Der Fremdling

Vom Umgang Richard und Cosima Wagners mit ihren jüdischen „Freunden“ am Beispiel Hermann Levis

Von Hannes HeerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Hannes Heer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als der junge Kapellmeister Felix Weingartner im Sommer 1886 schon vor Beginn der Hauptproben nach Bayreuth kam, um bei den Festspielen als musikalischer Assistent zu wirken, wurde er sofort und wie selbstverständlich von Richard Wagners Ehefrau Cosima in den Kreis der Familie aufgenommen. Er lernte ihre Kinder kennen und verbrachte viel Zeit mit ihnen, er nahm an gemeinsamen Ausflügen teil und an dem abends üblichen Vorlesen in der Villa Wahnfried. Als dann nach einigen Tagen sein älterer und berühmter Kollege Hermann Levi auftauchte, der ihn, in Absprache mit Cosima, nach Bayreuth eingeladen hatte, änderte sich das Klima. „Mir fiel sein geradezu unterwürfiges Wesen nicht nur Frau Wagner, sondern auch den Kindern gegenüber auf“, so hat Weingartner seine Wahrnehmung in seinen Lebenserinnerungen festgehalten. „Es war ein fortwährendes seelisches und körperliches Sich-Verbeugen, das mich peinlich berührte, da ich Levi, den großen Künstler und freigeistigen Menschen, von dieser Seite nicht kannte und auch bald merkte, daß die Mitglieder der Familie Wagner ihn leise verhöhnten, was sich unter der lächelnden Maske der Freundschaft nur ungenügend verbarg. Als wir an diesem Abend Wahnfried verließen und zusammen heimgingen, fiel mir seine gedrückte Stimmung auf; er war nicht mehr derselbe wie in München. Als das hochfahrende und ironische Betragen ihm gegenüber sich fortsetzte und eines der Kinder ihm in Gegenwart mehrerer Personen einmal zurief: ‚Ach, Levi, Sie reden ja lauter Unsinn‘, ohne daß er zu erwidern wagte, nahm ich ihn beiseite und frug ihn, wie es möglich sei, daß ein Mann seiner Bedeutung sich derartig behandeln lassen könne. Trüben Blickes sah er mich an und stammelte mit rauher Stimme: ‚Du hast es freilich leicht in diesem Hause, du – Arier!‘“

Hermann Levi war als Sohn eines Rabbiners am 7. November 1839 in Gießen geboren worden und galt schon sehr früh als pianistisches Wunderkind: Er begann seine musikalische Ausbildung als Zwölfjähriger bei Vinzenz Lachner in Mannheim und setzte sie als 16-Jähriger bei Julius Rietz und Moritz Hauptmann am Leipziger Konservatorium fort. Gerade 20 Jahre alt, nahm er seine erste Kapellmeisterstelle in Saarbrücken an. Über Stationen in Rotterdam und Mannheim kam er 1864 nach Karlsruhe, wo er acht Jahre lang als Hofkapellmeister tätig war. Hier wurde durch eine Neueinstudierung der „Meistersinger“ sein Interesse an Wagner geweckt. 1872 wurde Levi an die Hofoper in München berufen. Schon bei den Proben zur „Zauberflöte“, seinem Münchner Debüt, hatte die Hofkapelle, „das bestgeschulte Opernorchester der damaligen Zeit“, Gelegenheit, sich von den „eminenten Fähigkeiten des neuen Dirigenten zu überzeugen“.

Diesen erwartete ein riesiges Arbeitspensum: Neben den 40 Repertoire-Opern, die er zu dirigieren hatte, war er für die Hälfte der Odeons-Konzerte und die Neuneinstudierung aller großen Opern verantwortlich. „Ich bin ein abgehetztes Tier“, schrieb er nach einem halben Jahr seinem Freund Johannes Brahms. So würde es die folgenden 20 Jahre bleiben, immer wieder unterbrochen von physischen Zusammenbrüchen und aufreibenden Konflikten. Aber unter all diesen oft übermenschlichen Anstrengungen verlor Levi nie den Blick für das Wunder, das jede große Kunst auszulösen imstande war, und für das Neue, das sich unter dem Konventionellen schon ankündigte. Als er 1874 erstmals „Tristan und Isolde“ dirigierte, wurde das, wie er Wagner schrieb, zum „Wendepunkt“ seines Lebens. Fünf Jahre nach seinem Dienstantritt war München das einzige deutsche Opernhaus, das sämtliche Wagner-Opern im Repertoire hatte. Aber schon in dieser frühen Münchner Zeit entdeckte Levi, der nach seinem Studium einen Winter in Paris verbracht und damals einen nie mehr abgebrochenen Kontakt zur französischen Kultur geknüpft hatte, einen anderen Großen, Hector Berlioz, mit dessen Werk er sich seitdem intensiv beschäftigte. Und über all dies, über Berlioz und Wagner, über Kunst und Literatur wurde im Kreis seiner Münchner Freunde geredet und gestritten. Dazu gehörten der Dichter und spätere Nobelpreisträger Paul Heyse, die Literaturprofessoren Michael Bernays und Wilhelm Hertz, der Maler Franz von Lenbach und der Bildhauer Adolf von Hildebrand. Mit den meisten großen Komponisten seiner Zeit verkehrte er brieflich oder kannte sie persönlich. Am 9. August 1875 traf er zum ersten Mal Richard Wagner in Bayreuth und nahm an den folgenden Tagen an den Vorproben zu „Siegfried“ und zur „Götterdämmerung“ teil. Diese Begegnung veränderte Hermann Levis Leben.

Elf Jahre später, als Felix Weingartner im Frühjahr 1886 mehrere Wochen lang an den Proben für seine Oper „Malawika“ teilnahm, die Levi leitete, lernte er ihn als einen der liebenswürdigsten Menschen, als den Ideengeber der Münchner Hofoper und als überragenden Künstler kennen. Er wurde zu seinem Freund und Bewunderer und hat ihm in Erinnerung an diese Zeit diese Würdigung gewidmet: „Zwei Elemente bewunderte ich in Levis Direktionsweise: seine Universalität, mit der er den Stile der ‚Stummen von Portici‘ mit derselben Überlegenheit beherrschte wie die ‚Nibelungen‘ oder den ‚Don Juan‘, und die Durchgeistigung seiner Interpretationen. Das Materielle war abgestreift, die Technik auf ein Minimum reduziert. Er machte meistens nur kleine, scharfe, aber äußerst charakteristische Gebärden. Sein schöner Kopf mit den wunderbaren Augen war ausgesprochen jüdisch und doch so neutestamentlich, daß ihn Lenbach einmal als Modell für ein Jesusbild benutzt hat. Man konnte sich ihn wohl als rabbinischen Weisheitslehrer denken. Goethe war der Lebenskeim, aus dem seine Weltanschauung entwuchs. Viel habe ich für mein Dirigieren von ihm gelernt.“ Wenige Wochen später, im Sommer 1886, sollte er Levi in Bayreuth als jemand ganz anderen erleben, als einen Menschen, der von den Kindern verspottet und von Cosima gequält „jeden Halt gegenüber der Familie seines Meisters“ verloren hatte.

Richard Wagners Dirigent

Diese offensichtliche Persönlichkeitsspaltung ging zurück auf die Entscheidung Ludwigs II. vom 15. Oktober 1880, Richard Wagner für die Uraufführung des „Parsifal“ 1882 Chor und Orchester der Münchner Hofoper unter Leitung von deren Musikdirektor Hermann Levi zu überlassen. Als Wagner erfuhr, dass der Einsatz des jüdischen Dirigenten die Bedingung für die gnädige Überlassung der übrigen Musiker war, beugte er sich dieser Anordnung zwar mit einer Dankadresse, in der er diplomatisch beteuerte, er frage nicht danach, „ob der eine ein Jude ist, der andere ein Christ sei“. Aber er ließ, weil der König diese Haltung als vorbildlich lobte und damit als seine eigene zu erkennen gab, einen weiteren Brief folgen, in dem er Klartext redete: Er verkehre zwar „mit mehreren dieser Leute freundlich mitleidsvoll und teilnehmend“, aber dieses geschehe nur auf Grundlage seiner aus eigener „Erfahrung“ gewonnenen Überzeugung, dass „ich die jüdische Race für den geborenen Feind der reinen Menschheit und alles Edlen in ihr halte: daß namentlich wir Deutschen an ihnen zu Grunde gehen werden“. Und als Wagner im Januar 1881 Hermann Levi seine Entscheidung für ihn als „Parsifal“-Dirigenten mitteilte, verband er das mit einer ebenso unverhohlenen Androhung: „Vorher nehmen wir einen Akt mit Ihnen vor. Ich möchte, es gelänge mir, die Formel dafür zu finden, daß Sie sich ganz unter uns als zu uns gehörig empfinden.“ Für Levi war aufgrund der vielen Gespräche in Wahnfried klar, was mit diesem „Akt“ gemeint war – die Taufe. Als sein Gesicht eine abwehrende Regung zeigte, habe ihn Wagner, so die Protokollantin dieser Szene, „ohne jeden Hohn“ umarmt, und er sei sich dabei innegeworden, „was Racen-Verschiedenheit und Trennung ist“. Cosimas beschloss ihr Protokoll mit dem Kommentar: „Und so ist den guten Juden bei uns immer ein wehmütiges Los beschieden.“

Carl Friedrich Glasenapp, der erste Biograf Wagners, hat in der Absicht, dessen Großmut zu schildern, von einer anderen Szene im Jahre 1881 berichtet, die ähnlich gespenstisch war: Der „Meister“ habe Levi wegen einer zehnminütigen Verspätung zum Mittagessen mit den Worten „Unpünktlichkeit kommt gleich nach Untreue“ zurechtgewiesen und ihm dann einen anonymen Brief zu lesen gegeben, in dem Levi einer intimen Beziehung mit Cosima verdächtigt und Wagner beschworen worden sei, den „Parsifal“ nicht von einem Juden dirigieren zu lassen. Als der Dirigent nach dem Essen ohne Abschied Bayreuth verlassen und den Herrn von Wahnfried um seine Entbindung als Musikdirektor gebeten habe, seien ihm Depeschen von Wagner nachgeschickt worden, in denen er aufs Eindringlichste und mit Freundschaftsbekundungen zur Rückkehr aufgefordert worden sei: „Um Gottes Willen, kehren Sie sogleich um und lernen Sie uns endlich ordentlich kennen. Verlieren Sie nichts von Ihrem Glauben, aber gewinnen Sie auch einen starken Mut dazu! – Vielleicht – gibt’s eine große Wendung für Ihr Leben – für alle Fälle aber – Sie sind mein Parsifal-Dirigent.“ Als Levi daraufhin nach Bayreuth zurückkehrte, bot ihm Wagner an, mit ihm „zum Abendmahl zu gehen“.

Theodor W. Adorno hat anhand solcher Alltagsszenen Wagners Umgang mit Levi analysiert und ist zu folgenden Schluss gekommen: „Sadistische Demütigung, sentimentale Versöhnlichkeit und vor allem der Wille, den Mißhandelten affektiv an sich binden, treten in der Kasuistik von Wagners Verhalten zusammen.“ Der Brief, den Hermann Levi mitten in den Vorbereitungen zur „Parsifal“-Premiere an seinen Vater schrieb, bestätigt diese Diagnose einer unauflösbaren, weil selbstgewollten Gefangenschaft in den Händen eines gewalttätigen und auratischen Götzen: Richard Wagner, erklärte Levi, sei „der beste und edelste Mensch“, seine Schrift gegen das „‚Judentum‘ in der Musik“ verdanke sich den „edelsten Motiven“, und er danke Gott täglich dafür, dass es ihm vergönnt worden sei, „solchem Manne nahe zu treten“. Wagner hat diesen Götzendienst genossen, aber die sich darin artikulierende Sehnsucht Levis nach Nähe durch totale Selbstaufgabe immer wieder herrisch zurückgewiesen, indem er auf die „Judenfrage“ zu sprechen kam – beiläufig oder ostentativ.

