Grenzüberschreitungen

Ein Sammelband untersucht die „Grenze als Raum, Erfahrung und Konstruktion“ am Beispiel „Deutschland, Frankreich und Polen vom 17. bis zum 20. Jahrhundert“

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Grenzen haben im Prozess der europäischen Einigung für viele Bürgerinnen und Bürger der europäischen Länder ihre einstmalige Bedeutung verloren. Wer noch erlebt hat, welch beklemmende Atmosphäre Grenzübertritte auszulösen vermochten, wie hinderlich-schikanös Passkontrollen ausfallen konnten, der wird zu würdigen wissen, wie sehr Europa in dieser Hinsicht zusammengewachsen ist. Dass diese Freiheiten jedoch exklusiv sind, so lange an den sogenannten Außengrenzen der Gemeinschaft die Grenze mit all ihren restriktiven Folgen eine Wiederbelebung trauriger Art erfährt, steht auf einem anderen Blatt.

Jedenfalls hat im Zuge der europäischen Einigung die „Grenze als Raum, Erfahrung und Konstruktion“ einen deutlichen Wandel erfahren. Diesem Wandel spürt der vorliegende Sammelband aus historischer Perspektive nach. Er vereinigt zwölf Beiträge deutscher und französischer Historiker, die sich mit Grenzerfahrungen in „Deutschland, Frankreich und Polen vom 17. bis zum 20. Jahrhundert“ beschäftigen.

Mit der Herausbildung des Nationalstaates wird vor allem die Grenze als Trennungslinie zu den Nachbarstaaten von Bedeutung. Natürlich ist dies in den deutschen Landen längst nicht so eindeutig. Denn das Heilige Römische Reich deutscher Nation, das bis 1806 existierte, war kein einheitliches Gebilde, wie es sich beim westlichen Nachbar Frankreich schon lange herausgebildet hatte. Innerhalb seiner ,Grenzen‘ gab es eine Fülle von selbständigen Fürsten- und Herzogtümern, die ihre Eigenständigkeit zu wahren suchten. Folglich waren im Alten Reich innerdeutsche Grenzen Realität. Am Beispiel des heute thüringischen Eichsfeld, das als kurmainzische katholische Enklave inmitten einer protestantischen Umgebung gelegen war, schildert Christoph Duhamelle wie im „Umgang unterschiedlicher Bevölkerungsschichten in wechselnden Zusammenhängen mit der Grenze“ im 17. und 18. Jahrhundert die „alltägliche Anpassung an einen politisch zersplitterten, konfessionell bunten, aber rechtlich und kulturell gemeinsamen Raum“ hergestellt wurde.

Tatsächlich erwies sich der „Grenzraum“ immer wieder als die entscheidende und die eigentliche Grenze überwindende Wahrnehmung. Zwar wurde auch „im Heiligen Römischen Reich“, so zeigt Claire Gantet in ihrem Beitrag zu „Wahrnehmung und Repräsentationen“ der „äußeren Grenzen“, seit dem 17. Jahrhundert insbesondere die Grenze zu Frankreich im Zuge der Herausbildung einer nationalen Identität zunehmend „politisiert“, doch in der Realität blieb die politische Grenze lange noch ein künstliches Konstrukt. In der „deutschen Reiseliteratur über Polen und Frankreich um 1800“ findet Bernhard Struck in seinem Beitrag Hinweise darauf, dass das „Raumkontinuum“ für die reisenden Zeitgenossen, also der „langsame Wandel von Landschaft und Kultur“ weitaus eindrucksvoller war, als der kaum realisierte Grenzübertritt. Der Grenzraum prägte die Erfahrung des Übergangs. Bis ins 19. Jahrhundert, so resümiert Struck, beschrieben die Reisenden „fließende Grenzen und ausgedehnte Grenzräume, die von gemischten deutsch-französischen und deutsch-polnischen kulturellen Symbiosen geprägt waren.“

