Boy Meets Girl in Winnipeg, and Who Cares?

Kanadische Literatur - vom Dornröschenschlaf zur Erfolgsgeschichte

Von Martin KuesterRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martin Kuester

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ende der 50-er Jahre hatte sich der kanadische Romancier Hugh MacLennan noch selbstironisch über die kulturelle und wirtschaftliche Marginalität der kanadischen Literatur beschwert: "Boy Meets Girl in Winnipeg, and Who Cares?" überschrieb er einen seiner Essays und zitierte damit den Ausspruch eines amerikanischen Filmproduzenten, der ihn überreden wollte, wegen der geringen Attraktivität Kanadas den Schauplatz eines Romans in die USA zu verlegen.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Wenn die kanadische Literatur auch lange Zeit - und das nicht nur aus der Sicht der deutschen Literaturszene - ein Dornröschendasein fristete, ist sie inzwischen doch von etlichen deutschsprachigen Verlagen und ihren Lesern entdeckt worden. (Leider trifft dies bisher vor allem für die englischsprachige und weniger für die frankophone Literatur Kanadas zu.) An den internationalen Erfolgen von anglophonen kanadischen Autoren und Autorinnen können auch die deutschen Medien heute kaum mehr vorbeigehen.

Im Rahmen der "Canadian Literary Renaissance", die in den 60-er Jahren einsetzte und der von MacLennan angeprangerte Marginalität kanadischer Schriftsteller und Schriftstellerinnen ein Ende setzte, ist das einst schläfrige Dornröschen hellwach geworden: Margaret Atwood, die zweifellos bekannteste und erfolgreichste kanadische Autorin zum Beispiel hat sich als internationale Institution etabliert, nicht erst seit Volker Schlöndorff ihre "Handmaid's Tale" verfilmte; Michael Ondaatje und Carol Shields zählen zu den international beachteten Preisträgern angesehener Auszeichnungen wie dem britischen Booker oder dem armerikanischen Pulitzer Prize, und auch jüngere Autorinnen wie Barbara Gowdy und Anne Michaels können auf der internationalen Szene bestehen und sie begegnen uns sowohl auf den Feuilletonseiten der "Zeit" als auch in den Kultursendungen der öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten Deutschlands.

Die wachsende Präsenz und Akzeptanz kanadischer Schriftsteller und Schriftstellerinnen in den Medien und auf dem deutschen Buchmarkt ist aber auch der rührigen Arbeit von Vertretern der kanadischen Botschaft und einiger engagierter Verlage zu verdanken. Ihre Bemühungen sind offensichtlich von Erfolg gekrönt: Die Zeit ist vorbei, in der Bücher kanadischer Autoren noch als Geheimtips unter Kennern gelten konnten. In einem Bericht über die letztjährige Frankfurter Buchmesse preist der "Toronto Star", die größte kanadische Tageszeitung, den Erfolg kanadischer Autoren in Deutschland denn auch als success story.

Auch im akademischen Bereich gewinnt die Beschäftigung mit kanadischen Autoren und Autorinnen immer mehr an Bedeutung, wenn auch einige eher traditionell orientierte Anglisten und Amerikanisten der kanadischen Literatur - wie auch den anderen neuen englischsprachigen Literaturen, aus Australien, Indien oder Afrika - skeptisch gegenüberstehen. An mehreren deutschen Universitäten sind regelmäßig kanadische Literaturwissenschaftler und Autoren zu Gast. Derzeit nehmen zwei der führenden Schriftsteller des Landes, Aritha van Herk und Robert Kroetsch, Gastprofessuren in Marburg bzw. Jena wahr. Die tatkräftige und vor allem auch finanzielle Unterstützung solcher universitärer Unternehmungen durch die kanadische Regierung macht sich in einer beachtlichen Zahl von Publikationen, Magister- und Promotionsarbeiten bezahlt, die an deutschen Universitäten verfertigt werden. Auch im akademischen Bereich kann man also durchaus von einer success story reden.

Der Erfolg kanadischer Literatur in Deutschland spiegelt sich nicht zuletzt in den Übersetzungen, die in der vorliegenden Ausgabe von www.literaturkritik.de rezensiert werden. Viele dieser Werke stehen auch im Zentrum einer Ausstellung, zum 50-jährigen Bestehen der Marburger Alan Coatsworth Collection, einer der führenden Sammlungen kanadischer Literatur in Deutschland, die vom Goethe-Institut Toronto in Zusammenarbeit mit der Universitätsbibliothek Marburg durchgeführt wird. Die Ausstellung, die am 6. Mai 2000 in Toronto mit einem Symposium zur Rezeption kanadischer Literatur in Deutschland eröffnet wurde, wird auch in Marburg zu sehen sein. Und zwar zum Canadian Literature Day am 20./21. Juni 2000 an dem sich zahlreiche kanadische Autoren zu Lesungen und Diskussionen in der Bibliothek der Philipps-Universität einfinden werden. Zum Thema "Reflections of Canada. The Reception of Canadian Literature in Germany" ist auch eine Aufsatzsammlung in Vorbereitung, die im Juni in der Reihe der Schriften der Universitätsbibliothek Marburg erscheinen wird.

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Martin Kuester / Andrea Wolff (Hg.): Reflections of Canada. The reception of Canadian Literature in Germany.
Universitätsbibliothek, Marburg 2000.
134 Seiten, 10,23 EUR.
ISBN-10: 3818503079

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