Textunfälle

Claudia Liebs Studie über den Unfall in der Kultur und Literatur der Moderne

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dass der Unfall der Beweis für die Unplanbarkeit der Existenz in der Moderne ist, der Beleg dafür, dass nicht alles organisierbar und beherrschbar ist, dass es ein Jenseits der Ordnung gibt, ist einer der großen Mythen der Moderne, der die gesellschaftliche Praxis allerdings entgegensteht. Das ist möglicherweise darauf zurückzuführen, dass sich dies aus der Perspektive der Subjekte in der Tat so verhält, weil sie nun mal, je komplexer Gesellschafter werden, desto weniger in der Lage sehen, ihr direktes Umfeld zu beherrschen und zu steuern.

Davon jedoch einmal abgesehen, dass bei Präsentationen, Vorträgen oder Schriften, die sich der Unfallverhütung – ein Begriff, der offensiv doppeldeutig zu sein hat – widmen, mit größter Vorliebe Exempel vorgeführt werden, die nachvollziehbar machen, dass die Ursache für die meisten Unfälle bei den Betroffenen selbst liegen und Haushaltsunfälle das Genre dominieren, ist der Verkehrsunfall das allerliebste Exempel, mit dem dieser Mythos belegt werden soll. Dabei ist es egal, ob es sich um den Autounfall, den Flugzeugabsturz oder das Eisenbahnunglück handelt – literarisch gesehen ist der Verkehrsunfall von deutlich größerer Attraktivität als ein profaner Sturz von der Leiter. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass das Opfer den häuslichen Unfall ganz fein mit sich selbst ausmachen muss, während es am Verkehrsunfall in der Regel mehrere Beteiligte gibt, zuzüglich Gefährt, Steuerer und Landschaft, zuzüglich Mitfahrer, andere Verkehrsteilnehmer und Monteure, ja auch Saboteure, die den Unfall herbeiführen.

In diese undurchsichtige Gemengelage lässt sich vieles projizieren, unter anderem jene These, die Claudia Lieb an den Anfang ihrer Studie stellt: „Der Unfall stellt die heimliche Tretmine dar, den unheimlichen Sprengsatz, der im Untergrund der Technikgeschichte lauert und den Siegeszug der industrialisierten Moderne hintertreibt.“ Dem widerspricht auch nicht, dass der Autounfall in der Tat eine privilegierte Stellung in den literarischen Erzählungen der Moderne einnimmt und andere Verkehrskatastrophen erst mit den neuen Medien, insbesondere mit dem Film nachrücken. Aber das nur nebenbei, denn Lieb visiert mit ihrer Zuschneidung auf den Autounfall eine weitere These an, nämlich die, dass der Autounfall in der Literatur die Funktion übernimmt, im Diskurs gegen die Eindämmungs-, Zähmungs- und Bewältigungsstrategien der Moderne die Unbewältigbarkeit des Unvorhersehbaren zu demonstrieren: Das „gewaltsame Ereignis, das nicht sein soll, aber trotzdem passiert“, der „sinnlose, anormale und unverständliche Fall“ steige zum „Paradefall der Literatur auf“, die selbst damit kokettiere, sinnlos, anormal und unverständlich zu sein.

Damit bestimmt Lieb nicht nur die Funktion des Unfalls in der Literatur, sie parallelisiert zudem Unfall und Literatur selbst bis hin zu Parallelen in der Struktur des Unfallgeschehens mit der Struktur des Textes. Damit schließt sie zu jenen literaturwissenschaftlichen Konzepten auf, die primär an solchen strukturellen Homologien interessiert sind und daraus ein generelles Eigengewicht von literarischen Texten und deren ontologische Differenz zu dem annehmen, was auch immer unter Realität oder auch nur gesellschaftlicher Kultur verstanden werden kann. Das ist legitim und gut begründbar, allerdings eben auch in der Konsequenz eine Verschiebung weg von einer kulturwissenschaftlichen Lektüre von Texten hin zu einer selbstgenügsamen strukturalen, bei der die Verbindungen zwischen Text und Kontext gekappt zu werden drohen.

