Was hat das mit den Bildern zu tun?

Said erzählt Geschichten nach Bildern - aber nur so ungefähr

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Was machen Bilder? Was machen Bilder mit uns? Über Kunst reden ist sehr schwierig: Man muss sehen können, sich beeindrucken lassen, Abstand bewahren, sich ein Urteil bilden - und das alles gleichzeitig. Genau deswegen ist Kunstkritik auch sehr schwierig: Nach welchen Kriterien geht man vor? Natürlich, vieles ist subjektiv, aber viele Kritiker haben Angst vor der Subjektivität, haben Angst vor einer eigenen Meinung, referieren nur noch die Fakten und machen letztendlich das, was die Nazis forderten: eine "Kunstbetrachtung": Bloß keine richtige Kritik, nichts "Zersetzendes".

Der iranische, politisch engagierte und vielfach ausgezeichnete Schriftsteller Said, 1947 geboren, seit 1965 in Deutschland, geht in seinem neuen Buch "Das Rot lächelt, das Blau schweigt" einen ganz anderen Weg: Er erzählt Geschichten. Er lässt sich vom Schwung seiner Phantasien und Gedanken davontragen, in lyrische Gefilde und lyrische Gebilde. Es sind 44 Bilder, meist berühmte Gemälde, von denen er sich anregen lässt - von Rodin, Nolde, Vermeer, Toulouse-Lautrec, Bosch, Magritte, Bruegel, Kandinsky etc. Einige weniger bekannte Maler, auch einige weniger bekannte Bilder ergänzen diese Auswahl, Adolph Gottlieb oder Albert Marquet, aber auch Wolfgang Hildesheimer, den man eher als Autor kennt.

Saids Zugang ist streng poetisch. Er spinnt Monologe und Dialoge vor den Bildern oder erzählt Geschichten. Leider haben sie oft mit den Bildern selbst nicht viel zu tun. Sie greifen vielmehr ein Detail oder zwei heraus und entwickeln daraus eine Szene. So wird Hoppers "Nachtschwärmer" zu einem Dialog zwischen einen heimlichen Liebespaar: Er ist verheiratet, und sie hadert damit, dass er zu ihr zurückkehrt: "sie: wartet sie so, wie ich auf dich warte? er: ich weiß nicht, wie du auf mich wartest. sie: nein, das weißt du nicht." Und schließt mit großem Pathos: "sie: du könntest einmal meinen arm berühren, wie zufällig. er: willst du noch einen kaffee? sie: nimm zumindest deinen hut ab! er: warum? sie: er vergrößert unsere einsamkeit."

Oder Said lässt Vincent van Gogh über die Frau monologisieren, die er in seiner Lithographie "Sorrow" abgebildet hat: "ich habe sie in einem café kennengelernt, wie sie ihre hängebrüste verkaufte. ich hatte gerade beschlossen, künstler zu werden, da tauchte sie auf; wie um meinen beschluss zu bestätigen. ich wohnte damals in meiner vorstellung im gelben haus. die nachbarn mochten mich nicht, meine farben nicht und auch sie nicht." Van Gogh erzählt, dass sie auf Männer wartete, "vielleicht auf gauguin", und dass er ihr sein Ohr bringen will.

Das Bild ist allerdings von 1882, da hatte Van Gogh Holland noch nicht verlassen. Said allerdings kümmert sich nicht um die historische Wahrheit, er fabuliert wild darauf los und verlässt sich in diesem Fall vor allem auf die Klischees, die über Van Gogh im Umlauf sind. Mit dem Bild, mit der Technik, mit dem Inhalt seiner Malerei, mit der Historie, mit der Kunst hat das alles nichts mehr zu tun.