Dabei hat möglicherweise bei Wagner die Hoffnung im Vordergrund gestanden, dass Juden wie Levi, nicht zuletzt durch dessen Mitwirkung am „Parsifal“ und in der Auseinandersetzung mit der Figur der Kundry, eine „Persönlichkeitsumwandlung“ mit dem Ergebnis der „gänzlichen Vernichtung“ des Jüdischen erleben und, unterstützt durch die Aneignung seines letzten und wichtigsten Beitrags zur „Judenfrage“, der Schrift „Erkenne dich selbst“, eine „Wende“ zum Christentum vollziehen könnten. Für diese Deutung hat zuletzt Stephan Mösch in einer differenzierten Studie plädiert. „Ausgrenzung als Voraussetzung zur Integration“ hat er diese Strategie genannt und zugleich auf deren Grenzen aufmerksam gemacht: Wenn Wagners Bemerkung, dass „diese fremdartige Race nie ganz in uns aufgehen“ könne, bedeutet, dass bei allen individuellen Konversionen von einer Restexistenz des Fremden, also einer nicht zu integrierenden Destruktivität auszugehen ist, dann hat sich jede Hoffnung auf einen „Erlösungsantisemitismus“ erledigt und es zeigen sich die Konturen eines anderen Modells, die des „eliminatorischen Antisemitismus“. Dieser, und das ist der entscheidende Unterschied, nimmt einen Perspektivwechsel vor: Im Zentrum steht nun nicht mehr das Schicksal von einigen wenigen zur Konfrontation mit „der Schuld des [jüdischen] Daseins“ bereiten und zu den daraus folgenden „heroischen Beschlüssen“ fähigen Juden wie Heinrich Porges oder Hermann Levi, sondern die ganze deutsche Gesellschaft und deren radikaler Umsturz.

Die Skizze dazu hat Wagner 1881 in seiner Schrift „Erkenne dich selbst“ geliefert. Sie propagierte die Anerkennung des Tatbestandes vom „Antagonismus der Racen“ im Allgemeinen und die Erkenntnis von der zerstörerischen Rolle des Judentums als „plastischer Dämon des Verfalles der Menschheit“ im Besonderen. Erst wenn diesem „Dämon“ – erkennbar als Virtuose des Geldes, Profiteur von Kriegen und Eroberungen, Verfechter eines die Transzendenz verleugnenden Nützlichkeitsprinzips, Schädiger der Volkskraft durch die Verbreitung von Mischehen – jede Möglichkeit, sein zerstörerisches Werk fortzusetzen, genommen worden sei, werde es auch „keinen Juden mehr geben“. Mit solchen Formulierungen betrat der Theaterrevolutionär und Dichterkomponist die politische Bühne, auf der Figuren wie der Hofprediger Adolf Stoecker oder der Historiker Heinrich von Treitschke mit Parolen wie der vom jüdischen Geist „als Gifttropfen“ im Herzen des deutschen Volkes oder „Die Juden sind unser Unglück“ seit 1878 den Antisemitismus im Bürgertum hoffähig gemacht hatten. Den Widerspruch zwischen der politischen, der „großen Lösung“ und der privaten, individuellen „Erlösung“ hat Wagner zu Lebzeiten nicht aufgehoben. Seine Witwe hat diese Ambivalenz überwunden und, wie das Schicksal Levis zeigen wird, den Weg in die Eindeutigkeit betreten und für ihre Erben gebahnt.

Eine antisemitische Palastrevolte als Prolog

Nach Wagners Tod 1883 kam es zunächst zu einem Interregnum von dessen engsten Mitarbeitern bei der „Parsifal“-Uraufführung des Vorjahres. Dieser Stab unter Führung Hermann Levis als musikalischem Leiter der Festspiele organisierte die Aufführung des Bühnenweihfestspieles im Todesjahr des „Meisters“ ebenso wie die von 1884. Die gelungene Rettungsaktion konnte allerdings nicht verhindern, dass die Debatte um die Zukunft des Experimentes Bayreuth, auch weil Cosima Wagners Rückzug den Raum dafür schuf, mit aller Intensität einsetzte. „Die großen Schwingungen, die eine mächtige Hand zu einem Strahlenbündel vereinigte, verloren an Kraft, und die kleinen […] Irrlichter gewannen freies und oft zersetzendes Spiel“, so hat Felix Weingartner diese „Diadochenzeit“ beschrieben. Die treibende Kraft in diesem „Spiel“ war Julius Kniese. Der damals 35-Jährige hatte bei der Eröffnung des Festspielhauses im Chor gesungen, war 1876 Direktor des Rühlschen Gesangvereins in Frankfurt am Main geworden und fungierte bei den Festspielen 1882 als Chorführer und Protokollant von Wagners Regieanweisungen, 1883 als Assistent von Hermann Levi. Der Chorleiter, ein radikaler Antisemit, der seine Freizeitaufenthalte und Ferienreisen davon abhängig machte, ob die jeweiligen Seen oder Städte „judenlos“ waren, und der sein heroisches Aushalten wie seine Fluchten in seiner Korrespondenz mit dem Verwaltungsdirektor Adolf von Groß in wüsten Formulierungen schilderte, lieferte in den Briefen, die er seiner Frau von den Festspielen des Jahres 1883 schickte, ein ähnlich drastisches Protokoll seiner Leiden am Juden Levi.

Dieser war Kniese schon körperlich zuwider: „Ich wünsche das Ende der Proben herbei, schon, weil ich seine Stimme nicht mehr hören kann, die die eines Viehtreibers ist. […] Er macht Späße im Orchester und auf der Bühne, und in dem rohesten Lachen bekommt er die gewünschte Antwort darauf.“ Und nach Meinung seines Assistenten habe der Münchner Hofkapellmeister, ein Freund der wichtigsten Komponisten und einer der berühmtesten Dirigenten seiner Zeit, nichts von dem verstanden, was er bei den Proben des „Parsifal“ und dann bei der Aufführung trieb: „Levi – dasselbe hat Wagner öfters über die Juden im Allgemeinen geschrieben – steht vor dem Parsifal als vor etwas ihm Unfaßbaren. Er weiß, sein Verstand sagt ihm […], daß es im Parsifal mit ‚musikalischen Schönheiten‘ nicht getan ist, und doch hat er kein Organ für das, was tiefer liegt […].“ Solche Ignoranz musste für die Zukunft der Bayreuther Sache die schädlichsten Folgen haben, und die Festspiele lieferten Kniese schon einen Vorgeschmack darauf: „Es ist ganz der alte, liebe Theatertrödel, der hier vor sich geht.“

Für den verzweifelten Briefschreiber gab es aus all diesen Erfahrungen nur eine Konsequenz – „daß Herr Levi zum Tempel hinaus gejagt wird“. Zu diesem Zweck hatte Kniese ein scharf gegen die „Münchner“ und deren Anführer Levi gerichtetes Papier verfasst, das drei Vorschläge enthielt: 1. die Leitung der Bayreuther Festspiele sollte in die Hände von Franz Liszt als oberstem Leiter und Hans von Bülow als Hauptdirigent gelegt werden; 2. in Bayreuth sollte eine Stilbildungsschule entstehen, deren Großteil an Arbeit er selbst übernehmen werde; 3. der Verwaltungsrat solle alle künstlerischen Fragen an eine Kommission abgeben, die aus den wichtigsten Leitungspersonen der bisherigen Festspiele – darunter Levi als einem von neun Mitgliedern – bestehe. Diesen Vorschlag ließ er der Wagnerfamilie und dem Verwaltungsrat zukommen, der sich sofort an Liszt und Bülow wandte, aber von diesen eine Absage erhielt. Von der Villa Wahnfried war dieses Ergebnis schon vorausgesagt worden. Gleichzeitig zu dieser Initiative für eine künftige Leitung hatte Kniese eine Kampagne gegen Levi unter dem künstlerischen Personal organisiert – offensichtlich mit größerem Erfolg: „Übrigens zieht sich über Bayreuth doch ein Gewitter zusammen, was später, nicht in den nächsten Wochen, losbricht. Die Solisten wollen Levi nicht.“ Bei all dem ging es dem umtriebigen Chorleiter nicht nur um die Rettung von Wagners Erbe. Er verfolgte auch durchaus materielle eigene Interessen. Er erhoffte sich nicht nur die faktische Leitung der Stilbildungsschule, sondern er sah sich auch schon als Mitglied der „künstlerischen Kommission“ und erwartete von der Amtsübernahme von Liszt und Bülow, dass er dann „einen wesentlich anderen Posten“ erhielte: „Ich denke mit Brand [dem technischen Direktor] die Regie und Inspektion, so daß der und ich auf der Bühne Alleinherrscher sind.“

Levi erfuhr nichts von dieser hinterhältigen Wühlarbeit, die sein Assistent während der gemeinsamen Arbeit am „Parsifal“ verrichtet hatte. Auch, als er sich mit Kniese im Herbst in Frankfurt traf, um die Pläne für die nächsten Festspiele zu besprechen, war er noch ahnungslos. Erst als Daniela von Bülow ihm gegenüber Andeutungen machte und ihr Verlobter, der technische Direktor Fritz Brandt, ihn umfassend informierte, wurden ihm die Augen geöffnet und er erlebte zum zweiten Mal den Zusammenbruch seiner Bayreuth-Welt. Hermann Levi war an seiner empfindlichsten Stelle, an der alten Wunde getroffen – dass er als Jude für unfähig erklärt wurde, Wagners Werke zu interpretieren. Und er reagierte entsprechend: Er forderte den Ausschluss Knieses von der Arbeit bei den Festspielen. Als dieser ihn in einem Entschuldigungsbrief darum bat, ihm wenigstens die Anwesenheit bei den Festspielen zu erlauben und im Übrigen doch alle „persönlichen Mißverhältnisse, oder, […] Mißverständnisse zwischen uns [zu] vergessen“, machte Levi dem Schreiber gegenüber deutlich, dass es sich bei dem Vorgefallenen nicht um eine zufällige Entgleisung gehandelt habe, sondern um einen Grundsatzkonflikt und eine damit verbundene tiefe Verletzung: Er habe in Kniese nicht „eine einzelne, mir feindlich gesinnte Persönlichkeit, als vielmehr eine ganze Kategorie von Menschen gesehen […], unter deren voreingenommenen Urteile zu leiden nun einmal mein und meiner Stammesgenossen tragisches Verhängnis ist“. Er wolle, so begründete er den Antrag auf Ausschluss seines ehemaligen Assistenten, an diese Tragik „nicht auch noch am Dirigentenpulte in Bayreuth erinnert“ werden. Zudem könne Kniese selbst es ja gar nicht wünschen, „an dem Parsifal-Werke mit einem Manne zusammen zu arbeiten, den Sie als zur Leitung desselben – in künstlerischer und menschlicher Beziehung – unfähig und unwürdig erklärt haben“.

Die verdeckte antisemitische Kampagne gegen Levi ist, folgt man einem Bericht Cosima Wagners, offensichtlich erst 1884 aufgedeckt und in der Öffentlichkeit dann auch noch einmal entfacht worden. Damals habe sich, so Cosima, „gegen Levi der Sturm [wiederholt]“, der sich 1882 bei Bekanntgabe seines „Parsifal“-Dirigats erhoben habe. Und man erfährt von ihr auch, dass es sich nicht nur um einen Einzeltäter Kniese, sondern um eine Gruppe „von Anstürmern“ gehandelt haben muss. Anders als zu erwarten, trat sie diesen nicht entgegen, indem sie ihren Dirigenten in Schutz nahm und die Intrige seiner antisemitischen Gegner missbilligte, sondern sie legte ihnen einen Text zur Unterschrift vor, in dem es hieß, „daß Generalmusikdirektor Levi moralisch unwürdig und künstlerisch unfähig sei, ‚Parsifal‘ zu dirigieren“. Wäre diese Erklärung unterschrieben worden, hätte sie, so die Festspielchefin, die Berechtigung dieser schweren Anschuldigung untersuchen lassen. Da aber „alles schwieg“ sei, sei Levi „Parsifal“-Dirigent geblieben.

