Kerbholz und Kuhhaut

Eine populäre Zusammenstellung mittelalterlicher Redewendungen

Von Gerhard MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Gerhard Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Phraseologie ist ein dankbares germanistisches beziehungsweise sprachwissenschaftliches Thema. Veröffentlichungen dazu gibt es seit langem in Hülle und Hülle, angefangen von den Klassikern „Büchmann“ und Wanders Sprichwörterlexikon bis hin zu all den heute auf dem Buchmarkt erhältlichen Lexika (allein der Dudenverlag hält vier davon bereit).

So steht Gerhard Wagners Buch „Das geht auf keine Kuhhaut. Redewendungen aus dem Mittelalter“ in einem allgemeinen Kontext, weist aber doch Besonderheiten auf: Zum einen in der thematischen Eingrenzung auf Redensarten und -wendungen aus dem Mittelalter und (wie im „Vorwort“ klargestellt wird) aus der frühen Neuzeit, zum anderen in der Auswahl und der Darstellung. Wagner hat diejenigen Redewendungen ausgewählt, die auch heute bekannt und geläufig sind, und er stellt die Thematik für ein breites Publikum dar. Im „Vorwort“ betont er: „Wohlgemerkt – dieses Buch hat nicht den Anspruch, ein wissenschaftliches Werk zu sein. […] In dem vorliegenden Band sollen vielmehr auf unterhaltsame Weise interessante Informationen über die in unserer Sprache so verbreiteten Floskeln und Redewendungen geboten werden […]“.

Unter diesen Voraussetzungen betrachtet, ist Wagners Nachschlagewerk als durchaus gelungen zu betrachten und kann allgemein Interessierten empfohlen werden. Der Autor ist als Germanist und Historiker, wie der Klappentext formuliert, „Burgvogt der Marksburg am Rhein“; er ist Geschäftsführer der Deutschen Burgenvereinigung, die auf der Marksburg in Braubach ihren Satz hat. Bei Burgenführungen wird immer wieder auf Redensarten mit mittelalterlichem Ursprung Bezug genommen, und so ist es durchaus angemessen, wie der Autor es unternimmt, solche sprachlichen Wendungen solide zu untersuchen und in populärer Weise erklärend zu beschreiben. Seine Publikation ist etwa als geeignete Gabe für Infokioske auf Burgen und in Museumshops zu betrachten.

Wagner hat knapp 300 Redewendungen ausgewählt und thematisch gegliedert („Ritterliches“, „Gerichtliches“, Kirchliches“ et cetera); je zwei sind auf einer Druckseite gruppiert. Ein Index erschließt den Inhalt des Büchleins. Als Beispiel für den unkomplizierten und allgemeinverständlichen erzählenden Stil sei das erste Drittel des Stichworts „Auf dem Holzweg sein“ zitiert: „Steinhäuser konnten sich im Mittelalter nur reiche Leute leisten, das normale Wohnhaus war ein Fachwerkgebäude. Das Holz für die Herstellung der Balken wurde mit Pferden aus dem Wald geholt. Für den Transport wurden Schneisen geschlagen, sogenannte Holzwege. Im Gegensatz zu regulären Wegen endeten Holzwege auf einem Holzsammelplatz und führten zu keinem Ziel außerhalb des Waldes.“

Kritik ist an dem Gesagten kaum zu üben, es sei denn, man bemängele die zu kleine Schrifttype und die allzu oft undeutlichen und ohne klaren Bezug zum Text stehenden Illustrationen, die zudem ohne Legende erscheinen.

Aus fachlicher Sicht sind immerhin einige Bedenken vorzubringen. So ist zum einen das Literatur- und Quellenverzeichnis unvollständig beziehungsweise inkongruent; einschlägige Titel fehlen (so etwa das schon genannte „Deutsche Sprichwörter-Lexikon“ von K. F. W. Wander, Borchardt/Wustmann/Schoppe, „Die sprichwörterlichen Redensarten…“, Krüger/Lorenzen, „Deutsche Redensarten…“, etymologische Wörterbücher wie Kluge/Mitzka/Seebold und Wolfgang Pfeifer), andere sind fraglich (so die Veröffentlichungen von K. H. Pruys), und die Internetseiten http://www.wispor.de und http://www.woher-stammt.de sind ganz irrelevant. Zum anderen sind (bei einem Auswahllexikon kann man jedoch immer Kritik üben) einige Stichwörter anachronistisch, sie übersteigen die Zeitgrenze „Mittelalter und frühe Neuzeit“, so zum Beispiel „Etwas türken“, „Ich kenne meine Pappenheimer“, „Über die Wupper gehen“, „Türmen“ und „Schäferstündchen“ – sie sind späteren Jahrhunderten zuzuordnen. Falsch sind zudem Einordnung und Erklärung von „Holzauge, sei wachsam“; es ist erst mit der Soldatensprache des frühen 20. Jahrhunderts in Zusammenhang zu bringen. (Dies geht sogar aus den im Literaturverzeichnis genannten Bänden Duden-“Redewendungen“ und Lutz Röhrich, „Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten“ hervor.) Zweifelhaft ist schließlich, ob Ein-Wort-Bildungen wie zum Beispiel „auftischen“, „Quacksalber“, „Schäferstündchen“, „steinreich“ oder „vögeln“ als Redensarten beziehungsweise Redewendungen (erklärtermaßen Mehr-Wort-Bildungen) einzustufen sind; Wörter mit neuer, übertragener Bedeutung (Metaphern) gibt es ja allenthalben.

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Gerhard Wagner: Das geht auf keine Kuhhaut! Redewendungen aus dem Mittelalter.
Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2011.
160 Seiten, 14,95 EUR.
ISBN-13: 9783806224719

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