In seinem Beitrag über Marc Chagalls "Über Witebsk" versetzt er sich in Chagall und lässt ihn sprechen. Immer wieder gelingen ihm poetische Formulierungen, "die zeit, nunmehr ein fluss mit nur einem ufer. in seiner greifbaren nähe schließe ich wohl mein grünes auge. der tod und seine mathematische exaktheit vertragen nur klarheit, nur linien". Aber man fragt sich ständig, was das mit dem Bild zu tun hat. Erst später kommt er darauf zu sprechen: "ich schicke den ahasver los, an meiner statt. Diesmal ohne die schweren schritte der farben, mit stock und bündel. Er streicht durch die lüfte russlands wie ein zitat. (...) über deine krummen straßen drapiert der fremde eine frau, langes schwarzes haar. rot die geranien, die den nackten körper bewachen. das gesicht ist mir abgewendet. kein erkennen mehr." Zwar sieht man durchaus einen schwebenden Juden, wie so oft bei Chagall, aber keine Frau und keine Geranien.

So spinnt Said immer wieder seine Geschichte frei vor sich hin. Bei Matisses "Bei der Toilette" gibt eine Mutter ihrer Tochter Ratschläge, wie sie sich Matisse anbieten muss, wie sie ihn erobern kann: "seine brandung ist mächtig und laut, und er wird dich dabei grob packen; lass alles geschehen, und flüstere nur seinen namen, einige male hintereinander." Er lässt Salomé sprechen (Picasso), einen Mönch (C. D. Friedrich), einen Koloss (Goya), zwei Affen (Bruegel), eine nackte Frau (Marc).

Natürlich sagt uns das alles etwas, natürlich sind Saids Phantasien auch ab und zu anregend. Aber meistens sind sie doch nur klischeehaft und bestätigen nur, was vielen Betrachtern auf den Bilder sofort auffällt, was ihnen als erstes einfällt, und was allzu oft einfach nur falsch ist. Und das ist häufig dann nur noch ärgerlich oder, noch schlimmer, ein dummes kleines Bürger-Klischee.

Mehr und mehr verdichtet sich beim Lesen der Eindruck, dass Said von der Malerei, von der Subtilität der Kunst, von der Ausdruckskraft, ja vom Inhalt von Farbe und Komposition nicht das Geringste versteht und dass es ihn auch nicht interessiert. Mag sein, dass es ein Kunstgriff ist, dass er einmal nicht kunsthistorisch vorgehen wollte. Aber er vergisst doch, dass auch die Malerei eine Kunst ist, die mehr ausdrückt als was uns die ersten Assoziationen eingeben. Dass sie gerade vielleicht auch etwas völlig anderes ausdrückt, als das, was uns zuerst einfällt. Kunst, gar große Kunst, ist immer mehr als man sagen kann.

Aber Said nimmt die Bilder nur zum Anlass, um etwas zu erzählen, sie sind ein Auslöser für ihn, mehr nicht. Man merkt es daran, dass er zu ihnen nicht mehr zurückkehrt, dass er sie nicht näher beschreibt, dass er das herausgegriffene Detail nicht mit anderen Details in Verbindung, in Beziehung setzt. Man merkt nur allzu gut: Es geht Said überhaupt nicht um die Bilder.

Dazu kommen ungenaue Metaphern wie die Augen, die "in der art alter gobelins, mit den zweigen verwoben sind", und vor allem, und das ist mehr als störend, das ist schon richtig ärgerlich, die sexuelle Obsession des Autors Said: Dalí fasst einem Modell an den Hintern, Toulouse-Lautrec wurde verführt, "so schön, wie ich nur konnte", Vermeers "Kupplerin" "will auch lüstern sein". Und so weiter. Und so langweilig. (Und wenn schon Said nicht Französisch kann, dann sollte ihm vielleicht ein Lektor sagen, dass man Georges Danton mit s schreibt und Orléans mit Accent.) Und wenn man dann noch feststellt, dass Said viele ärgerliche Fehler unterlaufen, dass er einen Tisch sieht, wo ein Käfig ist, dass er schreibt "kein gehöft in sicht", wo man gleich zwei sieht und Mann und Frau verwechselt, dann weiß man, dass er eigentlich gar nicht hingesehen hat. Sondern nur irgendwas schreiben wollte.


Kein Bild

SAID: Das Rot lächelt, das Blau schweigt. Geschichten über Bilder.
Mit einem Nachwort von Uwe Fleckner.
Verlag C. H. Beck, München 2006.
112 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-10: 3406550703

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