Da dieser Text auch von Levi am Ende seines Briefes an Kniese zitiert wird, könnte er von diesem zur Rechtfertigung seiner Kampagne verfasst worden sein, oder Cosima hat ihn als Zusammenfassung der Anschuldigungen der Verschwörer verfertigt und er ist von Kniese als Einzigem unterzeichnet worden. Was zweifellos auffällt ist die Tatsache, dass Cosima so verfuhr wie einst Richard Wagner, als er den anonymen Brief mit der ungeheuerlichen Anschuldigung eines ehebrecherischen Verhältnisses Levis mit ihr, anstatt ihn sofort zu zerreißen, diesem zu lesen gab: Sie hielt auch jetzt durch ihre den Mitarbeitern zur Unterschrift vorgelegte Erklärung den unbegründeten Schuldvorwurf am Leben und zwang Levi damit, den Vorwurf wie ein Menetekel und sich selbst als Ärgernis wahrzunehmen. Cosima hat auf die exemplarische Bedeutung des Vorgangs selbst ausdrücklich hingewiesen: „Diese Erklärung gibt die Grundlage meiner Beziehung zu Levi. Eine Beziehung, in welcher ich bei jeder Gelegenheit ihm die Mißverständlichkeit seiner Handlungsweise durch seine Lage, oft in heftigster Weise, klargemacht habe. So schmerzlich [für] ihn diese immer erneute Einsicht in Dinge, die er sich gerne verhüllen mochte, sein mußte, so konnte er’s mir doch nie verargen, weil er wußte, daß ich ihn festgehalten hatte und daß selbst Ausbrüche der Leidenschaftlichkeit Teilnahme an der Sehnsucht seiner Natur bezeugten.“

Cosimas Konstruktion: Individuum und Rassenseele

Cosima hatte bei der von Kniese angezettelten Palastrevolte an Hermann Levi „festgehalten“, weil sie ihn brauchte: 1884 wurde als einzige Produktion „Parsifal“ gegeben, und er war der einzige Dirigent, der dafür zur Verfügung stand. Aber die Regie-Anfängerin brauchte ihn auch zur Realisierung der nächsten Schritte ihres kühnen Planes für die endgültige Etablierung der Festspiele in Bayreuth: Es ging um den Prozess der Erweiterung des Programms von den bisher in Bayreuth aufgeführten zwei Stücken zum Gesamtwerk Richard Wagners. 1886 sollte zum „Parsifal“-Repertoire die Neuinszenierung von „Tristan und Isolde“, 1888 die des „Tannhäusers“ dazukommen. Für diesen schwierigen Übergang, der Expansion und Verknüpfung der Kräfte bedeutete, war die jahrzehntelange Erfahrung des jetzigen Münchner Generalmusikdirektors und Leitungsmitglieds einer der wichtigsten Bühnen Deutschlands unverzichtbar. Die Festspiele 1886, bei denen Felix Mottl als Bayreuth-Dirigent debütierte, erlebte Levi als verdiente Wiedergutmachung und erfüllten Traum. Begeistert schrieb er an seinen Vater: „Es ist dieses Jahr das schönste Verhältnis, das Du Dir denken kannst. Mottl und ich sind wie Brüder, Frau Wagner hat unbegrenztes Vertrauen zu uns – kurz, so zu arbeiten ist der Himmel auf Erden.“

Was Levi da niederschrieb, war nur ein Traum. Das Vertrauen der Festspielleiterin in ihn fand nämlich da seine Grenze, wo Levis Funktion als Dirigent endete und seine jüdische Existenz begann. Dort tat sich dann ein neuer schmerzlicher Riss auf, den Cosima im Jahre 1887 wie eine Wunderheilerin besprach: „Das, was dämonisch in Ihnen ist, scheint mir öfters geradewegs (sei es innerlich oder äußerlich) das zu kreuzen, was mein Wunsch anstrebt; […] Werden Sie mir böse sein, oder gar gekränkt, wenn ich Ihnen, Freund, sage, daß dieses Dunkeldämonische in Ihnen, welches mich früher förmlich ängstigte, zu mir jetzt wie das Flehen nach Erlösung spricht?“ Und wenig später sprach sie so auf ihn ein: „Einem Stamm angehörend, welchem diese Welt alles ist, von vorneein [sic!] also darauf angewiesen, Ansehen, Ruhm und was derlei mehr ist, als erstrebenswert zu betrachten, arbeiteten sie sich bis zu unserer Kunst durch und über die andere Erfassung der Dinge bis zur völligen Verkennung Ihrer Verdienste aus. […] Ich glaube nicht, daß uns das Vorspiel zum dritten Akte des ‚Parsifal‘, ja der ganze dritte Akt je wieder so erklingen würde als unter Ihrer Führung. Und wie wollen Sie diese Führung anders bezeichnen als das Gebet? […] ist dies Erklingen nicht Ihr ganzes Bekenntnis? Mögen Sie es als Kunstleistung dürftig erkennen und bezeichnen, mir ist es ein anderes; mit uns sind Sie, im Paradies? – Nein, im Grale selbst.“ Diese Einreden auf den anderen ist immer auch eine Stück Autosuggestion. Und beides bleibt noch der gewohnten Rhetorik von Richard Wagners Erlösungsantisemitismus verhaftet.

Aber daneben kündigte sich ein Neues im Umgang mit Levi an, wie man aus einem Brief vom 13. März 1888 an ihre Freundin Mary Fiedler entnehmen kann: „In unserer Beziehung aber ist dieses Merkwürdige nun eingetreten, daß ich, um ihn zu schonen, schweigen will. Früher hat es kein Thema gegeben, über welches ich nicht auf das unumwundenste, ja schroffste, meine Empfindung ihm gesagt habe. […] Jetzt aber betrachte ich ihn als das Opfer eines unseligen Zustandes.“ Mit diesem Zustand war Levis Hauptberuf als Generalmusikdirektor und stellvertretender Leiter der Hofoper München gemeint: Was er in dieser Funktion als „Pflichterfüllung“ ansehe, schrieb Cosima, erfülle sie mit „Bitterkeit“. Und da Levi sich nicht zwischen „Beruf“ in der Metropole München und „Erwählung“ am Dirigentenpult in Bayreuth entscheiden könne, sei eine „heillose Zwitterlage“ entstanden, die er kurzfristig mit Ablenkungen verdecken, aber nicht wirklich verleugnen könne. Es waren viele Münchner Entscheidungen zusammengekommen, die Cosimas Pläne durchkreuzt und ihren Wünschen nicht entsprochen hatten. Bayreuth hatte im Vorjahr auf die Rechte an Wagners Jugendwerk „Die Feen“ zugunsten Münchens verzichten müssen. Jetzt sollte auch noch der „Wagnerianer“ Levi die Uraufführung der „Feen“ inszenieren und den „Ring“, bevor dieser unter neuer Leitung in Bayreuth auf die Bühne kommen würde, in der Hofoper aufführen. Schließlich war Levi mitgeteilt worden, dass er wegen eigener Jubiläen und Festaufführungen keinen Urlaub für die nächsten Festspiele erhalten werde: Er ließ Cosima daraufhin wissen, dass er in Bayreuth nicht dirigieren werde.

Obwohl Levi, der für keine dieser Entscheidungen mit Ausnahme der letzten verantwortlich gewesen war, nahm Cosima ihn gerade wegen der Konsequenzen, die er daraus gezogen hatte, in Haftung und reagierte: „Da Sie sich […] für München entscheiden mußten, so habe ich wohl meinerseits die Möglichkeit einer vollständigen Scheidung von Ihnen in das Auge gefaßt. Ich sage: vollständig, wonach weder persönlich noch künstlerisch jemals mehr zwischen uns ein Verkehr stattfinden würde.“ Zwar hatte sie nach dieser Drohung – „das ernsteste [Wort] vielleicht, welches wir […] je miteinander sprachen“ – am Ende des Briefes eingelenkt und ihm freigestellt, so viel in Bayreuth zu dirigieren, wie es seine Münchner Verpflichtungen erlaubten. Doch damit war nichts gelöst. Für Levi muss die Drohung, ihm den „Parsifal“ zu nehmen und den privaten Kontakt abzubrechen, ein verstörender Schock gewesen sein. „Dirigiere ich nicht mehr hier“, hatte er seinem jungen Freund Felix Weingartner vor anderthalb Jahren in Bayreuth gestanden, „so lebe ich auch nicht weiter.“ Und Cosima hatte sich mit der scharfen, gegen alle bisherigen Regeln ihres Umgangs mit ihm verstoßenden Reaktion in eine Situation mit unübersehbaren Folgen hineinmanövriert: „Bezügl. Levis“, schrieb sie Mottl im Februar 1888, „sind wir in einer vollständigen Crisis angelangt.“

Es ging längst um mehr als um das Verhalten des Generalmusikdirektors in theaterpraktischen Konflikten zwischen den beiden Konkurrenten München und Bayreuth – Levi war für Cosima mehr und mehr zu einem Teil des verhassten alten Theaters und des damit verbundenen falschen Lebens geworden, gegen das Wagner gekämpft und dessen Gegenbild er in der Abgeschiedenheit von Bayreuth aufgerichtet hatte. „Über [Levi]“, berichtete sie Mottl, „habe ich in München das Allererbärmlichste gehört! Weinkrämpfe, vollständige Muthlosigkeit, Verzweiflung an sich – kurz, alles Traurige, was Sie sich vorstellen können; dazu Maskenbälle, Othello, Tristan und Isolde – ein Durcheinander von Elend, Zerstreutheit, Krankheit, Vergnügen u. Kunstpflege u. Beliebtheit […].“

Levi ging es wirklich schlecht. Dazu beigetragen haben dürfte nicht nur Cosimas brutale Drohung, sondern auch die im Herbst des Vorjahres von ihr vollzogene Rehabilitierung von Julius Kniese, der Levi schon 1883/84 hatte entthronen wollen. Der „Maulwurf“ und Judenhasser kehrte nun als Chordirigent, Leiter der musikalischen Einstudierung und – in den Festspielpausen – Begutachter und Entdecker von infrage kommenden Solisten nach Bayreuth zurück. Er hatte mit seiner Familie in der Stadt Wohnung bezogen, wurde binnen Kurzem Cosimas engster Mitarbeiter und saß in Zukunft mit am Tisch, wenn sie mit ihren Dirigenten die Festspiele plante. Levis Kollege und Freund Mottl hatte zwar erhebliche Einwände gegen den Neuzugang erhoben, aber diese bezogen sich auf dessen charakterliche Mängel und professionellen Defizite. Knieses Antisemitismus und seine daraus gespeiste Ablehnung des „Parsifal“-Dirigenten störten ihn nicht. Als Levi ihn in der Krise im Januar/Februar 1888 um Hilfe und Beratung bat, weigerte Mottl sich, auf das Thema überhaupt einzugehen oder in Wahnfried zu vermitteln: „Hier schicke ich Dir den Brief zurück, ohne viel dazu sagen zu können. […] Ich kenne das jetzt zur Genüge und habe oft mit (oder für Dich) in meinem Innern gefühlt. – Ich bitte Dich innigst, liebster Hermann, halte aus, was auszuhalten ist und bleibe der großen Sache treu, für die wir leben!“

Im März 1888 musste sich Levi wegen einer „hochgradigen Nerven- und Gemütsdepression“ in ärztliche Behandlung begeben. Es folgte eine lange Kur und danach ließ er sich bis zum Jahresende zur Erholung beurlauben. Erstmals nach Wagners Tod dirigierte er nicht bei den Festspielen. Mottl übernahm statt seiner den „Parsifal“. Es sollte eine Zäsur werden. Weingartner, der die Aufführung besuchte, registrierte auch die Stimmen, die sie begleiteten. „Levi war erkrankt und Mottl die musikalische Leitung übertragen worden, wogegen gewiß niemand Etwas einzuwenden hatte. Was sollten aber die herumschwirrenden Gerüchte bedeuten: ‚Man freue sich in Wahnfried, Levi endlich losgeworden zu sein; nun erst sei der Parsifal in den richtigen Händen; er werde zum ersten Male christlich dirigiert werden und wie ein neues Werk erscheinen‘? […] Warum also plötzlich dieser Umschwung? – Weil Levi Jude ist? – War er das 1882 nicht auch und hat er deshalb weniger gut dirigiert?“ Auch wenn es nur Gerüchte waren, Mottls musikalische Leistung war vor allem: Dass der „Parsifal“ von einem Juden dirigiert wurde, diese Erbschaft und Verpflichtung Richard Wagners war nicht mehr bindend, diese Position war frei verfügbar geworden.