Interessant ist, dass diese Erfahrung sich fortsetzt als obrigkeitsunabhängige Anpassung der Grenze an alltägliche Bedürfnisse, auch entgegen den trennenden Absichten der politischen Grenze. So beschreibt Stephanie Schlesier „Vereinendes und Trennendes“ der Grenzen im zwischen Preußen/Deutschland und Frankreich umstrittenen Lothringen von 1815 bis 1914. Zwar lässt sich mit der Eskalation der Rivalität zwischen den Nachbarn eine „gewisse Verdichtung“ der Grenzen feststellen, doch insgesamt kann von einer „geschlossenen Grenze nicht die Rede“ sein, „denn die administrative Trennlinie verhinderte weder ökonomische Zusammenarbeit noch grenzüberschreitende zwischenmenschliche Beziehungen.“

Dieses menschlich-praktische Moment der Grenze vermochte erst der übersteigerte völkische Nationalismus des 20. Jahrhunderts zu zerstören. Am Beispiel des Saarlands schildert Nicola Beaupré, wie die „neueren Grenzerfahrungen im Saarland“ von den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges geprägt wurden. Sie bedingten während der ,Mandatszeit‘, als das „Saargebiet“ in Folge des Versailler Vertrages aus Deutschland ausgegliedert dem Völkerbund unterstand, eine „Politisierung der Frage der Grenze“. Die Grenze diente nun zur „Neudefinierung der eigenen Identität, in Abgrenzung von den Fremden/Besatzer“ und zum Aufbau von Feindbildern. Dies, so muss man hinzufügen, wussten die Nationalsozialisten propagandistisch zu nutzen, als sich in der Volksabstimmung 1935 die Saarländer für eine Zugehörigkeit zum nationalsozialistischen Deutschland aussprachen.

Einen ähnlichen Wandel von einer pragmatischen Politik zu einer zunehmend sich radikalisierenden Germanisierungspolitik erlebte auch das ostpreußische Grenzland Masuren. Andreas Kossert analysiert in seinem Beitrag, wie der wilhelminische Nationalismus seit Beginn des 20. Jahrhunderts „Masuren als Bollwerk“ gegen eine angeblich „großpolnische Gefahr“ ausbaute. Auch während der Weimarer Republik diente das Grenzgebiet der nationalen Propaganda im „Volkstums- und Grenzlandkampf“. Nach 1933 fand „eine völkische Neuausrichtung“ statt, die dem Land eine offensive Funktion im „längerfristig konzipierten ,Lebensraum-Kampf‘ im europäischen Kontext“ der Nazis zudachte.

Angesichts der verheerenden Zerstörungen, mit der das nationalsozialistische Regime insbesondere Polen überzog, schien die Grenze zwischen Polen und Deutschland nach 1945 unüberwindbar. Und sie war es ja auch. Selbst die sozialistischen Bruderländer Polen und DDR wussten ihre Grenze dicht zu halten. Wieder ist es der europäischen Einigung zu danken, dass heute die Grenzen offen sind. Es wird dabei aber auch, so Thomas Serrier in seinem Beitrag „Geschichtskultur und Territorialität“, auf die Untersuchung der „Wechselbeziehung der deutschen und polnischen kollektiven Erinnerungen unter dem Gesichtspunkt ihrer gegenseitigen Bezogenheit“ ankommen. So kann ein deutsch-polnischer „Erinnerungstransfer“ zur Überwindung der Grenzen gelingen.

Zwei eher spezielle Beiträge zur „Bedeutung der Grenzen in deutsch-französischen Geographien des frühen 19. Jahrhundert“ sowie zur Bedeutung von Karten und Statistiken für die „Konstruktion der Nationalstaaten“ runden den vornehmlich für Fachleute und interessierte Laien ergiebigen Band ab.

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Etienne Francois / Jörg Seifarth / Bernhard Struck: Die Grenze als Raum, Erfahrung und Konstruktion. Deutschland, Frankreich und Polen vom 17. bis 20. Jahrhundert.
Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2007.
324 Seiten, 37,90 EUR.
ISBN-13: 9783593382128

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