Der Klassiker der Lügenbolde

Lukians Stories von der Landung auf dem Mond

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Sagte man früher. Inzwischen wissen alle Karl-May-Leser, dass auch der von Reisen viel erzählen kann, der keine unternommen hat. Schon in der Antike gab es Autoren, die wahrscheinlich nur bis in ihr Landhaus fuhren, um aus dem Weg zu sein und sich ihre "aventiuren" zusammensponnen, selbst Marco Polo soll nach neuesten Forschungen nie in China gewesen sein. Und was die Reisenden der Frühzeit von ihren Erlebnissen berichteten, von den Fabeltieren, den Zyklopen, die sie alle, Hand auf's Herz, wirklich gesehen haben wollten, geht sowieso auf keine Kuhhaut. Die Leser waren es zufrieden: es war unterhaltend und man fühlte sich schaudernd gebildet.

Lukian, einer der ältesten Spötter, den die Literatur kennt, hat sich diese Lügenbolde vorgenommen und erzählt von schier unglaublichen Reisen, von "ungeheuer großen Thieren, wilden Menschen, und seltsamen Sitten und Lebensweisen". Er setzt sogar noch einen drauf: "So habe ich mich wenigstens zu einer ehrenfestern Art zu lügen entschlossen als die meiner Herrn Mitbrüder ist; denn ich sage doch wenigstens Eine Wahrheit, indem ich sage, dass ich lüge."

Und so erzählt er von seiner Reise auf den Mond, von der Gefangenschaft auf der Sonne und der Begegnung mit einem Walfisch, der ihn und sein ganzes Schiff einfach verschlang. Dass dieses Buch schon 2000 Jahre alt ist, glaubt man kaum, es ist immer noch so frisch erzählt und boshaft wie damals. Von wem er in den nächsten zwei Jahrtausenden bestohlen wurde, weiß man nicht genau, Edgar Allan Poe könnte darunter sein, Jules Verne, Cyrano de Bergerac und Arno Schmidt.

Lukian muss ein interessanter Mensch gewesen sein, hat von circa 120 bis 190 nach unserer Zeitrechnung gelebt, wanderte als Vortragsredner durch Ionien, Griechenland, Italien und Gallien, war ein kampfbereiter Ironiker gegen das damals an die Macht drängende Christentum, hatte etwas gegen Schwärmerei und literarische Belanglosigkeiten. Kein Wunder, dass der weit unterschätzte, große Wieland ihn liebte und übersetzte: das Buch, das man unbedingt kaufen sollte, ist noch lieferbar (Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge. Eichborn Andere Bibliothek). Wohltuend und angemessen sachlich trägt der Schauspieler Erik Schumann den gekürzten Text auf einer neuen MC vor, solide und augenzwinkernd, ohne kabarettistisch zu übertreiben. Was fehlt, sind genaue Hinweise auf den Text und auf den Übersetzer Christoph Martin Wieland, der wie in vielen seiner großen Übertragungen (Shakespeare, Horaz) auch hier noch schöne bissige Anmerkungen gemacht hat.

Titelbild

Lukian: Lügengeschichten und Dialoge. Notizen von Hans Radspieler.
Übersetzt aus dem Grichischen von Christoph M. Wieland.
Eichborn Verlag, Frankfurt a. M. 1987.
628 Seiten, 27,60 EUR.
ISBN-10: 3821840013

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Titelbild

Lukian: Wahre Geschichte. Sprecher: Erik Schumann. 1 MC, ca. 47 Minuten.
Verlag Audiobuch, Freiburg 2000.
14,80 EUR.
ISBN-10: 3933199174

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