Apokalyptische Töne

E. L.Doctorow bringt in "City of God" die Religion wieder aufs Tapet

Von Ursula HomannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ursula Homann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In vielen Romanen lernt man gleich auf den ersten Seiten die wichtigsten Personen, Zeit und Ort der Handlung kennen und weiß schon bald, woran man ist. Hier jedoch, in E. L. Doctorows "City of God", ist alles etwas anders. Die Geschichte beginnt mit der Urknalltheorie und erst ganz allmählich treten die Hauptfiguren aus dem Schatten hervor, mit ihren Gedanken, Gefühlen, Erlebnissen und Handlungen und gewinnen so langsam Gesicht und Konturen.

Zuerst begegnet uns Thomas Pemberton, ein anglikanischer Pfarrer der Epistopalkirche St. Thimothy im East Village von New York. Pems Privatleben ist ein Trümmerhaufen. Er ist geschieden und hat allerlei misslingende Affären mit geschiedenen Frauen. Ehebruch ist allem Anschein nach in unserer Zeit an der Tagesordnung und folglich auch ein beliebtes Motiv in der Literatur. Aber Pem ist nicht nur ein Ehebrecher, er ist vor allem ein "schräger pazifistischer Geistlicher", der unbequeme Fragen stellt, wie etwa die: Wie gehen wir in Amerika mit dem Holocaust um? Unentwegt auf der Suche nach einem glaubwürdigen Gott, hofft er, dass sich ihm dieser im Universum offenbart. In seinen Zwiegesprächen mit dem Schöpfer hadert er mit ihm und der Welt, die er geschaffen hat.

Eines Tages verschwindet das drei Meter hohe, hohle Messingkreuz aus seiner Kirche und wird auf dem Dach einer Synagoge auf der Upper West Side gefunden. Wie aber kam es dorthin? fragt sich Pem gemeinsam mit dem dortigen Rabbiner Joshua Gruen und seiner Frau, der Rabbinerin Sarah Blumenthal. Waren Antisemiten am Werk oder Leute, die in dieser gemischten multikulturellen Gegend an einer Synagoge Anstoß nehmen, oder gar jüdische ultraorthodoxe Fanatiker? Immerhin gestaltet das Rabbiner-Ehepaar in der Synagoge regelmäßig Gottesdienste für evolutionären Judaismus, um der jüdischen Tradition durch Umwandlung neue Gültigkeit zu verschaffen. Wie dem auch sei, das Rätsel des Diebstahls bleibt ungelöst. Fortan trifft man sich häufig, Pem und die Rabbiner. Pem lernt auch ihre beiden Kinder kennen. Man diskutiert über das immer noch schwierige Zusammenleben von Christen und Juden, über die ideologischen Spannungen der Moderne und über den Holocaust, den der Vater von Sarah in Litauen im jüdischen Ghetto und zuletzt im KZ überlebt hat. Wir erfahren durch Gespräche zwischen Vater und Tochter viele erschütternde Einzelheiten, zum Beispiel die Geschichte vom tragischen Ende eines Schneiders, der von einem SS-Offizier den Auftrag erhalten hatte, ihm eine Uniform zu nähen. Als dieser allerdings die Bezahlung verweigerte und den Schneider obendrein noch verhöhnte, weil er auf sein Geld bestand, zerschnitt ihm der Schneider die schmucke neue Uniform und kam dafür an den Galgen.

Eines Tages fährt Joshua nach Litauen, um dort die geheimen Ghetto-Aufzeichnungen zu bergen. Er möchte den damaligen Kommandanten Schmitz enttarnen, der nach dem Krieg in Amerika Unterschlupf gefunden hat und für seine Untaten bisher nicht verurteilt werden konnte, weil überzeugende Nachweise für seine Identität fehlten. Doch Joshua wird in Vilnius, auf der Schwelle der alten Synagoge, überfallen und stirbt.

Ab und an taucht daneben noch ein Schriftsteller namens Everett auf, der die Geschichte dieser Menschen aufschreibt und manches dabei hinzudichtet. Es würde zu weit führen, wollte man auf alle Personen, alle Begebenheiten, Orte und Epochen näher eingehen, die dieser Roman dem Leser vor Augen führt. Nur so viel sei verraten, Edgar Lawrence Doctorow -1931 in New York geboren, aufgewachsen in der Bronx, Sohn von Sozialdemokraten, Enkel jüdischer Einwanderer aus Russland und einer der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller - entwirft ein buntes Kaleidoskop unterschiedlicher Schicksale und Charaktere. Er schweift weit ab, und man muss aufpassen, wer gerade spricht, an welchem Ort, zu welcher Zeit und auf welcher Ebene sich das Ganze abspielt, wann man den Roman und wann den Roman im Roman liest. Mitunter erfährt man nur nebenbei, wenn etwas Gravierendes passiert.

