Wie die Mütter, so die Töchter

Judith Hoerschs „Niemands Töchter“ erzählt von komplexen Mutter-Tochter-Beziehungen, generationsübergreifenden Traumata und der Suche nach der eigenen Identität

Von Constanze BettacRSS-Newsfeed neuer Artikel von Constanze Bettac

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Unsere Mütter hatten ihr Geheimnis. Und beide wollten das Richtige tun“, fuhr Isabell fort und ließ den Satz zwischen ihnen schweben. Er brauchte keine Antwort.

Vier Jahrzehnte, vier Perspektiven, vier Frauen: Marie, Gabriele, Alma und Isabell. Durch nicht chronologisch erzählte Momentaufnahmen entwickeln sich Stück für Stück ihre individuellen Lebenswege. Jede Geschichte beschäftigt sich auf ihre eigene Art und Weise mit dem Verhältnis der Frauen zu ihren Müttern und der eigenen Mutterschaft. Zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Berlin und der Eifel, erschließt sich mit jedem weiteren Kapitel das Beziehungsgeflecht der Figuren zueinander.

Die Handlung beginnt mit Marie, die sich in Berlin ein neues Leben aufbauen möchte. Durch besondere Umstände schlägt sie jedoch einen anderen Weg ein, der das Leben der drei anderen Frauen nachhaltig prägen soll. Gabriele, die mit ihrer Tochter zurück in ihr Elternhaus zieht, befindet sich derweil in einem inneren Zwiespalt zwischen bedingungsloser mütterlicher Liebe und der Wahrheit über ihre eigene Vergangenheit. Jahrzehnte später kämpft Alma mit dem Gefühl, sich ihrer Familie nicht mehr zugehörig zu fühlen, während Isabell sich fragt, wie sie eine gute Mutter sein kann, ohne sich selbst zu verlieren.

Hoersch schreibt in einem zarten, poetischen Ton:

Mutterliebe sollte ein Anker sein, kein Käfig aus Lügen. Wie soll ich dir vergeben, wenn ich nicht einmal weiß, wer ich ohne deine Geschichte bin?

Dabei halten schnelle Perspektivwechsel und abrupte Zeitsprünge die Lektüre lebendig und erfordern zugleich aufmerksames Lesen, um die versteckten Botschaften zwischen den Zeilen zu entschlüsseln. Anfangs wirken die Kapitel lose und willkürlich aneinandergereiht, aber schnell wird klar, dass die Autorin elegante Übergänge zwischen den Kapiteln schafft: Endet in einem Kapitel eine Sichtweise mit offenen Fragen, so werden die Themen direkt mit der nächsten Perspektive wieder aufgegriffen. Die motivischen Cliffhanger unterbrechen den aktuellen Handlungsstrang, um das erzählte Motiv auf einer anderen zeitlichen Ebene zu vertiefen. Verhaltensweisen der Figuren, die in der Gegenwart für Irritation sorgen, werden durch die Vergangenheit beantwortet. Eine zeitliche Orientierung bietet dabei die Datierung der Kapitel nach Monat und Jahr.

Trotz der Schwere der emotionalen Themen finden sich immer wieder humorvolle Momente, zu denen auch die Nebenfiguren beitragen: Hedwig und Jupp beispielsweise, Gabrieles Eltern, betreiben in der Eifel eine traditionelle Bäckerei, in der Neuigkeiten des Dorflebens ausgetauscht werden: „,Wie jahd ett deinem Enkelschen?‘ ,Fresch wie immer‘, sagte Hedwig.“ Die Passagen im Mayener Dialekt wirken authentisch und unterhaltsam. Auch wenn Nicht-Mayener:innen teilweise einen Augenblick überlegen müssen, sind alle Dialoge aus dem Kontext erschließbar.

