400 Seiten Hin und Her zwischen Wechseljahren und Alterssenilität
Kristina Hortenbachs „Pleiten, Pech & Papa“ bringt Chaos, Quatsch & Kurioses
Von Anna Neyer
Die Lektüre von Kristina Hortenbachs Pleiten, Pech & Papa (2026) gleicht einer Achterbahnfahrt. Auf einer flachen Achterbahn. Für Kleinkinder. Höhen und Tiefen gibt es hier nicht. Schlecht wird einem trotz des fehlenden Auf und Abs – wegen der Launen und Kehrtwenden der Figuren. Die Protagonistin könnte ihr Verhalten vielleicht mit ihren Wechseljahren erklären, die anderen Figuren bleiben eine Erklärung für ihr Verhalten schuldig.
Nachdem dem 83 Jahre alten Heinz infolge eines Hochwasser der Keller vollgelaufen war, tut sich die Familie zusammen, um ihm zu helfen. Das Wichtigste für Heinz: Die Tiefkühltruhe für die Bofrost-Tiefkühlkost zu ersetzen. Dafür startet er eigenmächtig unterschiedliche Versuche, Geld aufzutreiben – sei es, die Enkel zum Stehlen anzustiften, sich als Influencer zu versuchen oder mit Mitte 80 einen Marathon zu laufen. Allen Versuchen ist gemeinsam, dass sie skurril sind und nicht unbedingt die finanzielle Sicherheit in Aussicht stellen, die ein Rentner bräuchte, um sein Haus vor der Zwangsversteigerung zu retten. Seine Tochter Carmen, deren Rolle zwischen Babysitterin, Mutter und launischem Teenie wechselt, ist dabei mitgefangen, mitgehangen und kann nur zusehen, wie ihr Vater mit einem angeblichen Geniestreich nach dem anderen aufwartet. Am Ende gibt es für alle auf magische – um nicht zu sagen unglaubwürdige – Weise ein Happy End.
Was nach einer netten Grundidee klingt – Vater sucht in einer Notlage die Unterstützung seiner erwachsenen Tochter – enttäuscht schnell in der Umsetzung. Wörtliche Wiederholungen erzeugen das ungute Gefühl, sich beim Lesen verblättert zu haben. Dazu widersprechen sich die Figuren an mehreren Stellen schlicht selbst: Sie will sich trennen – sie will sich nicht trennen, er will sein Haus nicht ausmisten – er will sein Haus plötzlich doch ausmisten. Große Emotionen kommen in diesem Roman trotz finanzieller Sorgen, ungerechtfertigter Kündigungen, Diebstahlsanschuldigungen oder blutiger Verletzungen der Figuren nicht auf. Im Gegenteil: Immer wieder lenkt die personale Erzählerin, die aus Sicht der Protagonistin Carmen berichtet, die Leser ab. Das tut sie, indem sie zu jedem alten Schuh im Haus des Vaters in scheinbar nostalgische Exkurse ausufert oder schlicht das Thema wechselt, bevor der aktuelle Gedanke zu Ende geführt ist. Unrealistisch und irritierend ist auch der Umgang der Protagonistin mit den Entwicklungen in ihrem Leben. Trotz plötzlicher Arbeitslosigkeit hat sie weder das Bedürfnis, sich aktiv um ihre berufliche Zukunft zu kümmern, ihre finanzielle Lage abzusichern noch sich auch nur beim Arbeitsamt zu melden. Die private Krankenversicherung bleibt trotz allem bestehen und wird auch nicht infrage gestellt.
Dem Buch fehlt die Tiefe nicht nur auf emotionaler Ebene, sondern auch in der Figurenzeichnung. Sie gleichen eher Pappschablonen: der ein bisschen wirre Alte, die schwitzende Frau in den Wechseljahren und der murrende Präpubertierende, der nur im Umgang mit sozialen Medien aufblüht. Carmen, 53 Jahre alt und mitten in der Menopause, ist auch unabhängig von ihren Launen und den ständigen Hitzewellen wankelmütig und verhält sich häufig eher wie ein Teenie als wie eine erwachsene Frau. Von heute auf morgen zweifelt sie scheinbar grundlos an ihrer langjährigen Beziehung und überlegt stattdessen, ihrer ersten Liebe von vor 35 Jahren noch eine Chance zu geben. Dazu kommt es jedoch nicht: „Gerade erzählte er, dass er verheiratet sei und drei Kinder habe.“ Nach dieser Information ist Carmen plötzlich wieder hin und weg von ihrem Lebensgefährten. Kurzum: die Protagonistin wirkt überdramatisch, verzweifelt, launenhaft und anstrengend. Ihr Vater ist nicht viel besser. Ständig hat er irre Ideen, wie er an Geld kommen könnte, erstellt seitenweise Excel-Listen für alle möglichen Lebensbereiche und zeigt sich dabei so realitätsfern wie beratungsresistent. Nur beim Hochladen von Reels für seine „Verfolger“ auf „Instanet“ lässt er sich vom 12-jährigen Enkel helfen. Keine Hilfe braucht er dagegen im Umgang mit Frauen. So kommt er im Roman bei Frauen unterschiedlichsten Alters gut an, egal ob Jugendliebe, Nachbarin, Bofrost-Lieferantin oder Freundin der Protagonistin. Welche Art von Beziehung er genau zu ihnen hat, wird nicht klar. Deutlich wird allerdings, dass er eher leichtfertig mit den Frauen umgeht. So verschwindet er beispielsweise stundenlang bei einer anderen Frau, während seine extra angereiste Jugendliebe daheim Haus und Hund hütet. Heinz’ Verhalten wirkt so unzeitgemäß wie unglaubwürdig. Hinterfragt, kritisiert oder problematisiert wird es genauso wenig wie das Catcalling durch andere Lieferanten gegenüber der Bofrost-Lieferantin.
Von Beginn an verharmlost der Roman ernst zu nehmende Probleme und stellt sie als unterhaltsame, seichte Alltagsthemen dar. Vielleicht richtet sich der Roman eher an Publikum über 40 oder sogar über 50. Doch auch diese Zielgruppe kann er trotz für sie relevanter Themen wie Altern, die Sorge um die eigenen Eltern und Umweltkatastrophen nicht über seine Widersprüche, Wiederholungen, irren Ideen und den gescheiterten Versuch, Nostalgie zu erzeugen, hinwegtäuschen. Was am Ende bleibt, ist ein Roman, der aus der Zeit gefallen scheint und die Erleichterung, diese literarische Achterbahn wieder verlassen zu können.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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