Gruppenbildung durch Ausschluss

In Cosimas Briefen und Entscheidungen lässt sich dieser Umschwung in den folgenden drei Jahren seismografisch verfolgen. Zu Beginn stand eine neue Haltung, bei der sich für sie die Frage Levi mit der Judenfrage unausweichlich verschränkte. Am Karsamstag 1889 machte sie Mottl davon Mitteilung: „Was nun das Wesen des guten Freundes betrifft, so bin ich zu folgendem unerschütterlichen Abschluß gelangt, das Gute, Bedeutende, dessen er in seltenem Grade die Hülle und Fülle hat, ist sein eigenstes Eigen, sein Verdienst u. seine Gnade zugleich. Das was uns dagegen so häufig betroffen macht […], das gehört seinem Stamm an, unter welchem er mehr leidet noch als wir. Habe ich den ersten Choc bei derartigen Erfahrungen überstanden […] dann bin ich nicht nur gleich wieder in Ordnung, sondern auch völlig heiter!“

Auffällig ist, dass die Eintragungen zu Levi in den nächsten Monaten nicht auf der positiven Achse seiner individuellen Verdienste, sondern auf der negativen seiner kollektiven Prägung als Semit erfolgen: Er hänge in extremer Weise in allem von der „Äußerlichkeit“ ab, bemesse den Wert eines Werks nur nach dem „Erfolg“ und scheine unfähig zu sein, „durch sich zu leben, aus sich zu empfinden u. in sich zu flüchten“. Er brauche „den Beifall, die Anerkennung“, und wenn das ausbleibe, gebe es keine Stimme, die da sage: „Du bist im Rechte.“ Grund für diesen Mangel sei, dass ihm „die göttliche Zuversicht des inneren Wesens“ fehle. Im Stil einer Ethnologin, die in ihrer Feldforschung einen fremden Stamm untersucht und dessen Charakteristika in Notizen von Tag zu Tag festhält, bilanzierte sie: „Mir geht immer mehr über die semitische Denk- u. Empfindungsweise auf (ich bemerke ausdrücklich, daß ich niemals mit Verachtung das Wort Jude ausspreche, sondern wie: Franzose, Russe etc.) Es giebt im Wald einen besonderen Vogel, ‚Spötter‘ volkstümlich genannt; er kann jeden Vogelgesang nachahmen, hat aber keinen eigenen Schlag. Mir ist es, als ob die Juden eine ähnliche, sehr hervorragende Begabung hätten.“

Die Beteuerung, ihre Betrachtungsweise sei eine objektive und vorurteilsfreie, war natürlich Maskerade: Was sie an Levi meinte „entdeckt“ zu haben, entsprach den gängigen antisemitischen Stereotypen vom außengeleiteten, utilitaristischen Juden als Gegenbild zu dem von der inneren Bindung an Ideale und dem Wissen um die göttliche Transzendenz durchdrungenen Arier. Das Bild vom Juden Levi war aus Anlass einer Aufführung von Berlioz’ „Cellini“ in München und ihrer Beobachtung entstanden, dieser habe erst aufgrund des Erfolgs beim Publikum für die Komposition Interesse gezeigt. Das Perfide war, dass sie diesen Befund in die Debatte einführte, in die Mottl mit Levi über das Stück und den Komponisten verwickelt war. Ersterer gehörte zu den mutigen Entdeckern und unentwegten Förderern von Berlioz in Deutschland. Als er sich bei Cosima beschwerte, dass Levi gerade ihn nun von der angemaßten „Höhe“ eines Berlioz-Experten abkanzele und den „Cellini“ mit „unerhörten Streichungen“ entstellt habe, bestärkte diese ihn in seiner Empörung mit dem Bild vom haltlosen „Opportunisten“ und bloßen „Nachahmer“ Levi und ließ ihn beiläufig wissen, dass dieser ihm in musikalischen Dingen mangelnde „Kühnheit“ attestiert und vorgeworfen habe, ein „Philister“ zu sein. Mottls Reaktion war, wie seine Briefe an Cosima zeigen, blanke Wut. Diese steigerte sich noch, als er erfuhr, dass er, anders als versprochen, doch keine von Levis „Parsifal“-Aufführungen übernehmen sollte. Mit dem „Zappel-Juden“ Levi während der Festspiele zusammenzuwohnen, hatte Mottl schon vorher abgelehnt. Cosima kam ihm entgegen und sorgte dafür, dass Levi seine Dirigate mit dem jüngeren Kollegen teilte: Mottl durfte zwei Aufführungen dirigieren. Trotz dieser großzügigen Geste war das Verhältnis zu seinem Kollegen, nicht zuletzt aufgrund der erfolgreichen Minierarbeit von Cosima, nachhaltig gestört: Von Beginn an kam es zu Auseinandersetzungen mit Levi: „Furchtbare Szene mit Levi“, notierte Mottl am 22. Juli 1889 in seinem Tagebuch. Drei Wochen später lautete der Eintrag: „Fortwährend Streit und Erbitterung mit Levi.“ Nicht mehr Wut, sondern Ekel war es, was der Tagebucheintrag über das von Levi dirigierte Festkonzert zu Ehren des Bayerischen Prinzregenten am 16. August 1889 artikulierte: „Levi als schauderhafter zappeliger Jude.“

Die Gruppe der Levi-Gegner im Stab der Festspiele hatte 1889 durch einen jungen Kapellmeister Verstärkung bekommen – Richard Strauss. Er wurde von Cosima als musikalischer Assistent engagiert und in auffälliger Weise gefördert. Strauss war unter dem Einfluss des Geigers und Komponisten Alexander Ritter, der mit einer Nichte Richard Wagners verheiratet war, zum Antisemiten geworden. Er hatte von 1886 bis 1889 als dritter Kapellmeister an der Münchner Hofoper gearbeitet, kannte also Levi aus der Nähe. Nicht zuletzt aufgrund der Umstände der vorzeitigen Pensionierung seines dort als Hornisten beschäftigten Vaters im Juni 1889 war er endgültig zu Levis Feind geworden. Es verwundert daher nicht, dass Strauss während der Festspiele jeden privaten Kontakt zu Levi vermied und dessen „Parsifal“-Interpretation in Bausch und Bogen ablehnte – wie Cosima Wagner, „die ganz außer sich war. Doch dies bitte: – Geheimnis.“ Levi, schrieb er den Eltern, „spielt den Harmlosen und Liebenswürdigen, na!“ Gerade dieser untergründige Kampf gegen den berühmten Kapellmeister, der eben noch sein Chef gewesen war, scheint das Interesse für Strauss in der Villa Wahnfried noch gesteigert zu haben. „Mit Levi verkehre ich gar nicht“, berichtete er nach Hause, „dagegen werde ich von Familie Wagner sehr bevorzugt.“

Mit Strauss hielt Cosima, weil sie viel mit ihm vorhatte, in der Folge engen Kontakt. Er könnte, schrieb sie ihm im Januar 1890, zusammen mit den anderen ihr treu ergebenen Dirigenten bei der Inbesitznahme wichtiger deutscher Theaterposten eine Rolle spielen: Wenn es gelänge, neben den schon in Karlsruhe und Mannheim tätigen Mottl und Weingartner noch Humperdinck in Düsseldorf und ihn in Frankfurt zu platzieren, „hätten wir“, wie sie diese Politik der Wagner-Okkupation und Juden-Vertreibung freimütig beschrieb, „die Rhein- und Mainlande recht artig besetzt und gesäubert“. Strauss antwortete ihr rasch und ebenso freimütig: Er wolle trotz der beschränkten Theater-Verhältnisse lieber sein neues Amt als Kapellmeister in Weimar ausüben, weil er sein Vorhaben – „pietätvolle“ Wagner-Aufführungen herzustellen – „in der Primadonnen- und Judenwirtschaft der Frankfurter Opernbörse“ nicht realisieren könne. Bei einem kurz darauf erfolgenden Besuch Cosimas bei Strauss in Weimar, wo dieser gerade seine erste „Lohengrin“-Aufführung präsentiert hatte, ging es um die weitere Zusammenarbeit zwischen ihm und Bayreuth. Dabei kam sie auch auf den „Parsifal“-Dirigenten zu sprechen. „Mit Levi“, schrieb Strauss seiner Schwester, „ist sie vollständig fertig und wartet auf die erste gute Gelegenheit, ihn auf anstellige Weise los zu werden.“

Diese Mitteilung deckt sich, ausgenommen das Tempo der avisierten Trennung, mit anderen Zeugnissen, die belegen, dass Cosima in den Jahren 1889/90 eine grundsätzliche, noch nicht datierbare Entscheidung gegen Levis weiteres Verbleiben gefällt haben muss. Im Januar 1890 berichtete sie Mottl von einem Traum: Er habe bei der Hochzeit einer ihrer Töchter „Levi’s Grabgesang [dirigiert], mit welchem, wie ich einmal gehört habe, alle Leipziger zur Ruhe gebracht werden“. Die Titulierung Levis als „Leipziger“ bezog sich auf seine dort erhaltene musikalische Ausbildung. Wenig später tauchte erneut eine Trennungsfantasie bei ihr auf. Anlass war die Weigerung Levis, trotz Cosimas Bitte auf die Vorbereitung und musikalische Leitung der „Heiligen Elisabeth“, eines Werkes ihres Vaters, in München zu verzichten. „,Die Heiligen Dinge sind für die Heiligen‘, wurde in der frühen Kirche von dem Diacon ausgerufen, indem die Ausscheidung in der Gemeinde beim Gottesdienst geschah.“ Ein solcher Ausschluss der Unwürdigen aus dem heiligen, dem Kreis der Eingeweihten vorbehaltenen Ritualraum, schrieb sie an Mottl, sei heute leider nicht mehr möglich. „Alles ist für Alle da!“ Die Begründung für einen solch radikalen Schritt einer „Ausscheidung“ der nicht dazu Gehörigen ließ nicht lange auf sich warten. Sie teilte Mottl im April 1889 mit, dass sie Levi einen Brief geschrieben habe, in dem sie ihm ihre Beobachtung mitteilte, dass er eine Art von „Fühlungslosigkeit“ gegenüber aller Kunst zeige, die auch an seinen Aufführungen ablesbar sei: „Er [habe] keine Macht, keine veredelnde Einwirkung auf seine Künstler“, das heißt die Musiker des Orchesters. „In Karlsruhe und Weimar merke man eine solche von Einem [Dirigenten] ausgehende Einwirkung.“ Das hieß, Levi die Fähigkeit zu originärer Kunstschöpfung und der damit möglichen inneren Verwandlung aller Beteiligten abzusprechen, Mottl und Strauss dagegen, den musikalischen Leitern in Karlsruhe und Weimar, den Ehrentitel wirklicher Künstler zu verleihen.

Seit der Veröffentlichung von Richard Wagners Pamphlet „Das Judenthum in der Musik“ bedeutete dieser Richterspruch in den Augen von Wahnfried und der Festspielgemeinde das Todesurteil für Levi. Ein zweites folgte kurz darauf: Cosima teilte Mottl, nach der erneuten Lektüre von „Lohengrin“ und „Tannhäuser“ und den dazugehörigen Briefen Richard Wagners, ihre ernüchternde Einsicht mit, „unseren armen Major diesem Geiste so fremd zu wissen“, und nannte diese Distanz im Grundsätzlichen als Ursache dafür, dass ihr Umgang mit Levi „beinahe bis zur Unmöglichkeit schwierig“ geworden sei. Auch hier versäumte sie nicht, darauf hinzuweisen, dass ihr Briefpartner Mottl natürlich „von diesem Geiste durchhaucht“ sei. „Das hat sie mir traut u. lieb gemacht auf immerdar.“ Das Ergebnis dieses polarisierenden Diskurses war im Festspieljahr 1891 zu besichtigen.

