Klischees vom Rhein

Dirk Beckerhoffs Erzählung "Josef am Strom" plätschert trüb vorüber

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eine "Erzählung vom Leben an Rhein und Dordogne" nennt der Autor Dirk Beckerhoff sein Buch "Josef am Strom". Einen Moment taucht die Ahnung auf, der markant in den Titel gesetzte Name heische besondere Bedeutung: Josef der Lieblingssohn, Josef der Jüngste, Josef der Kulturvermittler, Josef der Stammesgründer, Josef der Ernährer - oder doch nur Josef, der Zimmermann. Ein Ich-Erzähler jedenfalls führt diesen Josef im ersten Satz der Erzählung bedeutsam ein: "Josef Burgk bin ich erstmals begegnet, als er damals, im ersten Nachkriegsjahr 1946 im Gefolge seiner Mutter... am Rhein auftauchte." Schon eine Seite später ist dieser Ich-Erzähler verschwunden und taucht auch nicht mehr auf. Die Josef-Geschichte wird konventionell von einem ,normalen' Erzähler erzählt.

Die Mutter, in deren Gefolge Josef am Rhein auftauchte, kam mit drei Kindern aus dem Vogtland nach Bad Godesberg. Ihr Mann war in Stalingrad gefallen, das neue Leben mit den Kindern sollte am Rhein bei Verwandten des Mannes beginnen. Josef, der jüngste der Geschwister, entwickelt eine besondere Nähe zur Mutter. Die Mühsal der ersten Nachkriegsjahre erlebt er an ihrer Seite. Trost und Labsal bietet der Strom, später werden für den Jungen die Sommertage im nahegelegenen Freibad zur schönen Erinnerung. Schon lernen wir den erwachsenen Josef kennen. Beruflich hat er Erfolg, privat scheitert die Ehe. Nach verschiedenen beruflichen Stationen nimmt Josef einen Job bei einer Kölner Bank an. Er wird Fondsmanager. Doch der Job schafft Unzufriedenheiten. Josef zweifelt an der Berechtigung der virtuellen Geschäfte. Er kündigt. Die Bank, mit der ihn ein unfeiner Deal verbindet, zahlt ihm eine Million auf ein Schweizer Konto. Hat Josef Gewissensbisse? Nur kurz, und später leistet der Steuerberater seinen Beitrag zur Beruhigung. Josef soll die Million dem Finanzamt nachmelden. Zahlt er eben eine halbe Million Steuern, bleibt immer noch die andere Hälfte. Gebrauchen kann er sie, denn in der Zwischenzeit hat der wohl auch von midlifekrisenähnlichen Symptomen gepeinigte Josef im Département Corréze an der Dordogne ein Anwesen gekauft. Die Mutter, die er regelmäßig mit dem eigenen Jaguar zum Kaffee trinken auf den Petersberg ausfährt, freut sich auffallend über diesen Kauf und auch ,Monsieur', der beiläufig eingeführte Nachbar, der zu einem treuen Freund der Mutter geworden ist, zeigt sich interessiert. Gerade als Josef sich nach einer fast neunmonatigen Einsiedelei an der Dordogne dort endlich einzuleben beginnt und auch wieder vielversprechende Frauenbekanntschaften sich anbahnen, wird Josef an den Rhein gerufen: die Mutter liegt im Sterben. Er kommt zu spät, aber sie hat ihm einen Brief hinterlassen. Den referieren wir nicht, nur soviel sei gesagt: er hat etwas mit Frankreich zu tun.

