Ikonografie des Lustmords

Susanne Komfort-Hein und Susanne Scholz geben einen Sammelband zur Medialisierung der kulturellen Phantasmas "Lustmord" um 1900 heraus

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als Nadia Tiller blutüberströmt auf dem Bett liegt, kann kein Zweifel darüber bestehen, dass es sich bei dem Mörder, der gerade ihr Zimmer verlassen hat, um keinen anderer als Jack the Ripper handeln kann; auch wenn man noch nie von Frank Wedekind und seiner "Monstretragödie" (1894) gehört haben sollte, auf welcher der Film "Lulu" beruht, dessen Titelheldin die zweifache Miss Österreich Tiller im Jahre 1962 verkörperte. Zu eindeutig sind die Zeichen: London im wabernden Nebel, verängstigte Prostituierte, ein gezücktes Messer und dergleichen mehr.

Sind Stück und Film auch fiktiv, so halten viele Jack the Ripper gleichwohl für eine historische Person. Weit gefehlt! Wie man in dem von Susanne Komfort-Hein und Susanne Scholz herausgegebenen Sammelband nachlesen kann, handelt es sich vielmehr um ein kulturelles "Phantasma". Wie das? Fielen im Londoner East End während der Jahre 1888 und 1889 nicht etwa tatsächlich mehrere Prostituierte einer grausamen Mordserie zum Opfer? Allerdings. Doch wurden der oder die TäterIn weder gefasst noch ermittelt. Der, wie die Herausgeberinnen schreiben, "imaginäre Protagonist" Jack the Ripper wurde dennoch oder vielleicht sogar gerade darum zur zentralen Figur der "Ursprungserzählung des Serienmordnarrativs im 20. Jahrhundert".

Doch nicht nur Jack the Ripper, auch der dem Buch den Titel gebende "Lustmord" ist dem Untertitel zufolge ein "kulturelle[s] Phantasma". Bei dieser alles andere als zufälligen Koinzidenz kann es nicht verwundern, dass sich gleich mehrere Beiträge des auf einen an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt im Oktober 2005 durchgeführten Workshop zurückgehenden Bandes mit der Figur befassen.

Obwohl es bereits zuvor "Fälle serieller und sexuell konnotierter Morde" gegeben hatte, erfuhr Jack the Ripper seinen "Geburtsakt als Lust- und Serienmörder" nicht "von ungefähr" Ende des 19. Jahrhunderts. Warum das so ist, erläutern Komfort-Hein und Scholz gemeinsam in einem einleitenden Text - und Scholz alleine noch einmal in einem separaten Aufsatz etwas ausführlicher.

Zu den BeiträgerInnen, die sich dem mörderischen Phantom zuwenden, zählt außerdem Stefan Höltgen, der sich "Jack the Ripper im frühen Film" widmet. Dass die "Lulu"-Verfilmung nicht der einzige Streifen ist, in dem der Prostituierten-Mörder von Whitechapel seinen - wenn hier auch namenlosen - Auftritt hat, wird man, wenn nicht gewusst so doch geahnt haben. Dass es jedoch "beinahe 100" Verfilmungen gibt, die sich mit den "Fakten zum Fall" der tatsächlichen Prostituiertenmorde befassen, verwundert denn doch.

Auch Hania Siebenpfeiffer interessiert sich für Jack the Ripper. Sie geht der "Semiotik des Lustmords" in Wedekinds bereits erwähntem Stück sowie in Gustav Pabsts Verfilmung der "Die Büchse der Pandora" (1929) nach, mithin in der "erste[n] deutschsprachige[n] Verarbeitung des Ripper-Narrativs" und einer frühen cineastischen Umsetzung einer von Wedekinds "späteren Überarbeitungen" des Werks, die, wie Siebenpfeiffer betont, sämtlich weniger "provokant" und "radikal" waren, weshalb das Ursprungsstück sich unter der von ihr "verfolgte[n] Perspektive" als der "ergiebiger[e]" Text erweist. Mehr noch, da "die Ikonographie des Lustmords jenseits der Figur Jack the Ripper von Beginn [an] im Drama präsent" sei, handele es sich bei Wedekinds Stück um den "Lustmordtext par excellence". Während Wedekinds Lustmörder den "kreatürlich-verrohten und amoralischen Verbrecher" verkörpert, "wird er bei Pabst zu einem im rechtlichen Sinne kaum mehr als schuldig zu bezeichnenden Täter".

In weiteren Beiträgen untersuchen Kathrin Hoffmann-Curtius am Beispiel von "Max Beckmanns 'Martyrium' der Rosa Luxemburg" den "Frauenmord als Spektakel" und Kerstin Brückweh Theodor Lessings "Unerwünschte Expertise" im "Fall Haarmann". Mitherausgeberin Komfort-Hein geht unter dem Titel "Lustmord und Avantgarde" "Konstruktionen von Autorschaft um 1900" nach, während Arne Höcker "Lustmord und Lustmordmotiv" beleuchtet.

Bemerkenswert ist aber vor allem Karsten Uhls Beitrag, der sich auf die Spuren der "Sexualverbrecherin" begibt, wie sie die Kriminologie des ausgehenden 19. Jahrhunderts konstruierte. Den seinerzeitigen Kriminologen - samt und sonders Herren - galt sie gerade nicht als "Lustmörderin". Da war die den Frauen vermeintlich eigene "passive Sexualität" vor, die "das Weib" dem von Uhl zitierten Kriminologen Erich Wulffen zufolge "von der Verübung der Sittlichkeitsverbrechen im allgemeinen fern[hält]".

Dieser seinerzeit allgemein gültigen Auffassung zufolge konnte es "die Lustmörderin als Typus" nicht geben. Julius Kratter allerdings fand eine Ausnahme: den "lesbischen Lustmord". Dieser sei dem Gerichtsmediziner "der ins Weibliche übersetzte Lustmord, der psychologisch nur auf solcher Basis möglich ist." Da das "ganze Wesen" der Frau nun aber - so nun wieder Wulffen - "in nicht mißzuverstehendem Sinne Geschlechtlichkeit ist" und diese mit ihrer "Verbrechensverübung" "fast immer einen in der Verknüpfungsart variierenden Zusammenhang aufweist", fand sich die damalige Kriminologie in der ebenso einfachen wie komfortablen Lage, "sowohl die vermeintlich natürliche Weiblichkeit als auch die Abweichung von der Geschlechternorm zur Erklärung der Frauenkriminalität heran[ziehen]" zu können, wie Uhl treffend bemerkt.


Titelbild

Susanne Komford-Hein / Susanne Scholz: Lustmord. Medialisierungen eines kulturellen Phantasmas um 1900.
Ulrike Helmer Verlag, Königstein 2007.
180 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783897412286

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