Provisorium eines Experiments

Hans-Ulrich Wehler über Herausforderungen der Kulturgeschichte

Von Thorsten BennerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Benner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Über einen langen Zeitraum konnte sich die deutsche Sozialgeschichte ihrer Avantgarde-Position an der Spitze des wissenschaftlichen Fortschritts sicher sein. Seit Mitte der achtziger Jahre hat sich das Bild gewandelt. Die Sozialgeschichte sieht sich zunehmend in einer Verteidigungsposition gegenüber der "kulturgeschichtlichen Herausforderung". Der Charakter der Grundsatzdebatte hat sich in den letzten 15 Jahren stark verändert: Setzten einige etablierte Vertreter anfangs noch auf die Wirksamkeit methodologischer "Totschlagargumente" (indem man etwa neun Ansätzen die "Wissenschaftlichkeit" absprach), konnte man sich in den neunziger Jahren einer ernsthaften Auseinandersetzung nicht mehr kategorisch verwehren. Die fundamentale Kritik an der "kulturalistischen Luftigkeit" ist zwar nicht verstummt. Führende Vertreter der Sozialgeschichte zeigen jedoch eine im Vergleich zum Beginn der Debatte erstaunliche Nachdenklichkeit - allen voran Hans-Ulrich Wehler in seinen in "Die Zeit" publizierten Gedanken anläßlich seiner Emeritierung. Hier spricht Wehler offen Versäumnisse der Sozialgeschichte an und stellt eine umfassende Auseinandersetzung mit der "Herausforderung der Kulturgeschichte" in Aussicht, die jetzt in Buchform vorliegt.

Wehler akzeptiert den Hinweis auf "unübersehbare Defizite und allzu engherzig gezogene Grenzen der Sozial- und Gesellschaftsgeschichte". Für ihn lautet die derzeitige Grundfrage: "Kann sich die Sozialgeschichte, die Gesellschaftsgeschichte, die Historische Sozialwissenschaft nach einer offensichtlich unvermeidbaren Erweiterung ihrer theoretischen Prämissen und ihres methodischen Arsenals im Kampf um die realitätsadäquate Problembewältigung, auch um die Meinungsführerschaft behaupten?" (S. 10) Um die Chancen in der (deutschen) Geschichtswissenschaft auf fortgesetzte Meinungsführerschaft zu erkunden, setzt sich Wehler mit einigen für ihn zentralen Leitfiguren und Strömungen der kulturgeschichtlichen Wende auseinander: Pierre Bourdieu, Michel Foucault, Max Weber, Sigmund Freud, Erik Erikson und die Kulturanthropologie (die Wehler als Kollektiv abhandelt, ohne genauer auf einzelne Autoren einzugehen).

Wehlers Essay geht auf Thesenpapiere zurück, mit denen er im Bielefelder "Colloquium zur modernen Sozialgeschichte" Diskussionen zu einigen für die historische Kulturwissenschaft zentrale Autoren eröffnet hat. Die Auswahl ergibt sich pragmatisch aus dem Part, den Wehler selbst im Colloquium übernommen hat - weitere zentrale Figuren wie Benjamin, Burckhardt, Droysen, Elias und Simmel wurden von anderen Mitgliedern vorgestellt, andere fanden offensichtlich gar nicht erst den Weg auf die Agenda des Colloquiums (so etwa zentrale Vertreter der literaturwissenschaftlich-geschichtstheoretischen Debatten wie Hayden White). Die Buchform hat den Charakter der Thesenpapiere belassen - die Argumentation ist pointiert und provokant und operiert durchweg ohne Netz und doppelten Boden extensiver Fußnotenapparate. Das ist zumeist erfrischend unteutonisch, treibt bisweilen jedoch stilistische und inhaltliche Blüten, deren Erkenntnisgewinn (zumindest im Rahmen der Fragestellung des Bandes) eher zweifelhaft ist - so das Bekenntnis "Freud hat mein unerschütterliches Urteil bestätigt, daß Frauen im Vergleich zu Männern die ungleich komplexeren und interessanteren Lebewesen sind" oder der eher an einen Fahndungsaufruf erinnernde Satz "Seit der Gymnasialzeit ist Foucault als Homosexüller, später als Sadomasochist mit harten Praktiken bekannt." .