Das eigentliche Thema dieses Buches ist indessen die Suche nach Gott, nach den Möglichkeiten des Glaubens und dem Sinn des menschlichen Daseins. Es geht um prinzipielle und letztlich unbeantwortbare Fragen wie: Können wir unseres Glaubens gewiss sein? Wo ist Wahrheit zu finden? Wovon in Christi Namen glauben wir eigentlich zu sprechen? Nimmt sich nicht, wer sich im Besitz der Wahrheit wähnt, häufig das Recht heraus, sie anderen einzubläuen? Pem verlässt sich lieber auf die Naturwissenschaften als auf heilige Texte, weil diese immer wieder missbraucht werden, um fundamentalistische Glaubenssysteme zu rechtfertigen. Die Rabbinerin sagt an einer Stelle, den vermeintlich wahren Gläubigen, gleich welcher Prägung, habe Gott nicht selten als Freibrief zum Töten gedient, weil sie glaubten, Gott stünde in allen Konflikten auf ihrer Seite. Besser sei es, Gott in der Schwebe zu halten. Nur so sei gewährleistet, "in seinem Geiste" zu wandeln.

In dem Roman werden also nicht nur handfeste, spannende und verschachtelte Geschichten erzählt. Es wird auch viel reflektiert und diskutiert über religiöse, politische, naturwissenschaftliche, poetische und erkenntnistheoretische Fragen. Es wird erklärt, gedichtet und Sozialkritik geübt - nebenbei bekommen sie alle ihr Fett weg, die Liberalen, die Schwulen, die Orthodoxen, die Fundamentalisten. Ein Loblied auf die Musik wird angestimmt: "Bach, Mozart, Schubert - sie lassen einen niemals im Stich." Gedankenspaziergänge und Gedankenexperimente stehen neben Jazz, Filmszenarien und Traktaten. Fiktion wird mit historischen Fakten vermischt. Trotz der Vielfalt folgt man den unterschiedlichen Diskursen mit großem intellektuellen Vergnügen, einerlei, ob der Sündenfall, die Geschichte von Eva und Adam, Geschichte und Sinn von Opfern und Opferungen gestreift werden. In einem Zwiegespräch zwischen Pem und dem Schriftsteller geht es um NS-Täter, die nie vor Gericht gestanden haben. Wegen der davongekommenen Sünder habe Dante die Hölle erfunden, meint Everett. Pem widerspricht. Dante habe die Hölle nicht erfunden, er habe sie nur möbliert.

Zwischendurch geistern Newton, Einstein, Leibniz, Tillich und andere erlauchte Größen durch die Geschichte. Nietzsche wird ebenfalls kurz erwähnt, ausführlicher dagegen Wittgenstein mit seinen beiden Aussagen: "Nicht, wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist." und: "Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind."

Der Titel "City of God" ist übrigens eine Anspielung auf Augustinus' Gottesstaat, auf sein Buch "De civitate dei" aus dem 5. Jahrhundert, obwohl die quirlige Metropole New York mit ihrem Völkergemisch, ihrem Lärm in den Straßenschluchten, in der viele ihr Dasein nicht immer mit legalen Mitteln fristen, zuweilen mehr dem biblischen Babylon nach der Sprachverwirrung gleicht.

"Am Ende dieses letzten Jahrhunderts des christlichen Jahrtausends" (gemeint ist natürlich das gerade zu Ende gegangene 20. Jahrhundert) heiraten Pem und Sarah. Pem beabsichtigt, zum Judentum überzutreten. Im Laufe der Feier ergreift er das Mikrofon und hält eine Ansprache und rechnet furios mit Gott, mit der Welt, Amerika und New York ab. In der letzten Betrachtung dieses durchaus unterhaltsam zu lesenden, atemberaubenden Buches, in dem ironische Untertöne nicht fehlen, geht der Verfasser auf die Vergangenheit der Stadt New York ein, die sich durchaus sehen lassen könne. Jetzt aber drohe die Stadt außer Kontrolle zu geraten, weil immer mehr Menschen in sie hineingeboren werden und die Elenden dieser Welt in sie hineinströmen. Die Reichen mauern sich ein, Unheilspropheten tauchen auf. Der Autor schlägt apokalyptische Töne an, so dass man sich zu guter Letzt noch an das alte Rom erinnert fühlt, kurz vor seinem Untergang. New York wird dabei zum Spiegelbild für die Zerrissenheit der heutigen Welt, zerrissen durch die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Gläubigen und Ungläubigen in allen Schattierungen und Abstufungen, zwischen jenen, die auf der Seite der Aufklärung stehen und den anderen, die im Banne eines alten Denkens befangen sind.

Nach dem 11. September hat Doctorows "City of God" zweifellos an Aktualität gewonnen. Verweisen doch die religiös begründeten Anschläge, wie Jürgen Habermas sinngemäß in seiner Friedenspreisrede in der Paulskirche am 14. Oktober 2001 ausführte, auch auf uns, auf unsere Gesellschaft und unsere Lebensweise. Sie sollten uns Anlass geben, dem Religiösen, und zwar nicht nur dessen kriminellen Auswüchsen, wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Denn die säkulare Moderne - genau das zeigt auch Doctorows Roman - hat das im Menschen augenscheinlich tief verwurzelte Bedürfnis, in einem transzendenten Sinne über sich hinauszuwachsen, nicht zum Verschwinden gebracht. Ein Buch, in dem die Religion so nachdrücklich wie in Doctorows "City of God" aufs Tapet gebracht wird, wenn auch eher durch Fragen und Zweifeln als durch Gewissheit und Bekenntnis, ist heute gewiss notwendiger und wichtiger als viele andere Druckerzeugnisse unserer Tage.

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E. L. Doctorow: City of God. Roman.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Angela Praesent.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2001.
400 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-10: 3462030310

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