Wenn Romeo aus Korea kommt und Julia aus Japan

Kaneshiro erzählt in „GO!“ eine trotzige Jugend-, Gesellschafts- und Liebesgeschichte

Von Eva UnterhuberRSS-Newsfeed neuer Artikel von Eva Unterhuber

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Das möchte ich gleich zu Anfang klarstellen: Dies ist eine Liebesgeschichte, und zwar meine. Und mit dieser Liebe haben Kommunismus, Sozialismus, Kapitalismus, Pazifismus, Vegetarismus und Schmalspurästhetizismus oder sonst ein Ismus nichts zu tun. Das schon mal vorweg.“

Natürlich ist es nicht so einfach, wie Kaneshiros Protagonist Sugihara Lee den Lesern zum Einstieg trotzig entgegenschleudert. Denn Sugihara gilt als „Zainichi-Koreaner“, als ein „in Japan ansässiger Koreaner“, wiewohl er in Japan geboren und aufgewachsen ist und Japanisch spricht wie ein Japaner. Doch als Sohn koreanischer Einwanderer hat er die nordkoreanische Staatsbürgerschaft und wird deshalb diskriminiert. Diese Zurücksetzung erlebt Sugihara erstmals schmerzhaft und hautnah, als er aus der Abschottung seiner nordkoreanischen Schule auf eine japanische Oberschule wechselt. Grund für den Wechsel: Seine Eltern, und er mit ihnen, nehmen ihre ursprüngliche südkoreanische Staatsbürgerschaft wieder an. Damit gilt er auf  nordkoreanischer Seite von nun an als „Verräter“. Die neuen japanischen Mitschüler wiederum lehnen ihn als minderwertig ab und so muss er sich gegen ständige Anfeindungen zur Wehr setzen. Seine besten Argumente sind in solchen Situationen seine Fäuste – sein Vater, ein Boxer, hat ihm einige sehr wirkungsvolle Schlagtechniken beigebracht und Sugihara hat keine Bedenken, sie gegen seine Kontrahenten einzusetzen.

Auf diese Weise kann sich der Junge einen gewissen Respekt verschaffen, wiewohl diese Anerkennung letztlich nur seiner überlegenen Kampftechnik gezollt wird und nicht ihm als Person. Sugihara kümmert dies nach außen hin wenig, solange er seine Widersacher auf Abstand halten kann. Immun gegen die konstante Zurücksetzung, die er und seine Familie, vor allem sein Vater als Geschäftsmann, hinnehmen müssen und sollen, ist er freilich nicht. Es macht ihn ganz unverhohlen wütend, und wenn er sich im Gespräch mit dem Leser oder in der Auseinandersetzung mit Freund und Feind weigert, die politischen Implikationen und die ‚Ismen‘, die seine Lage mitbestimmen, zu akzeptieren, geschieht dies nicht allein aus Trotz oder gar aus Naivität. Vielmehr appelliert Sugihara in seiner rebellischen Art an die Humanität seiner Mitmenschen, ihn jenseits von Dogmen als gleichwertige Person zu akzeptieren. Wirklich schwierig wird seine Situation folglich, als er sich in Sakurai verliebt, eine junge Japanerin. Zwischen den beiden entsteht eine leidenschaftliche Liebe, in der Sugihara lernt, seine Fäuste auch einmal schweigen zu lassen und neue Horizonte entdeckt. Doch ein Schatten liegt über ihrem Glück: Sakurai weiß nichts über den ‚Makel‘, der an Sugihara haftet, und als er ihn seiner Freundin enthüllt, droht ihre Beziehung daran zu zerbrechen.

Keinen leichten Stoff hat sich Kaneshiro, selbst ein „Zainichi-Koreaner“, für sein literarisches Debüt gewählt. Glücklicherweise vermag sein jugendlicher Protagonist in seiner ruppigen und offenen Art die Leser rasch für sich zu gewinnen und ihnen die Grundzüge des historisch-politischen Konflikts, der den Roman bestimmt, unkompliziert nahe zu bringen. Dabei wird der komplexe Sachverhalt im Hintergrund des Romans keineswegs banalisiert. Vielmehr hilft die trotzig-jugendliche Perspektive Sugiharas dem Leser dabei, die konkreten Auswirkungen dieser Situation auf das Leben einer Einzelperson im heutigen Japan nachzuvollziehen. Dass Kaneshiros temporeicher, oft brutaler, stets authentischer, stellenweise sogar versöhnlicher Roman deutlich am Lack der japanischen Gesellschaft kratzt, speziell jener Gruppen, die nationalistisch-rigoros zwischen „Wir“ und „die Anderen“ unterscheiden, ist dabei quasi selbstredend. Weil „Go!“ daneben aber auch eine Geschichte über jugendliche Emanzipation ist, über das Erwachsenwerden und eine schwierige erste Liebe, tut man Kaneshiros Roman unrecht, ihn allein als Japan-Kritik abzustempeln. Denn Intoleranz, Voreingenommenheit und (subtile) Diskriminierung sind keineswegs das Vorrecht einer einzelnen Nation, Generation, Gruppe oder Zeit. In diesem Sinne ist „Go!“ die kraftvolle Darstellung eines Sonderfalls und einer zeit- und ortsübergreifend gültigen Grunderfahrung zugleich. Als solche sollte „Go!“ dann auch verdientermaßen wahrgenommen werden.

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Kazuki Kaneshiro: GO!
Übersetzt aus dem Japanischen von Nora Bierich.
Cass Verlag, Löhne 2011.
208 Seiten, 17,80 EUR.
ISBN-13: 9783980902250

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