Dass Lieb mit der Situation um 1800 und mit der Großstadterfahrung der Weimarer Klassiker beginnt, ist ein angenehmer und heuristisch ertragreicher Zug: In den sich beschleunigenden Modernisierungsprozessen der Frühmoderne ist die Wahrnehmung von dichten sozialen Netzen und dynamischen Sozialfiguren extremer als etwa um 1900, auch wenn Urbanisierung, Industrialisierung und die Umstellung auf die Waren- und Geldwirtschaft erst um 1900 im Wesentlichen abgeschlossen waren. Dass Wahrnehmung jedoch von der Differenz zwischen Phänomen und Beobachter und nicht von der Essenz eines Phänomens bestimmt wird, ist freilich eine Binsenwahrheit, die einer weiteren Bestätigung kaum bedurft hätte. Der „Chok“ Walter Benjamins ist notwendig für den Weimarer Goethe noch viel stärker gewesen.

Besonders erhellend ist, wie sich Lieb den Bewältigungsstrategien der Moderne um 1900 nähert, deren Hauptthema offensichtlich die Bewältigung dieses neuen Phänomens Unfall gilt, das als kontingentes Element beschrieben, verstanden, mit einem Begriff versehen, erfasst und planbar gemacht werden soll. An dessen Beginn steht naheliegend die Skandalisierung des Automobils, das weniger als Fortbewegungsapparat, denn als Unfallmaschine verstanden und in der Presse denunziert wird.

Zahllos sind die Berichte, die das Automobil und seinen Fahrer als Unfallursache benennen (wobei ein Blick in die Unfallstatistiken und die Erfahrung, die man mit Pferden machen kann, dagegen sprechen). Dazu gehören eben nicht nur die Unfallgeschichten, die in die Literatur eingehen – im dritten Teil geht Lieb dann auf die literarischen Verarbeitungen unter anderem durch Otto Julius Bierbaum, Filippo Tommaso Marinetti, Franz Kafka, Robert Musil und Alfred Döblin ein –, sondern auch die juristischen und versicherungsrechtlichen Bemühungen um den Automobilunfall.

Dabei legt die „journalistische Stigmatisierung“ nur das Skandalon fest. Die Bemühungen von Juristen und Versicherungen haben dagegen ein anderes Ziel, das mindestens als pragmatisch angesehen werden kann; sie versuchen, sich mit dem Phänomen zu arrangieren und es in ihre Denkform, in dem es zuvor nicht verankert war, aufzunehmen. Dass es dabei um Fragen wie rechtliche Schuld und wirtschaftliche Verantwortung geht, dass es um die Sicherung der wirtschaftlichen Ressource Körper und die Absicherung der Individuum für den Fall geht, dass dessen Funktionsfähigkeit eingeschränkt werden könnte, ist uns mittlerweile selbstverständlich.

Im gesellschaftlichen Diskurs um 1900 sind die damit zusammenhängenden Denkmuster und Routinen jedoch erst noch zu entwickeln und zu verstetigen. Der Unfall wird zum Risiko und damit zu einem kalkulierbaren Bestandteil der modernen Existenzform. Seine Auswirkungen bis hin zu den Traumata, den psychischen Verwundungen also, die die Basis der gleichfalls in dieser historischen Phase entwickelten Psychoanalyse darstellen, werden bewältigbar, weil sie begrifflich, juristisch und statistisch erfasst werden können. Der Umschlag von der Kontingenz zum Risiko aber ist nicht nur begrifflich, sondern auch essentiell: Der Unfall wird fester und damit organisierbarer, zumindest aus der Perspektive der Statistik eben auch plan- und steuerbarer Bestandteil des modernen Lebens.

