Die Mühen der Ebenen

Über das Stöbern in Nachschlagwerken und A. J. Jacobs Roman "Britanica & Ich"

Von Thomas NeumannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Neumann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Menschen lesen Bücher. Meistens ist dies Literatur, ernst oder unterhaltend, wohl noch öfter Fachliteratur, wissenschaftliche Werke, Comics, Hefte oder Zeitschriften. Nur selten, eigentlich nie, ist beim "gemeinen" Leser unter den Objekten der systematischen Lektüre - also das Lesen eines Buches in chronologischer Reihenfolge der Worte, Zeilen Absätze und Seiten, und dies möglichst vollständig vom ersten bis zum letzten Wort - ein Nachschlagewerk, ein so genanntes Lexikon dabei. Und schon gar nicht ein Konversationslexikon, ein Wörterbuch oder ein Bilderatlas. Oder doch?

In dem vorliegenden Roman von A. J. Jacobs begleitet der Autor seine eigene Lektüre der legendären "Enzyclopaedia Britannica". Mehr als ein Jahr nimmt ihn das Projekt mit einer täglichen Lektüre von ungefähr 100 Seiten und mehr in Anspruch. Das Vorhaben beginnt mit dem Buchstaben A und endet bei Z, streng alphabetisch. Hinter dem Unternehmen steht der vielleicht etwas kindliche Wunsch - der vielleicht in jedem irgendwo verborgen ist - "Alles" zu wissen. Die "Britannica" ist zumindest für den englischen Sprachraum der gedruckte Wissenspool der Gegenwart - in Konkurrenz dazu stehen lediglich die Online-Datenbanken, die umfangreicher sind und eine nicht quantifizierbare Menge an ständig aktualisierbarem Wissen repräsentieren - und repräsentiert den Standard einer "Instanz des Wissens".

Es ist keine übliche Lesereise, auf die der Leser bei Jacobs mitgenommen wird. Es ist zuerst einmal ein skurriles Projekt und hat in der heutigen Zeit etwas bestechend Anachronistisches, wenn mit der vermeintlich knappen Zeit des Individuums, die jedem Menschen für seine Lektüre zur Verfügung steht, derart verschwenderisch umgegangen wird. Sich bewusst auf einen vermutlich über ein Jahr andauernden Lesetrip zu begeben und dies mit einer nicht unerheblichen Anzahl von täglich zu bewältigenden Seiten - die sich in der aktuellen Ausgabe der "Britannica" auf ungefähr 33000 Seiten addieren - erinnert fast an das Verhalten englischer Exzentriker des 19. Jahrhunderts.

Die Besonderheit des für das vorliegende Buch als Grundlage dienenden Unternehmens setzt sich für den Leser mit einer Vielzahl von Merkwürdigkeiten fort. Diese Kette der bemerkenswerten Seltsamkeiten entsteht vor allem durch den Dialog des Autors mit den Artikeln der Enzyklopädie und durch seine subtilen Kommentare zu den einzelnen Lexikoneinträgen: "Da leicht nachzukochende Rezepte [...] sehr beliebt sind, bietet die Britannica folgende leckere Variante, die wir den altägyptischen Drei-Sterne-Balsamierern zu verdanken haben: Gehirn und Eingeweide entfernen, beides in Palmwein waschen und in eine Kanope legen. Bauchhöhle mit Kräutern und Harzen füllen. Schnitte vernähen und Leichnam siebzig Tage in Kaliumnitrat marinieren. Herausnehmen. Waschen und mit Leinen umwickeln. Guten Appetit." Sehr schön sind auch Jacobs humorige Assoziationen, so zum Beispiel im Fall "Friedrich Engels": "Ich habe [Friedrich] Engels eigentlich immer für die unbedeutendere Hälfte des Gespanns Marx-Engels gehalten, für so eine Art revolutionären Garfunkel des 19. Jahrhunderts."

Jacobs ist seinem Britannica-Projekt gegenüber nicht frei von Selbstzweifeln. Die "Mühen der Ebenen" machen ihm zu schaffen und er nimmt einen ironischen Dialog mit dem Leser auf: "Trotzdem ist es ein einsames Unterfangen. Ich liege im Hotel auf dem Bett, Julie schläft seit einer Stunde, und lese still und leise vor mich hin, keine Musik, kein Fernsehen, nur die Britannica und ich, und quäle mich durch Sätze wie diesen: 'Bei der Diagenese verwandelte sich der Magnesiumcalcit zum überwiegenden Teil in ein relativ stabiles Gefüge aus reinem, hier und da mit verstreuten Dolomitkörnern durchsetztem Calcit.' Noch da? Gut." Und das macht dann auch die Lektüre um einen weiteren Aspekt charmanter.

