Schreibend allein
Siri Hustvedts „Ghost Stories“ zum Abschied von ihrem Mann
Von Tilman Urbach
Auf der Berlinale lief mit Dance Around The Self ein Dokumentarfilm über die Schriftstellerin Siri Hustvedt, der auch das langsame Sterben ihres Mannes Paul Auster thematisierte. Jetzt ist mit Ghost Stories Hustvedts eigenes Erinnerungsbuch erschienen, in dem sie Abschied von ihrem Mann nimmt und schreibend zurückbleibt.
Seit er tot ist, sieht sie ihn überall. Gerade die verwaisten Dinge sind es, die seine Abwesenheit zur Anwesenheit machen: die stumme Schreibmaschine, das weggeräumte Fax, die Stiftarmada auf seinem Schreibtisch, die leergeräumte Kleiderschrankseite, sogar die übriggebliebenen Tabletten. Das ganze Interieur ihres Brooklyner Hauses, in dem die Schriftstellerin Siri Hustvedt mit ihrem Mann Paul Auster über dreißig Jahre bis zu seinem Krebstod gelebt hat, wird für sie zum Erinnerungsfeld des gemeinsamen Lebens. Denn an jede Kleinigkeit heftet Hustvedt kleine Geschichten, Anekdoten, die den Blick auf Auster öffnen, seine Eigenheiten, seine Charakterzüge wie seine übervorsichtige, beinahe ängstliche Art, das Leben zu organisieren. Sein Festhalten an analogen Reminiszenzen, der mechanischen Schreibmaschine, dem Fax, das neben dem Festnetzanschluss seine Verbindung zur Außenwelt war. So entsteht in diesen locker erzählten und aneinandergefügten kleinen Beobachtungssequenzen, die oft nicht mehr als einen Absatz ausmachen, nach und nach nicht nur eine Erzählarchitektur der Erinnerung, sondern ein literarisches Memoire von eindringlicher Qualität.
Dabei will Siri Hustvedt nichts weniger sein als eine trauernde, sich selbst aufgegeben habende Witwe. Sie stemmt sich gegen die Leere, die ihr Mann hinterlassen hat, sucht die Hilfe ihrer alten Therapeutin, verirrt sich in der eigenen Stadt, ist orientierungslos, kommt gerade noch rechtzeitig zur ersten Sitzung. Und hält sich, als sie von einer Preisverleihung aus Washington heimkommt, bei der Rückkunft am Flughafen eine harsche Standpauke, macht sich in aller Deutlichkeit klar, dass sie in ein leeres Haus zurückkehren wird. In einen Nichtort. Es hilft nichts. Schon sehr früh im Buch gesteht sich Hustvedt ein, dass sie durch den Tod ihres Mannes sämtliche Ordnungskategorien von Zeit und Raum verloren hat. Und seien es die alltäglichsten.
Natürlich: Siri Hustvedt ist eine bekannte Autorin, eine, deren Bücher auf Bestellerlisten auftauchen. Das wird auch für ihr neues Buch gelten, daran besteht kaum Zweifel. Legt sie doch in Ghost Stories ihre Beziehung zu dem mehr als populären Schriftsteller Paul Auster offen. Und auch wenn es nachgerade zu den heiligen Regeln der Literaturverkostung gehört, die reale Person des Schreibenden strikt von der erzählenden Ich-Figur zu trennen – hier gelten sie nicht. Im Gegenteil: Hustvedts schonungslos offene, dabei streng lakonische Beschreibung ihres Seelenzustands, ihrer Reaktionen auf die Krebserkrankung und deren Verlauf will eine sehr persönliche sein.
Mit Das Jahr magischen Denkens hat die berühmte Joan Didion einst ihrem Mann, dem Literaten, Drehbuchautoren und Journalisten John Gregory Dunne gedacht. Auch sie hielt in ihrem Trauerbuch die kluge Balance zwischen Emotionalität und sachlicher Strenge – und erreichte gerade mit dieser klugen Melange besondere Intensität. Auch in der Erzählstruktur gleichen sich die Bücher; auch Didion verband einzelne Nachdenklichkeiten, fein beobachtete Erinnerungsstränge zu einem Konvolut, das in der Gesamtheit zu einem Portrait ihrer Beziehung wurde. Aber im Gegensatz zu Joan Dideons Mann ist Paul Auster der Lesegemeinde mehr als bekannt. Die – vielleicht deshalb etwas voyeuristische – Neugier ist hier ungleich größer.
Kurz vor seinem Tod begann Paul Auster seinem Enkel Miles, den er schwer krank noch als Baby erlebte, Briefe zu schreiben. In ihnen spricht er ihn direkt an, erzählt ihm von dem norwegisch-amerikanischen Hintergrund seiner Großmutter Siri, portraitiert schließlich auch Miles Mutter und damit die eigene Tochter Sophie, die als „Hochspannungsbaby“ und später als singender und schauspielernder Teenager ihre Umwelt in Atem hielt. Vor allem aber: Durch diese sehr persönlich gehaltenen Briefe hält Paul Auster selbst Einzug in dieses Buch.
Es gehört zu den helleren Momenten, wenn Hustvedt glückliche Momente mit ihrem Mann schildert, etwa das Kennenlernen, eine slapstickartige Art der Annäherung und anschließend ihre ersten Schritte in ein gemeinsames Leben. Immer wieder reichert die Autorin ihre Erinnerungen mit Einschüben an. Zitiert Mails an Freunde, die den Zustand von Paul in immer neuen Wellen von Hoffen und Bangen beschreiben. Zieht Philosophen oder medizinische Forschungen von der Antike bis ins 19. Jahrhundert heran, die etwa die Ursache von Krebs in negativen Gemütszuständen der Melancholie und Depression sehen wollen (tatsächlich geriet Paul Auster durch den tragischen Drogentod seines Sohnes aus erster Ehe und dessen Tochter Ruby zwischenzeitlich seelisch aus dem Tritt). Immer wieder zweifelt Siri Hustvedt selbst an der Möglichkeit, ihre Trauer und den Verlust ihres Mannes beschreiben zu können. Schließlich ruft sie Emily Dickinson zur Kronzeugin auf, die behauptet hatte, der Abgrund kenne keinen Biographen.
Am Ende tut Siri Hustvedt aber genau das: Sie beschreibt – so wahrheitsgetreu wie möglich – den Abgrund und wird dadurch zur Biographin ihrer eigenen Trauer. Um irgendwann im Buch zu resümieren: „Am 27. April sagte Paul, er wolle als Geist zurückkehren. Ich erzähle Geistergeschichten.“
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