Goethes Geist sucht Schillers Schädel
Thomas Göller wirft in seinem Roman „Unsterbliche Überreste“ einen ungewohnten Blick auf die Weimarer Klassik und die deutsche Geschichte
Von Rudolf Lüthe
Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller, schon wieder? Tote Dichter, ein leerer Sarg und ein fehlender Schädel? Doch wer meint, über die berühmten Klassiker sei alles gesagt, darf sich überraschen lassen. Thomas Göller erzählt in seinem Roman Unsterbliche Überreste nicht nur vom Schicksal toter Knochen, sondern höchst lebendig auch von der wechselhaften deutschen Geschichte und Geistesgeschichte. Die Handlung beginnt mit Schillers Tod 1805 und reicht bis zum Jahre 2008, als eine Fernsehdokumentation gesendet wird. Mit den Mitteln moderner Genanalyse wurde untersucht, ob Schillers Gebeine tatsächlich echt sind. Doch der Schädel, dem Goethe einst ein berühmtes Gedicht widmete, gehört nicht Schiller. Der echte fehlt – bis auf den heutigen Tag. Schillers Sarg, der neben dem Goethes in der Weimarer Fürstengruft ruht, ist seitdem leer.
Der Umgang mit den toten Dichtern ist mehr als ein bizarrer Totenkult. Zeigt er doch, wie man versucht, die Klassiker für die jeweiligen Zwecke zu instrumentalisieren: im Kaiserreich, in der Weimarer Republik, in der NS-Zeit, in den beiden deutschen Staaten und nach der Wiedervereinigung.
In einer Nacht- und Nebelaktion werden die beiden Dichtersärge im Dezember 1944 von Einheiten der SS aus der Weimarer Fürstengruft heimlich nach Jena abtransportiert. Dort, meint man, seien sie vor den Bombenangriffen der Alliierten sicher. Doch die Dinge nehmen einen ungeahnten Verlauf: Die Särge sollen kurz vor der Kapitulation Jenas von einer SS-Sondereinheit gesprengt werden. Die sterblichen Überreste der „völkischen“ Dichterheroen dürfen nicht – so lautet jetzt der Befehl der flüchtenden Nazi-Bonzen – den anrückenden amerikanischen „Barbaren“ in die Hände fallen. Der leitende Luftschutzarzt, Dr. Knieh, verhindert ihre Vernichtung in letzter Minute.
Die Schilderung der letzten Kriegstage, der Zusammenbruch des „Dritten Reiches“, die allgemeine Verwirrung und Unsicherheit, liest sich spannend. Atmosphärisch dicht wird beschrieben, wie schließlich ein emigrierter jüdischer Schriftsteller und Sonderbeauftragter General Eisenhowers, Emil Ludwig, die Sarkophage im Jenaer Bunker entdeckt. Dialektik der Geschichte: Das Verhältnis von Täter und Opfer kehrt sich um, die Särge werden von einem US-Konvoi im Mai 1945 in die Fürstengruft nach Weimar zurückgebracht. Gerettet werden sie von denen, vor deren angeblicher Vernichtung man sie schützen wollte – während die wahren Täter, die SS-Schergen, ihre Vernichtung skrupellos in Kauf genommen hätten.
Was den Roman nicht nur spannend, sondern auch im besten – das heißt im literarischen – Sinne lehrreich macht, sind Passagen, in denen im Weimar der Goethezeit die Protagonisten selbst zu Wort kommen. Das betrifft den für uns Heutige nur schwer verständlichen Umgang mit Tod und Toten. Der Sprachforscher und Philosoph Wilhelm von Humboldt, der sich Ende 1826 in Weimar aufhält, schildert seine Eindrücke einer merkwürdigen Begegnung mit Goethe: Nachts im Kerzenschein präsentiert ihm der greise Dichter Schillers Totenkopf. Er stellt tiefgründige, aber auch kryptisch anmutende Betrachtungen über den Schädel als äußere Erscheinungsform des Geistes an.
Doch wie kommt Goethe in den Besitz von Schillers Schädel? Zwanzig Jahre nach Schillers Tod wurden unter abenteuerlichen Bedingungen dessen vermeintliche sterbliche Überreste aus dem Weimarer Kassengewölbe geborgen. Goethe lässt den überaus markanten Totenschädel in sein Arbeitszimmer bringen. Er ist von diesem Anblick so überwältigt, dass er sein berühmtes Gedicht verfasst. Es beginnt mit dem Vers “Im ernsten Beinhaus war’s“.
Als Goethe 1832 stirbt, wird er neben den angeblichen Überresten Schillers beigesetzt. Die beiden Dichter ruhen nun „friedlich vereint“ und „für immer“ nebeneinander in der Fürstengruft. Doch die Geschichte nimmt wieder einen ungeahnten Verlauf: Im Jahre 1945 haben nach der US-Armee sowjetische Truppen Thüringen eingenommen. Professor Vahl, schon unter den Nationalsozialisten Leiter des Goethe-Archivs, weiß sich auch den neuen Machthabern anzudienen. Nun berauscht er sich nicht mehr an einem „völkischen“ Goethe, sondern versucht nachzuweisen, dass in Wahrheit die russische Kultur die Grundlage der europäischen Kultur bilde. Die Absurdität dieses, aber auch anderer Vorgänge dieser Zeit, wirft ein bezeichnendes Bild auf die zunehmende Ideologisierung von Literatur und Kultur.
