürzt sie aber de facto immer tiefer in den Abgrund. Farewell vertritt vehement die vor etwa 150 Jahren geltenden Vorstellungen über Frauen (und Männer): 

„Ihr Ehemann Chev Cutting hat verantwortungslos gehandelt und Sie Dinge tun lassen, die einer Dame wie Ihnen nicht anstehen. Wo im Gehirn des Mannes das Verständnis für Zahlen sitzt, befindet sich bei den Frauen das Verlangen nach Mutterschaft. Ergo: Weiblichkeit und Finanzen kommen nicht gut miteinander zurecht und sind nicht füreinander geschaffen, gehen wir doch einmal von dieser Arbeitshypothese aus. (…) Statt dass Chev Cutting also für Sie gesorgt hat, wie es Ihrer geistigen Gesundheit förderlich gewesen wäre, hat er rücksichtslos von Ihrem Talent profitiert. Richtiggehend ausgenommen hat er Sie. Sie waren das Opfer Ihres Gatten, nun machen Sie facto Ihren Sohn zum Opfer. (…) Schon Ihr Vater dürfte Ihnen nicht das Leben geboten haben, das eine Frau in Einklang mit sich und Ihrer Natur zu führen hat.“ 

Die beiden Männer setzen alles daran, Lil für unmündig zu erklären. Doch zuerst muss sie das entsprechende Testament unterzeichnen – das selbstverständlich nicht ihrem letzten Willen entspricht, demzufolge jedoch Robert die Vormundschaft über seine Mutter übertragen würde und er also über deren Vermögen verfügen – und sich vor dem finanziellen Ruin retten könnte.

Doch bei all diesen Plänen denken weder Robert noch der Klinikdirektor Matthew Farewell daran, dass Lil durchaus noch bei Sinnen ist und auch nicht allein. Unterstützung erfährt sie durch das Anwält:innenpaar Maxine Colbert und Jay Sandberg, die sie im Prozess erfolgreich vertreten, sowie von ihrer Enkelin Libby und Zhu Cheng. Er arbeitete schon als Junge bei Lillian, doch sie hat ihn – sehr zum Missfallen Roberts – früh adoptiert. Cheng ist rasch der vertrauensvolle Sohn geworden, auf den Verlass ist. Libby und er haben sich früh angefreundet und sind für ihre Großmutter beziehungsweise Adoptivmutter eine lebenswichtige Unterstützung geworden. Auch dank ihrer Hilfe verlässt Lil den Gerichtssaal als Siegerin.

Markus Gasser hat einen spannenden Pageturner geschrieben, der immer wieder neue Überraschungen bereithält. Die eben erschienene Taschenbuchausgabe (das Original wurde 2024 ebenfalls bei C. H. Beck veröffentlicht) lädt dazu ein, sich auf vergnügliche Art in die Zeit um 1880 zurückversetzen zu lassen und in eine Familiengeschichte einzutauchen, die die Stärke der Frauen innerhalb dieser Familie aufdeckt. Gleichzeitig erfahren die Leser:innen, wie schwierig Widerstand von Frauen auch heute noch ist. 

Erzählt wird Lils Geschichte von ihrer Ururururenkelin Sarah. Unterstützt wird sie von ihrer Hündin Miss Brontë, die sie immer wieder antreibt, die Forschungen über ihre Vorfahrin fortzusetzen. Dass auch Sarah Erfahrungen mit der Psychiatrie gemacht hat, die ihr beinahe das Leben gekostet hätten, offenbart sich gegen Ende des Romans. Und macht deutlich, dass auch heute für Frauen in der Psychiatrie wie überhaupt in einer mehrheitlich männerdominierten Welt noch einiges im Argen liegt.

Titelbild

Markus Gasser: Lil. Roman.
Verlag C.H.Beck, München 2026.
238 Seiten, 15,00 EUR.
ISBN-13: 9783406846076

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