"Josef am Strom" ist eine Aneinanderreihung von Klischees. Von Spannung - die der Klappentext ankündigt - keine Spur. Alles ist vorhersehbar. Ein wenig bedauert man den Rhein und seine Landschaft - von der Dordogne ist kaum die Rede - um diese belanglosen Figuren mit ihren vorhersehbaren Geschichten. An keiner Stelle gelingt es, das spezielle Millieu der Rheinlandschaft zu kennzeichnen, geschweige denn für die Erzählung nutzbar zu machen, wie es beispielsweise Heinrich Böll oder Dieter Wellershoff auf ihre jeweils eigene Art gelang. Sie erkundeten das Spannungsfeld zwischen Schein und Sein des rheinischen Bürgertums und deckten die Abgründe aber auch die Selbsttäuschungen jenes Milieus diskreter Bürgerlichkeit auf, das seit jeher getragen war von einem einflussreichen Beziehungsgeflecht aus Wirtschaft, Politik und Kultur. Hinzugekommen sind seit den Jahren der Bonner Republik jene Rheinanlieger, deren Wohlstand sich vor allem den Beschäftigungen bei den diversen Bundesbehörden und Ministerien verdankt. Eine gewisse Selbstgefälligkeit zeichnet den gern auch zur Schau gestellten rheinischen Wohlstand aus. Man sieht sich gerne in der Tradition eines rheinisch-liberalen, bedarfsweise auch katholisch geprägten Bürgertums.

[Dieser Absatz wurde nach einer Intervention des rezensierten Autors am 26.11.2007 aus dem Netz genommen. Siehe die unten stehende "Gegendarstellung"!]

Jedem sei es ungenommen, sich dieserart schriftstellerisch zu betätigen. Zur Lektüre kann man die Ergebnisse derartiger Anstrengungen indes nur in Ausnahmefällen empfehlen. Die vorliegende Erzählung gehört nicht zu den Ausnahmen.´

Gegendarstellung

Der Autor des rezensierten Buches fordert den Rezensenten in einem Schreiben auf, dessen Aussagen über seine Person im vorletzten Absatz der Rezension "in rechtskonformer Art und Weise" zurück zu nehmen und künftig zu unterlassen. In dem Absatz, den literaturkritik.de nun entfernt hat, hieß es:

"Der Autor selbst entstammt diesem Milieu. Wie auch seine Figur Josef profitierte er beruflich von den Bundesbehörden am Rhein. Es scheint nun, als rege die liebliche Rheinlandschaft bei Rheinkilometer 650 die ehemals Wichtigen an, nun, nach getaner Arbeit, im wohldotierten Ruhestand schriftstellerisch tätig zu werden."

Der Autor des Buches stellt dem gegenüber richtig:

1. Der Autor entstammt nicht "diesem Milieu", er "entstammt" der Ehe seiner aus Essen-Steele stammenden Mutter (MTA) und seines aus Essen-Kettwig stammenden Vaters (Landarzt in Thüringen, gefallen in Stalingrad). Auch die Großeltern stammen nicht aus 'diesem Milieu', sondern waren freiberuflich Gewerbetreibende im Ruhrgebiet (Druckerei bzw. Handelsvertretung).

2. Der Autor wurde streng evangelisch erzogen. Er stand und steht nicht in der Tradition eines rheinisch-liberalen, bedarfsweise auch katholisch geprägten Bürgertums.

3. Der Autor hat keinerlei Wohlstand "vor allem Beschäftigungen bei Bundesbehörden und Ministerien zu verdanken." Vielmehr ist der Autor während der Jahre 1971 bis 1977 als Quereinsteiger (zuvor McKinsey & Co./Düsseldorf) und während der weitaus längsten Zeit freiberuflich (Werkvertrag mit erheblichen Gehaltseinbussen gegenüber McKinsey & Co.) Leiter des Planungsstabes beim Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft geworden. Die ihm angebotene Verbeamtung hat er abgelehnt und ist 1977 in die freie Wirtschaft gewechselt (mit beruflichen Stationen in: Stanford/Kalifornien, Hennef/Sieg, Mülheim a. d. Ruhr, Düsseldorf u. Berlin).

4. Der Autor befindet sich nicht im "wohldotierten" Ruhestand. Er erhält keinerlei Pension, Rente oder sonstige "Dotation" in dem vom Kritiker unterstellten Sinne.

Titelbild

Dirk Beckerhoff: Josef am Strom. Vom Leben an Rhein und Dordogne.
Bouvier Verlag, Bonn 2007.
179 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783416031981

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch