Im Alpenregen und in der Sierra

Der Band "Sierra Madre" versammelt Prosa von Franz Böni aus fast vierzig Jahren

Von Klaus HübnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus Hübner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Ein Wanderer im Alpenregen" - das war das Buch, mit dem der 1952 in Winterthur geborene und heute wieder dort lebende Franz Böni im Jahr 1979 seinen literarischen Durchbruch hatte. Dass er bereits 1968 mit dem literarischen Schreiben begonnen hat, erfährt man aus einem neuen Band mit dem verheißungsvollen Titel "Sierra Madre. Prosa. 1968 bis 2007". Dazwischen liegen mehr als 20 Bücher, für die der immer schon eher öffentlichkeitsscheue Autor manchen Preis zuerkannt bekam - darunter Romane wie "Schlatt", "Die Alpen" oder "Amerika", aber auch Gedichte, Novellen, Prosanotate, Stücke und Essays. Düstere Wortkunstwerke zumeist, geprägt von diffusen Ängsten und gefühlten Bedrohungen, oft in einer Schweiz spielend, die dem Leser als heil- und ausweglos erscheinen mag, als eigentlich kaum mehr bewohnbar. Gekonnte Katastrophenprosa also.

Ein fleißiger Schriftsteller jedenfalls ist dieser Franz Böni, nicht wegzudenken aus der neueren Literatur der deutschsprachigen Schweiz. Dennoch stutzt man ein wenig, wenn man sein neues Buch aufschlägt. Der Anfangsabschnitt "Pamela. Frühe Prosa und Gedichte" enthält einige allzu schlichte Schreibversuche. Selbst wenn die Seite "Über das Rauchen" von ungeahnter Aktualität ist, die "Sattler"-Geschichte zu rühren vermag und die knappen Porträts von einstigen Filmstars wie Lex Barker womöglich manch süße Erinnerung hochspülen - die Jünglingsgedichte und die sonstige hier versammelte Prosa in recht biederem Schulaufsatz-Stil hätten nicht unbedingt gedruckt werden müssen. "Fahrraddiebe. Prosa und Aufsätze", der zweite und umfangreichste Teil der Sammlung, überzeugt schon eher. Er bietet feinsinnige Skizzen ungewöhnlicher Lebensläufe, knappe Berichte über Lese- und Kinoerlebnisse und - ein Glanzstück - die geheimnisvolle Geschichte vom "Haus zum Schwarzen Garten" am Zürcher Stüsshihofplatz. Unter anderem geht es hier um den Film "Der Gehetzte der Sierra Madre", dessen von Ennio Morricone arrangierte Musik man nicht mehr vergisst, und um "Das Totenschiff", das berühmte Buch von B. Traven alias Ret Marut, der "nach Karl May der wohl beste Schriftsteller" sei, "den Deutschland je hervorgebracht hat". Ein Urteil, das man natürlich mit Fug und Recht anzweifeln darf, ebenso wie die (doch nicht etwa ironisch gemeinten?) Feststellungen, dass Steve McQueen "wohl der größte Filmstar aller Zeiten" gewesen sei - und Burt Lancaster "wohl der zweitgrößte". Apodiktische Sätze, die Bönis Skizzen allerdings nichts von ihrer oft bezaubernden Suggestivität nehmen.

Die nicht allzu viel sagende Prosaübung "Café Odeon", die den Kollegen Renato Arlati und die Kunst des Grappa-Trinkens zum Thema hat, gibt dem dritten Teil der Sammlung ihren Titel. Hier mögen Insider des literarischen Lebens auf ihre Kosten kommen, erfährt man doch manches über Bönis einstigen Verleger Siegfried Unseld und über zeitgenössische Schriftsteller und deren Marotten. Aber auch einige merkwürdige und bemerkenswerte Geschichten über die Schweiz und ihre Bewohner sind dabei, Texte über die Hopi-Indianer und das Yukon-Territory und anrührende Prosaskizzen wie "Spiegel, das Kätzchen" oder "Lignano". Der als "Romananfang" bezeichnete letzte Teil mit der Überschrift "Adria", in dem es um Vater und Mutter, die Schweiz, Italien, Ägypten und manches andere geht, weitet das "Lignano"-Thema aus, weit über den merkwürdigerweise "Bibbione" (statt "Bibione") geschriebenen, Lignano benachbarten Badeort hinaus.

Heterogenität ist ein Kennzeichen dieser Prosasammlung, und das 22 Jahre alte Nachwort von Urs Bugmann kann Franz Bönis Texte naturgemäß auch nicht auf einen einfachen Nenner bringen. Angst und Schrecken, Lieblosigkeit und Kargheit, Seelenlosigkeit und Schweigen werden herausgestellt, Stimmungen und Befindlichkeiten, auf die man in Bönis Arbeiten immer wieder stößt, auch in den späteren. Man mag über die Zusammenstellung des neuen Bandes bisweilen den Kopf schütteln - der mit wenig Sorgfalt erstellte Anmerkungsteil gibt über die Kompositionsprinzipien, falls vorhanden, kaum näheren Aufschluss. Man wird auf ein paar schwächere Texte treffen, in der Regel aber auf solide gebaute, vielfach interessante und manchmal herzergreifende Kurzprosa. "Sierra Madre" ist, bei allen Schwächen, eine angenehme und oft, im produktivsten Sinne, auch verstörende Lektüre. Wer Franz Böni allerdings überhaupt noch nicht kennt, sollte zu seinen "großen" Büchern greifen. Es lohnt sich.


Titelbild

Franz Böni: Sierra Madre. Prosa. 1968 bis 2007.
IPa Verlag, Vaihingen an der Enz 2007.
112 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783933486684

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