Cosima hatte mit Levi abgeschlossen, das zeigen alle ihre Äußerungen: Von ihrem alten, immer wieder kühl ausbalancierten Koordinatensystem war die Achse des Guten, des genialen Individuums, weggebrochen, übrig geblieben war nur noch die des Bösen, des semitischen Kollektivs. Ihr Verhältnis zu Levi war nicht mehr, wie ihr Hagiograf Richard Du Moulin Eckart trotz der zunehmenden „Entfremdung“ behauptete, vom Bemühen um „Contenance“ bestimmt, sondern verriet bis in die Wortwahl ihre von Ekel und Hass geprägte Ablehnung. Und ihr Verkehr mit Levi oszillierte zwischen Perioden des Schweigens und krampfhaften Begegnungen. Adolf von Groß teilte sie im Februar ihre Empörung über Levis „Charakterlosigkeit“ mit, die ihr „geradezu widerlich geworden“ sei, er habe „das jüdische Unwesen in einem Grade“, welches den Verkehr mit ihm „recht peinlich“ mache. Sie schreibe ihm daher „gar nicht mehr“. Mottl ließ sie wissen, dass ihr Levi wegen dessen „Überzeugungslosigkeit“ wie die „wandelnde Lüge unserer Zustände“ vorkomme. Sie sei daher froh, wenn sie nichts von ihm höre. Seine Äußerungen und Ratsschläge seien ganz vom „Dämon seiner Rasse“ bestimmt. Daher sei jede Begegnung mit ihm Ergebnis „eines Krampfes“. Levis Kollegen reagierten ähnlich. Strauss, der bei den Festspielen wieder als Assistent mitwirken würde, war inzwischen neben Mottl Cosimas wichtigster Vertrauter geworden: Sie hatte ihn im Sommer des Vorjahres in Bayreuth als Gast nach Wahnfried eingeladen, im Februar 1891 aus Anlass der Aufführung seiner sinfonischen Dichtung „Tod und Verklärung“ in Berlin getroffen und die folgenden Ostertage mit ihm in Bayreuth verbracht. Mittlerweile mit Kniese befreundet, war Strauss auch mit Mottl, was Levi anging, ein Herz und eine Seele. So war schon vor dem Zusammentreffen bei den Festspielen im Sommer eine Gemeinschaft entstanden, die ihr Entstehen der Ausstoßung eines anderen, Levis, verdankte. Als die Proben Ende Juni begannen, war Levi eingekreist. „Mottl ist sehr nett zu mir“, schrieb Strauss den Eltern, „er und ich geben uns die Mühe, mit Levi liebenswürdig zu sein, der wirklich eine traurige Rolle spielt und einem fast leid tun kann.“ Levi spürte natürlich seine Isolation. Ein Gespräch mit Mottl führte zu keiner Besserung, und auch Cosima tat nichts, um die Situation zu verändern, sondern wich ihm aus. Daher wurden die Festspielwochen für ihn, wie er schrieb, „zum Martyrium“.

Der Fremdling

Nach den Festspielen zog Levi die Konsequenz und bat Cosima am 30. August 1891 um seine Entlassung. In seiner Begründung bezog er sich auf die bittere Erfahrung dieses Sommers: Schon lange hätten ihn „Ängste und Bedenken“ gequält, die „unaufhörlich, wie unterirdische Strömungen“ in ihm gewirkt hätten, „anfangs in seltenen, dann immer häufigeren Zwischenräumen an die Oberfläche tretend, und endlich in diesem Sommer Alles überflutend, so daß, selbst wenn auch jetzt wieder eine unendliche Güte und Nachsicht walten wollte, sie machtlos wäre gegenüber der bereits eingetretenen Verheerung und Öde. Ich habe das deutliche Gefühl, daß meine Schultern zu schwach geworden sind, sowohl für das, was ich in Bayreuth zu thun, als auch, was ich zu tragen und zu ertragen habe; ich bin wund und krank und sehne mich nach Ruhe. Darum bitte und beschwöre ich Sie: entlassen Sie mich der Enge!“ Als Cosima angesichts der einmal erfolgten Einsetzung Levis in dieses Amt auf ihre Machtlosigkeit hinwies, diese Bindung zu lösen, und ihn daran erinnerte, sie beide hätten „sich gegenseitig zu ertragen“, wurde Levi deutlicher, was er mit den „unterirdischen Strömungen“ und der dadurch bei ihm eingetretenen „Verheerung“ gemeint hatte. Er benannte zum ersten Mal in aller Klarheit Cosimas Verantwortung für das ihm zugefügte Leid: „Seit über zwei Jahren kämpfe ich meine Empfindungen nieder und gehe ich den Weg, auf welchen Sie mich verwiesen; in diesem Sommer war ich schon so still, so passiv geworden, hatte meiner Natur solche Gewalt angetan, daß ich mir in diesem Verleugnen meiner selbst oft geradezu schlecht vorkam. Daß es mir trotzdem nicht gelingen wollte, Ihnen – ich will nicht sagen einen Herzenston, aber doch wenigstens eine freundliche Beachtung meiner Bemühungen zu entlocken, beweist mir, was ich Ihnen so oft sagte und was Sie gütigerweise bestritten: daß es nicht meine Handlungen, Gesinnungen und Äußerungen sind, die Sie verletzen, sondern, daß Sie mein ganzes Wesen, mein bloßes Dasein als etwas Ihnen Feindliches, Ihre Kreise Störendes empfinden. Und diese nagende, von Jahr zu Jahr mir deutlicher zu Bewußtsein kommende Erkenntnis hat mich, wie ich in meinem letzten Brief schrieb, wund und krank gemacht, so daß ich fürchte, in meinem nächsten Festspieljahre nicht einmal mehr physisch meiner künstlerischen Aufgabe, wie früher, gewachsen zu sein.“

Cosima antwortete, wie es schien, selbstkritisch: Sie verwies darauf, dass sie, im Gegensatz zu ihm, das Gute geerbt und das Üble selbst verschuldet habe, und stellte mit Blick auf ihrer beider Umgang miteinander die Möglichkeit von „Wiedergeburten der Gefühle und der Beziehung“ auf der Grundlage von „Wahrhaftigkeit, Einfachheit und gute[m] Wille[n]“ in Aussicht. Deutlicher hätte die Lüge nicht ausfallen können, als vom gemeinsam ertragenen quasi-rituellen Dienst am Werk zu raunen und von einer Renaissance ihrer Beziehung zu schwärmen. Intern sprach Cosima eine andere Sprache. Ihrem Verwaltungsdirektor und privaten Berater Adolf von Groß gegenüber, dem sie von ihrer Antwort auf das Entlassungsgesuch berichtete, bestätigte sie Levis Deutung, sein Judentum sei der Kern des Konfliktes: „Mit diesem Stamm, mein lieber Adolf, bleibt es ein ewiges Elend.“ Und der pathetische Appell an das gemeinsame heroische Ertragen des ihnen vom Schicksal aufgetragenen priesterlichen Dienstes war, wie ihre Korrespondenz mit Mottl verriet, nur Attrappe: Cosima war zu nicht mehr bereit als zu einem ganz banalen Konfliktmanagement – „Gott weiß, wie es noch wird, ich versuche zu flicken, was ich kann.“

Der Ausstieg Levis kam für Cosima einfach zu früh. Der gerade einmal 27 Jahre alte Richard Strauss war noch zu unerfahren, und sie hatte ihn wegen einer gerade überstandenen Krankheit nicht als Dirigent in Bayreuth eingesetzt. Und Siegfried Wagners Karriere als Festspieldirigent war zwar geplant, hatte aber noch nicht begonnen: Er würde bei den nächsten Festspielen erstmals als musikalischer Assistent mitwirken. So musste Levi gehalten werden, der sich darauf einließ, auch 1892 zur Verfügung zu stehen. Sicherheiten, dass sich an seiner Situation etwas ändern würde, gab es nicht. Cosima hatte Strauss am Ende der Festspiele überschwänglich versichert, „daß keiner so mit mir empfindet wie Sie“, um ihn dann mit der verführerischen Frage zu überraschen „Wollen Sie nicht – mein Leibkapellmeister werden – und nach Bayreuth ziehen?“ Von so viel Avancen angestachelt, drängelte der neue Favorit, als er von Levis Weiterbeschäftigung erfuhr, bei der Festspielleiterin mit kaum gezügeltem Ungestüm und antisemitischem Furor: „Also nie mehr soll der arme ‚Parsifal‘ aus jüdischer Folterkammer entlassen werden, warum muß das arme Werk Levis ‚Verdienste‘ büßen?“ Aber da Strauss wegen zu weitgehender Forderungen, 1892 als Dirigent eingesetzt zu werden, mit Cosima in Streit geriet, dann krankheitsbedingt ganz ausfiel und Mottl mit der Möglichkeit spielte, in Absprache mit Levi nach München zu wechseln, war diesem eine Atempause vergönnt. Sie sollte nicht lange währen.

Das Jahr 1893 markiert den endgültigen Bruch Cosimas mit Levi. Zu dieser Eskalation trugen Entscheidungen und Ankündigungen der Münchner Theaterleitung bei, die den alten Gegensatz zwischen Wahnfried und der Hofoper verschärften: Deren Intendant Ernst von Possart veranstaltete seit Sommer diesen Jahres eigene Festspiele mit „Wagner-Musteraufführungen“ und ließ im Herbst erkennen, dass er für diese Veranstaltungen die Errichtung eines eigenen „Festspielhauses“, des späteren Prinzregenten-Theaters, plane. Aus der arroganten und wie sich zeigen sollte juristisch unhaltbaren Weigerung Bayreuths, ein solches Theater als Partner anzuerkennen und ihm das Aufführungsrecht für die Werke Wagners zuzugestehen, sollte sich ein quälender und langwieriger Konflikt ergeben. Für Cosima lieferte das Münchner Vorgehen, so schrieb sie ihrem Freund, dem Fürsten Ernst zu Hohenlohe-Langenburg, nur einen weiteren Beweis für das „Charakteristische des Judenthums“ – dass es, „bei aller Begabung, kulturunfähig bleibt“. Mitverantwortlich für diese Entwicklung sei Levi, der in seiner 20-jährigen Tätigkeit aus der einst führenden deutschen Bühne „die letzte“ gemacht habe. Und den Sprachduktus wechselnd, verwandelte sie den „Parsifal“-Dirigenten und dessen jüdischen Intendanten-Compagnon Possart in zwei Figuren aus Wagners Theaterwelt und Weltanschauung: „affenartig“ würden „Mime und Alberich“ aus München den Plänen Bayreuths zur Errichtung eines monumentalen Nationaltheaters an der Mündung des Mains in den Rhein vorgreifen und damit demonstrieren, „was das jüdische Unwesen dem deutschen Geiste ist“. Der Blick, den sie angesichts dieser Angriffe wieder „in das semitische Wesen zu werfen hatte“, gestand sie ihrem fürstlichen Briefpartner, „erfüllte mich mit Grauen“.

Ihr Sohn, dessen Antisemitismus grobschlächtiger war und sich daher besser zur Personalisierung eignete, stimmte in diese apokalyptische Darstellung ein. Seinem Duz-Freund und Kollegen Richard Strauss teilte er mit: „Es schwindelt einem vor Staunen, wenn man das Lügennetz betrachtet, was schon allein zwei Juden fabrizieren. Welch ein Netz muß erst um das ganze Europa herum sich knüpfen, wo die sieben Millionen wirtschaften!“ Und dann auf Levis Entschluss eingehend, entgegen seiner ursprünglichen Absicht doch weiter in seinem Münchner Amt zu bleiben, äußerte er nur „Ekel“ und „Verachtung“. Siegfried Wagner schloss den Brief mit Vokabeln, die auch den letzten Rest an Respekt vermissen ließen, so als sei Levi schon kein Mensch mehr: „O L..i, [durchgestrichen:] du Aas, du Mistvieh, du Luder.“ Später verteidigte er seine Ausfälle gegen „den alten Isaac“ und machte Strauss Vorwürfe, dass er bei dieser Personalie so „vornehm“ schweige. Siegfried, der wusste, dass Strauss mit der Hofoper verhandelte und deshalb lavierte, hörte desungeachtet nicht auf, diesen über die „verfl[uchte] Alberichsbande in München“ zu informieren. Mottl, dessen Pläne, den sich langsam von seinem Amt in München zurückziehenden Levi zu beerben, gescheitert waren, musste keine Rücksichten mehr nehmen und konnte aussprechen, was er wirklich dachte: Er nannte den Generalmusikdirektor einen „armseligen Kerl“ und München ein „elendes S…[au] Juden Nest“.

Dieser letzte Akt des Abschieds von Levi glich einer lang sich hinziehenden Steinigung. Cosima gab die Kommandos und bestimmte das Tempo. Auch Kniese wurde einbezogen: In München sei „Mime König“, schrieb sie ihm, ein anderes Mal wurde sie noch direkter – „Der Major sauft nun seinen Sudel allein!!“ – und fügte hinzu: „Merz macht uns ab und zu Spaß mit seinen Berichten.“ Oskar Merz, Musikdirektor und Komponist, Mitbegründer und Obmann eines antisemitischen, sich „Orden vom Heiligen Gral“ nennenden Münchner Wagner-Vereins, kannte sich in der dortigen Kunst- und Theaterszene bestens aus, war also eine gute Quelle über die – aus Bayreuther Sicht – Machenschaften und Manöver der Hofopernleitung. Merz, seit 1882 bei allen Festspielen als musikalischer Assistent beteiligt und daher ein Vertrauter der Wagner-Familie, war als Musikkritiker der „Münchner Neuesten Nachrichten“ aber auch so etwas wie deren journalistisches Sprachrohr.

Es fällt bei Durchsicht der im letzten Drittel des Jahres in der Zeitung erschienenen Artikel zur Hofoper auf, dass die meisten von ihnen hämisch oder böswillig auf Levi abzielen: Sie ziehen die professionelle Kompetenz des Generalmusikdirektors bei Besetzungsfragen, Probenarbeit und so weiter in Zweifel und werfen ihm vor, zulasten seiner Kollegen zu häufig in Urlaub oder zu Gastspielen unterwegs zu sein. Diese meist ungezeichneten, sich auf interne Informationen stützenden Artikel münden in dem Neujahrswunsch, die immer wieder angesprochene „Kapellmeisterfrage“ – also Levis Abschied – endlich zu lösen: „was Not thut“, das wären „an den entscheidenden Stellen frische thatenlustige Kräfte, […] die Muth genug besitzen, für künstlerische Ideale einzutreten“, zu platzieren. Als Levi, von diesen andauernden Angriffen schwer getroffen, Cosima Ende des Jahres um ein Gespräch bat, wich diese aus. Levi wandte sich daher an Adolf von Groß: Er teilte diesem am 2. Januar 1894 mit, dass für ihn eine weitere Zusammenarbeit mit Merz unmöglich sei, und bat darum, diesen als Assistenten der Festspiele zu entlassen.

Es kam zunächst zur Wiederholung des verletzt-abwehrenden Geplänkels wie in der Krise von 1891: Cosima ließ ihren Verwaltungsdirektor antworten, dass Levi doch auch das rohe, respektlose Verhalten seines Intendanten Possart aushalte, und wies auf den Widerspruch hin, dass er bei Angriffen auf seine Person heftig reagiere, aber das schändliche Benehmen gegenüber Bayreuth und dem Werke Wagners schweigend hinnehme. Levis Antwort enthielt den Verdacht, er werde nur gehalten, weil er wie Merz 1882 noch von Richard Wagner selbst eingesetzt worden sei, und schloss mit der förmlichen Bitte um Entlassung. Erst als die Festspielleiterin ihm die Entfernung von Merz zusagte – angeblich aus Not, weil er ihre Argumente nicht habe akzeptieren können – sah sich der Tiefverletzte gezwungen, endlich den Kern der schon ein Jahrzehnt andauernden Quälerei vonseiten Cosimas offenzulegen. Am 22. Januar antwortete er ihr: „Ich glaube auch hier ist Alles von einem Punkte aus zu begreifen: ich bin Jude, und daß es in und um Wahnfried zum Dogma geworden ist, daß ein Jude so und so aussieht, so und so denkt und handelt, und daß vor allem eine selbstlose Hingabe an eine Sache für einen Juden unmöglich ist, so beurtheilt man Alles was ich tue und sage von diesem Gefühlspunkte aus und findet deshalb auch in Allem, was ich thue und sage, etwas Anstößiges oder zum mindesten Fremdartiges. Ich werde Niemanden ob solchen Urtheils schmähen, […]. Aber daß ich in mir selbst alle Eigenschaften der Juden als vorhanden annehmen sollte, ist nicht wohl von mir zu verlangen: mein Bewußtsein von meiner eigenen Natur ist ein ganz anderes.“ Angesichts dieser klaren Diagnose versuchte Cosima erst gar nicht, ihren Antisemitismus als Ursache für die Diffamierung und Ausgrenzung Levis zu bestreiten – sie schwieg dazu. Aber sie ließ Levi nicht ziehen, ohne ihm die Schuld für die Trennung aufzuladen: Aus dem Geschenk, „den Stempel“ empfangen zu haben, am großen Werke Richard Wagners mitzuwirken, habe er für sein Leben nicht genug gemacht. „Leben Sie wohl und sagen Sie sich nur, daß wenn keine [Wagner-] Musteraufführungen im vorigen Sommer in München inszeniert worden, diese ganze Situation nicht geschaffen worden wäre. An Bayreuth liegt es also nicht. Mit bestem Gruß! CW.“

Cosima gelang es, den öffentlichen Bruch zu vermeiden und die Beziehung zu Levi so weit zu „flicken“, dass dieser 1894 den „Parsifal“ in Bayreuth dirigierte – zum letzten Mal. Mottl, der wegen einer abfälligen Bemerkung Levis über seine Ehefrau den Kontakt zu seinem Kollegen abgebrochen hatte, konnte so weit besänftigt werden, dass ein halbwegs normaler Umgang während der Festspiele möglich und ein öffentlicher Skandal vermieden wurde. „Im Übrigen“, schrieb er Cosima, die auch diesen „Frieden“ ausgehandelt hatte, „wollen wir halt unseren alten Juden zu ertragen suchen, wenngleich er fast unerträglich geworden ist.“ Was Mottl jenseits der Wahnfried-Rhetorik vom „Ertragen“ wirklich dachte, notierte er ein Jahr später nach einem zufälligen Zusammentreffen auf einer Reise: „Der Major war scheußlich auf der Bahn! Roch nach Cognac und sah aus wie ein Orang-Utang.“ Cosima hatte früher bereits ähnliche Worte gefunden, um ihren Gefühlen des Ekels Ausdruck zu verleihen: „Clement [der zeitweilige Lebenspartner ihres Sohnes Siegfried] schrieb Fidi, er habe Levi in Tanger mit vielen ‚Leibfreunden‘ gesehen. Er sei erfolg- u. hofselig gewesen“. Das war der Stand der Beziehung der Festspielleitung zu ihrem berühmtesten Dirigenten beim Abschied von Bayreuth, und das war die Sprache, die sie zu ihm gefunden hatte.

„Das Ideal“ und „die Spezialitäten“ – eine Begegnung

Levi nahm 1896 auch seinen Abschied von der Münchner Hofoper. Er heiratete im gleichen Jahr Mary Fiedler, die Witwe des Kunstschriftstellers und Kunstsammlers Konrad Fiedler, der Wahnfried als Mäzen lange Jahre verbunden gewesen war. Nicht zuletzt dank der Stellung seiner neuen Ehefrau, die das erhebliche Vermögen ihres Mannes geerbt hatte, blieb auch Levi eine gesellschaftliche Größe und mit Wahnfried in Kontakt. Ob er, wie manche Quellen nahelegen, mit der Heirat auch aus dem Judentum austrat, ist nicht hinlänglich belegt. Sicher ist aber, dass er in dieser Zeit die Konversion zum Christentum erwog. Das belegt ein Brief Cosimas, in dem sie ihm von einem solchen Schritt abriet. In ihrer Haltung zur Taufe als Möglichkeit der individuellen „Aufhebung“ des Judentums, die Richard Wagner Levi noch als Zwangsmittel zugedacht und die sie selbst noch lange Jahre wie eine Zelotin gepredigt hatte, war nämlich inzwischen eine grundlegende Veränderung eingetreten. Das zeigte sich schon, als sie die Hoffnung des von ihr ansonsten hochgeschätzten Hofpredigers Adolf Stoecker, des wirkungsvollsten Antisemiten der 1880er-Jahre, der jüdischen Gefahr könne auch durch die Taufe abgeholfen werden, als naiv ablehnte. Grund dafür war nicht der Missbrauch, den die schlauen Juden mit der Taufe und den „Tölpel[n] von Germanen“ betrieben, der sie zu diesem Kurswechsel veranlasst hatte, sondern eine neue Bewertung der Fragen von Volk und Rasse. Der Jude, hatte sie Levi mit Blick auf die Bekehrung des Paulus wissen lassen, „kann sehr wohl ein Christ werden, aber kein Germane“. Dann hatte sie hinzugefügt: „Mir steht der Christ über den Germanen.“ Dies war eine Lüge gewesen, wie sie später ihrem Schwiegersohn, Houston Steward Chamberlain, gestand: Vor die Alternative gestellt, sich für Paulus oder Siegfried zu entscheiden, sei ihr Letzterer „lieber“. Gerade zu der Zeit, als sie die Trennung von Levi vollzog, standen diese Fragen und die sich daraus ergebenden Aufgaben für Bayreuth im Zentrum ihres Interesses, wie die Briefe zeigen, die sie mit dem Fürsten Hohenlohe, ihrem wichtigsten politischen Gesprächspartner, austauschte.

Zwei Grundüberzeugungen treten in Cosimas Äußerungen der Jahre 1893/94 in aller Klarheit zutage. Die erste ist die von der Gefährlichkeit des „Scheinliberalismus“ in der Politik. Da dieser den „Keim des Unterganges“ in sich berge, gelte es eine Position der Stärke zu beziehen, die sich ganz natürlich aus der Rolle der Germanen ergebe: „Die kulturbefähigte Rasse ist die germanische und daher zum Herrschen bestimmt.“ Bayreuth trage zu diesem großen Werke bei: „Ich baue auf Gott und hoffe, von den Deutschen nicht ganz verlassen zu werden, wenn wir im nächsten Jahr [1894] den ‚Lohengrin‘ […] aufführen und mit ihm ‚Parsifal‘ und ‚Tannhäuser‘ unser christlich-germanisches Kunstbekenntnis aus tiefster Seele ablegen.“ Die zweite Überzeugung ist die von der alles bestimmenden Rolle der Rasse und im Zentrum ihrer diesbezüglichen Überlegungen der Umgang mit den Juden. Sie schickte ihrem Briefpartner Hohenlohe, der damals in der deutschen Botschaft in London Dienst tat, zur Lektüre eine Rede Oswald Zimmermanns, des Vorsitzenden und Abgeordneten der antisemitischen „Deutschen Reformpartei“, die dieser im Reichstag gehalten und in der er „den Zusammenhang der Judenfrage mit allen brennenden Fragen unserer Zeit“ betont hatte. Als Hohenlohe darauf zustimmend einging und, wie oben erwähnt, die Lösung der Judenfrage im Rahmen einer nur gewaltsam zu erreichenden „allgemeinen Regeneration“ der Gesellschaft befürwortete, nahm Cosima das nicht auf, sondern lenkte die Debatte auf das, „was vorläufig nur […] möglich“ sei: in Bezug auf die Juden hieß das „scharf zu erkennen, w o r i n der Schade liegt, der uns angethan wird, und w o d u r c h wir dieser Macht verfallen“. Als Cosima diesen Brief schrieb, befand sie sich mitten in der Auseinandersetzung mit Levis Protest gegen Merz und der sich abzeichnenden Bitte um Entlassung. Die beiden Fragen, die zu einer radikalen Selbst- und Lageeinschätzung aufforderten und die das realistische Minimalkonzept ausmachten, das Cosima Hohenlohes Plan eines allgemeinem Umsturzes entgegenstellte, waren ein Rückgriff auf Richard Wagners Schrift „Erkenne dich selbst“, das radikalste antisemitische Pamphlet aus seiner letzten Lebensphase. Es empfiehlt sich, den letzten Akt der Diffamierung und Ausgrenzung Levis, des einzigen jüdischen Dirigenten bei den Bayreuther Festspielen, im Lichte dieses ideologischen Vermächtnisses noch einmal zu rekapitulieren.

