Eine unendliche Geschichte

Elias Khoury über einen Brief und andere Geheimnisse

Von Charlotte IndenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Charlotte Inden

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Geschichte beginnt mit ihrem eigenen Ende. Sie gibt vor, sich von hinten aufzurollen. Sie scheint aufdecken zu wollen, warum Ibrahim Nasar unerwartet in seinem Bett verstarb und seine Geliebte Norma Abd al-Masih nackt im Schrank daneben stand. Aber am Ende, wenn die Geschichte ihren Anfang gefunden hat, dann ist sie womöglich eine Antwort schuldig geblieben.

Als Flickenteppich der Ereignisse breitet Elias Khoury die Geschichte dreier Menschen vor uns aus, deren Schicksale so sehr ineinander verschlungen sind, dass der Erzähler immer wieder vergeblich versucht, den entscheidenden Faden zu finden und festzuhalten, jenen Faden, der zum Anfang und zum Ende führt. Vielleicht ist "Der geheimnisvolle Brief" der aufzulösende Knoten, den Ibrahims Tante erhielt, als er ein Kind war.

Die Geschichte beginnt. Und das alle paar Seiten erneut. Immer aus einer anderen Perspektive und immer in einer anderen Zeit. Kontinuität finden wir hier nicht. Beständigkeit ist nicht die Tugend dieser Charaktere. Zuverlässig sind nur die Bemühungen des Erzählers.

Nie schweift er ab von seinem Pfad. Elias Khoury scheint ihn aus 1001 Nacht entliehen zu haben. Er weiß alles und doch nichts, er schildert so unbeteiligt Grausames und Schönes, wie die kühle Scheherazade sich um Kopf und Kragen erzählt haben mag. Als hätten sie beide keinerlei Absichten, als erzählten sie um des Erzählens Willen.

Es geht um die Geschichte. Um diese Geschichte, der man sich zu nähern glaubt, da sie ständig beginnt, ständig zeitlich begrenzt wird. Nur dass es nicht eine Geschichte ist, sondern ungezählt viele Geschichten sind.

Worum geht es in diesen Geschichten der Geschichte?

Ibrahim Nasar wollte immer ein anderes Leben. Er wollte die Frau, die er nicht anzusprechen wagte, die einen anderen heiratete. Hanna as-Salman wurde als Serienmörder angeklagt, eingesperrt und misshandelt, er musste ein Kilo Salz essen und hieß seitdem "der Salzige". Salmann wollte sein Leben zurück. Norma Abd al-Masih wollte überhaupt endlich ein Leben, und das, dachte sie, begänne mit der Heirat. Aber obwohl sie zwei Liebhaber hatte, Ibrahim und Hanna, und jeden von ihnen glauben machte, sie hätte in seinen Armen ihre Unschuld verloren, heiratete sie keiner von beiden.

Die Geschichte beginnt, um niemals aufzuhören, und Ibrahims Tod bleibt geheimnisvoll. Das einzige, auf das wir stoßen, sind Psychogramme solch merkwürdiger Menschen, dass sie kennen gelernt zu haben den größten Fund darstellt.

Jeder von ihnen hatte sein Geheimnis. "Geheimnis" heißt auf Arabisch "sirr", bezeichnet sowohl das Verborgene als auch das Bekannte. "Es ist einigen nur deshalb verborgen, weil es anderen bekannt ist. Sobald die einen wie auch die anderen verschwunden sind, wird es zu einer Geschichte, dann ist es auch kein Geheimnis mehr, sondern ein Rätsel, und Rätsel müssen gelöst werden."

Die Geschichte endet nicht am Ende des Buches. Aber ein Rätsel ist gelöst: Den geheimnisvollen Brief erhielt Ibrahims Tante Sarah, bevor die ganze Familie nach Kolumbien auswandern konnte. Und sein Inhalt zerstörte dieses Vorhaben, die Auswanderung blieb ein ewiger Traum, hielt Ibrahim davon ab, sich einem Leben jenseits von Kolumbien zu stellen.

So erhalten wir eine Antwort, da wir eben keine Anworten gefunden haben: Für das Geheimnis Leben gibt es keine Auflösung. Nur stellen muss man sich ihm, sonst endet man in Wahnsinn, Verzweiflung und Einsamkeit. Und wird tot aufgefunden, die Geliebte schreiend, halbnackt im Schrank.

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Elias Khoury: Der geheimnisvolle Brief. Roman.
Übersetzt aus dem Arabischen von Leila Chammaa.
Verlag C. H. Beck, München 2000.
216 Seiten, 19,40 EUR.
ISBN-10: 3406466087

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