Hoersch erschafft Nebenfiguren, die einem ans Herz wachsen; auch die detaillierte, liebevolle Ausarbeitung der vier Hauptfiguren und ihres Alltags wirkt authentisch. Maries Leben in den 1980er Jahren führt sie beispielsweise auf einen Berliner Flohmarkt, auf dem sie einem Händler eine Polaroidkamera abkauft. Ein scheinbar belangloser Moment, der für den weiteren Verlauf der Geschichte bedeutsam ist: Seitdem fotografiert Marie immer wieder Augenblicke ihres Lebens. Jahre später findet Isabell eine Kiste voller alter Polaroids und beginnt, sich mit Hilfe der Fotos mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die einzelnen Aufnahmen spiegeln sich in der literarischen Form des Romans wider: Ähnlich wie die Polaroids erscheint die fragmentarische Erzählweise zunächst unübersichtlich und aus dem Zusammenhang gerissen. Erst nach und nach fügen sich die Erinnerungsfetzen zu einem größeren Gesamtbild zusammen und verweisen auf eine zentrale Aussage des Romans: Eine Familiengeschichte kann nicht nur aus einer Perspektive erzählt werden, sondern die unterschiedlichen Sichtweisen der Familienmitglieder sind entscheidend.

Was bedeutet es, Mutter zu sein? Marie hält ihrer Tochter zuliebe an ihrem Partner und der Idee einer heilen Familie fest, während Gabriele als alleinerziehende Mutter zu ihren Eltern zurückkehrt, um ihrer Tochter ein geborgenes Umfeld zu ermöglichen. Alma stellt Karriere und Selbstfindung in den Mittelpunkt ihres Lebens und Isabell wiederum muss sich mit ihrem familiären Trauma auseinandersetzen, bevor sie ihre eigene Tochter an sich heranlassen kann. Diese vier Frauenfiguren verdeutlichen, wie unterschiedlich die Rolle der Mutter gelebt werden kann. Ein Blick in die Mutterschaftsforschung führt zu einer ersten Unterscheidung zwischen einer leiblich-biologischen und einer sozialen Mutterschaft: Juristisch gesehen ist die gebärende Frau die Mutter des Kindes, während Care-Aufgaben wie Versorgung, Betreuung und Erziehung auch von anderen Bezugspersonen übernommen werden können. Der Roman greift diese Ambivalenz anhand der Protagonistinnen auf und zeigt ihre unterschiedlichen Wege im Umgang mit den Mutterrollen. Über die Lebensrealitäten der Figuren wird den Leser:innen somit ermöglicht, sich feinfühlig mit verschiedenen Perspektiven von Mutterschaft auseinanderzusetzen. Es wird kein einheitliches oder normatives Bild vom Muttersein gezeichnet, vielmehr entsteht ein vielschichtiges Bild, das gesellschaftliche Erwartungen an eine „gute Mutter“ hinterfragt. Das Verhältnis von Mutter und Tochter zueinander und die Frage, was vererbbar ist und was durch Erziehung und Umfeld weitergegeben wird, stehen im Mittelpunkt. Eine eindeutige Antwort auf die Frage nach der idealen Mutterschaft liefert der Roman nicht, stattdessen zeigt er, wie die Rolle als Mutter durch persönliche Entscheidungen, familiäre Prägungen und gesellschaftliche Vorstellungen beeinflusst wird.

Niemands Töchter ist ein berührendes Debüt, das sich keinesfalls wie eines liest. Von der ersten Seite an fesselt die Geschichte um die vier Frauen und löst den Drang aus, immer weiterzulesen, um ihre Beziehungen zueinander verstehen zu können. Ihre Schicksale bleiben im Kopf und regen dazu an, über die eigene Familienkonstruktion nachzudenken. Die verschiedenen Perspektiven verdeutlichen, dass jede Geschichte mehr als eine Wahrheit kennt und es sich lohnt, die Vergangenheit aufzuarbeiten, um sich seiner Herkunft und Identität anzunähern. Eine klare Empfehlung für alle Leser:innen, die tief in komplexe familiäre Beziehungsstrukturen eintauchen wollen.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Judith Hoersch: Niemands Töchter. Roman.
Piper Verlag, München 2026.
384 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783492073691

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