Wagner hatte in seinem Pamphlet den Juden als den über allem im Triumph thronenden „plastischen Dämon des Verfalles der Menschheit“ gezeichnet und zugleich das wieder erwachende Bewusstsein der Deutschen, ein „Urstamm der Menschheit“, Kinder und Erben „große[r] Männer und geistiger Helden“ zu sein, begrüßt. Als einziges Mittel, um aus diesem ahnungsvollen Traum zur Wirklichkeit durchzustoßen, hatte er eine Diagnose „ohne Scheu“ und die „Überwindung aller falschen Scham“ empfohlen. Cosima war dazu fähig gewesen. Sie „mußte“ Levi gegenüber „grausam-wahrhaftig“ sein, gestand sie Mottl später. Zu der unablässigen Konfrontation mit dem „Fluch“ seiner Abstammung und den daraus angeblich resultierenden charakterlichen Defekten gehörte das bewusst in Kauf genommene Risiko von Levis psychischer Zerrüttung, physischem Zusammenbruch und möglichem Tod. Diese Strategie der permanenten Abgrenzung, bei der aus der zunächst zufällig erscheinenden Verhaltensauffälligkeit des Individuums Levi das „Typische“ und vor allem „Zerstörerische“ des Judentums herausgearbeitet wurde, ließ immer klarer den Riss erkennen, der die Juden von den Nichtjuden trennte. Und da diese Arbeit im Kreis der engsten Mitarbeiter wie ihrer weitverzweigten Korrespondenzpartner quasi-öffentlich verrichtet wurde, entstand durch die Exklusion des „undeutschen“ Levi die Gemeinschaft der „wirklich Deutschen“. Unter Anleitung Cosimas entwickelte sich dabei als nicht unwichtiges Nebenprodukt der rassistische Blick, der bald selbsttätig funktionierte. Er schlug sich auch im Sprachgestus des „unter uns gesagt“ nieder, der floskelhaft in manchen Briefen auftauchte und der nicht zufällig erstmals bei der Vorbereitung der „Meistersinger“ aufgetreten war.

Der Vorgang des Entstehens einer Seh-, Sprach- und Erlebnisgemeinschaft vollzog sich, wie oben gezeigt, natürlich auch bei den Aufführungen – nicht zuletzt durch die Praxis, jüdische Rollen mit den entsprechenden jüdischen Solisten zu besetzen. Auch Levis Auftritt als Dirigent des „Parsifal“ dürfte in den ersten Jahren und dann verstärkt durch den Kontrast zur Interpretation Mottls 1888 wie eine Rolle an der Seite Kundrys und Klingsors rezipiert worden sein: als „Kundryfigur“, die der Erlösung bedurfte. Seine organisierte Isolation ab 1891, sein rabiates Hinausdrängen 1893/94 und sein früher Tod 1900 können allerdings mit diesem Bild nicht erfasst und erst recht nicht durch Cosimas Briefe belegt werden: Sie schrieb an Levis Freund Adolf von Hildebrandt, die entscheidende Wendung in dessen Leben sei „die Vermählung mit Mary [Fiedler] und der Tod“ gewesen, und die verwandte Passage in einem Brief an Houston Stewart Chamberlain lautete „der Tod ist sein Gralsgebiet, sein Endziel gewesen“.

Diese Formulierungen suggerieren objektive Distanz wie intellektuelle Durchdringung des Gegenstandes und wollen den Eindruck des Erhabenen herstellen. Sie verdecken einen viel profaneren, aber äußerst bedeutenden Vorgang: Cosima hatte „die Judenfrage“ aus dem Zusammenhang einer irgendwann erhofften gesamtgesellschaftlichen „Regeneration“ herausgelöst und zu einer drängenden Einzelfrage erklärt. Das bedeutete den Bruch mit Wagners Konzept der Rolle der Kunst als Motor einer „großen Lösung“ und stattdessen den durch Cosima vollzogenen Eintritt der nur über einen begrenzten Spielraum verfügenden Politik in die Kunst. Den Ausschluss jüdischer Solisten von der Aufführung der „Meistersinger“ oder deren Beschränkung auf kleinere oder jüdische Rollen bedeutete Unterwerfung dieser Gruppe unter den Willen einer Theaterleitung, die von einer „Judenherrschaft“ in bestimmten Teilen und Institutionen der wilhelminischen Gesellschaft ausging. Hermann Levi, den gefeierten Generalmusikdirektor der Münchner Hofoper und begehrten Freund von Größen der Literatur, der Bildenden Kunst, der Wissenschaft oder der Politik, nur weil er Jude war, in der Festspielleitung zu isolieren und schließlich seinen Rücktritt zu provozieren, hieß an diesem begrenzten Ort, die Machtfrage stellen und entscheiden. Auch der Entschluss, ihn danach noch zweimal – 1897 und 1899 – als Dirigent des „Parsifal“ einzuladen, war ein demonstrativer Ausdruck dieser neu gewonnenen Souveränität: Er war ersetzbar geworden, und man konnte ihn, wie Arnold Rosé, Max Dawison, Pauline Mailhac, Marie Brema, Milka Ternina oder Lilli Lehmann, je nach Bedarf nach Bayreuth holen oder von dort wegschicken. Dass Levi sich diesem Spiel versagte, macht sein Größe aus.

In den Jahren, in denen die „Ausscheidung“ von Levi vorbereitet und vollendet wurde, also zwischen 1889 und 1894, war immer wieder ein Name in den Korrespondenzen Cosimas aufgetaucht, der erstmals zustimmend im Oktober 1879 in ihren Tagebüchern erwähnt worden, danach aber offenbar in Vergessenheit geraten war – der des Berliner Hofpredigers und Antisemiten Adolf Stoecker. In den folgenden Jahren war der Hofprediger weit über seine Berliner Ursprünge hinaus reichsweit zu einer Berühmtheit geworden. Seine Bewegung, der er 1878 als „Christlich-Soziale Arbeiterpartei“ eine organisatorische Form gegeben hatte und die seit 1881 unter dem Namen „Christlich-Soziale Partei“ als selbstständige Gruppe innerhalb der Deutschkonservativen Partei arbeitete, verknüpfte drei Themenfelder: die soziale, die religiöse und die Judenfrage. Das waren zentrale Fragen in den Debatten seiner Zeit, weshalb seine Bewegung „zum Dreh- und Angelpunkt bei der Erarbeitung von Vorschlägen“ wurde, die Bismarck und den Hof aufhorchen ließen, aber auch das Interesse von Wirtschaftswissenschaftlern, Politikern, Theologen und Soziologen wie Adolph Wagner, Friedrich Naumann, Adolf von Harnack und Max Weber weckten. Weil aber Stoecker in seinen Volksversammlungen und Parlamentsreden – seit 1879 gehörte er dem Preußischen Landtag, seit 1881 auch dem Reichstag an – mit einer diabolischen Demagogie die führende Rolle des modernen Judentums in der „goldenen“ plutokratischen wie in der „roten“ sozialistischen Internationale geißelte und zum Kampf gegen diese „Fremdlinge“ aufrief, wurde seine Bewegung die erste Antisemiten-Partei in Deutschland, und er selbst fand, jedenfalls in den 1880er-Jahren, „von allen antisemitischen Agitatoren die größte Resonanz“.

Um die Wucht von Stoeckers Wirkung nachvollziehen zu können, muss man sich nur folgende Sätze und Bilder aus seiner Rede in den Sälen der Berliner Bockbrauerei am 2. Juli 1883 vergegenwärtigen: „Aber das jüdische Wesen, wie es sich jetzt herausgebildet hat, das jüdische Trachten nach Gold und Geld, diese Gier nach Gewinn und Genuß, […], dieser jüdische Kampf gegen alles, was heilig und unverletzlich ist, gegen alle Hoheit und Majestät im Himmel und auf Erden, dieses jüdische Wesen ist ein Gifttropfen in dem Herzen unseres deutschen Volkes. Wenn wir gesunden wollen, wenn wir unsere deutsche Volkstümlichkeit festhalten wollen, müssen wir diesen Gifttropfen loswerden, […]. Gerade, weil wir diese Blutvergiftung gefühlt haben, […] sind wir endlich losgebrochen und haben gegen das Gift, das an dem Gemütsleben der Nation frißt, endlich, endlich die Hand erhoben und ausgerufen: Das geht so nicht weiter!“

Zu dieser reinigenden Blutwäsche würde man, das war Stoeckers Überzeugung, nicht auf dem Weg der Anwendung roher Gewalt oder der gesetzeswidrigen Aufhebung der Gleichstellung der Juden gelangen. Das könne nur durch einen „Kampf des Geistes, der Gesetzgebung, der Verwaltung, der christlich-nationalen Agitation, der inneren Besinnung“ gelingen. Schon in seinen ersten Reden hatte Stoecker auf die Frage „Was soll geschehen?“ grundlegende Änderungen im Umgang mit den Juden vorgeschlagen, an denen er bis zum Ende seines Lebens festhielt: „Israel muß den Anspruch aufgeben, der Herr Deutschlands werden zu wollen. […] Die jüdische Presse muß toleranter werden, das ist die erste Bedingung besserer Verhältnisse. Die sozialen Übelstände, welche das Judentum mit sich bringt, müssen auf dem Wege einer weisen Gesetzgebung geheilt werden.“

Nach diesem Prolog folgte ein Katalog konkreter Maßnahmen: „Änderung des Börsen- und Aktienwesens; Wiedereinführung der konfessionellen Statistik, damit das Mißverhältnis zwischen christlicher Arbeit und jüdischem Vermögen festgestellt werden kann; Einschränkung der Anstellung jüdischer Richter auf die Verhältniszahl der Bevölkerung; Entfernung der jüdischen Lehrer aus unseren Volksschulen.“ Und er schloss seine Rede: „Zu dem allen Kräftigung des christlich-germanischen Geistes: das sind die Mittel, um dem Überwuchern des Judentums, diesem schlimmsten Wucherer, im germanischen Leben entgegenzutreten.“

Cosima hatte Stoecker zum ersten Mal im Oktober 1889 gesehen. Um sich wegen der vielen negativen Gerüchte und widersprüchlichen Urteile in der Öffentlichkeit ein eigenes Bild über seine Person zu machen, besuchte sie einen seiner Gottesdienste im Berliner Dom. „Ich fand“, so berichtete sie Mottl, „einen schlichten, einfachen Mann mit ernster Redeweise, fern von jeder Phrase, wie von jeder Servilität.“ 1892 nutzte sie einen Berlin-Besuch, um Stoecker wiederzusehen. Auch Hans von Wolzogen, Chefredakteur der „Bayreuther Blätter“ und zum engsten Freundeskreis der Familie Wagner gehörend, erlebte Stoecker in selben Jahr in Berlin bei verschiedenen Anlässen und kam ebenfalls zu einem positiven Urteil. Cosima, die seine Reden im Preußischen Abgeordnetenhaus wie im Reichstag aufmerksam verfolgte und an ihren Freundeskreis weiterleitete, lernte Stoecker persönlich erst im März 1893 kennen, als sein Stern schon gesunken war und seine Politikerkarriere beendet zu sein schien. Er sei keiner der Heroen des Protestantismus, berichtete sie später über die Begegnung, aber jemand, der „die Not seines Volkes wahrhaft empfunden hat und dieser Empfindung sein Leben widmet“. Er tue es „auf seine beschränkte Weise“, aber aus einem tiefen, einfachen Gemüt. Dann nahm sie ihn in die Gemeinde des Grals auf dem Bayreuther Hügel auf: „Und ich glaube, Stoecker ist Pförtner in der Ritterschaft.“ In dem Bericht, den sie ihrer Freundin Gräfin Wolkenstein über die Begegnung lieferte, entstand ein ähnliches, aber persönlicheres Bild: Sie schilderte ihn als einen „einfältigen, rührenden, mutigen, glaubensfesten und – beschränkten Menschen“. Sie habe trotz der Dinge, die trennend zwischen ihnen gestanden hätten – seine Bindung an das Alte Testament und an die kirchlich-konservativen Kreise – „große Sympathie für ihn“ empfunden.