Doch neben diesen rhetorischen Seitensprüngen setzt sich Wehler durchaus mit einigen Kernproblemen der "Herausforderung der Kulturgeschichte" auseinander. Überraschend ist, inwieweit er sich dabei - zumindest semantisch - den Kernpositionen einer historischen Kulturwissenschaft annähert. Wehler konzediert, daß die Sozialgeschichte Webers Handlungstheorie halbiert habe, daß "kulturelle Traditionen, 'Weltbilder' und Sinnkonstruktionen, Religion, Weltdeutung und Perzeption der 'Realität' durch die Akteure, Kollektivmentalität und Habitus in ihrer wirklichkeitsprägenden Kraft unterschätzt, im Forschungsprozeß an den Rand gedrängt oder sogar völlig übergangen wurden". Die Sozialgeschichte habe die "doppelte Konstituierung der Realität" zum einen "durch die sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Bedingungen, zum anderen durch die Sinndeutung und Konstruktion von Wirklichkeit durch die Akteure selbst nicht ernst genug genommen.

Ute Daniel, Vertreterin einer historischen Kulturwissenschaft, verficht mit ähnlichen Worten eine "Betrachtungsweise, für die der Bereich des Sozialen oder Gesellschaftlichen sich nicht primär über den Köpfen oder hinter den Rücken der Menschen herstellt, sondern durch das Handeln und Verhalten, Wahrnehmen und Deuten, mit dem Menschen das Bestehende bestätigen, verfestigen und mit Sinn erfüllen oder in Frage stellen, neu entwerfen und verändern. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen damit die aufeinander bezogenen Menschen und die zwischen ihnen stattfindenden Wechselwirkungen - Wechselwirkungen, die in größerer oder geringerer Intensität zu Verfestigung durch Institutionalisierungen oder Gruppen- und Schichtenbildungen führen oder Segregation durch soziale Differenzierung oder Konflikte herbeiführen können. Diese Wechselwirkungen [...] zwischen den sogenannten subjektiven und objektiven Faktoren des sozialen Lebens stellen für diese neuere sozialwissenschaftliche Denkrichtung die Grundsubstrate des Sozialen dar."

Erfreulicherweise scheinen - zumindest zwischen zwei führenden Vertretern der beiden Strömungen - die Berührungspunkte zwischen Sozial- und Kulturgeschichte größer als gemeinhin angenommen, die Suche nach common ground alles andere als aussichtslos. Wenn Wehler zudem verkündet, dass es nicht reicht, den Faktor Kultur einfach den bisher behandelten Gegenstandsbereichen "additiv hinzuzufügen" [sic!], steigen die Erwartungen des Lesers. Leider vermag es Wehler in seiner Auseinandersetzung mit den von ihm identifizierten Leitfiguren der Kulturgeschichte jedoch nur unzureichend, Ideen und Ansätze zur Umsetzung dieser Erkenntnisse zu entwickeln. Allein die Diskussion Bourdieus sticht durch ihre analytische Brillanz heraus. Wehler gelingt eine beeindruckend klare Einordnung Bourdieus in die sozialwissenschaftliche Diskussion und eine anregende Erörterung der Bedeutung Bourdieus für die geschichtswissenschaftliche Forschung. Wehler betrachtet insbesondere das Konzept des Habitus als Zugewinn, da es die wechselseitige Konstitution von Struktur und Akteur betont. Bourdieu steht damit in der Tradition Max Webers, dem Wehler ebenfalls ein Kapitel widmet. Hierin nimmt Wehler vor allem eine (Neu-)Interpretation von Webers Religionssoziologie vor. So spannend diese auch ist, so wenig kann sie eine Diskussion der programmatischen Aufsätze Webers ersetzen. Gerade nach Wehlers Eingeständnis, daß die Sozialgeschichte Weber halbiert habe, hätte man sich eine stärkere Erörterung von Webers Grundlegung einer "Kulturwissenschaft" gewünscht. Dies ist um so dringender, als viele Vertreter der Kulturgeschichte sich eher von Weber abwenden und nach neuen "Säulenheiligen" Ausschau halten, statt den "ganzen" Weber als Grundlage für eine historische Kulturwissenschaft zu reklamieren - etwa auch im Anschluß an Detlev Peukerts Interpretation von Webers "Diagnose der Moderne".

