Es gibt keine Kriterien für Texte - außer ihrem Gelingen

Daniel Lenz und Eric Pütz führen Gespräche mit zwanzig Schriftstellern

Von Judith LiereRSS-Newsfeed neuer Artikel von Judith Liere

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Warum schreiben Sie?", "Wieviel ist in Ihren Geschichten autobiografisch?" - diese beiden Fragen bekommen Schriftsteller wohl am häufigsten bei Lesungen und Interviews gestellt. Auch die beiden jungen Literaturwissenschaftler Daniel Lenz und Eric Pütz sind diesen Fragen nachgegangen, entstanden ist dabei das Buch "LebensBeschreibungen", eine Sammlung von zwanzig Gesprächen mit deutschsprachigen Schriftstellern von Dieter Wellershoff über Thomas Kling bis zu Zoë Jenny.

Durch eine Mischung aus standardisierten und individuell auf die einzelnen Autoren zugeschnittenen Fragen soll die Möglichkeit eines direkten Vergleichs verschiedener Poetiken und der Entwicklung von Schreibweisen gegeben werden. Einen thematischen Schwerpunkt der Gespräche bildet "das Verhältnis von Er-Leben und Be-Schreiben, Biografie (im Wortsinn: Lebens-Beschreibungen) und Poetik", wie die beiden Herausgeber im Vorwort erläutern. Auch die Frage nach dem "Warum" wird ausführlich diskutiert: Ist es Schreiben aus absoluter innerer Notwendigkeit heraus oder aus Spaß und reiner Lust am Spiel mit Sprache und Erzählstoff?

Eröffnet werden die Interviews durchweg mit der Frage nach den Schreibanfängen, die sehr unterschiedlich beantwortet wird. Die meisten der Autoren haben bereits in frühester Jugend eigene Geschichten verfasst und sind "durchs Lesen zum Schreiben gekommen", wie Martin Walser glaubt, oder haben zu schreiben begonnen, weil sie Erlebtes verarbeiten wollten - bei Thomas Hürlimann etwa war das der Tod des Bruders, bei Katja Lange-Müller die Arbeit in der Psychiatrie. Überraschender sind da die Antworten von Urs Widmer und Thomas Meinecke: Widmer hatte in seinem Elternhaus früh Kontakt zu Autoren wie Böll oder Schnurre, "Ich dachte, dass Schriftsteller offenbar keine zu blöden Menschen sind, dass da eine Welt ist, die mir irgendwie behagt, und schwupps, war ich drin." Meinecke schrieb zunächst nur für Zeitschriften und Zeitungen, erst nachdem sein erstes Buch bei Suhrkamp erschienen war und er plötzlich als Schriftsteller bezeichnet wurde, dachte er, "ja, stimmt, das könnte man ja auch machen". Auch Judith Hermann kam erst spät zum Schreiben, bei ihr war es ein Gefühl der Leere nach dem Abschluss ihres Journalistik-Studiums, gegen das sie anzuschreiben versuchte.

Ähnlich verschieden wie die Gründe für die Anfänge sind auch die fürs Weiterschreiben. Gerhard Roth gibt auf "die schon klassisch-banale Frage [...] die schon klassisch-banale Antwort: Weil ich muss". Hürlimann zieht Vergleiche zu einem "Suchtverhalten: Um dem Tag oder der Existenz einen Sinn zu geben, muss ich so schreiben, wie der Mondsüchtige nachts den Mond anschaut." Auch bei Katja Lange-Müller, die von sich selbst sagt, dass sie nicht gerne schreibt, klingt es beinahe schon nach unfreiwilliger Besessenheit: "Ich kann nicht schreiben, was und wie ich will; ich bin darauf angewiesen, dass es Geschichten gibt, die nach mir verlangen, und ich kann nicht verhindern, dass diese Geschichten zu mir streng und kritisch sind wie Gegner, manchmal sogar wie Feinde." Erfrischend nüchtern äußert sich auch hier Meinecke: "Ich muss nicht für die Schublade schreiben, oder eben, um nicht verrückt zu werden."

Die Frage nach dem autobiografischen Anteil der Geschichten bringt keine sonderlich neuen Erkenntnisse. So gut wie alle Befragten sagen, dass in ihre Texten und Figuren teilweise persönliche Erlebnisse oder Charaktereigenschaften eingearbeitet worden sind.

Daniel Lenz und Eric Pütz vermitteln durch ihre relativ konventionellen und vordergründigen Fragen erwartbare bis überraschende Einblicke in Poetik und Werk der Schriftsteller - wenn auch einige Fragen konstruiert wirken mögen. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass in vielen Interviews die Fragen gegen Ende deutlich länger werden als die Antworten - vielleicht ein Zeichen dafür, dass die zum Teil aus Zitatfetzen und theoretischen Ansätzen gebastelten Fragen den Befragten nicht immer erreichen.

Dem Ziel, eine vergleichbare Grundlage in den Interviews zu schaffen, werden Lenz und Pütz in Bezug auf Poetiken und Schreibweisen der einzelnen Autoren gerecht. Abgesehen davon unterscheiden sich die Gespräche thematisch allerdings sehr stark: So wird mit einigen Schriftstellern beinahe ausschließlich über deren Werk geredet, während es bei anderen hauptsächlich um allgemeine Aspekte der Literatur geht. Besonders die Fragen zur jüngsten deutschen Gegenwartsliteratur lieferten diskussionswürdige Antworten: "Es wird immer weniger, was sich zu lesen lohnt" (Adolf Muschg) - "Das, was im Moment wenigstens in Teilen der jungen Literatur passiert, [...] stößt mich auch ab, durch das Nicht-Vorhandensein von erzählter Welt" (Peter Härtling). Konsequent wäre es gewesen, sie allen Schriftstellern zu stellen.

Sieht man von dem hoch gesetzten Anspruch ab, die Gespräche unter dem Aspekt absoluter Vergleichbarkeit zu lesen, bietet "LebensBeschreibungen" eine Sammlung von bemerkenswerten Interviews, die durchaus Einblicke in die einzelnen Poetiken liefern - selbst wenn sie so scheinbar banal sind wie die von Thomas Hettche: "Es gibt keine Kriterien für Texte - außer ihrem Gelingen."

Kein Bild

Daniel Lenz / Eric Pütz: LebensBeschreibungen. Zwanzig Gespräche mit Schriftstellern.
edition text & kritik, München 2000.
266 Seiten, 18,40 EUR.
ISBN-10: 3883776572

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch