Selfies aus dem Untergrund

In Heike Geißlers Roman „Die Woche“ wird es immer wieder Montag in Leipzig

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es braucht ein wenig Zeit, bis man sich in die Romanwelt der in Riesa geborenen und heute in Leipzig lebenden Heike Geißler hineingelesen hat. Denn von dem, was Romane im traditionellen Verständnis ausmacht, ist da weit und breit keine Spur. Kein Plot. Nirgends. Keine Handlung, die sich in der Zeit entfaltet, obwohl der Romantitel Die Woche eigentlich Chronologie impliziert. Doch von den die äußere Struktur des Buches ausmachenden Wochentagen – der Roman beginnt an einem Sonntag und endet an einem Sonntag – ist allein der Montag siebenmal vertreten. Immer wieder, in insgesamt acht von fünfzehn Kapiteln, durchbricht er die „Chrono-Konvention“.

Dabei taucht schon auf der ersten Seite ein „Ich“ auf. Und eine Ansprechpartnerin dieses Ichs namens Constanze, mit der sich die Erzählerin zu einem „Wir“, den „proletarischen Prinzessinnen“, „Prinzessinnen, wie sie nicht in jedem Buch stehen“, verbindet. Zwei Frauen um die 40, Constanze als Produktionsassistentin ihre Brötchen verdienend, ihre Freundin – gelegentlich taucht die unter dem Kürzel „H. G.“ auf – offensichtlich identisch mit der Autorin Heike Geißler. Letztere hat zwei Kinder und ist verheiratet. Doch ihren Mann will sie nicht in den Text lassen. Dafür so ungefiltert wie ungeordnet die Realität unserer Tage zwischen Alltagsstress, politischer Tristesse und Träumen von einer besseren Zukunft. 

Auf eine radikale Weise subjektiv kommt das daher. Von Gedanken zu Gedanken springend, ohne dass der folgende in jedem Fall an den vorhergehenden anknüpfen muss. Manchmal werden Denksplitter durch eine kleine Geschichte illustriert, manchmal durch – offene oder versteckte – Zitate bekräftigt. In einem fünfseitigen Anhang legt die Autorin ihre „Quellen“ offen. Sie reichen von den Brüdern Grimm bis zu Victor Klemperer, von Gertrude Stein bis Jaques Derrida, von Klaus Theweleit über Bertolt Brecht bis hin zu Marina Zwetajewa und in zahlreichen Fällen bis in die Tiefen des Internets.  

Die Woche ist ein politischer Zeitroman, der Fragen stellt und Antworten sucht. Erstere haben seine Heldinnen im Überfluss. Sie liegen in der Luft und auf den Straßen und Plätzen Leipzigs, wo die „kriminelle Häufung“ von Montagen dafür sorgt, dass immer wer demonstriert und immer wer gegendemonstriert unter den argwöhnischen Augen von Vertretern der Ordnungsmacht, die dafür zu sorgen haben, dass sich Demonstranten und Gegendemonstranten nicht zu nahekommen. Was andererseits die Antworten betrifft, so ist die Lage hier weitaus komplizierter. Vielleicht kommt man ihnen schneller auf die Spur, wenn man jenes „Unsichtbare Kind“ in sein Leben lässt, „das sich nicht damit abfinden möchte, weder gezeugt noch geboren zu sein“, und sich deshalb immer wieder in Erinnerung bringt als Garant für eine mögliche Zukunft: „Ich komme demnächst als Wunderwerk der Möglichkeiten auf die Welt. Was glaubst du, was ich alles bewirken kann.“

Aber noch treiben die Erzählerin zu viele Ängste um, als dass sie sich auf das Wagnis eines dritten Kindes einlassen könnte. Noch muss sie fürchten, dass die Schrecken des Alltags, märchenhaft verkörpert durch zwei männliche Hybris symbolisierende Riesen und ein Tag und Nacht sich vor ihren Fenstern drehendes imaginäres Karussell, Macht über sie und ihre beiden kleinen Söhne gewinnen könnten. Noch gerät sie in Panik bei der Vorstellung, ihre Kinder an die Kriege der Zukunft zu verlieren, will lieber auswandern als zusehen müssen, wie alles um sie herum zu Nichts zerfällt. Andererseits ist es auch provokant, wenn sie überlegt, was sie persönlich beitragen oder nicht beitragen könnte zu einer Verbesserung der Situation in der Welt: „Stell dir vor, du könntest für den Weltfrieden sorgen, wärest aber als Preis dafür zwanzig Kilogramm schwerer. Würdest du dich auf diesen Handel einlassen?“