Das längste Kapitel (50 von insgesamt 150 Seiten) widmet Wehler Michel Foucault - nach einer "rigorosen Askese" in Form einer zweimaligen Lektüre aller ins Deutsche übersetzten Schriften des französischen Philosophen. Zwar vermag Foucault, so Wehler, den Blick zu schärfen für bislang verschüttete oder ignorierte Probleme der Moderne. Doch er ist für Wehler vor allem ein "irritierender Autor", ein "intellektuell unredlicher, empirisch absolut unzuverlässiger, kryptonormativistischer 'Rattenfänger' für die Postmoderne". Wehler kritisiert historische Unzulänglichkeiten, den Machtmonismus, die Übermacht des Sprachgeschehens sowie die radikale Ablehnung der Hermeneutik durch Foucault: "Die Selbstdisziplin des um Verstehen und Erklären bemühten Historikers ist etwas radikal anderes als diese Chimäre einer keimfreien, neutralisierten 'Archäologie'-Tätigkeit".

So episch breit die Kritik Foucaults angelegt ist, so skizzenhaft bleiben die Diskussionen Freuds, Eriksons und der Kulturanthropologie. Die kurze Diskussion Eriksons etwa endet mit dem lakonischen Hinweis, dass es bis heute keinen Grund gebe, auf das anregende Potential von dessen Sozialisationstheorie zu verzichten. Die gut fünf Seiten zur Kulturanthropologie münden in dem Verweis auf das grosse Anregungspotential der Kulturanthropologie für die Sozialgeschichte, da Sozialgeschichte immer auch "Verhaltens-, Perzeptions- und Deutungsgeschichte" sei. Dies ist insofern symptomatisch für den gesamten Band, als Wehler hier eine interessante Forderung erhebt bzw. These aufstellt, ohne Forschungsstrategien sowie Fragestellungen zu deren Umsetzung in konkrete Forschungsprogramme zu entwickeln.

Für die Zukunft würde man sich eine direkte Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Vertreterinnen einer historischen Kulturwissenschaft auf nationaler und internationaler Ebene wünschen - so etwa mit Ute Daniels Vermessungen zum Gegenstandsbereich der oder mit den konkreten Autoren, die "Clio unter Kulturschock" gesetzt haben - nicht nur mit den grand theorists im Hintergrund. Hier ist auch die von Wehler nicht thematisierte Frage zu klären, inwieweit, weshalb und mit welchen Konsequenzen die deutsche Diskussion in internationaler Perspektive eine nachholende ist.

Wehler ist zuzustimmen, daß man nicht pauschal über Kultur- und Sozialgeschichte urteilen kann (obwohl er genau dies im allzu sehr pro domo geschriebenen Schlusßapitel über die Vorzüge der Sozialgeschichte versucht). Letztendlich hängt die Entscheidung von konkreten Monographien ab, "die nach den vertrauten Leistungskriterien: also im Hinblick auf die Überzeugungskraft der erkenntnisleitenden Interessen, die theoretische Kompetenz, die Präzisierung des analytischen Rahmens, die Wachheit des Methodenbewußtseins, die Intensität der Interpretation, die Belastbarkeit der empirischen Basis, im Vergleich mit ihrer Konkurrenz als überlegen wirken". Genau diese Kriterien sollte die zukünftige Diskussion zwischen Sozialgeschichte und historischer Kulturwissenschaft im Auge behalten. Sorgen um die "Meinungsführerschaft", die auf Seiten der vermeintlichen und tatsächlichen Meinungsführer oft Rückzugsgefechten gleichen, weichen dann selbstverständlich einer vorbehaltlosen Auseinandersetzung mit alternativen Ansätzen und auch einer stärkeren Anbindung an die internationale Diskussion.

Wehlers Band kann als erster, kleiner Schritt in diese Richtung gewertet werden, ist aber letztendlich (vor allem im Schlußkapitel) zu defensiv geschrieben, um das Versprechen des "Zeit"-Artikels einzulösen. Man darf also weiterhin gespannt sein, ob und wie Wehler das "Provisorium eines Experimentes" weiterentwickelt und zu einer fruchtbaren Auseinandersetzung zwischen Sozialgeschichte und historischer Kulturwissenschaft beiträgt.

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Hans-Ulrich Wehler: Die Herausforderung der Kulturgeschichte.
Verlag C. H. Beck, München 1998.
160 Seiten, 10,10 EUR.
ISBN-10: 3406420761

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