Projekt(ionen) der Moderne

Über Jutta Müller-Tamms Habilitationsschrift "Abstraktion als Einfühlung"

Von Anton Philipp KnittelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anton Philipp Knittel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kultur-, medien- und diskursgeschichtlich transdisziplinär ausgerichtet ist bereits ihre Frankfurter Dissertation "Kunst als Gipfel der Wissenschaft" (1995) über Carl Gustav Carus, den Brückenbauer zwischen Klassik, Romantik und Moderne. In einer luziden und stringenten Studie untersucht dort Jutta Müller-Tamm dessen Werk als "psychologische Diagnose der ästhetischen Moderne", wobei sie Carus' Versuch einer "Integration historisch ungleichzeitiger und widersprüchlicher Wissensbestände", seine "Bestätigung und Vermittlung außerwissenschaftlicher Normen und Werte" - sei es im Bereich der Zoologie, der Geologie, der Psychologie, der Neurophysiologie oder einer "Physiognomik als ästhetischer Anthropologie" -, als epochalen Reflex und "Remedium" zugleich begreift.

In ihrer 2005 publizierten Berliner Habilitationsschrift "Abstraktion als Einfühlung" folgt Jutta Müller-Tamm der in der Dissertation gelegten Spur einer Verbindung von Wissenschaft und Kunst konsequent weiter, indem sie nun den formierenden Einfluss außerästhetischen Wissens zu Beginn des vorletzten Jahrhunderts in den Blick nimmt. Herausgekommen ist ein faszinierender Beitrag zur klassischen Moderne um 1900, wobei "Begriff und Denkfigur der Projektion der rote Faden der folgenden Studie" sind, die "den Bogen schlägt von der Sinnesphysiologie des 19. Jahrhunderts zur Ästhetik und Literatur des 20. Jahrhunderts."

Müller-Tamms "Untersuchung beginnt historisch bei der sinnesphysiologischen Subjektivierung von Wahrnehmung und Erkenntnis in den1820er bis 40er-Jahren." Auf insgesamt knapp 400 Seiten folgt Müller-Tamm im Rückgriff auf Johann Wolfgang von Goethes, Jan Evangelista Purkinjes und Johannes Müllers sinnesphysiologischen Arbeiten dem Begriff und der Denkfigur der Projektion, wobei Purkinje und Müller in der Darstellung der Autorin versuchen, die "subjektiv-experimentelle Sinnesphysiologie" mittels einer Integration der Psychologie "zu verwissenschaftlichen".

Ausgangspunkt der Untersuchung Müller-Tamms ist jedoch Hermann Bahrs "Expressionismus"-Schrift aus dem Jahr 1916, der mit "seiner psychophysiologischen Konzeption der inneren Sinnlichkeit" ebenfalls auf die frühen sinnesphysiologischen Arbeiten Goethes, Purkinjes und Müllers zurückgreift und das expressionistische Sehen als aktives, inneres Sehen beschreibt, während Bahr - zumindest zeitweise - dem Impressionismus im Gegensatz dazu passives Wahrnehmen zuordnet. Diese Dichotomie ist jedoch nur eine scheinbare, denn übrig bleibt in beiden Fällen die Aporie von Kunst als Projektion: "Die Kontrastierung von innerer Sinnlichkeit und äußerer Sinnlichkeit, von den Augen des Leibes und den Augen des Geistes, von Impressionismus und Expressionismus fällt bei genauerem Hinsehen in sich zusammen: Übrig bleibt das einigende Prinzip, nach dem beide gedacht werden."

Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts, schreibt Müller-Tamm, war es vor allem Purkinje, der "mit bis dahin unbekannter Gründlichkeit" sich "subjektiven Gesichtsphänomenen" widmet und "die Nachbilder, die Druckfigur des Auges, die Kontrastfarben, die galvanischen Lichterscheinungen usw." aus "ihrem randständigen Status als pathologische Erscheinungen, Sinnestäuschungen und Trugbilder" befreit und damit die "passiv-mechanistische Auffassung der Sinnestätigkeit" hinter sich lässt. Schon Purkinje, so erläutert Müller-Tamm, begreift Kunst "als Wirkung der produktiven Wahrnehmungstätigkeit, die bestimmte Empfindungen hervorruft."