Aber nicht nur die Person Stoeckers in ihrer Mischung aus anrührender Naivität und mutigem Einstehen für seine Sache beeindruckte sie, auch seine politischen Ansichten und wie er sie gegen eine Welt von Feinden vertrat, überzeugten sie. Drei Gründe dürften dafür maßgebend gewesen sein: 1. Stoeckers Einschätzung, dass die Juden dabei waren, die Herrschaft in Deutschland und über die Deutschen zu errichten. 2. Der Vorschlag konkreter Maßnahmen zur Brechung der jüdischen Übermacht in Wirtschaft, Presse, Justiz, Bildung und Kultur. 3. Der Appell, den christlich-germanischen Geist mit allen Mitteln zu stärken. Mit diesem Programm hatte Stoecker, wie er es selbstbewusst in einer Rede vor dem Preußischen Abgeordnetenhaus 1893 zutreffend beschrieben hatte, „die Judenfrage aus dem literarischen Gebiet in die Volksversammlungen und damit in die politische Praxis“ überführt. Diese Praxis aber, und das dürfte für Cosima ebenso wichtig gewesen sein, unterschied sich in zwei wesentlichen Punkten vom Vorgehen der Mitte der 1880er-Jahre entstandenen radikaleren und damit erfolgreicheren Antisemiten-Parteien: Sie war nicht areligiös und nicht antikonservativ, sie plädierte für eine christlich-germanische Kultur und für Veränderungen im Rahmen der monarchisch-halbdemokratischen Ordnung. Damit war der Adressat, neben dem gewerblichen Mittelstand und der bäuerlichen Bevölkerung, hauptsächlich das Bildungsbürgertum. Dort hatte Stoecker, nicht zuletzt aufgrund seines hohen Amtes als Hofprediger am Berliner Dom, den Judenhass „gesellschaftsfähig“ gemacht. Gleichzeitig hatte er, was kein Geheimnis war, nie den Kontakt zu den radikaleren Führern der Antisemiten-Parteien verloren, sondern sie gefördert und verteidigt. Wer sich mit ihm einließ, befand sich also im Zentrum der antisemitischen Politik in Deutschland. Stoecker, der 1890 aus seinem geistlichen Amt und kurz nach der ersten Begegnung mit Cosima auch aus dem Reichstag vertriebene, aber „edelmütig“ und „heiter“ gebliebene Mann, half ihr, mit seinen Einsichten und Erfahrungen, wie sie Chamberlain gestand, „ein Gesamtbild auszuarbeiten von den realen und idealen Dingen und wie sie zusammenhängen“.

Auch Stoecker hatte die erste Begegnung mit Frau Wagner im März 1893 offensichtlich als glücklich empfunden: Er versprach ihr einen Gegenbesuch bei den Festspielen im nächsten Jahr. Am 3. Juli 1894 kündigte er sein Kommen an und ließ der Festspielleiterin „für das gütige Anerbieten eines Platzes in ihrer Loge“ seinen Dank ausrichten. Welche Aufführungen der berühmte Gast besuchte, lässt sich nicht mehr genau feststellen. Mit Sicherheit aber hat er den „Parsifal“ und dessen Dirigenten Levi gesehen. Cosima hatte Stoeckers Besuch in Bayreuth mit der Hoffnung verbunden, „daß er günstig für uns wirken wird“. „Für uns“, das hieß: für die Bayreuther Sache. Das Presse-Echo, das Stoeckers Erscheinen in Wahnfried und im Festspielhaus auf dem Hügel auslöste, sprach dafür, dass diese Erwartung erfüllt worden war. Und auch Stoecker konnte zufrieden sein. Ihm lag wenig an Wagners Musik und dessen Festspielidee, wohl aber daran, im Kreis berühmter deutscher Persönlichkeiten gesehen zu werden. Cosima sorgte dafür, dass der Kontakt in den folgenden Jahren nicht abriss. Sie verfolgte weiter seine öffentlichen Auftritte, gab seine Reden an ihre Freunde weiter und besuchte ihn, wenn es sich mit einer ihrer Reisen verbinden ließ. Wenn man die Frage beantworten will, aus welchem Antrieb das geschah, lohnt es sich, noch einmal auf den Tag zurückzugehen, da der Hofprediger erstmals von Richard Wagner und ihr wahrgenommen worden war.

Am Abend des 11. Oktober 1879 hatte Cosima, weil ihr Mann sich unwohl fühlte und daher die geplante Beschäftigung mit Aischylos’ Stück „Agamemnon“ verschoben wurde, „eine sehr gute Rede [Stoeckers] über das Judentum“ vorgelesen. „R.[ichard] ist für völlige Ausweisung. Wir lachen darüber, daß wirklich, wie es scheint, sein Aufsatz über die Juden den Anfang dieses Kampfes gemacht hat.“ Bei der Rede dürfte es sich um den berühmten Auftritt Stoeckers am 19. September 1879 gehandelt haben, bei dem er unter dem Titel „Unsere Forderungen an das moderne Judentum“ zum ersten Mal „die Judenfrage“ ins Zentrum seiner Agitation gestellt hatte. In ihr hatte er, wie oben ausgeführt, vor der drohenden Machtübernahme der Juden in Deutschland gewarnt und auf die „Judenfrage“ konkrete „Judenantworten“ gegeben. Richard Wagner waren diese wohl nicht radikal genug gewesen: Statt der Stoecker’schen Vorschläge, den übermäßigen Einfluss der Juden in wichtigen Teilen der Gesellschaft zu beschneiden, forderte er deren „völlige Ausweisung“. Immerhin nahm er triumphierend zur Kenntnis, dass sein 1850 erstmals publiziertes Pamphlet „Das Judenthum in der Musik“ den Anstoß zu der antisemitischen Bewegung Stoeckers gegeben hatte. Warum er zu diesem wie zu den anderen Vertretern der sich ausbreitenden Massenbewegung, die 1881 erstmals zu einer von 250.000 Personen unterschriebenen antisemitischen Petition an den Reichstag führte, trotz seiner Unterstützung für deren Kampf keinen Kontakt aufnehmen werde, begründete er im gleichen Jahr gegenüber Hans von Wolzogen, dem Herausgeber der von Wagner gegründeten „Bayreuther Blätter“, am Beispiel der von Wahnfried unterstützten vegetarischen Bewegung: „R.[ichard] sagt ihm, daß wir in unseren Blättern keine Spezialität wie die der Vegetarier vertreten können, sondern nur immer das Ideal festhalten und zeigen und die draußen die Spezialitäten verfechten; so könnten wir auch an der Juden-Agitation keinen Anteil nehmen.“

An dieser Trennung von, man könnte sagen antisemitischer Theorie und Praxis, hat Wagner bis zu seinem Tode festgehalten. Seine Witwe ist ihm darin nicht gefolgt: Sie hat mit ihrem seit 1888 verfolgten Kurs, in Bayreuth ein „deutsches Theater“ ohne Juden zu etablieren, das Feld der praktischen Politik betreten. Und indem sie zur selben Zeit eine enge Beziehung zum ersten und lange Zeit wirkmächtigsten Vertreter der antisemitischen Bewegung in Deutschland einging, war sie auch mitsamt den von ihr geprägten und dominierten Festspielen zu einem Teil dieser antisemitischen Politik geworden. In der Begegnung Cosimas mit Stoecker haben sich das Bayreuther „Ideal“ und die außerhalb und von anderen verfochtenen „Spezialitäten“ getroffen und aufgehoben. Stoecker war zu keinem Zeitpunkt dieser Beziehung ein Polit-Pensionär: 1898 kehrte er im Triumph in den Reichstag zurück, intervenierte doppelt so viel wie in seiner ersten Parlamentsperiode und unterstützte von dieser Tribüne aus bis 1908 Deutschlands versuchten Griff nach der Weltmacht durch eine von ihm eigens entwickelte „christliche Kriegs- und Weltmachttheologie“. Und Cosima Wagner hat sich spätestens mit Beginn des 20. Jahrhunderts durch den Kampf, den „Parsifal“ als Vermächtnis Richard Wagners an die deutsche Nation nur in Bayreuth aufzuführen, in eine Vollzeitpolitikerin verwandelt. Sie wurde eine Figur aus Richard Wagners Werken: Ortrud, hatte dieser 1852 an Liszt geschrieben, sei „das Weib, das die Liebe nicht kennt. Hiermit ist alles und zwar das Furchtbarste gesagt. Ihr Wesen ist Politik.“ Der „Parsifal“-Dirigent Hermann Levi war das prominenteste Opfer dieser Politik.

Anmerkung der Redaktion: Bei diesem Essay handelt es sich um einen Auszug aus dem von Hannes Heer,
Jürgen Kesting und Peter Schmidt herausgegebenen Katalog-Buch „Verstummte Stimmen. Die Bayreuther Festspiele und die ,Juden‘ 1876 bis 1945“, erschienen im Metropol Verlag. Wir danken dem Autor für die Publikationsgenehmigung.

Zum Autor: Hannes Heer, geboren 1941 in Wissen/Sieg. Studium der Geschichte und Literatur in Bonn, Freiburg und Köln. 1968 Staatsexamen an der Universität Bonn. Wegen seiner Aktivität im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) keine Zulassung als Referendar zum Schuldienst. Arbeit als Rundfunkautor und Lehrbeauftragter an der Universität Bremen. 1980 – 1985 Dramaturg und Regisseur am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und an den Städtischen Bühnen Köln. 1985 – 1992 Dokumentarfilme für ARD und ZDF. 1993 – 2000 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung und Leiter des Ausstellungsprojektes „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“. Ab 2006 Projektleiter und Kurator der zusammen mit Jürgen Kesting und Peter Schmidt realisierten Ausstellung „Verstummte Stimmen. Die Vertreibung der ‚Juden‘ aus der Oper 1933 bis 1945“: Hamburgische Staatsoper (2006), Staatsoper Berlin und Stuttgart (2008), Staatstheater Darmstadt (2009), Staatstheater Dresden (2011) und auf dem Bayreuther Festspielhügel (2012). Zahlreiche Publikationen zur Geschichte von Nationalsozialismus, Krieg und Nachkriegserinnerung. Zuletzt: „Vom Verschwinden der Täter. Der Vernichtungskrieg fand statt, aber keiner war dabei“, Berlin 2004 und „,Hitlers war’s‘. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit“, Berlin 2005. Hannes Heer lebt als Historiker, Publizist und Ausstellungsmacher in Hamburg.

Kein Bild

Peter Schmidt / Hannes Heer / Jürgen Kesting (Hg.): Verstummte Stimmen. Die Bayreuther Festspiele und die „Juden“ 1876 bis 1945.
Metropol Verlag, Berlin 2012.
412 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783863310875

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