Man identifiziert sich als Leser mit dem Leser Jacobs. Unversehens nimmt man eine merkwürdige Perspektive gegenüber den schon immer bekannten Nachschlagewerken ein: Sie werden zu einer neu entdeckten möglichen Lektüre: Das Abenteuer des Lesens in alten Nachschlagwerken, in einem "Wörterbuch der Theologie", einem "Bilder-Conversations-Lexikon" (1837-1841) oder gar im "Pierer" oder im "Meyers"? Dies kann nach der Lektüre von Jacobs "Britannica" zu einer merkwürdig sportlichen Herausforderung werden.

Die Ergebnisse dieser Exkursionen mag jeder für sich selbst finden. Dabei sei vermerkt, dass auch ein kritischer Blick auf den Kontext eines Nachschlagewerkes angebracht ist - und dass Jacobs auf einen solchen auch seiner geliebten Britannica gegenüber nicht verzichtet: "Da stimmt für meinen Geschmack etwas nicht. Die Britannica ist völlig leidenschaftslos, was ich eigentlich immer für einen ihrer Vorzüge gehalten hatte. Nur: Wie kann man bei derart ungeheuerlichen Zahlen [20 Millionen Tote, Anm. d. Verf.] sachlich bleiben? Wie kann man die Grausamkeit menschlichen Verhaltens abhandeln, als ginge es um Plattentektonik? Der Stil der Britannica gaukelt dem Leser eine rationale Welt vor, doch bei Einträgen wie diesem verschlägt es einem buchstäblich die Sprache."

Um noch eine der Auswirkungen des Buches zu dokumentieren, sei auf die Freude der Nachahmung verwiesen. Vielleicht wird diese nicht so intensiv wie in "Britannica & ich" ausfallen, aber man schaut doch etwas genauer und vielleicht sogar mit einem neuen Blick auf die Individualität der manchmal sehr feinen Informationen in der lexikalischen "Kurzprosa". Etwa wenn man unter dem Begriff "Einbalsamieren" im "Meyers" nachschlägt, erhält man wie in einem Kochbuch verschiedene "Rezepte" zum Einbalsamieren: "Es eignen sich dazu Lösungen von Sublimat, Arsenik, Karbolsäure, Alaun, Chlorzink, Gerbsäure oder die Wickersheimersche Flüssigkeit, eine Mischung von mehreren der genannten Stoffe mit Wasser und Glyzerin. Ähnlich wirkt die in England gebräuchliche Garstinsche Flüssigkeit, die Glyzerin, Arsen und Karbolsäure enthält. Man verbraucht etwa 0,57 Lit. auf eine Leiche." (Meyers)

Ist man zum Nachkochen aufgefordert? Zumindest schärft Jacobs die Aufmerksamkeit und die Entdeckerfreude merkwürdigen Texten gegenüber, die sich in einem nahezu unendlichen Arsenal von historischen und auch aktuellen Nachschlagewerken befinden und zum großen Teil noch ihrer Entdeckung durch den von Jacobs neu erfundenen Leser harren. Was kann ein Buch nobleres erreichen als zur weiteren Lektüre zu verführen! Ein wirklich seltsames Buch über einen Autor mit hoffnungsvollen Anlagen zur Exzentrik.


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Bilder-Conversations-Lexikon. 1 CD-ROM.
Directmedia Publishing, Berlin 2006.
60,00 EUR.
ISBN-10: 3898535460
ISBN-13: 9783898535465

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Titelbild

A. J. Jacobs: Britannica & ich. Von einem, der auszog, der klügste Mensch der Welt zu werden.
Übersetzt aus dem Englischen von Thomas Mohr.
List Verlag, Berlin 2006.
427 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-10: 3471795138

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Legendäre Lexika. Conversations-Lexikon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch, Damen Conversations Lexikon, Herders Conversations-Lexikon, Pierer's Universal-Lexikon, Meyers Großes Konversations-Lexikon; 1 DVD.
Directmedia Publishing, Berlin 2006.
349,00 EUR.
ISBN-10: 3898530019
ISBN-13: 9783898530019

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Wörterbuch Theologie. 1 CD-ROM.
Directmedia Publishing, Berlin 2006.
15,00 EUR.
ISBN-10: 3898535487
ISBN-13: 9783898535489

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