Der kalte Poet

Axel Löber entdeckt das Liebesverbot für den Künstler

Von Tanja HagedornRSS-Newsfeed neuer Artikel von Tanja Hagedorn

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Du darfst nicht lieben" - Unter diesem Zitat aus Thomas Manns "Dr. Faustus" fasst Axel Löber ein Motiv in der deutschen Literaturgeschichte zusammen, das bisher vollkommen unbeachtet blieb: das Liebesverbot für den Künstler. Anhand einer großen Auswahl an Primärliteratur und auch außerliterarischen Beispielen wie dem Film "Rossini" erarbeitet er ein damit verbundenes Künstlerbild, das von Einsamkeit geprägt ist.

Der Begriff 'Liebe' umfasst mehrere Ebenen und kann Beziehungen zu unterschiedlichen Personen von platonischer bis hin zu sexueller Liebe beschreiben. Löber beschränkt sich auf die romantischen Liebe. Das 'Verbot' definiert er als Handlungsanweisung, nicht zu lieben. Ein Künstler darf in seiner Funktion als Schaffender keine andere Person in dieser romantischen Art lieben. Jedoch passen in dieses Konzept bestimmte Formen der Liebe. Eigenliebe und Liebe für die Kunst gehören dazu. Auch Musen dürfen geliebt werden, weil sie unnahbar und Jungfrauen bleiben. Wie der Teufel in Thomas Manns "Dr. Faustus" sagt: "Liebe ist dir verboten, sofern sie wärmt".

Die Anweisung, nicht zu lieben, ordnet Löber unterschiedlichen Instanzen zu und typologisiert damit drei spezifische Hintergründe für das Liebesverbot. Zunächst kann dieses Verbot von außen als eine Konstellation von Bedingungen, die zur Kunstproduktion nötig sind, auferlegt werden. Im Beispiel von Adrian Leverkühn in "Doktor Faustus" handelt es sich sogar um eine Personifizierung in Form des Teufels, die das Verbot ausspricht. Andererseits kann es auch vom Künstler selbst festgesetzt werden, als eine Art des künstlerischen Schaffensprozess. Er zieht sich von sich aus zurück, um Ruhe und Abstand für die Kunstproduktion zu haben. Schließlich kann das Liebesverbot auch auf einer individuellen Disposition des Künstlers beruhen - er kann einfach nicht lieben, wie etwa Grenouille aus Patrick Süskinds "Parfum", der nie Liebe erfahren hat und sie deswegen auch nie verspürt.

Axel Löber beschreibt das Liebesverbot somit als "produktionsästhetisches Motiv". Liebe nimmt dem Künstler die Aufmerksamkeit, so dass nicht alle seine Ressourcen bei der Arbeit verwendet werden können. Andererseits beeinflusse die Liebe das Sujet negativ, sie mache die Kunst pathetisch und banal, wenn sie persönliche Motivation zum Schaffen würde. Deswegen müsse sich der Künstler, um kreieren zu können, der Liebe entsagen.

Mit diesem Künstlerbild gehen weitere Elemente einher, die Löber als die drei Säulen des Liebesverbots bezeichnet: Zunächst stellt er den Geniebegriff dar und leitet den Wandel des Künstlerbildes aus der Epoche des Sturm und Drang her. Dort findet eine Verlagerung auf das Individuum statt, das nun Zentrum des Schaffens ist. Das Liebesverbot kann nur durch diesen Wandel Anwendung finden, weil es jetzt um das Individuum geht, das durch das Liebesverbot vor Ablenkung geschützt werden muss. Dies kann auch zur Selbststilisierung des Künstlers entwickelt werden, zu einer "Liebesverbots-Pose". Der Künstler wirkt dann gegenüber seiner Umwelt distanziert und kalt, weil er sich für die Kunst von ihr ausschließt. Dieses Kälte-Motiv gehöre laut Löber zum Habitus, befähige den Künstler aber auch, unbeteiligt zu beobachten.

Dem liegt zweitens ein Einsamkeit- und Entsagungskult zugrunde, wodurch sich der Künstler physisch und psychisch als Arbeitsbedingung ausgrenzt. Daraus ergibt sich drittens ein bestimmtes Verhältnis von Schaffen und Leben: "Der Künstler lebt nicht, sondern produziert Kunst. Will er leben und lieben, kann er keine Kunst mehr schaffen.". Es handelt sich um eine "Weltferne", die aber ebenfalls eine übersteigerte Form findet, die Löber als "Imitatio Christi" bezeichnet - eine Opferrolle, die sich oft auch in der Krankheit vieler Künstlerfiguren zeigt.

Löber greift immer wieder auf sein Paradebeispiel "Das Parfüm" von Patrick Süskind zurück, in dem er in der Figur Grenouille alle Aspekte des von ihm beschriebenen Liebesverbots vereint sieht. Auch konzentriert er sich vor allem auf das Werk Thomas Manns, dem ein ganzes Kapitel am Ende des Buches gewidmet ist. Einige Punkte bleiben trotz einer ausgezeichneten Ausarbeitung jedoch problematisch: Bei der Konzentration auf das Werk Thomas Manns weist Löber zwar richtig darauf hin, dass es gelte, seine Figuren nicht mit dem Autor zu verwechseln, springt jedoch selbst wahllos. Kafka, schreibt er, hätte das Liebesverbot als "Werkmotiv" und "Lebensmotiv" aufgegriffen. Ob es sich dabei um ein Bild vom Autor Kafka handelt, das die Nachwelt nun von ihm hat, oder ob er tatsächlich versucht, Kafkas ,wahren' Charakter zu beschreiben, wird allerdings nie klar. Zudem wird nicht erklärt oder gar festgestellt, warum es sich bei seinen Beispielen immer um männliche Künstler handelt.

Trotzdem überzeugt Löber durch eine eingehende Analyse der von ihm gewählten Werke und der Einführung des innovativen Konzepts des Liebesverbots für den Künstler. Seine Studie ist mit teils amüsanten Einsichten sehr gut lesbar und wird somit dem eigenen Anspruch gerecht, ein wissenschaftliches und allgemeines Publikum einzubeziehen.


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Axel Löber: "Du darfst nicht lieben". Das Liebesverbot für den Künstler in der deutschen Literatur.
Verlag Dr. Müller, Saarbrücken 2007.
140 Seiten, 49,00 EUR.
ISBN-13: 9783836449779

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