Folgt man der Lesart Liebs, geht die Literatur allerdings den entgegengesetzten Weg. Otto Julius Bierbaums Roman „Prinz Kuckuck“ (1906/1907) gestaltet den Unfall des Protagonisten als logisches Ziel eines hybriden und damit untauglichen Lebenskonzepts. In Marinettis „Futuristischem Konzept“ (1909) wird der Unfall als homologes Element der Lebenswelt zur syntaktischen sprachlichen Destruktion initiiert, was in Döblins poetologischen Schriften nach 1910 einem sinnlosen Erzählen zugeschlagen werde und bei Musil seine Fortsetzung findet. Franz Kafkas Doppelexistenz als Versicherungsmanager und Autor motiviert naheliegend dazu, Biografie, Berufstätigkeit und Text miteinander zu verschneiden. Lieb zeigt entsprechend die Widersprüchlichkeit der beiden Tätigkeitsbereiche auf und weist der literarischen Tätigkeit die Rolle der negativen Prognostik zu. Wird der Unfall bei Bertolt Brecht schließlich zum Exempel epischen Erzählens, zum Musterbeispiel seiner Theatertheorie und -praxis, wird er in der Literatur der Nachkriegszeit mehr und mehr zum Gegenstand der Groteske, wie Lieb zumindest skizzenhaft an den Beispieln Tankred Dorst, Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek zeigt, bei der schließlich das extraordinäre Ereignis des Unfalls, das das Erzählen motiviert, inflationiert werde. Das aber habe weit reichende Konsequenzen für das Erzählen selbst.

Nun erfasst Liebs Durchgang durch die Unfallerzählungen der Moderne nicht alle denkbaren Fälle und Exempel, muss dies auch nicht, da die Linie, die sie zieht, durchaus konsequent ist und ihre Erklärungsmuster plausibel. Allerdings scheint mir der Gegensatz, den sie zwischen Sachdiskursen und literarischem Diskurs sieht, nicht derart durchgängig zu sein, wie er in der Darstellung Liebs erscheint. Gerade am Exempel der Eingangspassage von Musils „Mann ohne Eigenschaften“ lassen sich eben auch Parallelen zwischen den beiden Denkformen sehen: Der Unfall in der Haupt- und Residenzstadt ist nämlich erklärbar (vom Herrn der Dame) und händelbar (nämlich von Seiten der städtischen Behörden, die umgehend einen Krankenwagen losschicken, also auf den Unfall vorbereitet sind). Der Unfall wird auch hier bewältigbar. Der Zufall und das Chaos werden Teil der Ordnung.

Sicherlich kann Lieb ihre Lesart nicht zuletzt damit begründen, dass die moderne Literatur in weiten Teilen der Entwicklung der modernen Gesellschaft kritisch gegenüber steht, was zu dem merkwürdigen Umstand führt, dass das kulturelle Produkt der Moderne den Gesellschaftszustand ablehnt, dem sie ihre Existenz verdankt.

Allerdings stehen dem auch literarische Produkte gegenüber, die die Vorgaben von Gesellschaft aufnehmen und produktiv (sei es kritisch oder affirmativ) verarbeiten. Die kombinatorische, ja aleatorische Struktur avantgardistischer Texte ist hier ebenso anzuführen wie jene Konzepte, die etwa Brecht im „Lindbergh-Flug“ umsetzt. Dass Brecht dafür, in der freilich unzuverlässigen Erinnerung Marieluise Fleißers, das Bild das Automobils benutzt hat, das aus unzusammengehörigen Teilen zusammengebaut ist, aber trotzdem, wenngleich sehr holprig, fährt, ist dafür nur der einigermaßen amüsante Beleg.

Auch die allzu schnelle Fokussierung auf den Auszug des Erzählens aus der entzauberten Welt, ist zumindest einseitig und gehörte durch den kulturhistorischen Befund ergänzt. Allerdings ändert dies nichts daran, dass Lieb eine überaus intelligente und komplex argumentierende Studie versammelt hat, die zudem Material vorlegt, das in der Diskussion um die Funktion und Rolle der Technik in der Gegenwartskultur von großer Bedeutung ist. Und Verdienste soll man nicht schmälern, sondern mehren.

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Claudia Lieb: Crash. Der Unfall der Moderne.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2009.
344 Seiten, 34,80 EUR.
ISBN-13: 9783895287053

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