Als 1949 die DDR gegründet wird, feiert man die beiden Dichter als Vorkämpfer einer sozialistischen Gesellschaft. Davon will man im kapitalistischen Westen nichts wissen. Allerdings gibt es auch kritische Gegenstimmen aus prominentem Mund: So würdigt der aus dem Exil zurückgekehrte Thomas Mann in Weimar – auf der Feier zu Schillers hundertfünfzigstem Todestag 1955 – den Geehrten als Dichter beider Teile Deutschlands. Das stößt, vor allem in der Bundesrepublik, auf heftige Kritik.
„Nicht Ruh im Grabe, ließ man euch“ – was Goethe in seinem Gedicht auf Schiller schrieb, gilt wortwörtlich auch für ihn: Als im Jahre 1970 dessen Sarg undicht wird, skelettiert man die sterblichen Überreste des Dichterfürsten in einer streng geheimen Stasi-Aktion. Erst dreißig Jahre später dringen Einzelheiten dieser „Dichterrettung“ an die Öffentlichkeit. Das löst im wiedervereinigten Deutschland einen heftigen Medienskandal aus.
Da es erneut Zweifel an der Echtheit der Gebeine Schillers gibt, lanciert eine junge Fernsehjournalistin ein Projekt, um die DNA des Dichters zu entschlüsseln. 2008 ist der Beweis erbracht: Weder der Schädel noch die Gebeine, die lange Jahre in der Weimarer Fürstengruft ruhten, gehören Schiller. Doch wo sind Schillers Gebeine? Diese Frage bleibt offen, Schillers Grab muss leer bleiben – bis auf den heutigen Tag. Am Ende des Romans macht sich Goethes Geist auf die Suche nach seinem verschollenen Dichterfreund, von dem sich keine sterblichen Überreste, sondern nur Verse als „unsterbliche Überreste“ erhalten haben.
Die Handlung des Romans ist weitgespannt, die Figuren sind differenziert charakterisiert. Der Leiter des Goethe-Archivs in Weimar, Professor Vahl, wird als überzeugter und intriganter Nationalsozialist dargestellt, der sich erst den US-Amerikanern und dann den sowjetischen Machthabern andient. Äußerst geschickt weiß er, die wechselnden politischen Umstände für sich zu nutzen, ohne je zur Verantwortung gezogen zu werden. Von ihm lässt sich der heute kaum noch bekannte Emil Ludwig – einst in der Weimarer Republik ein gefeierter Schriftsteller – ebenso täuschen wie die US-Administration und leitende Kulturfunktionäre der sowjetischen Besatzungszone.
Goethe wird als eigensinniger, alternder, zur introvertierten Selbstdarstellung neigender „Dichterfürst“ mit Ironie, aber nicht ohne Sympathie gezeichnet. Er versucht, allen Verpflichtungen aus dem Wege zu gehen – vor allem, wenn sie mit Tod und Bestattung zu tun haben. Während der Feierlichkeiten zu Schillers Beisetzung vergnügt er sich lieber mit seiner hübschen Schwiegertochter Ottilie bei einem Ausflug. Ein Höhepunkt des Romans: Wir sind in Goethes Arbeitszimmer dabei anwesend, wie in mühsamer dichterischer Arbeit nach und nach das Gedicht Bei Betrachtung von Schillers Schädel entsteht.
Raffiniert ist auch die Darstellung der Rede von Thomas Mann. Sie wird von dem anwesenden Dichter und Kultusminister der DDR, Johannes R. Becher, im inneren Monolog kommentiert. Dadurch werden zwei sehr unterschiedliche Auffassungen nicht nur von der klassischen Dichtung, sondern auch von einer Literatur, die sich zu engagieren hat, deutlich.
Doch auch Kritisches lässt sich anmerken: So die Mazeration Goethes, die nötig wird, um sein Skelett zu erhalten. Die forensischen Vorgänge werden ausführlich und sehr drastisch dargestellt. Kein noch so kleines Detail, das bisweilen sarkastisch beschrieben wird, wird ausgelassen.
Auch hätte man vom lebenden Schiller gerne mehr erfahren. Denn dieser ist nicht nur Antipode und Konkurrent, sondern auch der große und kongeniale Anreger und Freund Goethes. Ihr Verhältnis zueinander hätte sicherlich weitere spannende Facetten für die Handlung und die Charakterisierung beider Dichter ergeben. Als verborgenes Zentrum ist er dennoch im Romangeschehen gegenwärtig und in diesem Sinne „anwesend“. Das zeigt nicht zuletzt das surreal anmutende Schlusskapitel, in dem sich Goethe auf die Suche nach seinem verstorbenen Dichterfreund macht. Von Schiller bleibt nur seine Dichtung – eine treffende Metapher für die Literatur und ihre instrumentelle Unverfügbarkeit.
Besonders gelungen ist dagegen die Darstellung nicht nur der medialen, sondern auch der politischen und ideologischen Mechanismen, mit denen versucht wird, die Weimarer Klassik für die jeweils eigenen ideologischen Zwecke zu vereinnahmen. Auch das ist kennzeichnend für den Umgang mit unserem kulturellen Erbe.
Als Resümee lässt sich festhalten: Thomas Göller hat ein spannendes, lehrreiches und überaus lesenswertes Buch geschrieben – nicht nur für diejenigen, die sich für die deutsche Klassik, sondern für alle, die sich für die wechselvolle deutsche Geschichte und Geistesgeschichte interessieren.
|
||