Diesen "wahrnehmungspsychologischen Ansatz" verstärke Hermann Bahr in seiner "Expressionismus"-Studie, "um die von Kritikern in Zweifel gezogene Authentizität des Expressionismus zu belegen", wobei Bahr im Rückgriff auf frühere Studien den zeitgenössischen Physiologen Ernst Mach als Opponent aufbaue: "Der Grund für Bahrs Neudeutung des Impressionismus, der Grund für seine spätere Stilisierung der Machschen Wahrnehmungstheorie zu einer der Goethe-Müllerschen Denkweise radikal entgegengesetzten, passivistischen Subjektauffassung und Weltanschauung ist darin zu suchen, dass dasselbe Denkmuster einer aktiven Herstellung der Wahrnehmungen, dasselbe projektionstheoretische Postulat der Vertauschbarkeit von innen und außen, dieselbe Erkenntniskritik, die schon seine frühe Impressionismusauffassung bestimmt hatte, nun auf den Expressionismus appliziert wird bzw. werden soll."

In ihrem zweiten Kapitel, überschrieben mit "Wahrnehmung als Sprache, Welt als Projektion", widmet sich Müller-Tamm den "Markierungen der Sinnlichkeit im 19. Jahrhundert", wie der Untertitel präzisiert. Während in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei Purkinje, Müller und Gustav Fechner - dessen "Heautognosie" Goethe als "Praxis, die auf Selbstqual und Selbstvernichtung hinauslaufe", ablehnt - die Sinnesphysiologie subjektiviert wird, tritt in der zweiten Hälfte etwa mit Du Prel, Friedrich Theodor Vischer, Robert Vischer oder Ernst Kapp, Friedrich Nietzsche und anderen zunehmend ein "psychologisch-kulturhistorisches Projektionsdenken" in den Vordergrund. Die Selbstproduktion des Menschen folgt dem Denkmuster einer Transformation von 'Innen' nach 'Außen'.

Über Wilhelm Worringer, dessen Dissertation "Abstraktion und Einfühlung" (1908) eine ungeheure Wirkung bei bildenden Künstlern wie Klee, Kandinsky oder Marc und Schriftstellern wie Benn und Rilke entfaltete, und dem übrigens ebenfalls 2005 die gleichfalls konzise kultur- und medienwissenschaftlich argumentierende Habilitation "Abstraktionsdrang. Wilhelm Worringer und der Geist der Moderne" von Claudia Öhlschläger gilt, über Georg Simmel sowie Carl Einstein, Salomo Friedländer alias Mynona und Robert Müller spannt Müller-Tamm in ihrem dritten Kapitel den Bogen von der Kulturtheorie um 1900 zum Expressionismus.

Prosatexte wie Robert Müllers "Tropen" (1915) oder Mynonas "Die Bank der Spötter" (1919) erscheinen nur noch performativ als Vermittlung der metatheoretischen Einsicht in den unumgänglichen Projektionscharakter allen Geschichtsdenkens, so dass schließlich "im permanenten Zwang zur 'Selbstsetzung' die Literatur den Projektionsdiskurs, für den dann nur noch die Tatsächlichkeit der literarischen Rede einsteht", erschöpft und liquidiert.

Jutta Müller-Tamm hat mit ihrer Habilitation den Weg für neue Grenzziehungen zwischen Literatur- und Kulturgeschichte um 1900 gewiesen - mit einer stringenten Lektüre der Denkfigur "Projektion" als essentiellem Konstituens der Modernität der klassischen Moderne.


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Jutta Müller-Tamm: Abstraktion als Einfühlung. Zur Denkfigur der Projektion in Psychophysiologie, Kulturtheorie, Ästhetik und Literatur der frühen Moderne.
Rombach Verlag, Freiburg 2005.
426 Seiten, 52,00 EUR.
ISBN-10: 379309393X

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