Wie ich beinahe ein berühmter Literaturkritiker geworden wäre

Eine Anekdote zur Würdigung im Rezensionsbetrieb

Von Herbert HovenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Herbert Hoven

Im  Februar 2007 ist es für mich fast soweit: Ruhm und Ehre als berühmter Literaturkritiker. Damals sendet das 5. Hörfunkprogramm des Westdeutschen Rundfunks (Service Hörbuch) meine Rezension zu Eine menschliche Sau von Gerhard Polt. Darin der Satz: „Wer wissen will, wie diese Gesellschaft tickt, muss mit Gerhard Polt in den oberbayerischen Mikrokosmos hinabsteigen.“ Unter dem Titel Drecksbagage erscheinen 2008 bei Kein & Aber Geschichten Gerhard Polts und im Herbst desselben Jahres die CD Apokalypsen. „Polt ist ein Kontinent“ zitiert der Verlag die taz und auch der „Mikrokosmos“ wird werbewirksam im Verlagsprospekt und auf Flyern platziert: „Wer wissen will, wie die Gesellschaft tickt, muss in Gerhard Polts Mikrokosmos hinabsteigen.“ Aus dem „oberbayerischen Mikrokosmos“ wird „Gerhard Polts Mikrokosmos“. Seis drum.

Zuvor, Ende Oktober 2007 (da war der Verlagsprospekt für das Frühjahr 2008 schon ausgeliefert), porträtiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung Polt als den „Chronist[en] des Tohuwabohu“. Er erzähle Geschichten aus seiner „Umgebung“, „von dem Haus in der Münchner Amalienstraße und seinen Bewohnern. Diesem Mikrokosmos, wo der Universitätsprofessor neben dem Trambahnschaffner wohnte.“

Im Kölner Stadtanzeiger erscheint Mitte Mai 2008 eine Rezension zu Drecksbagage. Polts Geschichten zeigten, „wie gekonnt der Kabarettist den menschlichen Mikrokosmos ziseliert“.

Im Kulturmagazin Corso des Deutschlandfunks interviewt Christian Geuenich den „bayerischen Satirekönig“. Anlass ist die Premiere von Polts Kinofilm Und Äktschn!. Bei seinen „Figuren“ habe man das Gefühl, so der Reporter, sie schonmal irgendwo getroffen zu haben: „Haben Sie die im Wirtshaus – diesem Mikrokosmos der Gesellschaft – beobachtet und dort die Dialoge abgelauscht?“

Gerhard Polt wird 70. In einer Würdigung am 7. Mai 2012 hebt die Badische Zeitung den „Polt’schen bajuwarischen Mikrokosmos“ hervor. Der „oberbayerische Mikrokosmos“ mutiert zum „bajuwarischen“.

Aus Anlass von Polts rundem Geburtstag erscheint bei Kein & Aber ein Interviewband mit der Fotografin und Autorin Herlinde Koelbl: Gerhard Polt und auch sonst. Lange habe der Jubilar sein „Glück im Bootsverleih“ gesehen, heißt es in der Ankündigung, aber inzwischen und „zu unser aller Begeisterung“, „fischt er im Mikrokosmos“.

Anlässlich der Premiere des Stücks Ekzem Homo, das Polt mit den Biermösl Blosn in den Münchner Kammerspielen aufführt, gibt er der Münchner Boulevardzeitung tz (06.02.2015) ein Interview. Er wolle mit dem Stück nicht die „großen, brennenden Themen“ behandeln. Es sei ihm ja „nie direkt ums Politische gegangen, sondern um menschliche Grundgestimmtheiten. Diesmal um den Mikrokosmos, genauer: um Nachbarschaft.“

Aber, wie hat sich nun der „oberbayerische Mikrokosmos“ in meine Rezension zu Polts Hörbuch Eine menschliche Sau geschlichen? – Böse Zungen würden behaupten, das sei dem Rezensenten einfach so eingefallen. Und damit lägen sie nicht ganz falsch.

Im Dezember 2007 starten im 5. Hörfunkprogramm des WDR Wolfgang Kraushaar und ich unser Projekt Protest in bewegten Zeiten. In 26 Folgen á 30 Minuten realisieren wir eine Geschichte Deutschlands aus der Perspektive der Protestbewegungen. Beginnend mit den 1950er Jahren und endend mit den Nullerjahren. Die vorbereitenden Gespräche mit Redaktion, Wellenleitung und Hörfunkdirektion gingen weit zurück ins Jahr 2006. Uns ging es um das Verhältnis von Mikro- zu Makrokosmos. Im Mikrokosmos, so unsere Argumentation, realisiere sich für den Einzelnen die Welt, die dann im Makrokosmos ihre historische Dimension erfahre. Das hat offensichtlich überzeugt. Ähnlich haben wir schon anlässlich des Erscheinens von Kraushaars Die Protest-Chronik 1949 – 1959 in einer Sendung des Deutschlandfunks im Oktober 1996 argumentiert.

Auf das Verhältnis von Mikrokosmos zu Makrokosmos kommt wiederholt Walter Benjamin zu sprechen. In einem Beitrag aus dem Jahr 1929 (“Johann Peter Hebel.3“) weist er auf den Unterschied zwischen einem Historiker und einem Chronisten hin. Der „Historiker“ halte sich an die „Weltgeschichte“, während der „Chronist“ auf den „Weltlauf“ abziele. Es sei das alte „Verhältnis von Mikro- und Makrokosmos“.

So oder ähnlich haben wir es dann auch in den Pressetexten zu unserer Hörfunkserie geschrieben und in Interviews argumentiert. Ich war mittendrin in dieser Gedankenwelt aus Mikro- und Makrokosmos und vermute heute, mit einigem Abstand von ein paar Jahren, dass hier die Ursache liegt, dass sich der Mikrokosmos in die Rezension zu Eine menschliche Sau geschlichen hat. Ergänzt ums „oberbayerische“. Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse.

Ein Übriges kam hinzu. Mikrokosmos ist ein Gedicht von Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1920 überschrieben. Aber lassen wir das.

Jedenfalls stand er dann da, der Satz: „Wer wissen will, wie diese Gesellschaft tickt, muss mit Gerhard Polt in den oberbayerischen Mikrokosmos hinabsteigen.“ Er gefiel mir. Und ich war überzeugt, der Satz ist so prägnant, dass Polts Verlag darauf zurückgreifen würde, wenn er Bücher oder Hörbücher seines Autors bewirbt. Zumal, weil ich den „oberbayerische[n] Mikrokosmos“ am Schluss der Kritik punktgenau gesetzt habe. Denn das hatte ich den berühmten Kollegen abgeschaut: Aufmerksamkeit erzielt der Rezensent mit den letzten zwei, drei Sätzen einer Kritik. Nur, leider, als Urheber des Zitats stand fortan im Verlagskatalog und in Flyern ganz schnöde: „WDR“ und nicht: „Herbert Hoven, WDR“. Und die Presse greift es auf. „Oberbayerischer Mikrokosmos“, „Polts Mikrokosmos“, „menschlicher Mikrokosmos“, „bajuwarischer Mikrokosmos“, „Polts bajuwarischer Mikrokosmos“, „lebendiger Mikrokosmos“. Und auch das noch: Polt lasse im „Mikrokosmos das Weltgewitter aufblitzen“. Es ist ein Elend. Ruhm und Ehre – es wäre aber auch zu schön gewesen.