Blick aus dem Spiegelkabinett

Karl S. Guthke schaut in die Fremde

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Unter dem Titel "Der Blick in die Fremde" hat Karl S. Guthke eine Sammlung seiner Arbeiten der letzten Jahre "in revidierter und aktualisierter Form" vorgelegt - nur ausnahmsweise finden sich ältere Texte. Der Band vereint ein weit gefächertes Spektrum von Aufsätzen über "fremde Welten der Phantasie", "Die interkulturelle Begegnung mit dem Fremden" oder "das Fremde und das Eigene im Text" und behandelt so unterschiedliche Autoren wie Albrecht von Haller, Lichtenberg, Lessing und Schiller einerseits, Poe, Traven und William Mudford andererseits. Der Schwerpunkt liegt allerdings in der deutschen Aufklärung.

Guthke hat seine Arbeiten in dem Bewusstsein verfasst, sich der kritischen Auffassung poststrukturalistischer TheoretikerInnen stellen zu müssen, dass "Fremdverstehen kategorisch unmöglich" sei. Der auf den Fremden gerichtete Blick treffe stets nur auf einen Spiegel, der das eigene Ich reflektiert. Rettung aus dem poststrukturalistischen Spiegelkabinett sieht der Autor von ethnologischer Seite nahen, deren Vertreter feststellen, dass trotz aller Unterschiede "kulturübergreifende Gemeinsamkeiten auszumachen" seien, welche die Möglichkeit von Fremdverstehen prinzipiell gewährleisten. Dass dieser Hoffnung selbst schon immer "das Prinzip der Angleichung und Aneignung" zugrunde liegt, sieht der Autor allerdings sehr wohl. Letztlich begegnet er der poststrukturalistischen Skepsis aber nicht mit dem Versuch einer theoretischen Widerlegung, sondern hält ihnen eine Reihe Reiseberichte des aufklärerischen 18. Jahrhunderts entgegen. Georg Forster vor allem zeige, dass "allen poststrukturalistischen Bedenken zum Trotz" durchaus "eine authentische Erfahrung des anderen" möglich sei.

Nicht alle Beiträge wollen sich so recht in das im Untertitel genannte Thema "Das Ich und das andere in der Literatur" einpassen, etwa diejenigen zu Schopenhauer und Nietzsche. Doch rechtfertigt jeder der stets gut lesbaren und interessanten Aufsätze die neuerliche Publikation auf seine Art; sei es durch den Hinweis auf die auch von der Forschung vernachlässigten Marginalien in Schopenhauers Handexemplar von Wagners "Ring des Nibelungen" ("er hat keine Ohren, der taube Musikant", lautet das so lapidare wie tödliche Verdikt des scharfzüngigen Pessimisten) oder durch einen von Guthke erstmals veröffentlichten Brief Elisabeth Försters an den Direktor der Jenaer Irren-Heil- und Pflegeanstalt, Otto Binswanger, der ihren Bruder behandelte.

Titelbild

Karl S. Guthke: Der Blick in die Fremde. Das Ich und das andere in der Literatur.
Francke Verlag, Tübingen 2000.
450 Seiten, 75,70 EUR.
ISBN-10: 3772028829

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