„Wir schauen in die Zukunft, und uns sind die Utopien abhandengekommen“, heißt es an einer Stelle. Doch auch der Blick der Erzählerin und ihrer Freundin zurück in ihre DDR-Vergangenheit fördert wenig Verheißungsvolles zutage. Ostalgie lohnt sich nicht, auch wenn man weiß, dass man einmal Gelebtes wohl für immer mit und in sich herumtragen muss wie „Kleidung, aus der wir zwar nicht rausgewachsen waren, die uns aber nicht mehr gefiel“. Und auch jene kurze Zeitspanne um die Jahre 1989 und 1990 herum, in der plötzlich alles möglich schien, scheint mit dem Abstand von fast 30 Jahren des Lebens in einer neuen Gesellschaft als eine Zeit, in der man sich nach und nach von allen anfänglichen Illusionen zu verabschieden hatte. Was von jenen Jahren der unerfüllten Wünsche und immer weiter hinausgeschobenen Träume geblieben ist, sind die Erinnerungen an die „Fallen nach der Wende“ – die Kurzarbeit für den Vater der Erzählerin und die Hilflosigkeit der Mutter als Mitarbeiterin in einem Callcenter, der es nicht gelingen wollte, das, was man von ihr am neuen Arbeitsplatz verlangte, mit ihrer Moral in Übereinstimmung zu bringen. Geblieben sind die Demütigungen jener, die sich in der Lebensmitte noch einmal um einen Platz im Leben zu bewerben hatten, gescheiterte Vorstellungsgespräche und der aufreibende Kampf gegen die Angst, zwar als Konsument, aber nicht mehr als Mensch gebraucht zu werden.

Als „eine Art Sprachrohr grob ausformulierter Gedanken anderer Leute“ kommt Heike Geißlers in seiner Machart so neuer wie aufregender Prosatext daher. Als eine Stimme, die die Stimmen vieler bündelt und zu keinem wirklichen Ende, keinem Ergebnis kommt, keine Richtlinie, keinen Weg, keine Programmatik für einen radikalen Neubeginn in petto hat und auch auf keine Politik mehr vertraut, „weil wir nicht mehr wissen, wie wir das Gebot zu helfen innerhalb eines Staates aufrechterhalten können, wenn es an seinen Grenzen außer Kraft gesetzt ist.“

Was also bleibt? Sind die zahlreichen Ideen für Seminare, die von Constanze in den Erzählstrom eingebracht werden, hilfreich? Oder soll man sich wie so viele andere damit begnügen, seine Sorgen in Bedürfnisse zu verwandeln, „die sich in Kaufhäusern und Malls halbwegs befriedigen lassen“? Sich einem jener zahlreichen Protestzüge unterschiedlichster Couleur anschließen, die Montag für Montag durch die Straßen und über die Plätze ziehen? Gar nichts tun und über die Richtung seines Lebens Instanzen bestimmen lassen, die man schon lange nicht mehr kontrolliert, oder sich auf die Suche nach jenem Zeitpunkt begeben, als etwas aus dem Ruder zu laufen begann? Vielleicht gilt aber auch einfach jenes Selbstverständliche, was Heike Geißlers Text mit einer kleinen Kasperle-Theater-Attitüde am Schluss seinen Lesern zuruft:     

Dieses Zeitalter ist das einzige, das wir haben, und ist jene Region, aus der niemand vertrieben werden kann.
Herzlich willkommen in diesem Zeitalter.
Seid ihr alle da?

Titelbild

Heike Geißler: Die Woche.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2022.
300 Seiten, 24 EUR.
ISBN-13: 9783518430538

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