Eine sprachliche Herausforderung

Kiki Dimoulas Gedichtauswahl "Eine Minute zusammen"

Von Judith WitzelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Judith Witzel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Eine Minute zusammen" - diesen Titel trägt die im Verlag Axel Dielmann erschienene Auswahl mit Gedichten der griechischen Lyrikerin Kiki Dimoula.

Im ersten Augenblick lässt dieser Titel den Schluss zu, es könne sich bei den folgenden Gedichten um kurzweilige Unterhaltung handeln, um Gedichte, deren Gestalt sich dem Leser ad hoc offenbart, die schnell ihre Botschaft vermitteln. Eben "eine Minute zusammen" - der Leser und das Gedicht.

Weit gefehlt. Bereits beim ersten Überfliegen des ersten Gedichtes lässt sich erahnen, dass man einem Trugschluss aufgesessen ist. Gelangt man zum zweiten, wird deutlich, dass die Gedichtauswahl nach eben jenem Gedicht benannt ist, das "Eine Minute zusammen" heißt. Beim weiteren Lesen merkt man, dass weitaus mehr als nur ein Augenblick vonnöten ist, um sich den Gedichten Dimoulas anzunähern.

Was einen leichten Zugang entschieden verhindert, ist Kiki Dimoulas Sprache. Sie, die in ihrem Heimatland ein gefeierter Star und mit allen bedeutenden Literatur- und Lyrikpreisen ausgezeichnet ist, schreibt in einem eigenen lyrischen Register mit fremdartiger Sprachverwendung. Dominierend sind die Substantive, von denen sie oftmals mehrere hintereinander stellt, die sich scheinbar ergänzen, scheinbar im Widerspruch stehen: "Nachbarskind des Himmels das Haus. / So hoch gebaut die Tendenz der Annäherung / oberhalb des Gipfels die geöffneten Flügel wie / Lesepult worauf das Erstaunen Aufgehen / Kulminieren Untergehen das Evangelium des Tages liest."

Kiki Dimoula geht sehr sparsam mit ihren Worten um, es scheint nichts Überflüssiges zu geben. Manchmal geht diese Sparsamkeit so weit, dass man sich als Leser wünscht, ein paar Worte mehr würden helfend hinzutreten und somit das bedeutende Geheimnis der Zeile oder des semantischen Komplexes lüften.

Der Gestus der Kiki Dimoula erscheint sehr knapp, sehr gedrängt, beinahe gedankenartig: unvollendete Sätze, die ineinander übergehen. Man hat das Gefühl, als schreibe sie aus einer momentanen Stimmung heraus.

Lässt man sich aber auf diese sprachlichen Eigenarten Dimoulas ein, so offenbart sich dem Leser eine unglaubliche Bildhaftigkeit. Die Autorin versteht es, mit wenigen Worten starke emotionale Bilder aufzubauen. Dem Leser wird viel Raum für Assoziationen gelassen, er ist geradezu aufgefordert, sich aktiv an den Gedichten zu beteiligen.

Thematisch geht es immer wieder um das menschliche Sein, seine Entwicklung und Veränderung, seine Vergänglichkeit. Manchmal klingen die Gedichte wehmütig, häufig aber haben sie etwas Unruhiges. Der Mensch befindet sich nie in einem wirklichen Ruhezustand, sondern erfährt ständig Wandlungen.

Der Leser muss die Geduld aufbringen, sich einzulassen, das einfache Lesen genügt hier bei weitem nicht, man muss versuchen, sich in ihre erdachten Bilder hineinzudenken, sie mitzuerleben, sie zu studieren. Die Gefahr der Verweigerung ist groß. Kiki Dimoula baut vor allem durch ihre Sprache einen Zaun um die Gedichte, der dazu verleiten könnte, sich abzuwenden. Vielleicht siegt aber die Neugier, vielleicht gibt sich der Leser der Herausforderung, dem Reiz des Neuen, Unbekannten hin. Sicher ist, dass sich mit jeder Beschäftigung mit den Gedichten Dimoulas neue Inhalte, neue Komplexe offenbaren werden.

Ich denke, wir kommen mal wieder "Eine Minute zusammen". Vermutlich länger.

Titelbild

Kiki Dimoula: Eine Minute zusammen. Gedichte.
Ausgewählt, mit einem Nachwort versehen und ins Deutsche übertragen von Evangelia Karamountzou.
Axel Dielmann Verlag, Frankfurt a. M. 2000.
30 Seiten, 7,20 EUR.
ISBN-10: 3933974070

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