"... eine Idee hat wirklich jeder"

Jakob Heins neuer Roman "Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht" erzählt Geschichten, die nicht enden

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit "Herr Jensen steigt aus" (2006) hat Jakob Hein vor knapp zwei Jahren einen kleinen Roman vorgelegt, der sich mit Witz und Esprit an die großen Themen unserer Zeit heranwagte und gleichzeitig die gewachsene künstlerische Souveränität seines Autors bezeugte. Gespannt durfte man deshalb sein, ob sich Hein mit seinem nächsten Werk auf der erreichten Höhe würde halten können. Lässt man das ephemere Bändchen "Antrag auf ständige Ausreise und andere Mythen der DDR" (2007) - eine Fingerübung ohne größere Resonanz in der Öffentlichkeit - einmal beiseite, so liegt jetzt mit "Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht" ein dem ersten Roman in vielerlei Hinsicht verwandtes Buch vor. Wieder überzeugen die Leichtigkeit des Tons, das Unangestrengte, mit dem Ernsthaftes daherkommt, und die Geschichte, zu deren Zeugen Hein seine Leser macht.

Wobei "Geschichte" schon untertreibt. Denn mit einer einzigen erzählten Begebenheit gibt das Buch sich nicht zufrieden. Alles in allem operiert es auf nicht weniger als vier unterschiedlichen Erzählebenen, die der Autor geschickt miteinander verzahnt.

Das Ganze fängt mit einer Geschäftsidee an, wie sie auch in der Welt des exzentrischen Ex-Briefträgers Jensen ohne Weiteres vorstellbar wäre. Der nicht ganz mittellose Boris Moser gründet eine "Agentur für verworfene Ideen", mietet einen Büroraum an, der früher einer erfolgreichen Internetfirma gehörte, und wartet auf Kundschaft. Ideen, so sein Konzept, die der eine nicht braucht, könnten für einen anderen durchaus von Nutzen sein. Und als Krönung seines seltsamen Tuns stellt er sich gerne vor, wie zwei Ideen, die, jede für sich genommen, wenig Effekt machen, bei ihrem Aufeinandertreffen Synergien entwickeln, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.

So weit, so gut. Allein Boris' erste Kundin hat nur ein schlichtes Problem mit ihrem Computer. Doch man kommt ins Gespräch, und je schräger Rebecca Kron diesen Mann und sein Projekt findet, umso interessanter werden beide für sie. So dass sie schließlich selbst im Laden auftaucht und staunend erfahren muss, dass Boris mit allem handelt, nur mit Romananfängen nicht. Weil die Frau ihm aber gefällt und von der ersten Sekunde ihrer Bekanntschaft an feststeht, dass er sie nicht wieder aus den Augen verlieren möchte, bricht Heins sympathischer Protagonist nur allzu bald mit dieser Maxime.

Das Folgende funktioniert wie eine jener russischen Puppen, die in sich immer weitere enthalten. Denn die Geschichte, deren Anfang Boris preisgibt, setzt bald eine weitere frei - und in dieser wiederum finden sich die Anfänge einer dritten. Keine wird zu Ende erzählt und doch steht an dem Punkt, da alle Geschichten auslaufen und der Schwenk zurück in das Ladenlokal des Erzählers erfolgt, ein kleines Happy End. Denn man sieht Boris und Rebecca Arm in Arm in eine gemeinsame Zukunft entschwinden.

Der erzählerische Aufwand, den "Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht" betreibt, ist nicht allzu groß. Umso frappierender die Energie, die dieser Text ausstrahlt. Es geht um die alten Geschichten, die bis heute ungelösten Fragen, um das Woher und Wohin des Menschen, um das Anrecht auf Glück, das er besitzt oder nicht, um die Wege, denen er sich anvertrauen muss und um das Ziel, den Sinn, dem seine Existenz zusteuert. Nicht mehr und nicht weniger. Und wie wichtig der Autor diese "ewigen" Menschheitsfragen und -probleme nimmt, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass er in die abschließende seiner vier Geschichten den "Faust"-Stoff einbaut, nicht ohne das Augenzwinkern des Postgoetheaners, aber auch nicht bloß als Gag für literarhistorisch gut Informierte.

Unter dem Strich sind alle Figuren, die auf den einzelnen Erzählebenen vorgeführt werden, Suchende. In Lebenskrisen festgefahrene Figuren, die auf Veränderung warten. Und die Wandlungen, die sie erleben, haben stets mit Begegnungen zu tun, mit anderen Menschen, die - beinahe unbemerkt und nie geplant - von einem Augenblick auf den anderen wichtig für sie werden. Das Wärmende, Rettende erwächst in der Welt, die Jakob Hein uns vorführt, nie aus den Dingen. Im Gegenteil: Mit äußerster Skepsis und kulturkritisch im Ansatz wird auf Ersatzglücks- und -heilsbringer geschaut. Weder Geld noch eine in belangloses Plappern auf allen Kanälen abdriftende Meinungs- und Gedankenfreiheit, weder die Möglichkeiten der Vernetzung aller mit allen via Internet noch ein ausufernder Tourismus hin zu jenen Orten, welche die Warenwelt noch nicht entzaubert hat, vermögen der Einsamkeit als dem Grundgefühl unserer Tage eine Alternative entgegenzusetzen.

Schön, dass Hein dabei auch sich und sein Tun mitreflektiert. In den Arzt Sebastian aus der zweiten Geschichte und den Schriftsteller und Wissenschaftler Heiner aus der vierten und letzten hat sich der Autor wohl am deutlichsten selbst eingeschrieben. Und dabei vielleicht sogar ein wenig vordefiniert, wie er sich seine Bücher vorstellt, als eine Art "Semilog", ein eröffnetes Gespräch, das zum Weiterdenken und Gegenhalten durch den Leser Anlass geben möchte. Wie schwer dieses Miteinander von Schreibendem und Lesenden allerdings ist, wird offenbar, wenn es in relativ unverstellt-autobiografischem Duktus heißt: "Ich habe ein paar von ihnen [gemeint sind die Leser - D. J.] bei Lesungen getroffen, und ich hatte niemals den Eindruck, dass sie das Buch gelesen hatten, das ich meinte geschrieben zu haben."

Manchmal übrigens fühlt man sich bei der Lektüre an Projekte erinnert, wie sie zum Beispiel die Berliner "Zentrale Intelligenz Agentur" um Holm Friebe und Kathrin Passig mit dem Ziel betreibt, "neue Formen der Kollaboration" zu etablieren. Jakob Hein und die Helden seiner letzten Romane dürften dem nicht fernstehen. Auch sie leben in einer Zeit, in der die Arbeit zum Problem geworden ist und ein Leben aus Lohnarbeit für alle sich nicht mehr bestreiten lässt. Hier sind frische Ideen gefragt, Arbeit zu definieren und zu organisieren. Jakob Heins Figuren beteiligen sich schon länger an dieser notwendigen Diskussion.


Kein Bild

Jakob Hein: Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht.
Piper Verlag, München 2008.
174 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783492052078

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch